16.
Schwerfällig erhob sich Rokko von seinem Sofa und ging zur Tür. „Lisa?", fragte er sichtlich erschöpft. „Hallo Rokko!", grüßte sie ihn freudestrahlend. „Du warst den ganzen Tag nicht in der Firma und ich wollte sehen, ob es dir gut geht." – „Hm, alles in Ordnung", verschwieg Rokko ihr, was eigentlich los war. „Schön. Sieh mal, ich habe mir eine neue Brille besorgt. Ist die nicht toll? David hat auch gesagt, dass…" Lisa brach ab, als sie sah, wie Rokkos Gesicht sich verquält verzog. „Was ist denn los?", wollte sie wissen. „Während du mit Seidel-junior geturtelt hast, waren Watson und ich beim Arzt!", platzte es wütend aus Rokko heraus. „Ich habe nicht mit David geturtelt!", widersprach Lisa ihm heftig. „Ich habe euch gesehen, als ihr die Straße vor Kerima lang gelaufen seid – glaube mir, ihr habt geturtelt." – „Das ist doch kompletter Blödsinn! Wieso reagierst du eigentlich immer so empfindlich, wenn es um David geht? Wir sind einfach nur Freunde und…" Genervt seufzend gab Rokko der Tür einen Schubs und ging zurück zum Sofa. Doch Lisa war schnell und hielt die Tür davon ab, ins Schloss zu fallen. „Was ist denn mit dir los?", verlangte sie zu erfahren. „Nichts." Lisa stutzte. „Man kann mir dir über alles reden, egal wie peinlich oder wunderlich, aber wenn etwas mit dir ist, da schweigst du dich aus", warf Lisa ihm vor. „Soll ich dir sagen, was mit mir los ist?", wurde Rokko laut. „Ich sag's dir! Watson ist heute in der Schule gestürzt – für jedes normale Kind kein Problem, aber für ihn schon. Während du also deine Freundschaft mit David gepflegt hast, haben die an Watson rumgedoktort und festgestellt, dass seine Kopfschmerzen und auch der Sturz… er hat Metastasen und eine davon im Gehirn." Entsetzt riss Lisa die Augen auf. „Und… und was heißt das jetzt?" – „Dass ich wohl in zehn, zwölf, vielleicht 15 Wochen zu den ‚verwaisten Eltern' muss." Rokko drehte sich zur Seite, um unbeobachtet mit den Tränen kämpfen zu können. „Die eine Metastase drückt so auf das Hirn, dass er… durch die Bewegung im Sportunterricht… keine Ahnung… das meiste, was der Arzt gesagt hat, ist an mir vorbei gegangen. Auf jeden Fall ist die daran schuld, dass er umgekippt ist. Er wird sterben, Lisa!" Lisa ging ein paar Schritte auf Rokko zu und wollte ihre Arme um ihn legen. „Oh Rok… Watson!", entfuhr es ihr, als sie den Jungen auf der Treppe erspähte. Dieser drehte sich wortlos um und rannte in sein Zimmer. Ein lautes Knallen zeugte davon, dass die Tür ins Schloss gefallen war.
„Watson?" Leise betrat Lisa das Kinderzimmer. Ohne nachzudenken war sie Rokkos Sohn gefolgt und fand ihn nun schluchzend auf seinem Bett. „Watson?", fragte sie wieder. Als keine Antwort kam, legte sie sich einfach zu ihm. Vorsichtig kuschelte sie sich an seinen Rücken und legte ihren Arm um ihn. Sie gab ihm einen Kuss in den Nacken und wartete darauf, dass er etwas sagen würde, doch Watson schniefte nur von Zeit zu Zeit. Nachdem der erste Schock sich gelegt hatte, folgte Rokko den Beiden in Watsons Zimmer. Als er Lisa da so liegen und seinen Sohn streicheln sah, überkam ihn das Bedürfnis es ihr gleichzutun. Rokko legte sich auf die andere Seite und legte auch seinen Arm um Watson. „Hey mein Großer", sprach er ihn an. „Wann wolltest du es mir sagen? Wann wolltest du mir sagen, dass ich sterben muss?", fragte Watson bitter. „Ich… ich wollte es dir gar nicht sagen. Du solltest dir… naja… keine Sorgen machen oder so ähnlich." – „Ich soll mir keine Sorgen machen?", fragte Watson aufgebracht. „Ich lebe jetzt schon so lange mit dieser Krankheit und jetzt werde ich mir ihr sterben! Ich habe ein Recht darauf, es zu wissen. Es gibt doch so viel vorzubereiten." Watson wurde ruhiger, als Lisas Hand immer wieder über seinen Arm streichelte.
