8.

„Hast du gewusst, dass Kowalski einen Sohn hat?" Entnervt sah Jürgen von seinem Laptop auf. „Hör zu, David. Das hier ist ein Kiosk. Du hast deine Zeitung und deinen Kaffee und jetzt: Religiöses Schweigen!" Wieder widmete Jürgen sich den Tabellen auf seinem Bildschirm. „Was machst du?", fragte David interessiert. „Deinen Job!", knurrte Jürgen schlecht gelaunt „Und zwar seit gestern Abend." – „Ich dachte, den macht mein Vater." Jürgen rollte mit den Augen und wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. „Soll dir doch egal sein und ist es auch, oder?" – „Ich bin gerade erst entführt worden, du kannst mir doch nicht vorhalten, dass ich Abstand von meinem alten Leben brauche." – „Das halte ich dir auch nicht vor, aber ich dachte, dein Verstand erkennt irgendwann, dass dein altes Leben dich braucht." – „Du bist doch nur gnatzig, weil ich Lisa eine Abfuhr erteilt habe." – „Nein, das bin ich nicht, denn jemand wie du hat so eine tolle Frau wie Lisa überhaupt nicht verdient. Wie gut, dass sie Rokko hat – der behandelt sie, wie sie es verdient." – „Wobei wir wieder beim Thema wären: Kowalski. Hast du nun gewusst, dass er einen Sohn hat?" – „Wieso interessiert dich das eigentlich?" – „Weil mein Verstand von Zeit zu Zeit Interesse an seiner Umwelt zeigt. Also, hast du oder hast du nicht?" – „Lässt du mich meine… deine Arbeit machen, wenn ich es dir sage?", fragte Jürgen gereizt. „Besser noch: Ich mache solange deine Arbeit. Ich schmeiße dir den Kiosk, bis du mit der Zahlenschieberei fertig bist und vielleicht ist auch noch die eine oder andere Mütze Schlaf drin. Also, was ist nun mit Kowalskis Sohn?" Jürgen ließ sich auf die Bank mitten im Raum fallen und zuckte hilflos mit den Achseln. „Viel zu erzählen gibt es da nicht. Keiner hat von Watson gewusst, bis er plötzlich hier aufgetaucht ist, um die Sommerferien hier zu verbringen…"

Wenige Häuserblock entfernt brütete Lisa in ihrem Büro über einem Stapel Akten, nicht einmal das Klopfen an der Tür nahm sie war. „Hallo!", grüsste Rokko sie leise, um sie nicht zu sehr zu erschrecken. „Hallo!", grüsste Lisa zurück und sah kurz auf. „Bitte sag mir, dass du nicht noch mehr schlechte Nachrichten bringst." – „Nein, eher im Gegenteil: Wir kriegen die Show. Die Berichterstattung von der Präsentation, erinnerst du dich?" Lisa zog grübelnd die Stirn in Falten, doch dann fiel ihr ein, wovon Rokko sprach. „Das ist großartig!", freute sie sich. „Siehst du, man muss nur offensiv genug sein, dann klappt das schon." Als fühlte sie sich ertappt, biss Lisa sich auf die Unterlippe. „A propos offensiv", fuhr Rokko fort. „Komm mal her", forderte er seine Chefin auf. Lisa stand auf und umrundete ihren Schreibtisch. Kaum war sie mit Rokko auf einer Höhe, legte dieser auch schon seine Arme um ihre Taille. „Mir ist aufgefallen, wie verkrampft du manchmal bist und daher wollte ich dir nur noch einmal sagen, dass… also kannst du dich erinnern, als ich dir gesagt habe, wir hätten alle Zeit der Welt?" Lisa nickte verschämt. „Auch wenn wir noch einmal bei Null angefangen haben, das gilt immer noch, okay? Du musst nichts tun, was du nicht willst, ja?" Lisa nickte und fiel ihm um den Hals. „Bist du sicher?" – „Ja, ganz sicher. Wir warten einfach auf den richtigen Zeitpunkt." – „Ja, ist gut." – „Aber der wird doch nicht erst an Weihnachten sein, oder?", fragte Rokko verschmitzt grinsend. Lisa schüttelte verneinend den Kopf und beugte sich dann vor, um Rokko liebevoll zu küssen.

„Leukämie?", fragte David entsetzt. „Oh, er zeigt eine Gefühlsregung", zog Jürgen ihn auf. „Ja, stell dir mal vor. Ich kann Kowalski zwar nicht leiden, aber das hat ja nun wirklich niemand verdient. Wie geht es dem Jungen denn jetzt?" – „Naja, laut Lisa ist er richtig gut drauf und genauso schlagfertig wie sein Vater. Ich hatte noch nicht das Vergnügen, Watson kennen zu lernen, aber… naja… ich kann mir vorstellen, dass das ein netter Junge ist, so wie Lisa von ihm geschwärmt hat. Krankheitstechnisch ist er in so einer schummrigen Grauzone: Die Halbgötter in Weiß haben ihm Rokkos Knochenmark verpasst und ihn als geheilt entlassen, aber du weißt ja, wie das mit Krebs so ist, sicher ist da nichts." Grübelnd bleib David auf der Bank zurück, während Jürgen sich erhob und sein Hinterzimmer ansteuerte. „Ich kann mich darauf verlassen, dass du mir den Kiosk schmeißt? So zwei, drei Stunden, dann müsste ich fertig sein."

