22.

„Rokko!" Lisa sprang von ihrem Schreibtisch auf. „Was machst du denn hier?", wollte sie besorgt wissen. „Ich arbeite hier?", entgegnete Rokko unsicher. „Aber offensichtlich wollte David mich nur hier haben, um mich zu quälen." – „David wollte dich hier haben? Dann gibt es bestimmt etwas für dich zu tun", meinte Lisa mit großen Augen. „Du weißt also auch von nichts?" – „Ähm, nein, aber ich bin mir sicher, dass David dich nicht grundlos herkommen lässt." Lisa umrundete ihren Schreibtisch und ging auf Rokko zu. „Hey", meinte sie nach seinen Händen greifend. „Vielleicht ist das ja auch mal eine Möglichkeit, dich abzulenken. Du liebst deinen Job doch und…" – „Die Arbeit, die Arbeit, immer nur die Arbeit", unterbrach Rokko Lisa ungehalten. „Wohin hat sie mich denn gebracht, he? Ich war nicht für meinen Sohn da, als er mich am dringendsten gebraucht hat und jetzt werde ich nie wieder für ihn da sein können." Da ist er wieder dieser Blick – über mich hinweg ins Leere. Jetzt hält er sich für angreifbar und will mir das nicht zeigen, aber so nicht, Rokko Kowalski, so nicht. „Das ist doch Unsinn", widersprach Lisa ihm. „Sieh mich an, Rokko", verlangte sie unüberhörbar. Als Rokko seinen Blick nur noch mehr abwandte, legte sie ihre Hände auf seine Wangen und drehte sein Gesicht so, dass er sie ansehen musste. „Du bist für Watson da gewesen. Rede dir doch nichts ein", beschwor sie Rokko eindringlich. „Ich verstehe dich nicht", zischte er. „Du rennst gleich am ersten Tag nach seinem Tod wieder zur Arbeit. Als gäbe es nichts Wichtigeres als Kerima Moda." – „Soll ich dir sagen, warum ich das tue? Weil ich es Watson versprochen habe. Ich habe ihm versprochen, mich nicht hängen zu lassen. Es fällt mir bestimmt nicht leicht, aber ich gebe mir große Mühe, dieses Versprechen einzulösen." – „Gib's doch zu: Du bist froh, dass Watson nicht mehr lebt. Jetzt hält dich nichts mehr bei mir. Es steht nichts mehr zwischen David und dir – er hat keinen schwerkranken Sohn, der einen viel Kraft kostet und dein kleines Sexproblem bist du ja jetzt auch los." Lisa widerstand dem Impuls, Rokko eine zu knallen. „Das ist echt nicht fair", brachte sie den Tränen nahe hervor. „Das ist nicht fair! Du bist nicht der einzige, der Watson vermisst – mir fehlt er auch!" Lisa machte eine Pause, um die aufsteigenden Tränen herunterzuschlucken. „Ich weiß, dass du momentan neben der Spur bist und darüber kannst du froh sein, denn sonst würde ich dir für deinen Spruch eben eine knallen. Wir hatten noch nicht die Möglichkeit, über unsere… unsere Nacht zu reden und ich weiß, dass es jetzt wichtigeres gibt, aber wie kannst du nur glauben, David hätte irgendetwas damit zu tun?" – „Womit habe ich etwas zu tun?", fragte der Geschäftsführer fröhlich. David hatte vergeblich darauf gewartet, dass sein Klopfen beantwortet würde, daher war er einfach in Lisas Büro getreten. Die letzten Reste des Gesprächs, das auf ihn wie ein Streit wirkte, hatte er zufrieden zur Kenntnis genommen. Wunderbar – so wie Kowalski im Moment drauf ist, wird er Lisa früher oder später so vor den Kopf stoßen, dass sie von selbst auf die Idee kommen wird, dass das zwischen ihm und ihr keine Zukunft hat. Du musst dann nur zur richtigen Zeit die starke Schulter zum Ausheulen bieten. Ob das wohl ein gutes Fundament für eine Beziehung ist? Wohl kaum, aber zumindest wäre es eine Beziehung. Du wärst Lisa dann näher als du es jetzt bist. Du liebst sie und sie liebt dich, auch wenn sie gerade temporär emotional verwirrt ist. „David, hast du Rokko hergebeten?", wollte Lisa wissen. „Ja, habe ich, aber Sie haben so lange gebraucht, um herzukommen, Kowalski, dass ich es dann doch schnell selbst gemacht habe. Ich dachte immer, PR wäre schwieriger, aber nö, war nicht so schwer." Selbstgefällig verschränkte David die Arme vor der Brust und wartete darauf, dass Rokko sich verteidigen würde. „Na dann…", entgegnete Rokko. „… schlage ich vor, Sie machen das noch eine Weile. Ich bin dann mal weg", verabschiedete er sich von Lisa. „Sehen wir uns zur Beerdigung?", fragte Rokko sie, bevor er ging. „Wenn du mich dabei haben willst…" – „Ja, das will ich. Vielleicht schaffen wir es ja hinterher, mal in Ruhe zu reden – ohne großes Gefühlsdrama und Vorwürfe und so…" – „Das würde mich freuen." – „Gut, dann bis später."

