20.

Rokkos Hand wanderte langsam über Lisas Arm, dann über ihre Taille bis zu ihrer Hüfte, dort hielt sie inne. „Und? War es die ganze Aufregung wert?", fragte er Lisa grinsend. Bereitwillig ließ sie sich am Becken näher an ihn ziehen. „Oh ja. Allerdings wäre ich ohne die ganze Vorbereitung besser dran gewesen", gab Lisa zu. „Es gibt eben doch Dinge, bei denen man sich ganz und gar auf seine innere Stimme verlassen kann", meinte Rokko und gab ihr einen Kuss. „Ist das eigentlich normal, dass ich jetzt müde bin?", fragte Lisa und kuschelte sich näher an ihn. „Ich denke schon. Vielleicht ist es ganz gut, wenn wir jetzt schlafen. So wie ich meinen Sohn kenne, wird er gleich um 6 Uhr anfangen, die seine CD in Endlosschleife abzuspielen." – „Es war so lieb von dir, eure Musiziererei auf CD zu brennen." Lächelnd dachte Lisa daran, wie Rokko und Watson einige Wochen zuvor auf dem Sofa gesessen und gemeinsam gesungen hatten. „Naja, bei so einer Aufnahmeassistentin ist das ja auch kein Wunder", zog Rokko sie auf. „Denkst du, wir schaffen es noch, ins Schlafzimmer umzuziehen?", wollte er von Lisa wissen. Sie sah auf und schätzte die Distanz zu besagtem Zimmer. „Nee, lass uns hier liegen bleiben. Wir sind ja auch ganz züchtig zugedeckt", neckte sie ihn. „Okay, auf deine Verantwortung, aber nicht, dass du mir morgen früh, wenn meine Mitbewohner in die Küche wollen, vor Peinlichkeit im Erdboden versinkst." – „Spinner", lachte Lisa und drückte Rokko einen Kuss auf den Mund.

Mitten in der Nacht wurde Watson wach. Der Schmerz in seinem Kopf war nahezu unerträglich. Ein Glas Wasser, das wäre jetzt gut. Langsam quälte er sich aus seinem Bett und machte sich auf den Weg nach unten. Im Halbdunkeln spähte er über das Geländer und entdeckte Lisa und Rokko schlafend auf dem Sofa. Gut so. Das haben sie sich verdient. Er wird Miss Moneypenny und Lisa haben. Entschlossen nickend drehte Watson um und ging wieder in sein Zimmer. Im fahlen Schein der Nachttischlampe holte er seine Liste heraus und betrachtete sie. Eine Frau für Holmes – abgehakt. Es ist alles erledigt. Jetzt kannst du jederzeit gehen – diese Position muss dann noch jemand von der Liste streichen. Watsons kleine Hand massierte seine Schläfe. Vielleicht sogar recht bald. Aber vorher holst du dir noch ein Glas Wasser. Wieder machte Watson sich auf den Weg nach unten.

Ein lauter Knall ließ Rokko aus dem Schlaf schrecken. Was war das? Er sprang auf und stürmte, nackt wie er war, in die Küche. „Watson!", schrie er förmlich, als er seinen Sohn da liegen sah. „Watson, sag etwas", flehte er den bewusstlosen Jungen an. „Was ist denn los?", erklang Lisas müde Stimme. Als sie Watson da liegen sah, war sie sofort hellwach. „Ich rufe einen Krankenwagen", bestimmte sie. Sofort drehte sie sich um und griff nach dem Telefon.

„Die sind in ein paar Minuten da", unterrichtete Lisa Rokko. „Geh dir etwas anziehen, ich bleibe bei ihm." Dankbar nickte Rokko ihr zu und hetzte in sein Schlafzimmer. Innerhalb von Sekunden kam er zurück. „Lisa, so kannst du nicht mit ins Krankenhaus kommen", stellte er fest und deutete auf sein Hemd, das sie trug. „Ich… du willst mich dabei haben?" – „Ich schätze, du bist für Watson so etwas wie eine Mutter. Also bitte." Das verzweifelte Flehen in Rokkos Augen ließ Lisa sofort reagieren. Sie drückte ihm Watsons zerbrechlichen Körper in den Arm und machte sich sofort daran, ihre Sachen zusammenzusuchen.

