10.
„Hola die Waldfee, ich dachte, dein Kinn wäre von der Entführung nicht zurückgekehrt", kommentierte Jürgen Davids frisch rasiertes Antlitz. „Lass mich raten, Geburtstag? Hochzeitstag? Klassentreffen?" Abwartend sah Jürgen sein Gegenüber an. „Nun spann mich doch nicht so auf die Folter und sag mir schon, warum du dich so aufgedröselt hast." Zufrieden mit der Wirkung seines Auftrittes ließ David sich auf die Bank im Kiosk fallen. „Ich habe meinen Verstand wieder gefunden." – „Das ist natürlich ein guter Grund zu feiern", bemerkte Jürgen trocken. „Jep, das finde ich auch. Ich habe einfach kapiert, dass ich Li… Kerima liebe und dass Kerima mich braucht." – „Kerima, so so. Ja, das braucht dich wirklich. Gut, dass du endlich zu Vernunft gekommen bist." – „Es geht mir wirklich nur um Kerima. Ich werde von nun an meinen Verpflichtungen nachkommen." Jürgen zog die Augenbrauen hoch. „Und warum betonst du das so?" – „Weil ich nicht will, dass du falsche Schlüsse ziehst – es geht mir nur um Kerima." – „Jaaa, ich habe es vernommen. Und etwas Anderes erwarte ich auch gar nicht. Du bist ja schließlich ein Gentleman und drängst dich nicht in funktionierende Beziehungen…" David stand auf und ging zur Tür. „Ja, mehr wollte ich gar nicht von dir. Ich wollte dir nur sagen, dass ich wieder da bin – also richtig jetzt. Ich muss zu Kerima, sonst komme ich noch zu spät." Seine Hand umschloss die Klinke und drückte sie runter, als David sich noch einmal umdrehte. „Und das mit Lisa und Rokko funktioniert wirklich?" Jürgen ließ die Schultern hängen. „Ja, das tut es", antwortete er mit Nachdruck. „In Lisa-Zeit natürlich, aber es funktioniert. Weißt du, wie oft sie hier gesessen und geheult hat? Deinetwegen?" Das war mehr Antwort, als David haben wollte. Er öffnete die Tür und stand schon in dem Spalt nach draußen, als Jürgen noch einmal nachlegte: „Das ist nicht mehr vorgekommen, seit sie mir Rokko zusammen ist, hörst du? Und jetzt geh arbeiten und zwar ausschließlich das – das schuldest du Lisa, schließlich hat sie dir tausend mal den Arsch und jetzt auch noch das Leben gerettet." Jürgen wollte eigentlich noch etwas sagen, doch das Glockenspiel seiner Tür ließ ihn erkennen, dass David schon weg war.
„Hey Süße, du siehst müde aus", bemerkte Rokko, als er Lisas Büro betrat und einen Kaffee vor ihr abstellte. „Bin ich auch. Wenn Hugo nicht bald in die Gänge kommt, dann wird's echt eng." Verständnisvoll nickend nahm Rokko vor Lisas Schreibtisch Platz. „Wenn dir das mit dem Pendeln zu viel wird, du kannst jederzeit bei Watson und mir übernachten. Das wollte ich dir schon die ganze Zeit anbieten, aber… naja, es ist ja nicht mehr mit anzusehen, wie deine Augenringe immer dunkler werden." Lisa schnaufte. „Na danke, sehr nett." Rokkos Hände tasteten sich über die Schreibtischplatte und griffen nach Lisas. „Du weißt, wie das gemeint war." – „Ja, ich weiß", gestand Lisa ein und genoss Rokkos Berührung. „Tut mir leid, ich bin bestimmt gleich wieder lebensfähig." – „Hast du die Nacht durchgemacht?" Lisa nahm einen Schluck von ihrem Kaffee und schüttelte gleichzeitig denn Kopf. „Ich bin mit der letzten S-Bahn nach Hause und mit der ersten wieder her. Macht irgendwie vier oder fünf Stunden Schlaf plus die paar Minuten in der Bahn." – „Das kann auf Dauer ja nicht gesund sein. Ich werde dir helfen, so gut ich kann, okay?" – „Das wird nicht mehr nötig sein, Kowalski", drang zu aller Überraschung Davids Stimme zu den Beiden durch. Gekonnt lässig nahm er neben Rokko Platz und sah Lisa abwartend an. „Also, was steht auf dem Programm?"