„David, war das wirklich nötig?", wandte Lisa sich an ihren Geschäftsführer, nachdem Rokko gegangen war. Nur mit Mühe brachte sie die nötige Selbstbeherrschung auf, um nicht sofort loszuweinen. „Bitte?", fragte David möglichst unschuldig. „Du bist doch lange genug im Geschäft, um zu wissen, was du alleine hinkriegst und wofür du professionelle Hilfe brauchst. Hättest du nicht erst die Lage abschätzen können? Du weißt doch, dass es Rokko zurzeit nicht so gut geht." – „Lisa, mach mal halblang. Der Junge ist jetzt zwei Wochen tot und Kowalski ein Profi…" – „Aber heute Nachmittag ist die Beerdigung. Was glaubst du, wie er sich fühlst? Denkst du wirklich, ihm ist danach, Anzeigen Korrektur zu lesen oder was auch immer gerade anstand?", unterbrach Lisa ihn scharf. David schnappte nach Luft, da er etwas erwidern wollte, aber als er die Tränen in ihren Augen sah, hielt er sich zurück. „Komm mal her", forderte er Lisa auf und legte seine Arme um sie.

„Fehlen nur noch Hugo und Lisa", stellte Rokko am Nachmittag fest. Seine Schwester Inga sah sich suchend um und entdeckte einen Wagen, der vor dem Friedhofstor vorfuhr. „Das werden sie sein, oder?", wandte sie sich an ihren Bruder. „Könnte sein, aber so wie ich Lisa kenne, arbeitet sie wieder bis kurz vor knapp", antwortete er verbittert. „Das ist ihre Art damit umzugehen", nahm Inga die ihr unbekannte Frau in Schutz. „Du liegst apathisch in deinem Bett und bist kaum ansprechbar und sie arbeitet – bei beidem kommt nicht viel Sinnvolles heraus, würde ich mal vermuten." – „Hm, wahrscheinlich hast du Recht", gestand Rokko. „Klar, ich bin zwar kleiner als mein kleiner Bruder, dafür bin ich aber doppelt so clever", versuchte sie zu scherzen. „Im Moment lassen alle dir vieles durchgehen, aber wenn du merkst, dass du über das Ziel hinausgeschossen bist, dann darfst du das gerne zugeben und dich entschuldigen." Die dunkle Limousine mit dem überdimensionalen Firmenlogo darauf hielt und wenig später standen Lisa und Hugo bei den Kowalskis. „Inga", stellte sich Rokkos Schwester kurz vor. „Das sind Simeon, Peter und Ina", fuhr sie fort. „Marianna konnte leider nicht kommen. Sie erwartet ihr zweites Kind und soll nicht fliegen, aber sie lässt alle herzlich grüßen." Lisa musterte Rokkos ältere Schwester eindinglich: Sie hatte ihr dunkles, krauses Haar streng zurückgesteckt, ihren Mund zierten einige Lachfalten und ein paar Sommersprossen auf den Wangen verliehen ihrem runden Gesicht einen frechen Ausdruck. „Unsere Eltern sind schon in der Kirche", erklärte sie Lisa. „Vielleicht sollten wir da auch langsam hingehen", schlug Hugo vor. „Haben Sie die Rede vorbereitet, um die ich Sie gebeten habe?", fragte Rokko ihn leise. „Ja, wie ich es versprochen habe, auch wenn ich glaube, dass ich sie nicht tränenfrei halten kann." – „Ich schätze, das gehört zu einer Beerdigung dazu", erwiderte Rokko, bevor er an den wartenden Trauergästen vorbei auf den Friedhof ging. „Ist zwischen euch alles in Ordnung?", wandte Inga sich an Lisa. „Ich… ich denke schon", erwiderte diese. „Wir haben uns gestritten", fuhr sie fort, wobei ihr eine dicke Träne die Wange hinunterkullerte. Wieso vertraue ich mich dieser wildfremden Frau an? Sie ist nicht wildfremd, sie ist Rokkos Schwester. Außerdem hat sie gefragt. Lisa spürte, wie Inga sich bei ihr unterhakte. „Ich glaube, wir sind alle sehr aufgewühlt und so wie ich meinen Bruder kenne, tut ihm der Streit schon wieder leid. Wenn dieses ganze Zeremoniendings hier vorbei ist und alle sich etwas beruhigt haben, dann kriegt ihr das schon wieder auf die Reihe." Hoffnungsvoll sah Lisa ihrem Gegenüber in die braunen Augen. „Glaubst du… äh… glauben Sie?" – „Du ist schon in Ordnung und ja, das glaube ich. Hey, wir beerdigen heute Rokkos Sohn, wir sind alle mit den Nerven am Ende…" Inga brach ab, weil sie nicht wusste, was sie Lisa hätte noch sagen können. „Komm", forderte sie sie auf und beschleunigte ihr Tempo. Mit Rokko auf einer Höhe löste sie ihren Arm aus Lisas und stieß ihren Bruder an. Rokko drehte sich zu Lisa um. Ein lauter Seufzer entfuhr ihm, als er anhielt, um sie zu umarmen. „Es… es…" – „Sag nichts", verlangte Lisa leise. „Ich bin hier, um dir zu helfen das hier durchzustehen." Sie spürte, wie Rokko auf ihrer Schulter nickte.

