7.
„Ich will Elefanten und Löwen sehen und Tiger und Erdmännchen und Giraffen und Zebras und… Außerdem sollten wir zurück auch die S-Bahn nehmen. Das hat mir total viel Spaß gemacht." Aufgeregt tänzelte Watson vor Lisa und Rokko hin und her, was beiden immer wieder ein Lächeln abrang. „Er ist ein toller Junge", bemerkte Lisa leise, so dass nur Rokko sie hören konnte. „Hm, hab ich mir auch große Mühe gegeben, dass er so wird", grinste Rokko zurück. „Wann sind wir denn endlich im Zoo?", drängelte Watson. „Es ist nicht mehr weit, nur noch über die Straße." Lisa wollte ihre rechte Hand heben, um auf den Eingang auf der gegenüberliegenden Straßenseite deuten zu können, doch dann spürte sie wieder, dass Rokko diese Hand hielt – ein seltsames Gefühl wie sie fand und trotzdem schon so normal, dass sie es schon gar nicht mehr wahrnahm. Instinktiv hob sie ihre Linke und deutete auf das, was sie schon zuvor zeigen wollte. „Dann schneller", drängte Watson seine Begleiter erneut. „Halt, mein Freund", hielt Rokko seinen Sohn am Kragen zurück. „In Flensburg geht es gerade so durch, bei Rot über die Ampel zu gehen, aber hier in Berlin ist zu viel Verkehr. Wir warten also auf das kleine grüne Männchen", erklärte er Watson, wofür dieser ihm die Zunge herausstreckte.
Kaum dass sie die Straße überquert hatten, trafen sie auf einen großen unrasierten Mann, den sowohl Rokko als auch Lisa nur allzu gut kannten. Abrupt ließ Lisa Rokkos Hand los. „David?", begrüßte Lisa den dunkelhaarigen Mann verwirrt. „Lisa? Heute mal nur 150 bei Kerima? Naja, Zeit für Beziehungspflege muss ja auch sein", grinste der ehemalige Geschäftsführer sie an. Watson sah von Holmes zu Lisa und zurück – irgendetwas stimmte hier nicht. „Kowalski, sieht man sich auch mal wieder", wandte David sich an den PR-Mann. „Ja." – „Wo soll es denn hingehen?" – „In den Zoo", erklärte Lisa schnell. „Mit Watson. Das hat er sich gewünscht." – „Wer ist Watson?", fragte David irritiert. „Das bin ich", krähte Rokkos Sohn. „Und wer bist du?" – „David Seidel", erwiderte der Angesprochene irritiert und wandte sich dann an Rokko: „Ihr Patenkind, Kowalski? Hat ja eine ziemlich große Klappe…" – „Er ist mein Sohn und eigentlich heißt er Adrian, aber wir nennen ihn Watson." David, bekleidet mit einen Hawaii-Hemd, Shorts und Flipflops, musterte den Jungen. „Da waren Sie ja reichlich früh dran, oder? Ich hoffe, Sie haben inzwischen etwas über Verhütung gelernt, nicht dass die Mehrheitseignerin von Kerima Moda irgendwann ausfällt, nur weil Sie sie geschwängert haben", meinte David mehr in die Runde als zu Rokko alleine. „Nachdem der Geschäftsführer Kerima schon hat hängen lassen, wäre mein Ausfall wohl Kerimas Untergang", gab Lisa in einem ebenso zischenden Tonfall zurück. Watson warf wieder einen Blick in die Runde. „Sag mal, Holmes, müssen wir uns den wirklich geben? Können wir nicht endlich in den Zoo?" Lisa legte ihren Arm um Watsons Schultern und musterte David mit einem bösen Blick. „Nein, Watson, den müssen wir uns nicht mehr geben. Komm, lass uns zu den Giraffen gehen." Zielsicher dirigierte Lisa Watson an David vorbei in Richtung Zoo-Eingang. „Auf Wiedersehen, Herr Seidel", verabschiedete sich zumindest Rokko mit der nötigen Höflichkeit von David.
