15.
„So ein verdammter Mist", fluchte Lisa hinter der verschlossenen Badezimmertür. „Vorsicht, Minderjähriger hört mit", lachte Watson, der auf der anderen Seite der Tür darauf wartete, sich für die Schule fertigmachen zu können. „Steht das Mobiliar noch?", wollte Watson wissen. „Ich schätze schon", seufzte Lisa, als sie aus der Tür trat. „Dafür hat es meine Brille erwischt", erklärte sie Rokkos Sohn und zeigte ihm ihre Sehhilfe. „Sie ist mir ins Waschbecken gefallen", fuhr sie fort. „Wow, du bist blind wie ein Maulwurf", staunte Watson, der Lisa die zerbrochene Brille abgenommen und sich selbst aufgesetzt hatte. „Betrachte es als Chance", meinte er dann. „Du brauchst eine neue und kannst so deinen Typ mal verändern." Lisa entriss Watson grinsend ihre Brille. „Musst du kleiner Schlaumeier nicht mal langsam in die Schule?" – „Ja, muss ich, aber solange du das Bad versperrst…" – „Oh, verzeihen Sie, Doktor Watson. Treten Sie ruhig ein", lachte Lisa und streichelte Watson über den Kopf, bevor sie ihn ins Badezimmer schob.
„Ich bin dann mal weg, ja?", hechtete Lisa an Rokko vorbei. „Wie jetzt? Ohne Frühstück?", fragte Rokko verwirrt und eilte ihr hinterher. Erst an der Wohnungstür konnte er nach ihrem Arm greifen. „Hey, warte doch mal." Verwundert betrachtete Rokko Lisas Brille. „Wo ist denn der zweite Brillensteg hin?" – „Abgebrochen." Lisa traute sich immer noch nicht, Rokko in die Augen zu sehen. „Lass mich mal sehen. Vielleicht kann man da noch etwas machen", forderte Rokko sie auf. „Ich glaube nicht. Ich gehe nachher zum Optiker." – „Aber bis dahin kannst du nicht so rumlaufen. Gib mal her." Rokko streckte Lisa seine geöffnete Hand entgegen. „Hey, sieh mich mal bitte an", bat er sie. Lisa sah kurz auf, errötete und sah wieder weg. „Es ist wegen letzter Nacht, oder?", vermutete Rokko. „Hm, es ist mir schrecklich unangenehm. Ich wollte… also… ich hätte es nicht so abrupt stoppen sollen. Es tut mir wirklich leid, weißt du?" Rokko versuchte Lisas Blick zu erhaschen. „Hey, darum geht es nicht. Entschuldigt hast du dich ja jetzt oft genug. Ich würde mich eher für das Warum interessieren. Geht dir das zu schnell? Gibt es vielleicht etwas, das ich wissen sollte?" Ernst sah Rokko sein Gegenüber an. „Lisa? Du kannst über alles mit mir reden – egal, wie peinlich oder wunderlich oder was auch immer. Ich kann aber nicht hellsehen…" Lisa nickte sichtlich nervös. „Ähm… kann das bis heute Abend warten? Ich muss wirklich zur Arbeit und ich würde das ungern zwischen Tür und Angel mit dir klären." Rokko seufzte ergeben. „Ist gut. Dann eben heute Abend. Aber jetzt gib mir mal deine Brille, vielleicht lässt sich da noch etwas reparieren." Lisa ihre Brille ab, griff in ihre Hosentasche, um den zweiten Steg zu suchen und reichte beides Rokko. In diesem Moment sah sie kurz auf und gewährte Rokko einen Blick in ihre tiefblauen Augen. „Viel werde ich da wohl nicht tun können, aber ich glaube, ich kriege sie so geflickt, dass sie bis zum Optiker durchhält", erklärte Rokko und ging in die Küche. Dort begann er in einer Schublade zu kramen, in der sich alles Mögliche befand, was eigentlich nichts in der Küche verloren hatte: Pflaster, Schraubenzieher, Schnürsenkel, Schuhputzcreme, eine angefangene Tube Zahnpasta und Klebestreifen. Mit Letzterem umwickelte Rokko Lisas Brillensteg, bis dieser hielt. „So, fertig. Jetzt kannst du los." Dankbar nahm Lisa ihre Sehhilfe entgegen und setzte sie auf. „Dann bis später", verabschiedete sie sich hastig und hechtete zur Tür. „Lisa?", hielt Rokko sie zurück. „Ich liebe dich." Die Angesprochene begann zu lächeln. „Bis später", flüsterte sie und verließ Rokkos Wohnung.