„Einer der ersten Sätze, die Watson zu mir sagte, war: ‚Hast du noch alle Latten am Zaun?' Das war zwar nicht sehr höflich, aber durchaus von Nöten, denn ich hatte nicht alle Latten am Zaun. Niemand hat sich getraut, so wie Watson mit mir zu sprechen. Es gab wohl keinen ehrlicheren Menschen als Watson. Wie sagte er immer? Man hat nichts zu verlieren, außer Zeit und wieso sollte man die mit sinnlosen Höflichkeiten verschwenden? Heute heißt es für mich, Abschied zu nehmen von einem außergewöhnlichen Menschen, dem wohl ehrlichsten, aufrichtigsten und erfrischendsten jungen Mann, den ich je meinen Freund nennen durfte. Am liebsten würde ich jetzt das tun, was Watson mir gezeigt hat: Meine ganze Wut über diesen so sinnlosen Tod hinausschreien, aber ich schätze, in einem Gotteshaus käme das nicht so gut. Obwohl… Watson hat sich nie darum geschert, was andere von ihm dachten, solange er glaubte, das Richtige zu tun. Mein lieber, kleiner Freund, du bist vielleicht von uns gegangen, aber in meinem Herzen lebst du weiter. Du hast mir so viel mitgegeben, das ich auf meinem weiteren Lebensweg beherzigen möchte, dass ich hier wohl bloß Danke sagen. Danke, dass ich dich kennen lernen durfte, Danke, dass du mich beeinflusst hast, Danke, dass du der eine unter sechs Milliarden Menschen warst." Seufzend faltete Hugo seinen Notizzettel zusammen. So viel unstrukturiertes Gekritzel – das hätte Watson, der doch immer so penibel auf Ordnung in seinem Kleiderschrank geachtet hatte, bestimmt nicht gefallen. Aber er hätte Gefallen daran gefunden, dass du dich so gut mit Oksana verstehst. Ihm hätte es gefallen, dass du ausgerechnet mit einer ehemaligen Prostituierten anbandelst und das ausgerechnet in einer Branche, die es wie keine andere verstand, sich das Maul über jemanden zu zerreißen. Langsam drehte Hugo sich zu dem Sarg mit dem aufgesprühten Familienbild und verneigte sich. Die letzte Ehre erweisen, hieß es doch und wenn überhaupt jemand diese Geste verdient hatte, dann war es dieser kleine Junge. Ohne dich hätte ich wohl versucht, Britta zu folgen. Ich verdanke dir also mein Leben. Egal, wo du bist, hoffentlich hat Britta ein Auge auf dich.

