18.
„Was hältst du von dem?", wollte David auf einen Baum deutend von Lisa wissen. „Der ist schön." – „Klingt nicht gerade begeistert", stellte David verletzt fest. „Ich versuche, mich in Watson hineinzuversetzen. Ihm muss er gefallen und nicht mir." – „Was hat Kowalski denn für Baumschmuck?" – „Nicht viel. Hugo hat uns seinen angeboten, aber der ist… naja… extravagant. Meine Eltern stellen ihren zur Verfügung und der ist eher bodenständig." – „Das heißt, ihr braucht einen imposanten Baum, damit das Ganze auch etwas hermacht", schlussfolgerte David. „Ich schätze, Watson freut sich auch über einen kleinen Baum – er muss eben mit Liebe geschmückt sein", entgegnete Lisa, der Davids gereizter Tonfall nicht entgangen war. „Hör zu, du musst das nicht machen. Ich kann auch einfach mit meinem Vater wiederkommen", versuchte sie David zu beschwichtigen. „Nein, nein. Ich mache das gerne", gab David sich versöhnlich. „Was hältst du von dem hier?", fragte er auf einen weiteren Baum deutend. „Der ist schön", strahlte Lisa. „Na dann, lass mich sägen." David machte sich sofort daran, den Baum zu fällen.
„Hören Sie mir mal gut zu. Ich biete Ihnen 1200 Euro für eine lumpige Nacht in Ihrem Laden. Das ist mehr als Sie die ganze Woche verdienen." In sein Handy schimpfend betrat Hugo den Kiosk. „Kaffee?", flüsterte Jürgen ihm zu und deutete auf die Kanne. Durch ein Nicken bestätigte der Designer, dass er welchen wollte. „Wieso sind Sie denn so unkooperativ? Watson, das ist der Name… also der Spitzname des Jungen… ist todsterbenskrank und er wünscht sich eine Nacht in einem Süßwarenladen. Das ist doch nicht zu viel verlangt! Sie kriegen das Geld von mir und es soll auch nicht zu Ihren schaden sein: Ich kenne die Branche und die Presse, ich sorge dafür, dass Ihr Laden innerhalb kürzester Zeit in aller Munde ist." Mittels einer Grimasse zeigte Hugo Jürgen, dass das Gespräch nicht zu seiner Zufriedenheit verlief. „Gut, dann eben nicht", platzte es trotzig aus dem Designer heraus. „Aber erwarten Sie nicht, dass ich Sie weiterempfehle oder bei Ihnen einkaufe." Wütend und gleichzeitig theatralisch ließ Hugo sein Handy zuschnappen. „Alles Ignoranten!", schimpfte er. „Was ist denn?", wollte Jürgen wissen. „Kein Süßwarenladen in dieser verdammten Stadt will Watson bei sich übernachten lassen, dabei lasse ich mich, was die Bezahlung betrifft, wirklich nicht lumpen!" Wie selbstverständlich trat Hugo zu Jürgen hinter die Kasse und machte sich an der Kaffeemaschine zu schaffen. „Meinen Sie nicht, Ihr Blutdruck ist hoch genug? Wie wär's mit einem Kamillentee? Der soll doch beruhigen…" Entrüstet zog Hugo die Augenbrauen hoch. „Hören Sie mir mal gut zu, ich habe die Nacht damit verbracht, Horrorfilme der Kategorien ein bisschen blutig, blutig und sehr blutig zu sehen, ganz zu schweigen von wenig Zombies, Zombies und viele Zombies. Watson war total begeistert, aber ich bin hundemüde." – „Und dann ärgern alle Sie auch noch damit, dass Sie Ihrer Planung einen Strich durch die Rechnung machen", schmunzelte Jürgen. „Exakt." Seufzend lehnte Hugo sich neben Jürgen an die Anrichte. „Süßwaren, he?", hakte Jürgen nach. „Hm, Süßwaren. Irgendwie kann ich ihn verstehen – bei dem Gedanken wird das innere Kind in mir wach." Hugo seufzte wieder. „Frau Plenske organisiert gerade einen Weihnachtsbaum und ich? Ich habe versagt." – „So ein Unsinn. Sie haben Ihr Bestes versucht und wer sagt eigentlich, dass Sie nicht erfolgreich sein werden? 1200 Euro wollen Sie sich Watsons Spaß kosten lassen, richtig? Hören Sie zu, ich organisiere mir jetzt eine Vertretung und dann fahren wir in den Großmarkt." – „Und was wollen wir da?", fragte Hugo sichtlich irritiert. „Wir kaufen Süßkram – zentnerweise. Von dem Geld, versteht sich. Dann dekorieren wir hier ein bisschen um und dann kann Watson hier pennen." – „Sie würden Ihren Kiosk opfern?", wollte Hugo ungläubig wissen. „Watson will hier doch nicht randalieren, sondern futtern bis zum Umfallen und da pennen, wo er gerade hinfällt. Ich sehe da kein Problem. Ich will auch kein Geld dafür. Nur den Süßkram müssten Sie bezahlen." – „Na dann, rufen Sie ihre Vertretung an", begann Hugo Jürgen zu drängen.
