17.

Was für eine räudige Kaschemme! Dass konnte wohl kaum Watsons Ernst sein. Eine Oben-ohne-Bar – dafür war er doch noch viel zu jung, zumal die, die gerade tanzte, so schlecht operiert war, dass sie mit dem Wunderwerk der Chirurgie den Zuschauern in der ersten Reihe die Augen ausstechen konnte. „Kann ich etwas für Sie tun?", fragte ein Typ, der aussah wie ein Zuhälter, Hugo. „Ja. Also, ich brauche Ihren Laden – für eine Show", fiel der Designer gleich mit der Tür ins Haus. „Wir machen aber keen Travestie", wiegelte der Besitzer ab und deutete auf den Kleidersack, den Hugo locker über die Schulter geworfen trug. „Hören Sie mir mal gut zu, Sie Banause, ich bin Hugo Haas, der Stardesigner. Frauen überall auf der Welt tragen meine Kleider und…" – „Was wollen Sie dann von mir, Sie überdrehter Spinner?" Eigentlich wollte Hugo beleidigt gehen, aber er rief sich sein Versprechen in Erinnerung. „Ich habe einen guten Freund. Einen Jungen, er ist 13." – „Nee, damit will ich nichts zu tun haben", unterbrach der Barbesitzer ihn erneut. „Er ist der Sohn meines Mitbewohners. Ich weiß, das muss Ihnen seltsam vorkommen, aber es hat wirklich alles seine Ordnung. Ich bin hier, weil der Junge…" Hugo machte eine Pause, um durchzuatmen. „Er hat Leukämie und er hat erfahren, dass er nur noch drei, vielleicht vier Monate zu leben hat. Aus irgendeinem mir unerfindlichen Grund wünscht er sich, Ihr… ähm… Etablissement mit seinem Vater zu besuchen, aber er ist doch erst 13 – so viele nackte Brüste dürften verstörend auf ihn wirken, darum habe ich Kleider aus meiner letzten und meiner aktuellen Kollektion mitgebracht. Ich habe mir auch eine Choreographie ausgedacht, die Ihre… Mitarbeiterinnen dann vorführen können." – „Ey, Oksana", brüllte der Barbesitzer in Richtung Tanzfläche. „Komm mal her. N bisschen zackig." Dann drehte der Typ sich zu Hugo um. „Markus. Mehr musste nicht wissen. Leukämie – das ist doch scheiße. Da fliegen wir zum Mond, aber unsere Kinder sterben an Krankheiten. Horch zu, für den Verdienstausfall musst du aufkommen, aber alles Andere ist kein Ding." Die barbusige Tänzerin hatte sich zwischenzeitlich zu den beiden Männern gesellt. „Was ist?" – „Das ist Hugo Haas", stellte dieser Markus ihr den Besuch vor. „DER Hugo Haas? Der von Kerima?", wollte die Tänzerin wissen. „Genau der", entgegnete Hugo sichtlich geschmeichelt, dass ihn jemand kannte. Klassische Gesichtszüge. Diese Frau hatte ganz klassische Gesichtszüge. Sie war eine Schönheit und das hatte bestimmt kein Chirurg gemacht. Hugo, reiß dich zusammen. Du bist wegen Watson hier. Hugo, reiß dich zusammen. Du bist wegen Watson hier. Aber gut, dass dir so etwas noch auffällt, das zeigt, dass du immer noch ein Auge für Schönheit hast. „Sie sind sicher nicht auf der Suche nach Kleiderständern für eine Ihrer Modenschauen – zumindest nicht hier", riss Oksana Hugo aus seinen Gedanken. „Also, was wollen Sie hier?" Wieder erzählte Hugo von Watson, der Liste und unterbreitete Oksana seinen Vorschläge. „Klingt gut. Das kriegen wir hin. Ich rufe die anderen Mädchen gleich an und dann können wir üben. Sagen Sie mal, dürfen wir die Kleider eigentlich behalten?" Der Designer begann zu lächeln. „Nennen Sie mich ruhig Hugo." – Okay, Hugo, dürfen wir nun oder nicht. Ich habe… war das gestern? Bilder davon in der Zeitung gesehen und die sind soooo schön", schwärmte die junge Tänzerin. „Okay, gut, Sie dürfen sie behalten. Anbehalten während der Show und behalten hinterher, verstanden?" Oksana nickte. „Alles klar. Wir machen das für Ihren kleinen Freund. Ich bin dann mal telefonieren und Sie können ja schon mal die Details mit Markus bequatschen." Aufreizend mit dem Hintern wackelnd verschwand Oksana aus Hugos Blickfeld.

