9.

„Bist du jetzt fertig damit, an mir herumzuputzen?", motzte Watson. Kopfschüttelnd beobachtete er, wie Holmes erst seine Haare glatt strich und sich dann selbst noch einmal ordnete. „Sag mal, bist du nervös?", fragte Watson verständnisvoll. „Du willst bei deinen Schwiegereltern wohl Eindruck schinden, he?", neckte er seinen Vater. „Watson, bitte, ich bin nicht nervös oder so, aber erstens sind wir spät dran und zweitens wollte ich dich bitten, dass du die Plenskes nicht so vor den Kopf stößt wie Herrn Haas." – „Ich habe Herrn Haas nicht vor den Kopf gestoßen, ich habe ihm gesagt, was alle denken, nämlich, dass er sich nicht hängen lassen soll." Rokko seufzte. „Ja, ich weiß, aber der Ton macht die Musik, Watson." – „A propos Musik, klingelst du nun endlich? Wenn uns hier einer stehen sieht, dann denkt der doch, wir hätten etwas Illegales vor."

„Und das bin ich nach der Knochenmarktransplantation", kommentierte Watson das erste Foto im letzten Fotoalbum. Missmutig hatte Bernd die Fotos bisher betrachtet, aber jetzt musste er schwer schlucken. „Du guckst ja so fröhlich", bemerkte er, als er das Bild richtig sah. „Ja", entgegnete Watson stolz. „Es gab ja auch allen Grund: Tapfer gewesen und Narkose überlebt", strahlte Rokkos Sohn. „Und dann zu den Großeltern abgeschoben, wenn das keine Liebe ist", wandte Bernd sich nun mehr an Rokko. Dieser schluckte. „Dafür gab… gibt es gute Gründe und die Krankheit ist nur einer." – „Sind die Berliner Krankenhäuser für einen Mann von Welt wie Sie nicht gut genug?" Lisa warf ihrer Mutter einen Hilfe suchend Blick zu. „Bernd, was soll denn das? Herr Kowalski und sein Sohn sind unser Besuch und du bist so grimmig. Warum der Kleine nicht bei ihm lebt, geht uns nichts an, auch wenn es natürlich schön wäre, wenn er bei Herrn Kowalski leben würde, wo der doch jetzt die Lisa hat", beschwichtigte Helga ihren Mann. „Bisher war Flensburg ja völlig okay, aber langsam werde ich ein Mann", ergriff Watson das Wort. „Zu wenig Freiwild für zwei gut aussehende Männer wie Holmes und mich." Bernd musterte sein junges Gegenüber und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Du bist ein Komiker, wa?" Bernds Grinsen wich sofort wieder dem grimmigen Gesichtsausdruck, als er sich an Rokko wandte. „Ach, das machen Se in Berlin, Weiber aufreißen. Und dann auch noch meine Tochter! Ist ja auch sehr praktisch, springt ja auch gleich ein Gehalt bei raus…" – „Papa, bitte! Das gehört wirklich nicht hierher", unterbrach Lisa ihren Vater. „Lass uns lieber weiter diese Fotos ansehen. Watson, was machst du denn auf diesen hier?", wandte Lisa sich an den Jungen und deutete auf ein Bild. „Da hänge ich die Infusion selbst an den Ständer. Die Krankenschwester hat mir gezeigt, wie und dann durfte ich es selbst probieren", erklärte Watson sichtlich stolz und sah dann zu seinem Vater. „Ganz ehrlich, jetzt verstehe ich, warum du so nervös warst, aber statt nur die Klamotten glatt zu streichen, hätte ich an deiner Stelle dafür gesorgt, dass ich ein Suspensorium trage." Wieder betrachtete Helga ihren Mann mahnend. „Ist das wirklich nötig, Bärchen?" – „Aber ich wollte nur, dass er weiß, woran er ist – niedlicher Sohn hin oder her." Bernd sah seine Tochter an, die betreten auf ihre Hände sah. „Erklär mir das mal, Lisa. Erst der Seidel, dann der polnische Boxer, dann wieder der Seidel, jetzt wieder der Boxer und dann auch noch mit Anhang. Ist das die Endstation oder erwartet mich morgen beim Kaffee wieder Seidel junior?" – „Papa", bat Lisa inständig. „Na was denn, man wird doch noch fragen dürfen!", erwiderte Bernd gereizt. „Bernd, du verdirbst uns noch den Nachmittag", ergriff nun Helga das Wort. „Ich muss zur Arbeit!", kündigte ihr Mann trotzig an. „Aber es ist doch Samstag!", brachte Helga gerade noch raus, als die Haustür ins Schloss fiel.