„Das geht Kowalski bestimmt an die Nieren, dass sein Nachwuchs so krank ist", bemerkte David eher beiläufig, während Lisa und er mit dem Weihnachtsbaum durch den Wald marschierten. „Hm, ziemlich. Wir geben uns große Mühe, den Tatsachen nicht in die Augen zu sehen, verstehst du? Wir bemühen uns, Watsons letzte Wünsche zu erfüllen und hoffen… auf ein Wunder schätze ich." – „Ihr dürft eure Beziehung nicht vernachlässigen. Ich weiß, dass klingt jetzt herzlos, aber ihr braucht auch ein bisschen Zeit für euch. Nicht, dass ihr zwei euch ganz für den Jungen aufgebt." Was redest du da eigentlich? Das ist es doch, was du dir wünschst: Dass das zwischen Kowalski und Lisa auseinander bricht, dass sie wieder zu dir zurückkommt, dass sie ihre Liebe zu dir wiederentdeckt… Aber nein, du musst ihr natürlich gut zureden, sich noch mehr um Kowalski zu kümmern. Aber dass der kleine Spund so krank ist, berührt dich schon, oder? Wie würde es dir gefallen, wenn nach seinem Tod Lisas und Rokkos Beziehung auseinander bricht und sie zu dir zurückkommt? Das ist doch immerhin ein mögliches Szenario, oder? Mit Lisa zusammen zu sein wäre schon schön, aber unter diesen Umständen? Ach was, ein starker Typ wie Kowalski kann das ab... „Du hast Recht, David, das klingt herzlos. Wir verbringen so viel Zeit wie möglich mit Watson – es weiß ja niemand, wie viel das genau ist", riss Lisa David aus dessen Gedankenkarussell. „Trotzdem", widersprach David. „Wenn du jemanden zum Reden brauchst oder so, ich bin gerne für dich da." Nickend half Lisa David dabei, den Baum auf die Ladefläche des Jeeps zu hieven. „Da gäbe es tatsächlich etwas, das ich dich gerne fragen würde." – „Was denn?", fragte David hellhörig. „Ähm, du hast doch Erfahrung mit… mit Sex, oder?" David nickte, auch wenn er mittlerweile nicht mehr sonderlich stolz auf die beachtliche Zahl seiner Affären war. „Als du noch mit Mariella zusammen warst… woran habt ihr gemerkt, dass es der richtige Zeitpunkt ist… also… für… für Sex?" David grinste in sich hinein: Es lief also nichts zwischen Kowalski und Lisa, wenn das kein gutes Zeichen dafür war, dass sie ihn nicht liebte. Eine reine Vernunftentscheidung – erst, um nicht alleine zu sein und jetzt wegen Watson. So musste es sein. Dieser Kowalski war aber auch ein Trottel – Lisa so lange hinterher zu dackeln und nicht zum Zug zu kommen… „Wir haben es einfach gemerkt", begann er Lisa zu erklären. „Es gehört nun mal dazu. Es stimmt etwas in einer Beziehung nicht, wenn es im Bett nicht läuft. Ich würde sagen, Sex macht so… naja, 40 einer Beziehung aus." Mit großen Augen sah Lisa ihn an. „40? Das ist aber viel", entgegnete sie. Wunderbar! Du hast sie verunsichert. Sie wird ihre Beziehung mit Kowalski überdenken und zu dem Schluss kommen, dass sie dich immer noch liebt. „Hm… naja… in manchen Beziehungen ist es mehr, in anderen weniger, aber 40 dürfte schon hinkommen. Wieso fragst du?" Lisa schüttelte den Kopf. „Nichts. Ich schätze, das muss ich mit Rokko klären."