„Alkoholfreies Bier", erklärte Hugo Markus. „Es muss alkoholfreies Bier geben." – „Willste den Jungen vor allem beschützen? Erst keine nackten Brüste, jetzt keinen Alkohol. Ick globe, der will diese Dinge nur, damit er nicht stirbt, ohne 'was erlebt zu haben." Hugo dachte einen Moment darüber nach. „Das mit dem Alkohol soll der Vater entscheiden – ein richtiges Bier wird ihm schon nicht schaden, aber die Brüste bleiben verhüllt. Manchmal ist weniger mehr und der Junge hat genug Phantasie – wir sollten ihn nicht überreizen." Der Barbesitzer nickte zynisch grinsend. „Wenn'de meinst…"

„Frau Plenske, was kann ich für Sie tun?", wollte Friedrich Seidel zur gleichen Zeit von Lisa wissen. Diese erspähte David in Friedrichs Büro und wiegelte ab. „Ähm, ich würde das lieber mit Ihnen alleine klären." – „Wenn es um die Firma geht, habe ich ein Recht darauf, dabei zu sein", verkündete David sofort. „Geht es aber nicht", entgegnete Lisa und wollte sich schon wieder zurückziehen, als David zur Tür kam und sie weiter öffnete. „Wir sind doch gute Freunde, wir hatten nie Geheimnisse voreinander, oder?" Lisa schüttelte den Kopf und betrat das Büro. „Also, was ist?", fragte Friedrich väterlich lächelnd. „Sie haben doch Rokkos Sohn kennen gelernt." – „Diesen Watson, ja, das habe ich", bestätigte Friedrich und dachte an die Präsentation, die nun schon einige Tage zurücklag. „Sie wissen, dass Watson Leukämie hat?" Friedrich nickte – er fühlte sich sichtlich unwohl, weil er nicht wusste, worauf Lisa hinauswollte. „Watson ist am Tag nach der Präsentation untersucht worden und… er hat Metastasen." David kam es so vor, als würde Lisas Stimme durch das Büro hallen. „Das tut mir schrecklich leid", brachte Friedrich kaum hörbar hervor. „Ja, und darum bin ich bei Ihnen. Watson hat eine Liste mit Dingen zusammengestellt, die er gerne erledigen würde. Hugo kümmert sich um das Meiste, aber ich dachte, um diese Sache müsste ich Sie schon persönlich bitten." Lisa stockte einen Moment, um den Kloß in ihrem Hals herunterzuschlucken. „Was kann ich denn für Sie tun, Frau Plenske?" – „Es ist so… Sie wissen ja, dass Rokko eher unkonventionell ist und offensichtlich ist seine ganze Familie eher unkonventionell, jedenfalls wünscht Watson sich, ein Mal traditionell Weihnachten zu feiern. Allerdings glauben die Ärzte nicht, dass er… also, dass er an Weihnachten noch leben wird", schluchzte Lisa. „Und darum wollen wir Weihnachten vorverlegen. Wir brauchen aber einen Baum und den kriegen wir im September doch noch nicht und… also, mir ist eingefallen, dass David und ich damals einen Weihnachtsbaum in Ihrem Wald gefällt haben und ich wollte fragen, ob die Möglichkeit besteht, wieder einen zu fällen… also jetzt schon… ich komme auch selbstverständlich dafür auf." Über Lisas Wangen kullerten dicke Perlen, so dass Friedrich nicht wusste, ob er mit ihr weinen oder ihr ein Taschentuch reichen sollte. „Das kommt überhaupt nicht in Frage, also, dass Sie dafür bezahlen, Frau Plenske. Sie dürfen selbstverständlich einen Baum aus unserem Wald nehmen. Ihr Vater kann das Fällen übernehmen…" – „Oder ich helfe dir dabei", unterbrach David seinen Vater. „Wofür sind Freunde denn da?", reagierte er auf die fragenden Blicke, die ihn trafen.