„Als Watson noch klein war, da hat er sich gerne hingestellt und dann geschimpft, weil er nicht wieder auf den Boden kam", erinnerte Rokko sich bei Kaffee und Kuchen. „Daran kann ich mich auch erinnern", verkündete Rokkos Mutter. „Das war zu süß. Er hat so verbissen probiert zu stehen und als er dann endlich stand, hat es den Reiz für ihn verloren und er wollte wieder runter. Das klappte dann prompt nicht und er hat gemeckert – er hat nie geweint oder gegnatzt, wenn so etwas war, er hat nur gemeckert, so als würde er mit sich selbst schimpfen." – „Hm, und als er das erste Mal alleine gelaufen ist, da bin ich zu spät zu Physik gekommen. Das war so aufregend. Ich hatte eine Freistunde und bin nach Hause gegangen. Wir haben ein bisschen gespielt und er hat sich an meinem Bett entlang gehangelt, so wie er das schon einige Zeit konnte und plötzlich hat er sich zu mir umgedreht und ist auf mich zu gelaufen. Er ist durch mein Zimmer getapst und hat dabei gelacht – ich bin mir sicher, er hat sich gefreut, dass er endlich alleine laufen konnte. Ich hätte ihm ewig dabei zusehen können, habe die Zeit darüber vergessen. Ich weiß noch, ich kam in den Physikraum – ich hatte die Rapf in dem Jahr", wandte Rokko sich an seinen Bruder Peter, der sofort wissend nickte. „Die wollte doch immer, dass man sich so wortreich entschuldigt, oder?", fragte er. „Genau. Ich habe mich dann entschuldigt mit den Worten: ‚Es tut mir aufrichtig leid, zu spät zu sein, aber mein Sohn ist in meiner Freistunde das erste Mal alleine gelaufen' – die hat mich angeguckt wie ein Bus, wenn es donnert. ‚Eigentlich tut es mir nicht leid, dass ich zu spät bin, denn das war viel besser als Ihr Physikunterricht', ging dann meine Euphorie über Watsons erste Schritte mit mir durch." – „Da war die Rapf wohl wenig begeistert, oder?", lachte Peter. „Nee, aber ich war es. Mein kleiner Junge war dann nicht mehr so klein. Er konnte ja schon laufen." Abwesend begann Rokko zu lächeln. „Irgendwann hat er dann versucht, schneller zu laufen und zu rennen. Er hatte Freude daran, sein Lieblingsspielzeug von einer Zimmerecke in die andere zu schleppen – einfach so, weil er es konnte." Lisa spürte, wie ihr zum wiederholten Male an diesem Tag Tränen in die Augen schossen. „Ich koche noch eine Kanne Tee", murmelte sie und verschwand in Rokkos Küche. Wieso ist das eigentlich kein abgeteilter Raum mit vier Wänden, wie sich das gehörte? Dann könnte ich jetzt heulen und niemand würde etwas merken. Aber so…? So hatte es keinen Sinn, wegzugehen – alle würden es trotzdem mitkriegen. Ins Bad, ja, ins Bad – da sieht mich keiner. Durch den Tränenschleier vor ihren Augen sah Lisa gar nicht, dass Siegfried bereits auf dem Flur, der zum Badezimmer führte, stand. „Ist nicht einfach, oder?", fragte er Lisa, die nur mit dem Kopf schüttelte. „Es ist okay, traurig zu sein. Wir haben Watson alle geliebt, oder? Er war ein ganz besonderes Kind. Weißt du, was mir hilft?" Wieder schüttelte Lisa den Kopf. „Dass er nicht gelitten hat. Nichts wäre schlimmer für den Jungen gewesen, als langsam dahinzusiechen. Dafür war er viel zu quirlig und unternehmungslustig. Immer wenn wir telefoniert haben, dann hat er von dir und diesem Hugo erzählt. Er hat dich wirklich gern… gehabt." Der stämmige Mann ging auf Lisa zu und legte seine Hände auf ihre Schulter. „Pscht, Mädchen, nicht weinen – das wollte Watson doch nicht. Ich habe ja auch nie gedacht, dass ich meinen Enkel mal überleben werde. Weißt du, ich habe versucht, Rokko einen Tipp zu geben, aber im Moment ist es schwierig, einen Zugang zu ihm zu finden, darum sage ich es dir: Ihr müsst euch jetzt gegenseitig Halt geben. Meine erste Ehe ist genau deshalb in die Brüche gegangen: Weil ich alles mit mir alleine auskämpfen wollte. So eine Beziehung muss gepflegt werden und ich glaube, dass eure Beziehung nach dieser… nun ja… schweren Zeit nur stärker sein kann, aber ihr dürft euch jetzt nicht voneinander zurückziehen." Lisa schniefte kurz. „Es ist ja nur… also, ich habe den Eindruck, ich könnte dieser ganzen Flut von Gefühlen keinen Lauf lassen, solange ich Rokko nicht geholfen habe, aber er lässt mich zurzeit nicht an sich heran – eher im Gegenteil." Siegfried nickte verstehend. „Mutti… also… Rosi… also Rosemarie, meine Frau und ich, wir sind noch ein paar Tage hier – ich rede unserem Nesthäkchen schon noch ins Gewissen, versprochen.