„Guckt mal, ein Streichelgehege! Holmes, darf ich? Bitte!" Watson wusste, dass Rokko nach den Chemotherapien immer peinlichst genau auf Hygiene achtete, auch Wochen und Monate danach. Holmes zögerte. „Ich weiß nicht, Watson…" Die großen braunen Augen seines Sohnes verloren enttäuscht an Glanz. „Na gut, aber heute Abend wird geduscht – mit Seife!" – „Zeigst du mir dann, wie man sich rasiert?", fragte Watson aufgeregt. „Da ist doch noch gar nichts zu rasieren", lachte Rokko. „Ja, der Vorteil der Chemo. Die ganzen Morgenmuffel, die sich früh aus den Betten quälen, um pünktlich und frisch rasiert im Büro zu sein, beneiden mich sicher darum." Watson sah sehnsüchtig zu den Ziegen. „Ich verspreche dir hoch und heilig, ich dusche später, wenn es sein muss auch kalt, aber bitte, lass mich in das Streichelgehege." – „Na los, verschwinde", forderte Rokko seinen Sohn lächelnd auf. Verträumt beobachtete Lisa, wie Watson auf eine der Ziegen zu lief und sie sofort streichelte. Er kuschelte sich ein bisschen an sie und erzählte ihr etwas, das Lisa nicht hören konnte. „Er wird schrecklich nach Stall stinken, wenn wir nach Hause gehen", bemerkte Rokko und legte seine Arme von hinten um Lisa, die sich sofort versteifte. „Alles in Ordnung mit dir?" – „Ja, klar. Was soll denn sein?" – „Ich weiß nicht, du bist so still, seit wir David getroffen haben." – „Ach, mit dem hat das nichts zu tun. Es ist nur… ich bin mir nicht mehr sicher, ob es eine gute Idee war, den Nachmittag frei zu nehmen." – „Hat dir der Tag mit uns nicht gefallen?", fragte Rokko traurig. „Doch schon, aber es gibt doch so viel zu tun – die Präsentation, die neue Kollektion…" Rokko seufzte. „Du musst wirklich lernen, abzuschalten. Du musst kein schlechtes Gewissen wegen Kerima haben, du hältst den Laden ständig am Laufen, da kann das mal jemand Anderes für einen Tag übernehmen." – „Hm, vermutlich hast du Recht." – „Lisa, guck mal!", rief Watson aufgeregt und deutete auf eine der Ziegen. „Holmes, kannst du nicht ein Foto von uns machen?" – „Von dir und der Ziege?" – „Und mit Lisa", bestimmte der Junge.
„Waren die Tiere nicht alle ganz toll?", schwärmte Watson von seinem Zoo-Besuch, als er mit Holmes und Lisa in der S-Bahn saß. „Sag mal, Lisa, hast du ein Haustier?" – „Nein, aber als ich in deinem Alter war, hatten wir oft Pflegetiere bei uns Zuhause. Ich bin auch regelmäßig mit den Tierheim-Hunden Gassi gegangen. Wieso?" – „Ach, nur so. Weißt du, ich hätte gerne eine Katze." Lisa wollte gerade etwas erwidern, als sie sah, wie Rokko hektisch gestikulierte und ihr damit zeigen wollte, dass sie nicht näher auf dieses Gespräch eingehen sollte. „Katzen sind ja tolle Tiere", sagte sie trotzdem. „Allerdings kratzen sie sehr." – „Ich hätte gerne eine mit roten Streifen – so wie Garfield. Ich würde sie Miss Moneypenny nennen, das würde gut zu Holmes und Watson passen, verstehst du?" Lisa lächelte amüsiert. „Ja, das verstehe ich. Was machst du, wenn es ein Kater ist?" – „Mister Moneypenny, ist doch ganz logisch", seufzte Watson genervt. „Aber Watson, wir haben doch über die Sache mit der Katze gesprochen." – „Ja, ich weiß. Es geht nicht. Du hast zu viel Arbeit, eine Katze macht Dreck, ich könnte das Interesse an ihr verlieren und dann würde die ganze Arbeit an dir oder Oma und Opa hängen bleiben. Weißt du, Lisa, wir haben demokratisch abgestimmt: Ich war für Ja, Holmes für Nein und weil er der Erwachsene ist, hat er das Sagen und damit war es nein. So läuft das… In der Hackordnung der größten Diktatoren heißt es von nun an: Stalin, Lenin, Mao, Kowalski." Lisa begann unwillkürlich zu kichern. „Was lachst du denn da so?", fragte Rokko empört. „Ich finde es nicht sehr schmeichelhaft… Wenigstens den Bronze-Platz hätte er mir geben können." Watson sah auf die Anzeige in der S-Bahn. „Wir müssen umsteigen, oder?" Lisa nickte bestätigend.