„Das tut es weh", jammerte Watson. „Du hast es so gewollt, erinnerst du dich?", fragte Rokko grinsend und begutachtete Watson rotes Ohrläppchen. „Das desinfizieren wir nachher und dann verheilt das ganz schnell." Zusammen gingen sie um eine Häuserecke und standen vor dem „Goldständer". „Hey, da seid ihr ja", freute Lisa sich. Sie stand vor dem Eingang und wartete auf die Kowalskis. „Ihr geht tatsächlich mit mir in den Goldständer?", fragte Watson ungläubig. „Sieht ganz so aus", antwortete Lisa. „Aber nicht so lange, Miss Moneypenny ist doch alleine Zuhause." – „Keine Sorge", ermunterte Lisa ihren jungen Freund. „Hugo ist schon gegangen, nachdem er hier alles vorbereitet hat. Er hat ein Augen auf deine Katze." – „Okay, aber trotzdem. Sie fehlt mir sonst." Watson marschierte schnurstracks durch die Tür. „Hugo hat dafür gesorgt, dass alles vertretbar ist für einen Jungen in seinem Alter", versicherte Lisa Rokko. „Na dann ist ja gut. Das hätte ich damals wohl auch machen sollen, bevor ich dich hierher eingeladen habe." – „Dankbar wäre ich dir dafür gewesen, aber du weißt ja, Sex ist das zweitwichtigste in den Köpfen der Menschen." – „Ja, das ist mein Lieblingsspruch. Ähm, Lisa, wegen neulich… wir haben immer noch nicht darüber geredet, warum du so plötzlich nicht mehr wolltest." Lisa errötete. „Watson wartet bestimmt schon auf uns", wiegelte sie das Gespräch ab und betrat die Bar.

„Irgendwie habe ich mir Bier leckerer vorgestellt. Das ohne Alkohol ging ja, aber das Nippen an deinem hätte ich mir echt verkneifen sollen", erklärte Watson, als er zusammen mit Lisa und Rokko zwei Stunden später aus der Bar kam. „Und die Show da drin war auch lahm. Die war wie eure Modenschau, nur mit Getanz." – „Du hättest dir eben etwas Aufregenderes wünschen sollen", meinte Lisa lachend. „Ich habe mir das total aufregend vorgestellt… naja, bin ich eben um eine Erfahrung reicher", zuckte er grinsend mit den Schultern. „Danke, dass ihr das alles mit mir macht… also mitmacht. Das ist bestimmt nicht so leicht für euch", wurde Rokkos Sohn ernst. „Nein, das ist es nicht, aber wir machen das wirklich gerne", versicherte Holmes ihm.

„Diese Oksana war richtig nett", berichtete Watson Hugo, als er wieder mit Miss Moneypenny in dessen Zimmer saß. „Das ist mir auch aufgefallen", entgegnete der Designer gedankenverloren. „Und wieso warst du dann nicht da?", fragte Watson. „Weil ich in der Videothek war und Horrorfilme noch und nöcher besorgt habe – für morgen Abend, okay?" Ein breites Grinsen machte sich auf Watsons Gesicht breit. „Komm, Miss Moneypenny, dafür wollen wir ausgeschlafen sein."