„So Kowalski, wir zwei regeln jetzt das mit der Skulpturensammlung. Wäre doch gelacht, wenn wir das nicht als Location zurückkriegen", verkündete David gut gelaunt nach der mehrstündigen Besprechung. „Jetzt noch?", fragte Rokko mit einem besorgtem Blick auf die Uhr. „Sind Sie etwa schon reif für die Heia?", zog David ihn auf. „Nein, aber ich könnte mir vorstellen, dass es dem Museumsvorstand nicht gefällt, wenn wir da jetzt noch auflaufen." Besorgt betrachtete Lisa Rokko. „Aber da ist doch noch etwas?", fragte sie ihn leise. „Hm, ich habe Watson versprochen, dass wir heute Abend etwas unternehmen…" – „Dann gehe ich und du machst dir einen schönen Abend mit Watson", schlug Lisa vor. „Nee, das geht nicht", platzte es überstürzt aus Rokko. „Ich rufe ihn an und sage ab, das versteht er schon." Zufrieden grinsend lehnte David sich zurück. „Alleinerziehender Vater zu sein ist wohl recht schwierig, oder?" Rokko schluckte den aufsteigenden Ärger hinunter. „Nein, es ist alles eine Frage der Planung." – „Was hältst du davon, wenn ich etwas mit Watson unternehme? Er wird zwar enttäuscht sein, aber nicht so enttäuscht wie über eine Absage."
„Du bist zu spät", dröhnte Watsons Stimme Lisa entgegen, kaum dass sie die Klingel betätigt hatte. „Und deinen Schlüssel hast du wohl auch nicht, wie?" Eilig riss Watson die Tür auf. „Lisa", grüsste er die junge Frau überrascht. Lisa war der Hauch von Enttäuschung nicht entgangen, der Watson über das Gesicht gehuscht war. „Wo ist Holmes? Er ist doch nicht bei irgendeinen Futterlieferdienst, oder? Wir wollten doch kochen." Lisa schüttelte unmerklich den Kopf. „Nein, da ist er nicht", antwortete sie ihm und betrat die Wohnung. „Er muss heute leider länger arbeiten. Ich hoffe, du bist nicht zu sehr enttäuscht von der Vertretung." Lächelnd deutete sie auf sich. „Nein!", beeilte Watson sich zu sagen. „Aber zu dritt wäre es am allerschönsten", gestand er.
„Meine Ferien dauern nur noch eine Woche", bemerkte Watson vermeintlich beiläufig beim Abendessen. „Hast du schon mit Holmes gesprochen?", fragte er Lisa, die nur hart schluckte. „Weißt du, der richtige Zeitpunkt hat sich noch nicht ergeben", erklärte Lisa ihm. „Er hat viel Stress und für diese Entscheidung braucht er doch einen klaren Kopf." Watson seufzte herzzerreißend. „Ich weiß, aber es ist nur noch eine Woche. Du… du willst doch auch, dass ich hier bleibe, oder?" Automatisch legte Lisa ihren Arm um die Schultern des kleinen Kerlchen, das der Verzweiflung nahe zu sein schien. „Ja, natürlich will ich, dass du hier bleibst. Du gehörst doch zu Holmes und davon überzeugen wir ihn schon noch." – „Weißt du, ich kann nicht zurück nach Flensburg. Ich mag Oma und Opa, aber… aber in der Schule… ich kann nicht mehr. Alle gucken mich mitleidig an oder behandeln mich, als wäre ich ansteckend. Lisa, Leukämie ist nicht ansteckend, aber niemand will etwas mit mir zu tun haben… ich will neu anfangen können, irgendwo, wo mich keiner kennt oder wenigstens nicht alleine sein… nach der Schule, verstehst du? Bitte Lisa, ich will doch nur bei Holmes bleiben… ich habe doch auch keine Mama und in Flensburg, da habe ich nur Oma und Opa, aber hier… hier könnte ich Holmes haben und… und… naja, dich." Lisa drückte Watson