„Es tut mir leid, dass mein Vater sich so unmöglich benommen hat, wirklich", versicherte Lisa Rokko bei einem Spaziergang wenige Minuten später. „Ist nicht weiter schlimm. Außer dir hat noch nie jemand locker auf den Umstand reagiert, dass ich so jung schon Vater geworden bin." Rokko nahm Lisas Hand und schlenderte gedankenverloren weiter. Der Göberitzer Wald verbreitete eine angenehme Kühle und Watson lief aufgeregt vor ihnen her. „Ich glaube, wenn Watson ein Mädchen wäre, würde ich auch jeden Verehrer verbeißen, insofern kann ich deinen Vater sogar verstehen", grinste Rokko mit einem Mal. „Nett war es trotzdem nicht", entgegnete Lisa trotzig. „Ich werde da wohl mal ein ernstes Vater-Tochter-Gespräch führen müssen." – „Lisa? Zeigst du mir nachher dein Zimmer?", bat Watson lautstark. „Mache ich!", rief Lisa fröhlich zurück. „Aber nur, wenn du dann noch nicht zu müde bist!", lachte sie weiter. „Wovon denn müde?" Lisa rannte lachend auf Watson zu und tippte ihm auf die Schulter. „Du bist!", forderte sie ihn auf. „Das ist doch ein Kinderspiel", erwiderte dieser empört. „Na dann sollte es ja kein Problem für dich sein zu gewinnen", lachte Rokko von weitem, doch ehe er sich versah, kam sein Sohn auf ihn zu. „Pass bliß auf, sonst bist du gleich!", lachte Watson ausgelassen.

Missmutig stapfte Bernd durch den Park der Villa Seidel. Bewaffnet mit einer Heckenschere wollte er in der hintersten Ecke des Gartens seinem Frust freien Lauf lassen. Dass Lisa aber auch so naiv war! Dieser Kowalski wollte ihr doch nur an die Wäsche! Und nicht einmal aufpassen konnte er, sonst hätte er ja jetzt nicht dieses Kind! Ein Lächeln legte sich auf Bernds Lippen. Dieses Kind war schon ein klasse Kerlchen. So einen als Enkel… so in ein paar Jahren… das wäre schon nett… „Herr Plenske? Sie arbeiten heute?", riss eine Stimme Bernd aus seinen Gedanken. Der junge Herr Seidel – das war doch ein toller Mann, geordnete Familienverhältnisse, gutes Elternhaus, erfolgreich, strebsam. „Ich musste einfach mal Zuhause raus", antwortete Bernd. „Dicke Luft?", fragte David und folgte Bernd durch den Park. „So ungefähr. Sagen Sie, Herr Seidel, mögen Sie Hausmannkost? Was halten Sie davon, mit nach Göberitz zum Essen zu kommen. Ich bin mit dem Motorrad da – Beiwagen und so, das wird lustig."

„Lisa! Lisa!", rief ein rundlicher Mann in Gummistiefeln aufgeregt. „Herr Kuballa!", freute Lisa sich sichtlich. „Wie geht es Ihnen?" – „Gut, gut", entgegnete Yvonnes Vater. „Willst du mal etwas Süßes sehen?", fragte er. „Kommt darauf an, was", entgegnete Lisa. „Kleine Kätzchen", strahlte Herr Kuballa. „Keine richtigen Maikätzchen und auch keine richtigen Septemberkätzchen, aber trotzdem süß. Also, was sagst du? Als du so klein warst…" Yvonnes Vater deutete eine Höhe an. „… hätte ich dich jetzt mit Gewalt von meiner Scheune fernhalten müssen. Is doch nicht wegen deiner Begleitung, oder?" Verlegen schüttelte Lisa den Kopf. „Wie unhöflich von mir, dass sind…" – „Ich weiß", winkte Herr Kuballa ab. „Der nette junge Mann, der die schönen Fotos von Yvonnchens Hochzeit gemacht hat." – „Genau und sein Sohn, Watson." – „Watson? Ihr jungen Leute mit euren modernen Namen. Da lobe ich mir doch meinen Schwiegersohn… Barbara ist doch ein schöner Name, oder?" – „Wenn man ein Mädchen ist, schon, aber wo sind denn nun die Kätzchen?", drängelte Watson den Bauern nun. „Na dann kommt mal."

„Oh sind die süß!", jubelte Watson. „Sieh mal, Holmes, da ist sogar keine Rotgetigerte! Ist das ein Mädchen oder ein Junge?", wandte Rokkos Sohn sich an den belustigten Landwirt. „Na dann lass uns mal nachsehen", lachte er und hob das kleine Tier am Schwanz hoch. Der Protest des Kätzchens war lautstark. „Zwee Löcher, is also n Mädchen", stellte Yvonnes Vater zufrieden fest. „Eine Miss Moneypenny", murmelte Watson vor sich hin und sah Rokko dann mit großen Augen an. „Hast du gehört, es ist ein Mädchen!" Rokko musste schlucken – am liebsten hätte er gesagt: „Pack sie ein", aber das ging doch nicht. Seine Mutter würde sich bedanken, wenn Watson mit einer Katze aus den Ferien zurückkam und bei ihm bleiben konnte das Tier auch nicht. „Sie hat bestimmt schon einen Besitzer." – „Ach i-wo", winkte Yvonnes Vater ab. „Ist doch keene Rassekatze – die will doch keiner haben. Da kann ich nur hoffen, dass die eine oder andere auf der Landstraße überfahren wird." – „Nein!", schrie Watson förmlich auf. „Das darf nicht passieren!" Beruhigend legte Lisa ihre Hände auf Watsons Schultern. „Katzen sind clevere Tiere, die rennen nicht einfach vor ein Auto." Watson setzte zu einer Widerrede an, als Herr Kuballa sich wieder einmischte. „Hör mal, Junge, die müssen eh noch vier Wochen bei ihrer Mutter bleiben, dann können sie alleine essen und trinken. Bis dahin kannst du ja noch einmal mit deinem Papa reden, ja?" Dann wandte Yvonnes Vater sich an Rokko und flüsterte dann: „In dem Alter sind sie so – wollen dies und jenes, aber das ist auch schnell wieder vergessen. Wenn nicht, kommt ihr wieder her und holt se euch, ja?"