„Guten Morgen", grüßte David Jürgen, als er den Kiosk betrat. „Morgen", entgegnete Jürgen. „Kaffee wie immer?" – „Nein", antwortete David. „Um die Ecke hat eine Kaffeebar aufgemacht und da habe ich mir gerade einen Chai Latte mit Toffee-Geschmack besorgt." Jürgen zog verwundert die Augenbrauen hoch. „Du alter Snob. Chai Latte – bei uns auf dem platten Land heißt das Tee mit Milch und ist etwas für Mädchen." David nahm genüsslich einen Schluck aus seinem Becher. „Was willst du eigentlich hier, wenn du schon mit etwas Trinkbarem versorgt bist?", wollte Jürgen wissen. „Ach, ich wollte dich nur mal besuchen, ein paar Zeitungen holen – gestern war doch die Präsentation und als Geschäftsführer muss ich wissen, wie sie angekommen ist." Verständnisvoll nickte Jürgen und stellte David einen Stapel mit Zeitungen zusammen. „Und sonst?", fragte er. „Nichts. Sag mal, war Lisa vielleicht schon da?" Jürgen seufzte. „Nein, und ich glaube auch nicht, dass sie heute früh noch kommt. Ich meine, nach dem Kraftakt mit der Präsentation hat sie sich eine Auszeit verdient, oder? Außerdem hat sie die Nacht bei Rokko verbracht und… ich muss dir ja nicht erzählen, dass die Beiden den Morgen vielleicht gerne für sich hätten." – „Das musst du mir nicht erzählen, das kann ich mir lebhaft vorstellen. Es ist nur… naja… ich müsste mich bei Lisa entschuldigen." – „Oh", entfuhr es Jürgen. „Und wofür?" – „Ich habe gestern versucht, sie zu küssen", gestand David geknickt. Jürgens Augen wurden groß. „Nicht wirklich, oder? Sag mir bitte, dass du betrunken warst!" – „Nein. Nun mach doch nicht so ein Theater darum. Ich weiß, dass es daneben war und jetzt…" – „Willst du den Dackelblick aufsetzen und ein bisschen winseln. Darauf springt Lisa doch sonst auch immer an", kam es gereizt von Jürgen. „Wie bist du denn drauf? Man könnte meinen, du kannst mich nicht leiden." – „Im Moment gerade nicht, nee. David, was versprichst du dir davon?", verlangte Jürgen zu wissen. „Es ist ja ziemlich offensichtlich, dass du nicht ganz so glücklich mit der Tatsache bist, dass Lisa und Rokko jetzt zusammen sind – die Idee ist übrigens auf deinem Mist gewachsen, wenn ich dich gleich mal erinnern darf." – „Ich will nicht darüber reden", meinte David trotzig und drehte sich zur Tür. „Ich gehe zu Kerima, vielleicht ist Lisa ja da", fügte er hinzu. „Damit du dich entschuldigen kannst, richtig? Ansonsten bist du ihr nur ein guter Freund, stimmst?", rief Jürgen ihm sarkastisch hinterher.
„Herein", murmelte Lisa, als es an ihrer Bürotür klopfte. „David", meinte sie fast schon entsetzt, als sie den Geschäftsführer erblickte. „Was gibt's? Ich habe es gerade eilig… meine Brille ist kaputt und ich will zum Optiker, bevor Sabrina noch einen dummen Witz darüber reißt." Hektisch lief Lisa durch ihr Büro und sammelte die Sachen zusammen, die sie mit in den Optikerladen nehmen wollte. „Ich müsste mal mit dir reden", meinte David und stellte sich ihr in den Weg. „Dauert es denn lange?", wollte sie wissen, ohne aufzusehen. „Ich wollte mich wegen gestern entschuldigen…" – „Das ist auch angebracht!" – „Ja, das ist es. Da ist wohl etwas mit mir durchgegangen." – „Und was, David? Wieso wolltest du mich vor versammelter Mannschaft küssen?", fragte Lisa aufgebracht. „Weil… weil… ich dich… also weil ich…" – „Weil du mich vor allen bloßstellen wolltest? Weil du wolltest, dass die Presse mehr zu schreiben hat? Warum, David?" Der Angesprochene zögerte einen Moment. „Ja, genau. Weil ich mehr Publicity für Kerima wollte", gestand er kleinlaut. Du alter Heuchler. Wieso kannst du nicht ein Mal ehrlich sein? Du liebst sie und sie liebt dich. Sie hat dich geliebt. Langsam musst du zu Potte kommen, sonst verlierst du sie an Kowalski. „Na großartig. Jetzt fühle ich mich richtig toll", meinte Lisa in einem spitzen Tonfall. „Kannst du eigentlich auch mal dein Ding durchziehen, ohne andere dabei auszunutzen?" David setzte einen schuldbewussten Gesichtsausdruck auf. „Es tut mir ehrlich leid, Lisa." – „Dann ist ja gut. Ich muss jetzt los." Lisa deutete auf die mehr schlecht als recht geflickte Stelle an ihrer Brille. „Hey, was hältst du davon, wenn ich mitkomme? Du brauchst doch sicher jemanden, der dich berät. Und wer könnte das besser als dein guter Freund David?" Lisas Mund verzog sich zu einem versöhnlichen Lächeln. „Damit hast du wohl Recht. Dann mal schnell, sonst bleibt die ganze Arbeit liegen."
