19.

„Frau Plenske, Sie müssen ganz, ganz dringend mit Herrn Kowalski reden", forderte Hugo, nachdem er ohne zu klopfen Lisas Büro betreten hatte. Erschrocken sah diese auf. „Warum? Was ist denn?", wollte sie von dem Designer wissen. „Wir können Weihnachten nicht länger aufschieben", stellte Hugo fest. „Ich habe die Geschenke für Watson besorgt – die Kleidung und die Schuhe für… für… für seine Bestattung und den Rasen für… für sein Grab", schluckte Hugo. „Okay, es ist jetzt nicht ganz der gleiche wie der von Real Madrid, aber schön ist er trotzdem. Das mit den Pilzen war nicht so einfach, weil Steinpilze ja nicht auf Rasen wachsen, aber auch dafür habe ich schon eine Lösung: Es bleibt eine Ecke ohne Rasen und da kommen die Pilze drauf", fügte er hinzu. „Fehlt nur noch das Startzeichen von Herr Kowalski, aber der schweigt sich aus." Lisa nickte verständnisvoll. „Ich weiß. Das ist nicht leicht für ihn", versuchte sie Hugo klar zu machen. „Das dürfte es wohl für keinen sein. Es ist das letzte auf der Liste – zusammen mit diesem Graffiti. Ich weiß, er arbeitet daran, aber wie weit er ist…" Hugo zuckte mit den Schultern. „Ich… ich… wir sollten Rokko nicht unter Druck setzen", stotterte Lisa. „Nun, Frau Plenske, Zeit ist das einzige, was wir nicht haben. Als meine Britta damals gestorben ist, da hätte ich gewünscht, es hätte so konkrete Anweisungen gegeben. Watson ist und bleibt trotzdem ein Kind und wir werden diese Weihnachtssache durchziehen. Entweder Sie überzeugen Herrn Kowalski davon oder ich stelle ihn vor vollendete Tatsachen." Lisa sprang auf. „Ich rede mit ihm."

„Rokko?" Der Angesprochene sah auf. „Lisa? Was gibt's?" – „Ich wollte mal mit dir reden." Lisa umrundete Rokkos Schreibtisch und betrachtete das Bild, das dort lag. „Ist das das Graffiti für Watsons… für Watson?" – „Ja, das ist es. Es ist dem Familienfoto, das am 70. Geburtstag meines Vaters geschossen wurde, nachempfunden." – „Schön, wirklich schön", sinnierte Lisa mit einem Blick auf die vielen ihr fremden Menschen." – „Watson hat es abgelehnt", bemerkte Rokko. „Er meinte, zu seiner Familie gehören auch Hugo und du." Lisa begann scheu zu lächeln. „Ich… ich freue mich, dass er das so sieht", gestand sie Rokko leise. Aufmerksam betrachtete sie das Bild und erspähte Hugo. „Du hast mich nicht eingezeichnet", stellte sie enttäuscht fest. „Das hat nichts mit dir zu tun", erklärte Rokko seufzend. „Das ist weil… weil… ich schätze, wenn das Bild fertig ist, dann… es ist wie ein quälend langer und bunter Abschied." Lisa ging auf Rokko zu, legte ihre Arme um seine Taille und schmiegte sich eng an ihn. „Ich weiß, wie schwer das für dich sein muss, aber… Watson wollte doch Weihnachten feiern und… langsam müssten wir zur Tat schreiten. Es geht ihm immer schlechter und auch der Baum verliert schon erste Nadeln…" – „Ich kann das nicht", erwiderte Rokko mit brüchiger Stimme. „Das ist der letzte Wunsch auf seiner Liste. Lisa, das ist, als… das markiert das Ende, oder?" Lisa sah kurz auf und sah die Tränen, die sich in Rokkos Augen sammelten. „Egal, was du tust, du kannst es nicht aufhalten." – „Ich weiß. Es tut mir so weh, zu zusehen, wie er immer schwächer wird." – „Er wünscht sich dieses Weihnachtsfest. Es ist alles vorbereitet: Ich habe eine Gans gekauft, die nur darauf wartet, aufgetaut zu werden, meine Mutter rückt ihr Rotkohlrezept raus, Hugo hat Geschenke für Watson besorgt, einen Baum haben wir auch. Willst du ihm diesen letzten Wunsch wirklich verwehren? Noch kriegt er alles mit und kann sich darüber freuen. Niemand kann abschätzen, wann sich das ändert." Rokko vergrub sein Gesicht in Lisas Halsbeuge und seufzte laut. „Ich weiß, ich weiß. Morgen, wir machen es gleich morgen." – „Gut", entgegnete Lisa. „Wie wäre es, wenn du das Bild beendest? Dann kannst du es ihm schenken." – „Sitzt du mir bitte kurz Modell?" Rokko schob Lisa ein wenig von sich weg und sah sie bittend an. „Mache ich", lächelte sie ihn an.