„Dein Zimmer ist fast so schön wie meins", verkündete Watson, während er die Treppe hinunterstapfte. „Schnattchen, guck mal, wen ich mitgebracht habe", freute Bernd sich sichtlich, als er seiner perplexen Tochter den Besuch präsentierte. „Ach der Seideltyp", gab Watson sich betont gelangweilt. „David", begrüßte Lisa den unverhofften Gast. „Gibt es irgendeinen Grund, warum du hier bist?" – „Dein Vater hat mich eingeladen. Er hat aber nicht gesagt, dass du bereits Besuch hast. Vielleicht sollte ich einfach gehen." – „Ach was", ergriff Watson das Wort. „Du kannst dich ja mit Lisas Papa beschäftigen. Wir gehen Sterne gucken." Demonstrativ griff Watson erst nach Rokkos und dann nach Lisas Hand, so dass er genau zwischen den Beiden stand. „Lisa hat das Teleskop schon im Garten aufgestellt", erklärte er dem perplexen David. „Und ich habe die Koordinaten von meinem Stern in der Hosentasche. Es kann also losgehen."

„Watson, wir müssen langsam los", drängte Rokko seinen Sohn, der kaum von dem Teleskop lassen konnte. „Die letzte S-Bahn fährt sonst ohne uns." – „Na und? Du kannst ja bei Lisa im Bett schlafen und ich nehme die Fensterbank." Adrian Kowalski stutzte einen Moment. „Oder das Sofa, falls ihr nicht voneinander lassen könnt." Lisa wollte erst ihrem ersten Impuls – nämlich peinlich berührt zu sein – nachgeben, entschied sich dann aber, es genauso locker wie Watson zu betrachten: „Weißt du, manchmal muss man sich auch voneinander erholen und du hast Holmes gehört – er will nach Hause." Watson grinste. „Okay, nur noch einen Augenblick, ja? Mein Stern ist doch so schön." „Ich bringe schon mal das Geschirr rein", schlug Rokko vor und deutete auf die Gläser, in denen sich Limonade befunden hatte, und die Schüssel mit Popcorn , die Helga ihnen irgendwann gebracht hatte. „Ist gut. Ich überrede unseren kleinen Sternefan hier und dann kommen wir auch gleich nach."

„Das war so ein schöner Abend", verabschiedete Watson sich artig von Lisa. „Vielleicht können wir das mal wieder machen." – „Sehr gerne, Watson", antwortete Lisa und streichelte ihm über die Wange. Dann ging sie auf Rokko zu und gab ihm einen zarten Abschiedskuss. Bernd saß mit David auf dem Sofa und brachte seinen Missmut mit einer Grimasse zum Ausdruck. „Ich hätte ewig in die Sterne sehen können", gestand Watson und sah wehmütig auf Lisas Teleskop. „Behalt es", entschied sie und drückte ihm das Gerät in die Hand. „Ehrlich?", zügelte Watson seine Freude. „Ja, ganz ehrlich. Du hast doch gut aufgepasst. Du stellst es bei euch auf die Terrasse und dann siehst du dir die Sterne von Zuhause aus an." Watson legte seine Arme um das Teleskop, als wäre es ein Heiligtum. „Holmes, merk dir, dass das Teleskop Lisa gehört hat. Wenn ich tot bin, dann gibst du es ihr wieder, ja? Das musst du dir merken, ja?" Rokko schluckte betreten. „Dann werde ich das alte Ding nicht wieder sehen", nahm Lisa Rokko das Sprechen ab, wofür er ihr dankbar zunickte. „So ein junger Spund wie du überlebt eine gestresste Geschäftsfrau mit ungesunden Ernährungsgewohnheiten doch locker." Entsetzt beobachtete David vom Sofa aus, wie Lisa gerade sein Geschenk weiterverschenkte. Das tat sie doch sicher nur für das kranke Kind, sie war eben weich, viel zu emotional. Das alte Ding? Sie hatte es das alte Ding genannt! Ob sie überhaupt noch wusste, dass es ein Geschenk von ihm war? David räusperte sich. „Ich glaube, ich gehe dann auch. Ich bin schon viel zu lange hier."