24.
„Morgen", murmelte Lisa. „Guten Morgen! Dein Date war wohl nicht so doll – du siehst echt scheiße aus, wie ne Rolle Drops beim Kacken", entgegnete Jürgen. „Ja, es war nicht so doll, aber ich glaube, ich sehe scheiße aus, weil ich schon den ganzen Morgen Bauchschmerzen habe." Stöhnend ließ Lisa sich auf die Bank fallen. „Ich schätze, mit einem Schokoriegel brauche ich dir nicht kommen, oder?" Jürgen begann in einer Kiste zu wühlen. „Hagebutte, Pfefferminz, Kamille – ist einer von diesen Tees gut gegen Magenbeschwerden?", sinnierte er vor sich hin. „Besser gar nichts davon", entschied Lisa. „Im Moment ist nämlich gerade Ruhe und ich würde es ungern provozieren." – „Aha, das hat also nichts mit dem Magen zu tun, sondern ist so ein Frauending." – „Ich habe keine Ahnung, was es ist, Doktor Jürgen, aber es muss schleunigst aufhören, ich könnte mir nämlich vorstellen, dass es heute bei Kerima nicht so lustig wird – immerhin habe ich David einen Korb gegeben." – „So sehr mich auch der Korb für David interessiert, würde ich lieber deine Bauchschmerzen ergründen. So wie ich dich kenne, ist das nur irgendeine Kleinigkeit, aber du verschleppst sie und musst dann ins Krankenhaus und zur Reha und… na du weißt schon. Also, stechender oder dumpfer Schmerz?" Lisa rollte mit ihren großen, blauen Augen. „Wenn du es so genau wissen willst: Es fühlt sich an, als würde mich etwas treten." – „Von Innen?", wollte Jürgen alarmiert wissen. „Ähm… ja, von wo denn auch sonst?" – „Von Außen zum Beispiel", entgegnete Jürgen gereizt. „Tja, wer dumme Fragen stellt, muss auch dumme Antworten einstecken können. Sag mal, die Tritte… fühlst du die weiter oben so hier…" Jürgen deutete auf seinen Magen „… oder eher hier?" Diesmal deutete Jürgen auf seinen Unterbauch. „Eher weiter unten, wieso?" Jürgen war hinter seinem Tresen hervorgesprungen und durchwühlte sein Zeitungsregal. „Jürgen, du benimmst dich wie eine Furie. Was ist denn nur los?" – „Lisa, wie lange ist dein Sex mit Rokko her? Das war doch in der Nacht vor Watsons Tod, oder?" – „Ähm, ja. Jürgen, worauf willst du hinaus?" – „Das ist so 19… 20 Wochen her, oder?" Lisa begann mit ihren Finger zu zählen. „21, wieso?" Lisa stand auf und ging zu Jürgen herüber. „Was machst du da?" – „Ich forsche, so wie du damals." – „Eine Erziehungszeitschrift?", fragte Lisa zweifelnd. „Das ist keine Erziehungszeitschrift, sondern eine über Schwangerschaft und Säuglinge. Lisa, laut dieser Zeitschrift spürt eine Frau ungefähr im fünften Monat ihr ungeborenes Kind das erste Mal." – „So ein Unsinn, Jürgen!", widersprach Lisa aufgebracht. „Wieso sollte das Unsinn sein? Es steht doch hier." – „Das war vorbeugend, denn als nächstes behauptest du, ich sei schwanger", lachte Lisa. „Und was ist daran so komisch? Es ist doch möglich, oder?" – „Quatsch. Jürgen, das war mein erstes Mal." – „Hast du die Bravo nicht richtig gelesen? Man kann durchaus beim ersten Mal schwanger werden. Was glaubst du, warum es so viele minderjährige Mütter gibt?" – „Und wir haben verhütet", triumphierte Lisa. „Mit nem Pariser? Die Dinger haben 1 Versagerquote. Die können reißen oder irgend ein Witzbold hat sie in der Drogerie durchlöchert oder das Latex war porös oder…" – „… oder der Mond stand im Wassermann oder es gab Sonnenaktivitäten. Die A9 soll in der Nacht ja auch voll gesperrt gewesen sein. Jürgen, mach dich doch nicht lächerlich." Wütend entriss Lisa Jürgen die Zeitschrift und knallte sie wieder ins Regal. „Stimmungsschwankungen hast du auch: Eben lachst du noch und jetzt frisst du mich roh. Lisa, ich will dir doch nichts Böses, aber beschwer dich nicht, wenn bei deinen nächsten Bauchschmerzen ein Kopf zwischen deinen unkeuschen Schenkeln hervorguckt." – „Jürgen!", ermahnte Lisa ihren Freund abermals. „Ich war nicht unkeusch – naja, doch irgendwie schon, aber ich habe nicht einfach so mit Rokko geschlafen, sondern weil ich ihn liebe." – „Und konsequenterweise kriegst du jetzt sein Kind", kommentierte Jürgen weiter. „Nein!", widersprach Lisa. „Lies von meinen Lippen: Ich bin nicht schwanger." – „Lies von meinen: Geh zum Arzt und lass es feststellen, denn wenn du es bist, hat Rokko ein Recht darauf, es zu wissen und wenn nicht, dann kriegst du die Bravo ein Jahr lang gratis von mir."