„So, da habt ihr euren Bom", verkündete Bernd Plenske, kaum dass Rokko ihm die Tür geöffnet hatte. „Wohin damit?", fragte er knapp. „Dort hinten hin", entgegnete Rokko. „Warten Sie, ich helfe Ihnen", bot er Bernd an. „Nich nötig, nich nötig. Das schaffe ick schon", polterte Bernd und bahnte sich seinen Weg zu der angewiesenen Stelle. „Hier?" – „Ja", antwortete Rokko. Kaum dass der Baum seinen Platz gefunden hatte, baute Bernd sich vor Rokko auf und sah ihn ernst an. „Ick weeß, ick war'n echter Kotzbrocken zu Ihnen, aber… dis hier, dis is echt traurich. Ick find's jroßartig, was ihr für den Jungen alles macht." Bernd wusste nicht, was er noch sagen wollte. Stattdessen legte er Rokko eine Hand auf die Schulter und nickte ihm aufmunternd zu. „Wird schon irjendwie werden, glob ick. Jibt immer nen Weech, nich?" Rokko nickte nur kurz. „Bernd, da sind noch ein paar Kisten mit Weihnachtsdeko im Auto, kannst du die mal holen?", bat Helga ihren Mann. Sie selbst trug einen beachtlichen Turm aus Kisten vor sich her. „Warten Sie, Frau Plenske, ich helfe Ihnen", bot Rokko dankbar für diese Abwechslung an.

„Guckt mal, Miss Moneypenny spielt mit der Weihnachtsbaumkugel", freute Watson sich. Fasziniert beobachtete er, wie die Katze auf dem Rücken lag und die Kugel immer wieder mit ihren Vorderpfoten anstieß. „Lisa, guck doch mal", forderte er die Freundin seines Vaters auf. „Ich würde ja gerne, aber ich rede der Gans gerade gut zu", entgegnete sie der Verzweiflung nahe. „Ich glaube…", flüsterte sie Rokko zu. „… ich werde meiner Mama etwas sehr Schönes zum Muttertag schenken. Mir war nie bewusst, was das für eine Arbeit ist." – „Vom Gutzureden wird das aber nicht", stellte Watson fest. „Ich helfe dir, die Klöße zu formen." Wehmütig betrachtete Lisa die Packung mit den Fertigklößen. „Das war's dann wohl", stellte sie schmunzelnd fest. „Du hast nicht mit mir gerechnet, Süße", grinste Rokko sie an. „Ich habe Fertigrohmasse besorgt. Das ist so ein Mittelding zwischen Selbstmachen und Chemiewerk. Da kann er formen bis zum Umfallen." Rokko biss sich auf die Zunge und verbesserte sich dann: „Bis ihm der Spaß daran vergeht."