„Jetzt wird das wohl nichts mehr mit der Katze", schluchzte Watson plötzlich herzzerreißend. Rokko schreckte förmlich hoch – sie hatten lange so beisammen gelegen und geschwiegen. Lisa sah ihn über Watsons Schulter hinweg an. „Soll ich mal mit Yvonnes Vater telefonieren?", wollte sie wissen. „Ja, bitte tu das." Lisa stand auf und verließ das Zimmer. „Das ist echt unfair von dir", warf Watson seinem Vater vor. „Was?" – „Dass du es mir verschweigen wolltest. Ich habe doch Träume und Ziele und selbst wenn mir nur ein bisschen Zeit bleibt, ein paar davon kriege ich bestimmt noch hin." – „Watson, was sind das für Träume? Erzähl mir davon." Watson kuschelte sich etwas enger an seinem Holmes. „Ich würde gerne mal einen richtigen Horrorfilm sehen und mir das Ohrläppchen durchstechen lassen. Ich meine, jetzt, wo mich der Krebs zerfrisst, ist so ein kleines Loch doch keine große Sache mehr. Meine Lieblingslieder… ich würde sie gerne auf Kassette aufnehmen. Ich dachte, du könntest vielleicht Gitarre spielen oder Mundharmonika und ich singe dazu. Das verspricht doch lustig zu werden, oder?" Watson perlten lauter dicke Tränen die Wangen hinunter. „Meine Beerdigung vorbereiten. Je mehr davon vorher erledigt ist, desto weniger musst du dich hinterher damit beschäftigen. Holmes?" – „Ja", antwortete Rokko stockend. „Ich will nicht in so einen sterilen Krankenhaus sterben, hörst du? Das musst du mir versprechen. Ich will nicht im Krankenhaus sterben. Ich habe doch jetzt so ein schönes Zimmer und…" Watson schniefte laut. „Schon gut, beruhige dich erstmal. Da sind ja durchaus ein paar Dinge dabei, die wir hinkriegen", versuchte Rokko seinen Sohn aufzubauen. Lisa kam zurück in das Kinderzimmer. „Herr Kuballa hat gesagt, wir sollen so in zwei Stunden da sein und einen Transportkorb mitbringen. Er meinte, dass er genau gewusst hat, dass du dich durchsetzen wirst. Deine Miss Moneypenny wartet auf dich", erklärte sie Watson, als sie sich wieder zum ihm legte. „Das freut mich wirklich", strahlte der Junge über das ganze Gesicht. „Wir müssen so einen Korb noch besorgen und Futter und Näpfe und ein Katzenklo und Streu und ein Körbchen und einen Kratzbaum und…" Watson überlegte, was eine Katze noch so brauchte. „Spielzeug und… ja, und…" – „Ich glaube, das reicht für den Anfang, oder? So ein Kätzchen will geliebt werden und das machst du doch, oder?", wollte Rokko von seinem Sohn wissen. Hoffentlich tust du das Richtige. Das Kätzchen wird noch da sein, wenn Watson es nicht mehr ist. Sie wird dich ununterbrochen an ihn erinnern. Andererseits, er wünscht sie sich so sehr und er soll doch… ihm bleibt doch nicht mehr… Es ist das Richtige. „Ja, natürlich habe ich sie lieb. Ich werde ganz viel mit ihr spielen und kuscheln." In Watsons Augen machte sich ein Strahlen breit, das Rokkos Herz zusammenzog. „Das machst du, mein Großer, das machst du. Was hältst du davon, wenn wir einkaufen gehen und das alles besorgen? Dann fahren wir raus nach Göberitz und holen Miss Moneypenny." – „Klingt gut. Vorher würde ich Lisa gerne etwas fragen", meinte Watson nachdenklich. „Was denn?", meldete Lisa sich zu Wort. „Wieso sagst du Holmes nie, dass du ihn liebst?" Lisa schluckte. „Heute Morgen, als du gegangen bist, da hat er dir gesagt, dass er dich liebt, aber du hast nur gesagt, dass ihr euch später seht. Wieso?", wollte Watson mit Nachdruck wissen. „Weißt du, Watson, manchmal sagt man Dinge und dann wird einem