23.
Die Decke anstarren – schon wieder, als würde er das nicht schon lange genug machen. „Rokko?" Der Angesprochene sah kurz auf. „Was machst du denn hier, Lisa?" – „Ich dachte, ich sehe mal nach dir. Hugo hat mir seinen Schlüssel geliehen und…", seufzend brach Lisa ab. Allein der hohle Ausdruck in Rokkos Augen zeigte ihr, dass er sie wieder einmal nicht an sich heranlassen würde. Lisa kroch zu Rokko ins Bett und kuschelte sich an ihn. „Es ist Lasagne im Ofen und einen Salat habe ich auch gemacht." – „Keinen Appetit." – „Aber Hunger hast du doch sicher, oder? Hast du heute schon etwas gegessen?" Rokko schüttelte mit dem Kopf. „Gestern? Vorgestern? Kannst du überhaupt noch sagen, wann du das letzte Mal etwas gegessen hast?", fragte Lisa in einer Mischung aus Sorge und Vorwurf. „Nein. Und jetzt nerv nicht damit. Meine Mutter fragt das auch ständig." – „Ja, aber deine Mutter ist zu weit weg, um zu überprüfen, ob du unserer Nerverei auch nachkommst. Rokko, es ist niemandem geholfen, wenn du hier langsam verhungerst." – „Ich verhungere nicht", ergriff Rokko trotzig das Wort. „Ich werde mich nicht schon wieder mit dir streiten. Du weißt genau, was ich davon halte, dass du dich so gehen lässt." Unwirsch schob Rokko Lisa von sich. „Und warum kommst du dann immer wieder an, wenn ich so eine Last bin?" – „Weil ich dich liebe", antwortete Lisa ehrlich. „Ich habe gehofft, ich könnte dir irgendwie helfen, aber das ist wohl nicht der Fall." Mit traurigen Augen sah sie Rokko an. „Wann genau hast du eigentlich gemerkt, dass du mich liebst? Nachdem ich dir die Pistole auf die Brust gesetzt habe und wollte, dass du dich endlich entscheidest oder nachdem David dich nicht mehr wollte?" – „Merkst du eigentlich, wie weh du mir mit diesen Bemerkungen tust?" Empört kletterte Lisa aus Rokkos Bett. „Ich weiß nicht, warum du ständig darauf herumreitest. Letztlich ist es doch nicht wichtig, was war, solange ich dich jetzt liebe. Aber mal ganz ehrlich, ich bin mir nicht sicher, ob ich das noch lange ertrage." – „Na fein, dann eben nicht. Häng dich wieder an David!" Rokko drehte sich demonstrativ zur Wand. „Watson würde es nicht gefallen, dass du dich so verhältst", versuchte Lisa erneut, Rokko zur Vernunft zu bringen. „Nächste Woche ist Heilig Abend", fuhr sie fort. „Ich hatte gehofft, wir… wir würden Weihnachten vielleicht zusammen feiern." – „Das haben wir doch schon mal. Weißt du noch, was beim letzten Mal passiert ist? Es hat einen Toten gegeben." Lisa schluckte den Kloß in ihrem Hals herunter und krabbelte wieder in Rokkos Bett. Mitfühlend schlang sie ihren Arm um seine Taille „Hey, das ist doch Unsinn. Glaub mir, Weihnachten mit meinen Eltern wird bestimmt lustig. Das bringt dich bestimmt auf andere Gedanken." Rokko schob Lisas Hand von sich. „Ich wäre jetzt lieber alleine." Resignierend stand sie auf. „Denk bitte darüber nach. Und vergiss die Lasagne nicht, ja? Wenn etwas ist, du kannst mich jederzeit anrufen."