„Watson schläft endlich", verkündete Rokko Stunden nach der verfrühten Weihnachtsfeier. „War nicht leicht, er hat schon wieder Kopfschmerzen." Seufzend ließ er sich neben Lisa auf das Sofa fallen. Sofort rutschte sie ein Stück von ihm weg. „Lisa?" – „Ja", antwortete sie sichtlich angespannt. „Das war sehr schön. Bei uns Zuhause lief Weihnachten ja immer ein bisschen anders ab. Es hat mir sehr gefallen, was du für Watson vorbereitet hast." – „Eigentlich hat Hugo das meiste gemacht und ich habe nur geholfen", erklärte Lisa. Rokko rutschte etwas an Lisa heran. „Sag mal, was bist du denn so angespannt? Es ist doch alles reibungslos verlaufen und deine Gans war trotz der Anlaufschwierigkeiten sehr lecker – jedenfalls hat noch keiner rückwärts gegessen oder so." Sein Scherz konnte Lisa die Anspannung aber nicht nehmen. „Es ist, weil… naja… es ist irgendwie Weihnachten, oder?" Rokko kräuselte die Stirn. „Wie jetzt?" – „Naja, du hast doch gesagt, wir warten auf den richtigen Zeitpunkt und du hast doch gemeint, er solle vor Weihnachten liegen." Nun war es Rokko, der rutschte – weg von Lisa. Er räusperte sich und fing dann an zu sprechen: „Ich habe schon gemerkt, dass in dieser Hinsicht irgendetwas zwischen uns nicht stimmt." Schuldbewusst sah Lisa zu Boden. „Das hat David auch schon gesagt, aber… aber… die 60, die wir haben, die sind doch auch sehr schön, oder?" – „60?", hakte Rokko irritiert nach. „Naja, 40 für Sex, macht 60 für alles Andere – hat David jedenfalls gesagt." – „David, David, immer nur David! Glaubst du, ich merke nicht, dass du ihn immer noch liebst? Dass deshalb nichts zwischen uns läuft?", fragte Rokko in einem leisen, aber schneidenden Tonfall. „Ich rechne es dir hoch an, dass du dich trotzdem so aufopferungsvoll um Watson kümmerst, aber du musst nicht bei mir bleiben, wenn das nicht dein Wunsch ist." Erschrocken sprang Lisa auf. „Du glaubst, es ist, weil ich David liebe?" – „Anders kann ich mir das nicht erklären", gestand Rokko ruhig. „Du redest ja auch nicht mit mir." Auf- und abgehen das senkt die Peinlichkeit, ganz sicher, das funktioniert doch sonst auch immer. Lisa tat, was sie sich in Gedanken vorgeschlagen hatte. „Es ist ganz anders… also, es ist, weil mir die entscheidenden Informationen fehlen." Verwirrt sah Rokko Lisa hinterher. „Also, zuerst habe ich es mit der Bravo versucht – wegen der Berichte zum ersten Mal, das war auch ganz hilfreich, also bis zu einem bestimmten Punkt. Von denen ist eben keiner so alt wie ich. Also habe ich es in einem Internetforum versucht, aber das war ein Reinfall, weil… naja… das war das gleiche: Lauter Teenies, die in dieser Angelegenheit eben andere Probleme haben als ich." Rokkos ernster Gesichtsausdruck wich, als er verstand, nach und nach einem amüsierten Grinsen. „Ich dachte, ich versuche es mal mit einem Film, um gleich mal zu sehen, wie… naja… was da so passiert… also eigentlich, nicht nur so rein biologisch, verstehst du? Hast du eine Ahnung, was in diesen Filmen alles passiert?" Lisa wurde feuerrot, als ihr bewusst wurde, dass die Gedanken, die sie schon seit Tagen quälten, wirklich aussprach. „Und dann habe ich endlich ein Buch entdeckt – für verspätete Mädchen… also für Frauen mit meinem Problem, aber das ist blöderweise vergriffen und in der Bibliothek war es auch nicht und… ähm ja." Lisa spürte, dass Rokko aufgestanden war und sie sanft dazu bewegte, sich wieder zu setzen. „Und das konntest du mir nicht sagen? Ich meine, es ist doch nichts Schlimmes, in deinem Alter