„Du siehst ja müde aus. War wohl ne lange Nacht", feixte Jürgen, als er Rokko einen Kaffee reichte. „Hm, war ganz schön anstrengend gestern Abend", antwortete Rokko gedankenverloren. „Das will ich gar nicht so genau wissen", grinste Jürgen. „Oder vielleicht doch. Wie war es denn?" – „Erfolgreich, sehr erfolgreich. Die Presse war total begeistert und Hugo hat sich sogar bei uns bedankt." Verdattert sah Jürgen den jungen Mann auf der Kioskbank an. „Waren die alle dabei?", fragte er amüsiert. „Na klar, das gehört doch dazu." – „Rokko, stehst du auf der Leitung? Ich rede doch nicht von der Präsentation. Hier ist alles voller Zeitungen, das kann ich alles selbst lesen. Ich spreche davon, was danach kam." – „Oh, das war sehr nett. Wir waren lecker essen, dann haben wir mit Watson Scrabble gespielt. Was willst du denn jetzt hören?" – „Watson wird doch irgendwann ins Bett gegangen sein, oder?" – „Ja." – „Und was habt ihr dann gemacht?" – „Wir sind auch ins Bett gegangen." – „Und was ist da passiert? Nun lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen!" – „Ähm, ja." – „Verstehe, ein Gentleman genießt und schweigt", grinste Jürgen. „Viel zu verschweigen gibt es da nicht. Sag mal, Jürgen, du kennst Lisa doch schon lange, oder?" – „Ja, seit dem Sandkasten quasi. Schieß los." – „Wieso ist sie in wirklich allem anders?" Jürgen machte große Augen. „Sag jetzt bitte nicht, sie hat schon wieder einen Rückzieher gemacht?" Kopfschüttelnd betrachtete er Rokko. „Weißt du, was mit ihr los ist? Ich meine, ist ihr mal etwas zugestoßen oder so?" – „Nein, nein, eher im Gegenteil. Lisa ist… naja… sie dreht mir den Hals um, wenn ich dir das sage, also halt mich da raus." Jürgen griff in sein Zeitschriftenregal und zog eine Zeitschrift heraus. „Nimmst du die bitte für Lisa mit?", fragte er Rokko. „Die Bravo? Was will Lisa denn damit?" – „Forschen", grinste Jürgen. „Sie weiß schon, was gemeint ist, wenn sie die kriegt." Wahllos begann Rokko in der Zeitschrift zu blättern, als der eindringliche Klingelton seines Handys erschrillte. Hastig griff Rokko in seine Jackettinnentasche und förderte das Geräte zu Tage. „Kowalski", meldete er sich. „Hier ist Irene Wüst vom Alexander-von-Humboldt-Gymnasium", antwortete eine aufgeregte Frauenstimme. „Ja. Ist irgendetwas mit Watson… äh… mit Adrian?", fragte Rokko sofort alarmiert. „Ja… also nein, also doch schon, aber nichts wirklich Schlimmes, glaube ich jedenfalls. Adrian ist im Sportunterricht gestürzt und hat dabei das Bewusstsein verloren. Wir mussten einen Notarzt kommen lassen und der hat ihn mitgenommen… auch wegen Adrians Krankheit… er wollte da noch ein paar Tests machen, weil die Schüler alle gesagt haben, Adrian sei umgefallen und nicht gestürzt und naja…" Die Schulsekretärin schnappte nach Luft. Wo war denn nur ihre Professionalität hin? Das Schicksal des liebenwerten Jungen nahm sie einfach mit. „Herr Kowalski?", fragte sich unsicher nach, als Rokko nichts entgegnete. „Ist er im Krankenhaus?" – „Ja." – „In welchem?" – „Sie haben ihn in die Charité gebracht." – „Ich bin schon auf dem Weg." Rokko sprang auf und verließ fluchtartig den Kiosk. „Hey, kann ich irgendetwas für dich tun?", wollte Jürgen noch wissen, doch die Tür war ins Schloss gefallen, bevor er seine Frage beendet hatte.