ganz fest an sich und versuchte, ihre Tränen so gut es ging zu verstecken. „Versprechen kann ich dir nichts, aber du kannst auf meine Unterstützung zählen, okay?" – „Du musst ihn überzeugen, Lisa, bitte. Ich habe doch schon allen meinen Klassenkameraden gesagt, dass sie mich nicht wieder sehen." – „Glaub mir, Watson, niemand versteht das so wie ich. Ich war auch nie wirklich beliebt bei meinen Klassenkameraden…" – „Nicht? Wieso? Du bist doch klug und nett!", widersprach Watson heftig. „Hm, aber wenn du mitten in der Pubertät steckst, dann ist cool und gut aussehend wichtiger als klug und nett." Watson nickte nachdenklich. „Was has du denn außer Kochen noch geplant für heute Abend?", fragte Lisa ihn scheinbar zusammenhanglos. „Nicht viel. Ich dachte, ich könnte Holmes vielleicht überreden, mit mir auf ein Bier in den Goldständer zu gehen, aber mit dir geht das ja nicht." – „Sehr charmant", schmunzelte Lisa. „Ich war schon mal im Goldständer. Ich habe dort sogar getanzt." – „Na da sage noch mal einer, du wärst nicht cool", platzte es bewundernd aus Watson. „Aber irgendwie klingt das, als hättest du einen Vorschlag", fuhr er ganz Spürnase fort. „Ja, habe ich. Ich schreibe Holmes schnell eine Nachricht und dann fahren wir nach Göberitz, da zeige ich dir etwas."
„Wo willst du denn mit mir hin?", fragte Watson immer wieder neugierig, während er Lisa durch den Göberitzer Wald folgte. „Es steht noch", rief Lisa sichtlich erleichtert aus und deutete auf einen Bretterverschlag. „Die Kummerhütte", erklärte sie Watson. „Hier bin ich immer hingegangen, wenn sie in der Schule mal wieder gemein zu mir waren." Halb zuhörend, halb sich umsehend betrat Watson die Kummerhütte. Das alte Schachspiel war noch da. Die Hütte schloss einem riesigen Baumstumpf, der als Tisch diente, ein. Zwei Fußbänke dienten als Stühle. „Wer hat das gebaut?", fragte Watson. „Mein Freund Jürgen und ich. Da waren wir vielleicht so alt wie du. Ganz ohne Hilfe haben wir das geschafft. Naja, damals erschien es mir weniger windschief als heute, aber es war unsere Zuflucht." – „Jürgen? Der mit dem Kiosk?", erinnerte sich Watson dunkel an sein Zusammentreffen mit dem jungen Mann, der sein Komikzentrum so prima zu stimulieren verstand. „Genau der", entgegnete Lisa. Auch sie war mittlerweile in die Kummerhütte getreten und sah sich um. Wie viele Stunden sie dort verbracht hatte! „Eine Kummerhütte", sinnierte Watson. „So etwas hätte ich auch gerne." – „Dann hast du sie jetzt… naja, ich teile mit dir. Man weiß ja nie, ob ich sie nicht noch mal brauche", lachte Lisa. „Du kannst jederzeit herkommen. Ich komme auch gerne mit. Überhaupt bin ich für dich da, wenn du ein Problem hast, hörst du?" Watson sah sie ernst an und griff dann in seine Hosentasche. „Hast du mal einen Stift?" Irritiert griff Lisa in ihre Tasche. „Reicht dir ein Kuli?" – „Klar." Watson setzte sich auf die bereits etwas marode Fußbank und faltete das Papier auseinander. „Was ist das?", fragte Lisa interessiert. „Eine To-Do-Liste", erklärte Watson ihr wie selbst verständlich. „Ich hake jetzt einen wichtigen Punkt ab: Einen wahren Freund oder eine wahre Freundin finden. Naja, den Freund lasse ich noch mal offen, wer weiß, vielleicht finde ich den auch noch."
