13.
„Watson? Geht es dir gut? Du hast uns so einen Schrecken eingejagt", bestürmte Lisa Rokkos Sohn. „Lasst uns in Ruhe", werte Watson eine Annäherung ab. „Wieso ‚uns'?", wollte Rokko in Erfahrung bringen. „Na mich und Miss Moneypenny, aber wir sind dir ja eh egal", platzte es trotzig aus Watson heraus. „Das ist doch nicht wahr, Watson. Wir waren schrecklich in Sorge." – „Das hat ja jetzt ein Ende, wo du mich gefunden hast. Steckst du mich gleich in den Zug nach Flensburg?!" Rokko atmete tief durch, um nur nichts Unüberlegtes zu sagen. „Wir gehen jetzt erstmal nach Hause. Miss Moneypenny bringen wir auf dem Nachhauseweg zurück zu ihrer Mutter", entschied Rokko. „Selbst die darf bei ihrer Familie bleiben", murmelte Watson, ließ sich aber von Lisa den Rucksack abnehmen. „Trag du deine Miss Moneypenny", lächelte sie ihn aufmunternd an. „Ich nehme deine Sachen, okay?" Traurig sah Watson das Kätzchen an. „Ich darf sie wirklich nicht behalten, oder? Ob Herr Kuballa jetzt böse mit mir ist?" Lisa schüttelte den Kopf. „Das glaube ich nicht. Herr Kuballa ist ein sehr netter Mann. Ich glaube, er hat noch nicht einmal gemerkt, dass Miss Moneypenny weg ist."
„Soll ich dich ins Bett bringen?", wollte Rokko wissen, als Watson aus dem Bad kam. „Nein, danke", kam die geknurrte Antwort. „Schlaf gut, Watson", meinte Rokko ruhig. „Hm, Nacht, Lisa." Wütend stapfte Watson die Treppe hinauf. „Ich finde, du solltest noch einmal mit ihm reden", schlug Lisa Rokko vor. „Er ist doch ein vernünftiger Junge. Er versteht das schon." – „Nicht einmal du hast es verstanden", bemerkte Rokko bitter. „Ähm… ja… ich bin ja auch blond oder so. Ich meine, ich kann deine Beweggründe nicht nachvollziehen, aber… vielleicht kann Watson es. Zumindest hat er ein Recht auf eine Erklärung", fügte Lisa ruhig hinzu. „So wie ich eine Erklärung darauf habe, warum er einfach so wegläuft." – „Das hat er dir gesagt. Er will nicht, dass du ihn zurück nach Flensburg schickst." Rokko seufzte und erhob sich. „Ich glaube, ich rede lieber mit Watson darüber. Du bist einfach zu stur."
„Hey Großer", wandte Rokko sich den Kopf durch die Tür steckend an seinen Sohn. „Ich will schlafen", kam die trotzige Antwort. „Nun sei doch nicht so." Watson setzte sich auf und sah seinen Vater vorwurfsvoll an. „Wie soll ich denn sein? Sauer, weil ich vermutlich das einzige Kind auf Erden bin, dass nicht bei seinem Vater leben darf? Ich sage dir 'was: Ich bin nicht wütend, weil ich nicht hier bleiben darf, sondern weil du nicht einen Deut besser bist als alle anderen. Glaubst du, ich habe nicht gehört, was du Lisa über meine Krankheit gesagt hast? Meinst du, ich habe die Leukämie gebeten, sich ausgerechnet mich auszusuchen?" Erschrocken biss Watson sich auf die Zunge – eigentlich sollte das nicht so aggressiv klingen, wenn es aus ihm herausplatzte. Betreten sah Rokko seinen Sohn an. „Ich wünschte, du wärst mehr wie Lisa! Hast du mich mal in den Arm genommen und mir gesagt, dass meine Klassenkameraden alle doof sind, wenn sie mich schneiden? Hast du mir deine Kummerhütte gezeigt? Lisa hat mir Bratäpfel mit Negerkussfüllung gemacht, um mich zu trösten. Das ist es, was ich mir wünsche, Holmes! Ob ich nun in Flensburg oder Berlin leben muss… soll… darf… wie auch immer!" – „Das habe ich nicht gewusst", gab Rokko zerknirscht zu. „Und jetzt, wo du es weißt, ist es dir egal!", presste Watson den Tränen nahe hinzu. Rokko ging die paar Schritte zu seinem Bett herüber und setzte sich. „Hör mal, in Flensburg hast du alles, was du brauchst. Opa und Oma sind immer für dich da. Ich habe wirklich wenig Zeit für dich und…" – „Ich kann alleine auf mich aufpassen. Ich brauche wirklich wenig Platz und auch wenig zu essen. Ich werde Hugo nicht mehr aus der Fassung bringen oder Lisa zum Erröten bringen…", versuchte Watson seinen Vater verzweifelt davon zu überzeugen, dass er in Berlin bleiben musste. „Adrian, hör zu, du fährst morgen zurück nach Flensburg. Wir telefonieren ganz oft und in den Herbstferien kommst du mich wieder besuchen." Watson schnaubte – Adrian! Adrian! Wenn Holmes ihn schon Adrian nannte, dann konnte er noch so gute Argumente haben… „Ich bin müde", verkündete er, statt weiter zu diskutieren. „Alles klar. Träum etwas Schönes."