„Ihr könntet am Samstag zum Kaffeetrinken zu mir kommen. Danach gehen wir ein bisschen spazieren und dann ist es bestimmt dunkel genug, um die Sterne zu beobachten", schlug Lisa vor. „Klingt gut. Hast du das schon mit deinen Eltern geklärt?" – „Hat sie, Herr Kowalski, hat sie und wir freuen uns auf so lieben Besuch", mischte sich Helga Plenske mütterlich ein. Sie trug gerade ein gut gefülltes Tablett in Lisas Büro. „So, einmal Kaffee für Sie, Herr Kowalski und einmal Kräutertee für dich, Mäuschen." Führsorglich stellte Helga die Tassen auf dem Schreibtisch ab und sah Rokko dann mahnend an. „Sie hätten uns ja ruhig mal etwas von ihrem Sohn erzählen können", begann sie. „Er gehört doch zu Ihnen und wir interessieren uns doch für Sie, nicht Mäuschen?" – „Du wolltest mir doch die Babyfotos von Watson zeigen, das haben wir komplett vergessen", erinnerte Lisa Rokko plötzlich. „Ja, richtig, das ist vollkommen untergegangen", erwiderte dieser. „Dann bringen Sie die Samstag mit und wir gucken gemeinsam", schlug Helga freudestrahlend vor. „Was für Kuchen mag Ihr Sohn denn am liebsten?", fragte Lisas Mutter mit einem Mal. „Damit ich weiß, was ich backen soll", fügte sie erklärend hinzu. „Ach, er macht sich nicht viel aus Kuchen", winkte Rokko ab. „Alle Kinder mögen Kuchen", entgegnete Helga. „Watson mag alles, was gesund ist, aber machen Sie sich bitte keine Umstände." – „Ach was", lachte Helga. „Dann mache ich eben meine berühmte Obsttorte. Die mag Lisa ja auch gerne, nicht Mäuschen?" – „Mama, bitte", forderte Lisa ihre Mutter peinlich berührt auf. „Was denn? Ihr seid zusammen, da kann er ja ruhig wissen, was du magst und was nicht. Naja, egal, mein Mann und ich, wir freuen uns jedenfalls auf Samstag." Mütterlich tätschelte Helga Rokkos Schulter und verschwand dann schnell aus dem Büro ihrer Tochter.

„Britta, hörst du mich? Schatz, warum redest du nicht mehr mit mir?" Hugo wanderte durch die Kowalskische Wohnung und sah sich suchend um. Watson stand in der Küche und nippte an einem Glas Fruchtsaft. „Herr Haas, ist alles in Ordnung mit Ihnen?" Hugo reagierte gar nicht auf ihn. Seit Tagen hatte er seinen Mitbewohner nicht gesehen, nur diesen kleinen glatzköpfigen Jungen, aber mit dem wollte er nicht reden, er wollte seine Britta. „Liebes, du musst doch nicht eifersüchtig sein. Es ist doch nur Sophie, sie versteht mich." Watson räusperte sich unüberhörbar. „Haben Sie eigentlich noch alle Latten am Zaun? Das ist total irre, dass Sie mit toten Leuten reden!" – „Wer bist du eigentlich?", fragte Hugo in plötzlich ungehalten. „Ich bin Watson und ehe Sie fragen, ich lebe noch und ich habe auch keine Kontakte ins Jenseits. Das ist nämlich alles Humbug." – „Wie alt bist du?", fragte Hugo ihn. „13 und Sie?" – „Das geht dich nichts an." – „Okay, wenn du Unhöflichkeiten austeilen kannst, muss ich mich auch nicht zusammenreißen. Wer ist eigentlich diese Sophie?" – „Sophie ist eine gute Freundin, sie versteht mich. Es geht ihr mit Klaus genauso wie mir mit Britta." – „Du meinst, sie redet mit einem Toten?" Hugo nickte. „Das ist total krank", stellte Watson fest. „Von meinen Freunden hat noch keiner mit mir gesprochen." – „Wie viele Menschen kannst du schon kennen, die tot sind?", fragte Hugo aufgebracht. „Ach du, nach der dritten Chemo sind das eine Menge. Soll ich sie dir aufzählen?" Hugo umrundete Watson und musterte ihn intensiv. Immer wieder piekste er ihn mit dem Finger. „Aua", meldete sich Watson empört zu Wort. „Du bist kein Geist?" – „Nein, aber DU solltest dir ganz dringend professionelle Hilfe suchen!" – „Wer bist du und was machst du hier?", fragte Hugo fast schon verängstigt und machte einen Schritt von Watson weg. „Ich bin Adrian Kowalski, ich bin Rokko Kowalskis Sohn. Aber alle nennen mich Watson. Normalerweise lebe ich bei meinen Großeltern, aber ich verbringe die Ferien bei meinem Vater. Gestern war ich mit ihm und Lisa ihm Zoo und vorgestern haben wir mein Zimmer gestrichen. Naja, Holmes hat gestrichen und ich habe darauf gewartet, dass er fertig wird…" Watson überlegte kurz, was es noch zu erzählen gab. „Morgen gehen wir zu Lisa und gucken uns die Sterne an", verkündete er stolz. Doch Hugo interessierte sich schon gar nicht mehr für sein Geplapper. „Britta, meine Liebste, spricht nicht mehr mit mir." Watson schüttelte verständnislos den Kopf. „Was heißt denn hier ‚nicht mehr'? Das hat sie nie getan und je eher du das kapierst, desto schneller geht es dir wieder besser. Ich finde, du solltest aufhören zu trauern und dich zu bemitleiden. Sei stattdessen froh, dass du sie überhaupt hast kennen dürfen", teilte Watson nun doch seine Weltsicht mit Hugo. „Du bist ja ein grausamer kleiner Zwerg! Britta war die Liebe meines Lebens. Ich werde ewig um sie trauern." Noch bevor Watson etwas entgegnen konnte, war Hugo abgerauscht und mit knallenden Türen in seinem Zimmer verschwunden.