noch nie Sex gehabt zu haben. Es ist ungewöhnlich, aber nichts Schlimmes. Darüber hättest du nun wirklich mit mir reden können." – „Ähm, ja… oder doch nicht. Ich meine, du hast Watson und du kennst dich damit aus und dann habe ich dir auch noch ungewollt zu verstehen gegeben, dass ich Erfahrung hätte und dann… Für alle scheint das so unwahrscheinlich wichtig zu sein… naja, da war es dann plötzlich so schwierig, das Thema noch einmal aufzurollen." Grinsend rutschte Rokko an Lisa heran und legte seinen Arm um sie. „Ich sage dir etwas, Lisa: Ja, ich habe Watson und ja, es hat die eine oder andere Frau in meinem Leben gegeben, aber das heißt doch nicht, dass ich kein Verständnis für dich habe. Mir ist schon klar, dass das ein wichtiger Schritt für dich ist und dass du dich gerne vorbereitest, habe ich auch schon gemerkt, auch wenn sich das nicht im klassischen Sinne vorbereiten lässt. Und noch eins: Keines meiner Körperteile ist batteriebetrieben und vibriert." Lisa wurde noch eine Nuance röter, grinste dann aber. „Das habe ich von vornherein ausgeschlossen", meinte sie sichtlich entspannter. „Es ist eben nur… wie soll ich sagen? Wenn ich genau wüsste, wie das abläuft, dann würde mich der Gedanke daran nicht mehr so nervös machen." – „Macht er dich so nervös wie dich ein Vortrag vor 200 Leuten nervös macht oder eher positiv – so als wüsstest du, dass alle deine Freunde zu einer Party kommen und es stünde dir ein spaßiger Abend mit ihnen bevor?" – „Hm, letzteres. Es ist, als hätte ich Helikopter im Bauch und dann plötzlich meldet sich diese Stimme, die sagt: ‚Du hast keine Ahnung davon. Es wird ein kompletter Reinfall.' Darum habe ich das neulich auch so abrupt abgebrochen." – „Es ist vielmehr dadurch zu einem Reinfall geworden", meinte Rokko kritisch. „Ich zeige dir etwas", fuhr er fort und beugte sich vor, um Lisa einen innigen Kuss zu geben. „So fängt es an, das kennst du doch schon." Seine Hand strich über ihren Rücken und wanderte langsam unter ihren Pulli. „Und so geht es weiter." Er schob sie sanft zurück und legte sich neben sie. Eine Hand wanderte vom Rücken zum Bauch und streichelte sanft die darunter liegenden Haut. Seine Lippen wanderten über ihren Hals, küssten die empfindliche Stelle hinter ihrem Ohr. „Und was muss ich dabei machen?", fragte Lisa sich ganz auf das Spiel einlassend. „Ich weiß nicht. Was sagt dir denn dein Instinkt?", neckte Rokko sie. Lisa dachte kurz darüber nach und zog Rokko dann näher an sich. Noch während sie Rokko küsste, machten sich ihre Hände an seinem Hemd zu schaffen. Als sie es endlich fertig gebracht hatte, ein paar Knöpfe zu öffnen, ließ sie erst ihre Finger, dann ihre Lippen über die freigelegte Haut wandern. „Oh", seufzte Rokko. „Das war eine ganz blöde Idee", gestand er. „Habe ich etwas falsch gemacht?", fragte Lisa sofort besorgt. „Nein, nein, eher im Gegenteil. Du machst das so gut, das ist eine echte Herausforderung für meine Selbstbeherrschung. Ich glaube, wenn du noch warten willst, sollten wir hier aufhören, sonst kann ich für nichts garantieren." Lisas Hand strich durch Rokkos Locken. „Ich liebe dich", flüsterte sie kaum hörbar. „Zeig mir bitte, wie es weitergeht." – „Das läuft jetzt aber nicht wie in dem Film, den du dir angesehen hast", grinste Rokko. „Puh, Glück gehabt, die arme Frau hat nämlich geschrieen wie am Spieß", grinste Lisa zurück und zog Rokko näher an sich. „So, ich wiederhole: So geht es los." Lisas Lippen verbanden sich mit Rokkos zu einem leidenschaftlichen Kuss.