„Wir nehmen ihn jetzt erstmal mit, auch wenn er wieder ansprechbar ist", legte der Notarzt einige Minuten später fest. Immer wieder sah er irritiert zu dem Weihnachtsbaum, der mitten in Rokkos Wohnzimmer stand. „Niemand von uns braucht deswegen eine Zwangsjacke", versuchte Rokko seine eigene Angst durch einen Scherz zu überspielen. „Das habe ich auch nicht gedacht", entgegnete der Notarzt. „Eigentlich dachte ich nur, dass das logisch ist – Lebkuchen Anfang September, Weihnachtsbäume Mitte Oktober. So, jetzt aber los. Wollen Sie beide mitfahren?", wandte er sich das vermeintliche Elternpaar. „Ja", kam es einstimmig von Lisa und Rokko.

„Es tut mir sehr leid, Herr Kowalski", sprach die Dienst habende Ärztin Rokko an. „Aber es… es steht nicht gut um ihren Sohn. Eine der Metastasen drückt so auf sein Gehirn, dass wichtige lebenserhaltende Funktionen bald nicht mehr richtig ablaufen können. Er wird dieses Krankenzimmer wohl nicht lebend verlassen." Tränen stiegen Rokko in die Augen, so dass er nur zu einem Nicken fähig war. „Doch das wird er", ergriff Lisa das Wort. Erstaunt sah Rokko sie an. „Er will nicht im Krankenhaus sterben", erklärte sie ihm. „Wir nehmen ihn mit nach Hause", wandte Lisa sich an die Ärztin. Diese nickte nur. „Ich sage dem Fahrdienst Bescheid." – „Nein", fiel Rokko ihr ins Wort. „Das… das kann ich nicht, Lisa." – „Du musst", brachte sie ihre ganze Kraft auf. „Du… du lässt uns doch nicht alleine, oder?" Lisa schüttelte den Kopf. „Niemals. Wir fahren jetzt nach Hause", bestimmte sie.

„Da sind Sie ja endlich. Ich habe mir schon Sor…" Hugo brach seine Ansprache ab, als er sah, dass Rokko Watson stützen musste. „Ich bin dann bei Kerima. Ich sage Bescheid, dass Sie heute nicht kommen und ich übernachte auch bei mir, ja? Dann haben Sie alle Zeit der Welt und ich… also… seine Wünsche zu erfüllen hat mir Spaß gemacht, aber das jetzt?", wandte er sich an Lisa. „Das kann ich verstehen. Erwarten Sie nicht, dass ich mich so schnell bei Ihnen melde, Herr Haas." Der Designer ging auf seinen kleinen Freund zu und umarmte ihn. „Du bist mein allerbester Freund. Ohne dich würde ich vermutlich immer noch mit toten Leuten sprechen. Ich werde nie vergessen, was du mir über das Sterben gesagt hast. Wirklich, ich versuche, es so zu sehen wie du, dass ich froh sein soll, dich kennen zu dürfen und das bin ich auch, aber du darfst mir nicht böse sein, dass mich deine Krankheit doch sehr traurig macht." Watson nickte matt. „Trotzdem, fang dich wieder, wenn es aus mit mir ist, ja? Male weiter deine bunten Klamotten und sei einfach nur du. Scher dich nicht um das, was andere denken könnten." Mit einem Nicken deutete Hugo an, dass er verstanden hatte. Er schenkte Rokko einen aufmunterndes, aber erzwungenes Lächeln und ging dann.

„Wo ist Miss Moneypenny?", wollte Watson mit brüchiger Stimme wissen. Er lag in seinem Bett – genauso wie kurz nach dem Moment, als er erfahren hatte, dass er Metastasen hatte: Lisa lag hinter ihm und hatte ihren Arm um ihn gelegt, Holmes lag vor um und tat es ihr gleich. Die rot getigerte Katze sprang in sein Bett und kuschelte sich in Höhe seines Bauches zwischen Watson und Holmes. „Ihr passt doch gut auf sie auf, oder?" – „Natürlich tun wir das", versprach Lisa. „Sie hat es gerne, am Kinn gegrault zu werden", gab Watson Anweisungen. „Sie mag es nicht, beobachtet zu werden, wenn sie in ihrem Katzenklo ist. Sie liebt ihre kleine Stoffmaus." – „Ich weiß, Watson, ich weiß. Wir passen gut auf sie auf. Es wird sich nichts für deine Miss Moneypenny ändern", versicherte Rokko seinem Sohn. Damit gab Watson sich erst einmal zufrieden. Erschöpft schloss er die Augen.