Als Rokko wieder ins Wohnzimmer kam, fand er Lisa auf dem Sofa schlafend. Er griff seufzend nach einer Decke und wickelte sie darin ein. „Bratäpfel mit Negerkussfüllung?", murmelte er amüsiert grinsend. „Das musst du mir auch mal machen."
„So Hugo, nicht mehr heulen und besonders nicht mit toten Leuten sprechen. Halt dich am besten auch von dieser Sophie fern, ja? Und Frust immer laut herausschreien, das befreit", verabschiedete Watson sich am nächsten Vormittag von seinem Designerfreund. „Ja, das mache ich. Dir ist jetzt auch nach Schreien, oder?", fragte Hugo Watson betreten. „Jep, aber das erweicht ihn sicher auch nicht." Watson drehte sich zu seinem Vater um. „Los, lass uns gehen", forderte er ihn auf. „Das Taxi ist doch bestimmt schon da." Lisa äugte durch die Verglasung der Tür und nickte.
„Watson, ich schreibe dir ganz viele E-Mails, ja? Und wir telefonieren. Du wirst sehen, die Zeit bis zu den Herbstferien vergeht ganz schnell", verabschiedete Lisa sich kurze Zeit später von ihrem jungen Freund. „Ja, so machen wir das", entgegnete Watson tapfer, wandte sich dann aber an Holmes. „Ich habe dich trotzdem lieb", meinte er knapp. „Arbeite nicht so viel. Iss gesund. Schlaf genug." Rokko schwirrte schon der Kopf – wer war hier eigentlich der Vater und wer das Kind? „Okay, kein großes Geheule. Ich steig dann mal ein." Rokko und Lisa konnten gar nicht so schnell gucken, wie Watson in den Zug stieg. „Noch kannst du ihn aufhalten", meinte Lisa leise. „Er liebt dich und er möchte hier bleiben. Rokko, dein Sohn gehört zu dir." Der Angesprochene schluckte und schloss die Augen. Wie die kommenden Wochen wohl ohne Watson sein würden? „Und diese Schule bei mir in der Straße würde ihn nehmen?" – „Ja." – „Die hat einen guten Ruf?" – „Einen sehr guten Ruf. Die haben ihren Schwerpunkt auf modernen Fremdsprachen. Es gibt bilingualen Unterricht – Wirtschaft, Geschichte, Geographie auf Englisch. Watson war begeistert." Rokko nickte nachdenklich. „Und du bist immer für uns da?" Mit sorgenvoll gekräuselter Stirn drehte Lisa sich zu Rokko um. „Ich weiß ja nicht, wofür du Angst hast, aber ich verspreche dir, dass ich immer, immer, was auch passiert für euch da bin." Rokko holte tief Luft. „Warte hier", wies er Lisa an und folgte Watson in den Zug.