„Ich fahre über die Feiertage nach Flensburg. Eigentlich wollte ich dir ein Geschenk besorgen, aber… das habe ich noch nicht geschafft. Ich bringe dir was von dort mit, ist das okay?" – „Natürlich ist es das. Ich habe auch bloß eine Kleinigkeit für dich. Was hältst du davon, wenn wir die Geschenke erst tauschen, wenn du wieder hier bist?" Nachdenklich betrachtete Lisa das liebevoll eingepackte Geschenk, das auf ihrem Schreibtisch lag. Wie lange lag es jetzt dort? Zwei Monate oder drei? Eher drei. Und dann dieser Anruf in der vergangenen Woche. „Hör zu, Lisa, ich bleibe länger hier. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich je wieder nach Berlin komme… Nein, du musst nicht alles stehen und liegen lassen und hierher kommen… Lisa… Ja, es tut mir sehr leid, dass die Ehe deiner Eltern dabei ist zu zerbrechen und… Ja, ich glaube dir, dass dein Halbbruder ein netter Mann ist, aber… Hör mir doch einfach einmal zu: Ich brauche Abstand. Wir haben beide gemerkt, dass es nicht lief, so wie ich in letzter Zeit drauf war. Ich schlage vor, wir… Lisa, such dir jemanden, der dich glücklich machen kann." Sieht so aus, als wäre Siegfrieds Ansprache nicht auf fruchtbaren Boden gefallen, dabei hatte ich doch all meine Hoffnung in dieses Vater-Sohn-Gespräch gesetzt. Wenn er in Flensburg ist, dann reden ihm seine Eltern und Geschwister schon gut zu. Wie man sich täuschen kann – da habe ich doch tatsächlich gedacht, seine Familie würde mich ein wenig mögen. Insgeheim hatte ich gehofft, die Feiertage und auch sein anschließender Urlaub in Flensburg würden ihm gut tun. Wenn er wiederkommt, dachte ich, würden wir endlich gemeinsam über Watsons Tod hinwegkommen. Stattdessen gehe ich jeden Tag alleine auf den Friedhof. Adrian Kowalski steht auf dem biederen Grabstein. Erst Bruno hat mich auf die Idee gebracht, dass man ein Nummernschild mit „Watson" darauf anfertigen lassen könnte. Irgendwie ist es schön plötzlich einen Bruder zu haben. Anfänglich war es ungewohnt, aber jetzt ist es schön. Wir ticken sehr ähnlich und verstehen uns richtig gut. Heute sollte er mich nur zum Friedhof fahren, aber er hat einen kleinen Umweg gemacht und wir haben so ein Nummerschild besorgt. Ich habe es auf Watsons Grab gestellt – ganz gerade und sehr mittig, so wie es ihm wohl auch gefallen hätte. Das mit den Steinpilzen funktioniert nicht so gut – vielleicht ändert sich das im Herbst. Vorsorglich habe ich schon zwei Keramikpilze besorgt und sie auf das Grab gestellt. „Ich verstehe nicht, warum du dich davon so fertig machen lässt", meinte Bruno. „Er hat dich einfach nicht verdient, wenn er dich so absägt. Der soll mir mal nicht begegnen – meiner kleinen Schwester so weh zu tun. Zu trauern ist ja schön und gut, aber langsam könnte er sich wieder einkriegen. Wenigstens hatte er mit dem einen Recht: Du hast jemanden verdient, der dich glücklich macht. Also fang an zu suchen." Tja, das habe ich wohl getan oder zumindest versucht: Heute habe ich ein Date mit David. Das ist schon unser zweites und trotzdem irgendwie das erste. Boah, ging es mir schlecht während des ersten. Ich weiß auch nicht, was mit mir los war. Es ging mir super, bis er das ohnehin schon edle Essen mit Trüffel aufwerten ließ – dieser Geruch! Da stieg irgendwie Übelkeit in mir auf. Heute geht es mir jedenfalls gut und ich werde das beste aus diesem Date machen, das ich daraus machen kann! David liebt mich – sagt er. Und ich? Naja, vor Rokko habe ich ihn geliebt und ich schätze, wenn ich genug Zeit mit ihm verbringe, komme ich auch dahin wieder zurück.