„Man kann die Sterne gar nicht richtig sehen", beklagte Watson, als er auf dem Bahnsteig stand. „Interessierst du dich für die Sterne?", fragte Lisa. „Naja, geht so. Ich finde, sie sind schön anzusehen. Holmes hat mir einen zu meinem zehnten Geburtstag geschenkt. Hm, da oben ist irgendwo ein Stern namens Adrian Watson Kowalski. Wenn ich mal tot bin, dann sorge ich höchst persönlich dafür, dass er noch viel heller leuchtet als jetzt." Entsetzt ging Rokko auf seinen Sohn zu. „Aber das hat hoffentlich noch sehr viel Zeit", fügte er an Watsons Ansprache hinzu. „Das weiß man nie so genau." – „Schluss jetzt mit diesen morbiden Themen", entschied Rokko in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete. „Weißt du, dass ich meinen Stern schon lange nicht mehr gesehen habe?" – „Dann sollten wir mal ins Planetarium gehen", schlug Rokko vor. „Da zeigt uns doch niemand meinen Stern." – „Ich habe eine Teleskop", mischte Lisa sich schüchtern in das Gespräch ein. „Was haltet ihr davon, wenn ihr am Wochenende zu mir nach Göberitz kommt? Wir machen es uns auf der Hollywood-Schaukel gemütlich und machen lustiges Sternegucken." Watsons Augen wurden groß vor Begeisterung. „Echt jetzt? Oh Holmes, bitte!" Rokko sah Lisa an. „Bist du dir sicher? Willst du nicht lieber vorher deine Eltern fragen?" Lisa schüttelte den Kopf. „Ach i-wo, meine Mutter ist eh ganz vernarrt in dich und Watsons Charme wird meinen Vater schon knacken." – „Wenn das in Ordnung geht, dann kommen wir gerne", nahm Rokko die Einladung an. „Da kommt meine Bahn, lass uns morgen im Büro die Einzelheiten besprechen, ja?" Lisa hauchte Rokko einen kurzen Kuss auf die Lippen und verschwand dann in der Bahn.
„Sag mal, Holmes, hast du mir nicht neulich gesagt, dass die Männer in einer Beziehung für das Steife verantwortlich sind?" Rokko glaubte sich verhört zu haben und sah seinen Sohn entsetzt an. „Wie bitte?" – „Als wir uns neulich über den Paarungsakt beim Menschen unterhalten haben, da hast du gesagt, dass beim Mann irgendetwas steif wird, wenn er eine Frau sehr, sehr lieb hat." Verstohlen sah Rokko sich in der S-Bahn um – Gott sei Dank, niemand außer ihnen da, was in Berlin ja selten genug vorkam. „Ähm, Watson, das war aber anders gemeint. Also, es ist der Penis der steif wird und… ähm… Außerdem wäre es besser, du würdest es nicht ‚Paarungsakt' nennen… das klingt so… so technisch." Verdammt, warum hatte er seinem Sohn nicht einfach erzählen können, dass der Klapperstorch die Babys brachte? Der Biologie-Unterricht würde dann schon sein Übriges tun, aber nein, er, Rokko Kowalski, hatte sich für die offensive Taktik entschieden: Watson war kein Kind mehr, also konnte man auch mit ihm reden, als wäre er kein Kind mehr. Jetzt hatte er den Salat! „Aber eigentlich ist es ein Paarungsakt: Du tust es und bestenfalls kommt ein Kind dabei heraus, aber darum geht es nicht. Ich will wissen, warum Lisa so verkrampft ist." – „Lisa hat viel Stress in der Firma." – „Aber sie war ganz locker, bis wir diesen ungepflegten Lulatsch getroffen haben." – „Du meinst David Seidel?" – „Ja, genau den." Rokko seufzte. „Weißt du, Watson, Lisa und ich, wir sind noch nicht sehr lange zusammen. Also, ehrlich gesagt, erst seit dem Tag, als du hier in Berlin ankamst." – „Und vorher war sie mit diesem Seidel zusammen?" – „Nein, aber… naja… sie hat ihn sehr geliebt." – „Aber er sie nicht?" – „Schwer zu sagen. Doch, ich glaube schon, aber… naja, er hat schwere Zeiten hinter sich und…" – „Hast du auch normale Freunde? In deinem Umfeld gibt es ja niemanden, der keine schweren Zeiten hinter sich hat! Der Modekasper, dieser Seideltyp… Übrigens stehen dir Hawaii-Hemden viel besser als ihm. Sah ein bisschen abgekupfert aus." – „Hm", antwortete Rokko brummend. „Naja, ist ja auch egal, solange sie jetzt dich liebt und ihr zusammen seid", schloss Watson fröhlich das Gespräch. „Hm, nur das ist wirklich wichtig", murmelte Rokko nachdenklich.