„Siegfried Kowalski?" – „Hallo, hier ist Lisa Plenske. Ich habe versucht, Rokko auf seinem Handy zu erreichen, aber das ist abgeschaltet und ich habe etwas wirklich Wichtiges mit ihm zu besprechen, dass ich ungern auf die Mailbox sprechen möchte und…" – „Du möchtest wissen, ob er hier ist?" – „Ähm… ja." – „Tut mir leid. Er ist in der Agentur." – „Agentur?", fragte Lisa unsicher nach. „Ja. Die, die sein ehemaliger Studienfreund gerade aufmacht. Er hilft da, wo er kann." – „Ach so", bemerkte Lisa enttäuscht. „Kann ich ihm etwas ausrichten?" – „Nein, besser nicht. Er soll mich aber bitte anrufen – es ist wichtig. Besser wäre natürlich, er würde herkommen." – „Naja, das verstehe ich natürlich, aber… naja… es geht Rokko in letzter Zeit sehr viel besser. Seine Mutter und ich, wir befürchten, dass sich das ändert, wenn er wieder in Berlin ist." – „Das kann ich gut verstehen, aber er wird nun einmal hier gebraucht." Zu ihrer eigenen Überraschung klang Lisa aggressiver als beabsichtigt. „Er muss langsam wieder Verantwortung für sich und andere übernehmen." Siegfried zögerte einen Moment. Was wollte Rokkos Freundin… Ex-Freundin oder wie auch immer man ihre Funktion in Rokkos Leben bezeichnen wollte, ihm mit dieser kryptischen Aussage nur klar machen. „Das sage ich ihm auch immer wieder, aber letztlich ist es für mich als Vater nur wichtig, dass es ihm besser geht." – „Können Sie sich an das erinnern, was Sie mir auf Watsons Beerdigung über Ihre erste Ehe gesagt haben?", fragte Lisa trotzig. „Ja, und ich werde dafür sorgen, dass Rokko dich zurückruft."
„Lisa, was ist denn los?", wollte David und Bruno gleichzeitig von ihrer Chefin wissen. In der Tür zu ihrem Büro waren die beiden Männer in ihrer Aufregung sogar zusammengestoßen. „Wieso hast du eine Vorstandssitzung einberufen?", fragte David. „Und warum so kurzfristig?", fügte Bruno hinzu. „Sollten Sie mit Ihrem Schuhtick nicht im Atelier sein und zeichnen?", zischte David Lisas Halbbruder an. „Ich bin schon fertig", triumphierte dieser. „Außerdem hat Frau Pietsch mir gerade gesagt, dass ich bei dieser Versammlung dabei sein soll und ich wüsste gerne warum." – „Das würde mich auch mal interessieren. Dass Hugo dabei ist, ist klar, er hat Anteile, aber… der da", meinte David abfällig. „Der da ist mein Halbbruder, David", wies Lisa den Geschäftsführer zurecht. „Und ich in meiner Funktion als Mehrheitseignerin habe diese Sitzung anberaumt – warum erfahrt ihr dann und Bruno will ich dabei haben, weil ich eben will. Das muss als Erklärung reichen." Gekränkt zog David sich zurück. „Ich hole dann mal mein Schreibzeug", verkündete er und verließ Lisas Büro. „Okay, Schwesterherz, was ist los?" – „Du solltest dich setzen", forderte Lisa ihren Bruder auf. Dieser tat, was sie verlangt hatte und sah sie aufmerksam an. „Du wirst Onkel." Brunos Unterkiefer klappte runter. „Ähm, ist mir etwas entgangen? Ich dachte, außer diesem Rokko hätte es nie einen Mann in deinem Leben gegeben." – „Gab es auch nicht. Ich bin bereits im fünften Monat." – „Wie lange weißt du es schon?" – „Seit einer Stunde." – „Sag jetzt bitte nicht, du hattest überhaupt keine Ahnung. Lisa, das kann doch echt nicht sein." Lisa drehte sich ins Profil und spannte ihre Bluse straff über ihren Bauch. „Sieht das aus, als wäre ich im fünften Monat schwanger?" – „Naja, gewölbt ist er schon, wenn auch nicht viel. Aber bitte, ein dicker Bauch ist ja nun nicht das einzige Zeichen für eine Schwangerschaft." – „Horch zu, ich will überhaupt nicht darüber diskutieren, ob ich es hätte eher merken