„Was ist denn noch? Habe ich etwas vergessen?", fragte dieser ihn ungehalten. „Nein… aber ich. Watson, es tut mir leid. Ich kann ein ziemlicher Idiot sein. Ich habe mir gerade vorgestellt, wie die Wochen bis zu deinen nächsten Ferien ohne dich sein könnten und… ich möchte, dass du hier bleibst. Wir zeigen deiner Krankheit gemeinsam in den Mittelfinger, okay? Du findest ganz tolle Freunde hier in Berlin und ich werde mir so oft ich kann Zeit für dich nehmen." Watson zog fragend die Augenbrauen hoch. „Das ist ein Scherz, oder? Ich halluziniere. Gleich kommt noch Britta dazu und dann kommen die mit der weißen Weste, um mich in die Gummizelle zu bringen…" Holmes grinste breit. „Komm, lass uns aussteigen, sonst nimmt der Zug uns beide mit." Das ließ Watson sich nicht zweimal sagen. Schnell schnappte er sich seinen Rucksack und folgte Holmes nach draußen.
„Fehlt nur noch Miss Moneypenny", verkündete Watson glücklich, kaum dass er auf dem Bahnsteig stand. „Übertreib's nicht, noch ist der Zug hier", versuchte Rokko möglichst streng zu antworten. „Hey", freute sich Lisa darüber, ihren jungen Freund wieder zu sehen. Sie legte ihre Arme um Watson und drückte ihn fest an sich. „Das kriegen wir auch noch irgendwie hin", flüsterte sie ihm zu, was er nur mit einem Nicken an ihrem Bauch beantwortete. „Kommt, wir gehen erstmal nach Hause", ergriff Rokko das Wort. „Tut mir leid", entschuldigte Lisa sich. „Ich muss dringend zu Kerima." – „Richtig, da müsste ich auch hin", überlegte Rokko laut. „Dann gib mir den Schlüssel und ich fahre zu uns, während du zur Arbeit gehst. So proben wir gleich mal den Ernstfall", schlug Watson vor. „Denkst du, du kriegst das hin?" – „Ich bin Watson, oder?", lachte der kahlköpfige Junge. „Wir setzen ihn einfach in die richtige S-Bahn und dann kann ja nichts passieren", meinte Lisa. „Oder du nimmst dir den Rest des Vormittags frei und bringst Watson nach Hause." – „Nein, nein, nein, ich nehme die S-Bahn", verkündete Watson glücklich. „So wie sich das für einen Neu-Berliner gehört."
„Watson hat dich sehr gerne", begann Rokko leise, als er mit Lisa in der S-Bahn zu Kerima saß. „Hm, ich habe ihn auch gerne. Er ist ein toller Junge und ich bin sehr froh für ihn, dass du dich entschieden hast, wie du dich entschieden hast." Rokko griff nach Lisas Hand und drückte sie zärtlich. „Ich bin auch froh, dass ich den Mut gefunden habe, mich so zu entscheiden. Ohne deine Ansage säße Watson jetzt wohl im Zug nach Flensburg." – „Ich hoffe, du bist nicht wütend, dass ich… ähm… so direkt war." Rokko winkte ab. „Nee, war ja dringend nötig, oder?" Er lächelte Lisa schief an, um seine Unsicherheit zu überspielen. „Ich denke schon, es ging ja um Watson und… naja… das war so ungerecht und…" Rokko legte seinen Finger auf Lisas Lippen, um sie zum Schweigen zu bringen. „Ich weiß, ich weiß. Du musst nicht auch noch in der Wunde herumbohren", schmunzelte er. „Eins musst du mir aber verraten: Bratäpfel mit Negerkussfüllung?" Lisa errötete augenblicklich. „Ähm, ja… hilft wunderbar gegen Kummer… nicht so gut wie die Kummerhütte, aber… ja…" Rokko lächelte angesichts Lisas Unsicherheit. „Rokko? Tu dir und mir einen Gefallen und sieh dir deine Mikrowelle nicht so genau an, bis ich das nächste Mal bei dir war, ja?" Rokkos Lächeln gefror, wich dann aber einem herzhaften Lachen. „Okay, ich frage mal nicht weiter. Erzähl mir lieber von der Kummerhütte. Das wollte ich gestern Abend schon fragen, aber du hast so tief geschlafen."