„Wenn ihr mal ein Kind kriegt", ergriff Watson das Wort, als Rokko schon nicht mehr damit rechnete, die Stimme seines Sohnes je wiederzuhören. „Also, du und Lisa, wenn ihr mal ein Kind habt, dann müsst ihr ihm von mir erzählen. Ich wäre doch dann so etwas wie ein großer Bruder." Nicht heulen, Lisa, du darfst nicht heulen – das habt ihr ihm versprochen. „Das werden wir tun", kämpfte Lisa mit den Tränen. „Wir werden dich nicht vergessen." – „Gut", stellte Watson zufrieden fest und schloss die Augen. „Weißt du noch, Watson, als ich dir damals das Fahrradfahren beigebracht habe?" Ein brummender Laut deutete an, dass der Angesprochene sich erinnerte. „Wenn Lisa und ich mal ein Kind haben, dann wird es bestimmt nicht hinfallen, weil ich ja mit dir gelernt habe, dass man das Rad nicht zu früh loslassen darf." Ein weiterer gutturaler Laut zeigte, dass Watson sich über diese Bemerkung amüsierte. „Und es wird auch erst mit der Volljährigkeit einen Mixer in die Hand kriegen. Ich glaube, die Nachmieterin in unserem Studentenzimmer hat noch Monate später Reste unseres Plätzchenteigs gefunden." Diesmal kam kein Laut von Watson.

„Rokko?", wandte Lisa sich an ihr Gegenüber. „Er hat aufgehört zu atmen. Einfach so", stellte Rokko unter Schock fest. „Ich weiß. Ich stehe jetzt auf und mache die nötigen Anrufe. Nimm dir noch ein bisschen Zeit." Lisa wälzte sich aus Watsons Bett und versuchte, sich nicht noch einmal umzudrehen. Doch an der Tür angekommen, konnte sie nicht anders. Das war doch nicht fair. Ein so großartiges Kind wie Watson, einfach tot. Das ging doch nicht! Was wohl gerade in Rokko vorging? Er war den ganzen Tag über so einsilbig gewesen und jetzt, da er mit einfallender Nacht endlich Worte fand, war es einfach so vorbei. Nur schwer konnte Lisa ihren Blick von Vater und Sohn abwenden. So ein friedliches Bild! Rokko und Watson eng umschlungen – diesen Anblick wirst du sicher nie vergessen.

„Hier ist meine Karte, wenn Sie Fragen haben, melden Sie sich bitte", wies der Bestatter Rokko an. Es war Lisa, die die Karte entgegennahm, weil Rokko zu sehr neben sich stand, um diese Flut an Informationen aufzunehmen. „Vielen Dank", meinte sie höflich und sah dem Sarg, der gerade hinausgebracht wurde, hinterher. „Wir melden uns ganz sicher in den nächsten Tagen. Watson hatte sehr klare Vorstellungen davon, wie seine Beerdigung verlaufen soll, das meiste ist vorbereitet." – „Gut. Sie bleiben doch über Nacht sicher hier, oder?", wollte der Bestatter mit einem besorgten Blick auf Rokko wissen. „Ja", entgegnete Lisa und hakte sich bei Rokko unter. „Na dann, gute Nacht", verabschiedete sich der höfliche Mann mittleren Alters. Kaum, dass er Rokkos Wohnung verlassen hatte, drehte dieser sich zu Lisa um. „Ich wäre jetzt gerne alleine. Geh nach Hause." Erschrocken riss Lisa die Augen auf. „Nein. Ich werde so ziemlich alles tun, aber ich lasse dich jetzt bestimmt nicht alleine." Rokko befreite seinen Arm von ihrem und bückte sich nach Miss Moneypenny. „Komm mal her", sprach er sie an. „Wir üben jetzt mal das Übernachten in meinem Schlafzimmer." Ohne noch einmal nach Lisa zu sehen, begab sich Rokko in Richtung besagtem Zimmers. „Rokko? Ich werde die ganze Nacht hier sein", sprach sie ihn auf das Sofa deutend an. „Wenn du nicht alleine sein willst oder mich vielleicht brauchst, dann bin ich hier, dann kannst du nach mir rufen. Bitte, versprich mir, dass du mich nicht ausschließt." Rokko nickte. „Soll ich irgendwen verständigen? Deine Eltern, deine Geschwister oder Watsons Mutter vielleicht?" Aus Rokkos Augen sprach Wut. „Julia? Julia hat sich ihr Leben lang einen Scheißdreck um Watson gekümmert, da interessiert es sie bestimmt auch herzlich wenig, dass er jetzt nicht mehr lebt – für sie dürfte das keinen Unterschied machen. Meine Eltern, du könntest meine Eltern anrufen. Ihre Nummer ist ganz oben eingespeichert." Rokko drehte sich um und verschwand in seinem Schlafzimmer. Ein leises Schluchzen zeigte Lisa, dass auch Rokkos Kraft ihre Grenzen hatte.