müssen oder nicht, sondern über die Vorstandssitzung. Mit der Schwangerschaft und dem zu erwartenden Baby ist ja wohl klar, dass ich nicht ewig so weiterarbeiten kann wie jetzt. Ich überschreibe dir meine Aktien. Es ist alles in die Wege geleitet. Auf der Vorstandssitzung werde ich ankündigen, dass du hier ab sofort das Sagen haben wirst." Ohne eine Gefühlsregung sah Lisa ihrem Bruder ins Gesicht. „Das kannst du nicht machen", flüsterte dieser ehrfürchtig. „Ich bin Schuster, ich kann kein Unternehmen wie Kerima führen." In Panik erhob sich Bruno und marschierte in Lisas Büro auf und ab. „Die erste Zeit werde ich noch da sein und dir helfen. Kerima hat auch einen Geschäftsführer. David wird zwar schwer daran zu knabbern haben, dass ich nicht ihm diese Verantwortung übertrage, aber er wird sich daran gewöhnen und dir dann auch ganz sicher helfen." – „Onkel, he? Onkel Bruno… klingt irgendwie altbacken", sinnierte der junge Mann. „Uncle B. Nee, das klingt scheiße." – „Es wird nicht schlüpfen und sofort sprechen – du kannst dir also in Ruhe überlegen, wie es dich nennen soll", grinste Lisa. „Ich werde Onkel", strahlte Bruno mit einem Mal. „Und ich werde ein sehr erfolgreicher Onkel sein – das verspreche ich dir. Weißt du, was es wird?" Lisa nickte. „Aber das sage ich dir nicht, das soll Unglück bringen." – „Dann behalt's für dich. Obwohl… ein kleiner Tipp für den zukünftigen Onkel sollte doch drin sein, oder?" – „Ja, es wird entweder ein Junge oder ein Mädchen und jetzt komm. Es wäre seltsam, wenn ich zu der Vorstandssitzung, die ich so überraschend angesetzt habe, auch noch zu spät käme."
„Da kann ich ja froh sein, dass du rechtzeitig dein Gewissen wieder gefunden hast und mir Kowalskis Kind nicht untergejubelt hast", stichelte David nach der Vorstandssitzung. „Ich hätte dir Kowalskis Kind nicht ‚untergejubelt' – ich wusste gestern Abend ja noch nichts davon. Ich kann ja verstehen, dass du von meiner Abfuhr gekränkt bist, aber… es sollte deine Professionalität im Job nicht beeinflussen. Ich erwarte, dass du Bruno genauso zur Seite stehst wie mir." – „Glaubst du, ich lasse Kerima den Bach runtergehen, weil du dich hast schwängern lassen von einem Typen, der schon vor Monaten das Weite gesucht hat?" – „Du bist ja schon wieder auf Stank frisiert", meinte Lisa möglichst neutral, bevor sie den Konferenzraum verließ. „Bin ich nicht. Ich habe nur festgestellt." – „Ich freue mich auf dieses Baby und wenn ich erst einmal mit Rokko gesprochen habe, dann kommt er bestimmt wieder nach Berlin und alles wird gut." – „Du bist ja unerträglich naiv. Hoffentlich ändert sich das mit den Schwangerschaftshormonen. Selbst wenn Kowalski wiederkommt, heißt das noch lange nicht, dass sich das mit euch wieder einrenkt." – „Auch wenn Sie Lisa das natürlich von ganzem Herzen wünschen, nicht wahr, Herr Seidel?", mischte Bruno sich in das Gespräch. „Nun, ich habe Lisa immer nur gewünscht, dass sie glücklich ist und Sie können mir nicht verübeln, dass das vorzugsweise mit mir hätte sein sollen", entgegnete David zwar spitz, aber in seinen Augen war Wehmut zu lesen. „Nein, das verüble ich Ihnen nicht", gab Bruno sich versöhnlich. „Und Sie verübeln mir sicher nicht, dass ich jetzt dafür sorge, dass meine Schwester und meine Nichte oder mein Neffe etwas zu essen bekommen, bevor es nach Hause geht." Demonstrativ legte Bruno seinen Arm um Lisas Schulter. „Was meinst du, wie Helga und Bernd auf die Neuigkeit reagieren?", wandte er sich leise an seine Schwester. „Keine Ahnung. Hoffentlich freuen sie sich mit mir."