„Tada", präsentierte Hugo Watson den mit allerlei Süßkram dekorierten Kiosk. „Es tut mir leid, dass ich keinen richtigen Süßwarenladen organisieren wollte, aber…" Hilflos zuckte der Designer mit den Schultern. „Wow, das ist toll", freute Rokkos Sohn sich. „Wie viele Schlafsäcke hast du?", wollte Watson wissen. „Einen für Holmes, einen für Frau Plenske, einen für dich und naja, einen als Ersatz – für mich, wenn du mich dabei haben willst." – „Und was wird heute Nacht aus Miss Moneypenny?" – „Sie ist in ihrer Transportkiste und wartet im Hinterzimmer auf dich", verkündete Hugo strahlend. „Au fein. Du bist echt grandios!", freute Watson sich und ging ins Hinterzimmer. „Vielen Dank, Herr Haas", wandte Holmes sich an seinen Mitbewohner. „Das mache ich doch gerne. Herr Decker hat sich viel Mühe gegeben und auf dem Großmarkt gefeilscht – ich dachte, ich wäre auf einem Basar oder Flohmarkt oder so", erklärte Hugo. „Hallo zusammen", platzte Lisa in das Gespräch. „Ich bin so schnell gekommen, wie ich konnte." Sie ging auf Rokko zu und gab ihm einen Begrüßungskuss. Erst dann sah sie sich im Kiosk um. „Wow, hier sieht's ja toll aus", bewunderte sie die Dekoration. „Heißt das, wir übernachten hier?" – „Ja, das heißt es, Frau Plenske", antwortete Hugo. „Da haben Sie sich ja echt ins Zeug gelegt." – „Naja, Herr Decker hat mir wirklich geholfen." – „Lisa, da bist du ja endlich", jubelte Watson, als er mit seiner Katze auf dem Arm und Jürgen im Schlepptau zurück in den Kiosk kam. „So, ich schließe dann mal für euch zu", erklärte Jürgen. „Wenn ihr etwas braucht, dann findet ihr mich im Hinterzimmer." Dankbar nickte Lisa ihrem Freund zu.
„Ich habe dahinten noch so leckere Pralinen gesehen", meldete Watson sich zu Wort, als alle schon schliefen. Er griff nach einer Taschenlampe und stand auf. In seinem Kopf hämmerte es bedrohlich. „Ich sollte wohl mehr Schokolade essen – solange ich noch kann. Das fühlt sich an, als wäre es bald aus mit mir", sprach er mehr zu sich selbst, als zu den Schlafenden auf dem Boden. „Aua", schreckte Rokko hoch – sein Sohn hatte ihn getreten, als er über ihn klettern wollte. „Watson? Ist alles in Ordnung?" – „Ja, ja. Schlaf weiter. Ich wollte nur nach den Pralinen sehen." – „Und davon essen?", fragte Rokko auf einmal hellwach und sehr amüsiert. „Ja, genau." – „Das ist aber nicht sehr gesund", zog er seinen Sohn auf. „Nun, gesunde Ernährung hat mich nicht sehr weit gebracht, oder?" Betreten unterbrach Rokko den Augenkontakt mit Watson. „Komm mal her", forderte er ihn auf. Watson kam dem nach und setzte sich auf Rokkos Schoß. „Hast du Angst?" – „Ja, sehr sogar", gestand der Junge. „Du wirst mich doch nie vergessen, oder?" Rokko lief eine Träne über die Wange. „Nein, ich werde dich nie, nie, niemals vergessen. Du bist doch mein Watson. Ich liebe dich." – „Ich dich auch, Papa." Watson legte seine Arme um Rokkos Hals und drückte ihn fest an sich. „Hast du manchmal Angst?", flüsterte er kaum hörbar. „Ja, große Angst", gestand Rokko. „Der Gedanke, dass du irgendwann einfach nicht mehr da sein könntest… das zerreißt mir das Herz." – „Aber du darfst dich nicht gehen lassen, hörst du? Du darfst ein bisschen trauern, aber du darfst nicht so versinken wie Hugo, nein? Du musst dich freuen, dass es mich mal gegeben hat und das darfst du nie vergessen." – „Genau", flüsterte Rokko mit brüchiger Stimme. „Aber jetzt bin ich erstmal froh, dass es dich gibt. Wolltest du nicht Pralinen naschen?" Watson erhob sich. „Soll ich dir eine mitbringen?", grinste er seinen Vater an. „Eine?", fragte Rokko ebenso grinsend. „Bring die ganze Tüte, ja?" – „Jawoll", salutierte Watson gespielt und tapste im Schein der Taschenlampe zu dem schokoladigen Objekt seiner Begierde.