Meine Fensterbank ist in solchen Momenten immer noch der beste Platz zum Grübeln. Von unten dringen schon wieder die Stimmen meiner Eltern zu mir. Seit Bruno aufgetaucht ist, streiten sie sich so oft. „Du kannst nicht erwarten, dass ich auf Bruno reagiere wie Lisa auf Watson reagiert hat, denn wir zwei waren schon zusammen, als du Bruno gezeugt hast." – „Hör mir auf mit diesem polnischen Boxer, das ist doch etwas ganz Anderes. Ja, der hatte den Sohn schon, bevor er sich an unsere Tochter herangemacht hat, dafür hat der feine Herr Werbefachmann sie auch eiskalt sitzen lassen." Watte in den Ohren – ich bräuchte Watte in den Ohren. Ich kann diese Diskussion nicht mehr hören! Bruno ist Neujahr bei uns aufgetaucht, hat einfach so bei uns geklingelt und sich als Papas Sohn vorgestellt. Wenn Blicke töten könnten, wäre mein… unser Vater in jenem Moment wohl ein toter Mann gewesen. Hier flogen ganz schön die Fetzen – Papa hat sogar eine Weile bei den Seidels gewohnt und ich schätze, es war da, dass er so einen Narren an David gefressen hat. Mittlerweile haben sich meine Eltern soweit eingekriegt, dass mein Vater wieder bei uns wohnen darf und meine Mutter sich die Mühe macht, Bruno kennen zu lernen. Mein unerwartet aufgetauchter Halbbruder kommt jetzt regelmäßig zum Abendessen, trotzdem streiten sich meine Eltern immer noch recht häufig. Ich warte noch darauf, dass irgendwann alles gesagt ist – ich glaube, sie haben erst die Chance sich richtig zu versöhnen, wenn all die ungesagten Dinge gesagt und vor allem besprochen sind. Jedenfalls hat mein alter Herr mir gut zugeredet, Davids Einladung anzunehmen und das habe ich auch getan: Naja, dem ersten Date habe ich letztlich nur zugestimmt, weil alle mich gedrängt haben. Das zweite schulde ich David jetzt wohl, nachdem mir einfach so die Vorspeise aus dem Gesicht gefallen ist. Eigentlich habe ich keine Lust – ich kann mir schon vorstellen, wie das gleich ablaufen wird: David wird mit dem größten Auto aus seinem Fuhrpark hier vorfahren, dann geht's in irgendein schickes Restaurant, ein Kompliment hier, eins da, dann vielleicht noch zu einem Konzert, einer Ausstellung, einer Vernissage, irgendein ausgewähltes Kulturprogramm eben. Rokko ist nicht so berechenbar. Ich schätze, darum sitze ich hier und heule mir schon wieder die Augen aus – weil er eben nicht berechenbar ist, denn hätte ich gewusst, dass ich seinetwegen mal genauso leide, wie ich schon wegen David gelitten habe, dann hätte ich es wohl vorgezogen als alte Jungfer zu sterben. Allein schon die Vorbereitungen für dieses Date nerven einfach nur. Alle meinen, ich hätte abgenommen, seit Rokko weg ist, aber meine Hosen und Röcken sagen etwas Anderes – sie sagen: Ja, wir schlackern um deine Beine, aber am Bauch kriegst du uns trotzdem nicht zu. Ich würde mich lieber in meinen Schlafanzug werfen und noch eine Weile hier sitzen und grübeln… „Schnattchen? Der junge Herr Seidel ist da!"
„Das war ein sehr schöner Abend", verabschiedete David sich von Lisa. „Hm, das war es." Okay, Seidel, jetzt oder nie. David legte seine Hand auf Lisas Wange. „Es gäbe nur eine Sache, die diesen Abend noch krönen würde." Langsam beugte er sich vor. Gleich, gleich kannst du sie küssen. Sie wird darüber diesen Pausenclown von Kowalski vergessen und ihr werdet glücklich bis an euer Lebensende – ein Art modernes Aschenputtel, davon hat Lisa doch all die Monate in deinem Vorzimmer geträumt. David staunte nicht schlecht, als Lisa ihr Gesicht wegdrehte. „Es tut mir leid, David." – „Was ist? Meinst du nicht, du hast dir genug Zeit genommen, um über Kowalski hinwegzukommen? Wenn es das ist – ich kann noch länger warten, wenn es sein muss… Ich liebe dich doch." Resignierend schüttelte Lisa den Kopf. „Das ist es nicht. David, das, was ich hier mache, das ist nicht fair – vor allem dir gegenüber. David, ich liebe dich einfach nicht… nicht mehr." Enttäuschung stand in Davids dunklen Augen. „Aber… aber das lässt sich doch ändern. Ich würde alles dafür tun. Was möchtest du unternehmen? Eine Reise nach Paris oder doch lieber nach Wien oder Prag… Wir könnten ans Meer fahren oder…" Lisa seufzte laut, was David verstummen ließ. „Bitte, Lisa, sag mir, was ich tun kann." – „Nichts, David, du kannst nichts tun – außer einfach nur mein Freund zu sein." – „Das kann ich nicht. Ich liebe dich und ich will dich." – „Manchmal kann man aber nicht haben, was man haben will. Du musst doch gemerkt haben, dass unser Date hier… das das nicht so war, wie es hätte sein sollen." – „Aber…" – „Bitte, David, geh einfach nach Hause. Lass es uns als Erfahrung verbuchen, ja? Wir sehen uns in der Firma." Lisa wartete Davids Reaktion gar nicht mehr ab. Hastig verschwand sie hinter der Tür zu ihrem Elternhaus.