sehr wehgetan. Man wird dann vorsichtig, verstehst du das?" Watson dachte angestrengt nach. „Ich glaube schon. Du hast diesem Seideltypen gesagt, dass du ihn liebst und er wollte dich nicht und jetzt kannst du es Holmes nicht sagen, weil du Angst davor hast, dass er dir wehtut, richtig?" Lisa war verblüfft – mit seiner Analyse lag Watson durchaus richtig, aber er war doch erst 13. Woher nahm er nur diese Menschenkenntnis? Vererbung! Er musste das von Rokko haben, anders konnte sie sich das nicht erklären. „Ich denke, du hast Recht", brachte sie gerade so hervor. „Du musst aber keine Angst haben. Okay, Holmes hat auch seine Fehler, aber ich glaube nicht, dass er dir jemals wehtun würde, stimmt's Holmes?" Das Watson ihn ansprach riss Rokko aus seinen Gedanken. „Äh, ja… also nein, nein, ich würde dir niemals wehtun", versicherte er Lisa. „Gut, dann lasst uns in den Tierladen gehen. Ich kann es kaum erwarten, dass Miss Moneypenny endlich hier ist."
Zu später Stunde und mit seiner Katze auf dem Arm betrat Watson Hugos Zimmer. „Hallo", begrüßte er den Designer, der auf seinem Bett saß und versuchte, etwas zu zeichnen. „Müsstest du nicht schon längst schlafen? Es ist spät und du musst doch morgen in die Schule." – „Ich werde ihn Zukunft mehr als genug schlafen können", entgegnete Watson trocken, „Ja, ich habe es schon gehört", meinte Hugo betreten. „Wie geht es dir damit?" – „Wie soll es mir damit schon gehen?", fragte Watson zurück. „Ich habe eine golfballgroße Metastase im Hirn, wer hat das schon?" Hugos Augen wurden riesig. „Echt? So groß?" – „Keine Ahnung, aber ich finde, es klingt irgendwie cool, wenn ich es so sage", lachte Watson. Er nahm neben Hugo Platz und sah ihn ernst an. „Du hast doch gesagt, dass ich dir geholfen habe – also bei der Präsentation hast du das doch gesagt, oder?" Hugo nickte. „Und das habe ich auch so gemeint." – „Darf ich dich um etwas bitten?" Wieder nickte Hugo. Watson setzte Miss Moneypenny auf das Kopfkissen und griff dann in die Tasche seines Schlafanzugoberteils. „Das ist meine To-do-Liste", erklärte er Hugo. „Du musst mir dabei helfen, dass alles zu erledigen." Aufmerksam las sich Hugo einen Punkt nach dem anderen durch. „Bei Holmes wohnen, eine Katze und eine Freundin finden hast du schon abgehakt. Was ist mit ‚Eine Frau für Holmes'? Das kannst du auch abhaken, oder? Frau Plenske und dein Vater – das ist doch schon ernst, oder?" – „Hm", brummte Watson. „Ich mag Lisa wirklich gerne und Holmes tut das auch, aber… du hast doch selbst gesagt, dass sie schwächelt, wenn es um David Seidel geht. Ich glaube, sie braucht noch Zeit, bis ich den Punkt abhaken kann. Aber ich kann die Nacht unter Sternen auch abhaken – das habe ich doch neulich mit Holmes und Lisa gemacht." Verständnisvoll betrachtete Hugo seinen jungen Freund. Das ist doch alles scheiße. Der Junge ist so großartig und wird sterben. Stehst du das durch, Hugo? Überlebst du es, wenn wieder jemand von dir geht? Du musst – er ist dein Freund und wer weiß, wo du ohne ihn wärst. „Ich finde das klingt alles machbar – naja, außer der Sache mit Weihnachten. Denkst du, du hältst so lange durch?" – „Keine Ahnung, aber wir könnten das Fest einfach vorverlegen", schlug Watson vor. „Alles klar, so machen wir das. Gleich morgen fange ich mit dem organisieren an, okay?" – „Danke", flüsterte Watson strahlend. Er griff nach seiner Liste und nahm Hugos Stift. Einen wahren Freund finden – abgehakt.
