25.

Hallo Watson, mein Schöner. Du siehst, ich werde immer runder… und vermutlich auch immer verbitterter. Dein Holmes hat auch seine Fehler hast du mir mal gesagt – richtig. Wir sind eben alle nur Menschen, aber das? Wie blöd ich doch war in meiner kleinmädchenhaften Vorstellung von einer glücklichen kleinen Familie: Mutter, Vater, Kind – so gehört das doch zusammen. Offensichtlich habe ich mir und allen etwas vorgemacht. Wie konnte ich nur so naiv sein zu glauben, dass alles gut würde, wenn Holmes nur zurück nach Berlin kommt? Wenn ich gefragt werde, sage ich es immer noch, aber ganz ehrlich… ganz tief in meinem Herzen weiß ich, dass es nicht passieren wird. Weißt du, als ich erfahren habe, dass ich schwanger bin, da war ich erst geschockt… ich meine, ich hatte ja keine Ahnung, nicht einmal eine Vermutung und dann… dann war da nur Freude. Ein Baby! Ich meine, es passt zwar gerade gar nicht in den Plan, aber jetzt ist es unterwegs und… Ich habe mich einfach so sehr auf dein Brüderchen gefreut, dass ich mich in die Idee verrannt habe, dass alles sich wieder einrenkt, wenn Holmes sich endlich meldet. Doch er hat nicht ein einziges Mal angerufen oder geschrieben, von persönlich nach Berlin kommen ganz zu schweigen. Acht Wochen habe ich vor dem Telefon verbracht und gehofft, dass es endlich klingelt, aber nichts! Rein gar nichts ist passiert. Ich war sogar schon halb im Zug nach Flensburg, aber dann dachte ich mir: Wieso ich? Ich habe in den letzten Wochen und Monaten versucht, ihm eine Stütze zu sein – ich habe wirklich alles gegeben. Ich kann ja verstehen, dass er um dich trauert, aber ich tue das auch. Ich hatte gehofft, wir würden uns gegenseitig Halt geben können, aber letztlich war das eine einseitige Geschichte. Auch wenn es wehtut, ich muss es endlich akzeptieren: Das mit uns ist aus. Darum bin ich auch nicht nach Flensburg gefahren – mein Sturkopf eben oder Trotz, keine Ahnung. Mehr als die Hand ausstrecken kann ich nicht. Jetzt ist Holmes dran. Offensichtlich hat er kein Interesse mehr an mir und dann interessiert er sich auch sicher nicht für seinen Nachwuchs. Die glückliche kleine Familie wird dann eben nur aus mir und dem Baby bestehen. Andere Frauen sind auch allein erziehend und schaffen das. Wieso sollte ich das nicht packen? Ich habe ja auch noch meine Eltern und Bruno… A propos, ein Gutes hat die ganze Sache: Meine Eltern haben sich darüber wieder versöhnt. Ich betrachte das mit einem lachenden und einem weinenden Auge: Es zeigt, dass Beziehungen auch große Krisen überstehen. Andererseits führt es mir vor Augen, was für eine Versagerin ich bin. Wieso konnte ich das, was ich mit Holmes hatte, nicht retten? Wo ist der Fehler? Siehst du, Watson, ich habe mir fest vorgenommen, nicht mehr zu grübeln und jetzt tue ich es wieder. Ich muss aufhören, den Fehler zu suchen. Ich werde ihn nicht finden, aber ich muss doch für das Baby da sein. Gestern haben Bruno und ich eine wirklich entzückende Wiege besorgt… auf dem Flohmarkt erstanden. Papa und Bruno richten sie wieder her. Meine Mama näht den Himmel und die passende Bettwäsche. Yvonne hat mir auch schon lauter Sachen, die Bärbel nicht mehr passen, vererbt, wenn du so willst. Ich habe es erstmal alles genommen, auch wenn vieles eher für Mädchen ist – bisher wissen nämlich nur du und ich, dass ich einen Jungen kriege. Was hältst du von Marlon oder Patrick oder Pascal? Ich finde Pascal ja sehr schön. „Guten Tag, Frau Plenske", grüßte der Friedhofsgärtner freundlich. „Wie geht's Ihnen denn heute?" Erschrocken tauchte Lisa aus ihrem gedanklichen Zwiegespräch mit Rokkos Sohn auf. „Gut, danke der Nachfrage." – „Und dem Kleinen?" Der einfache, ältere Mann in den grünen Latzhosen deutete auf seinen Bauch. „Langsam übertreffen Sie mich", lachte er. „Dem Baby geht es auch gut." – „Schön, schön." Er wollte schon weitergehen, als er sich noch einmal zu Lisa umdrehte. „Sie sollten langsam wieder nach vorne sehen. Ich bin jetzt schon so lange Friedhofsgärtner – ich habe einen Einblick, wie schwer das ist, aber Sie müssen sich doch bald um Nummer zwei kümmern. Ihr Adrian-Watson nimmt es Ihnen bestimmt nicht übel, wenn Sie nicht mehr jeden Tag kommen." – „Ich wünschte, Watson wäre mein Sohn gewesen – dann bräuchte ich mir jetzt nicht den Kopf zerbrechen, ob ich mit dem Baby klarkommen werde", murmelte Lisa. „Na aber sicher, ist doch Ihr kleener Wurm", versuchte der Friedhofsgärtner Lisa aufzubauen. „Außer Ihnen kommt niemand an dis Grab hier", sinnierte er. „Schon traurig so jung zu sterben und dann besucht ihn keener." – „Ich komme doch", widersprach Lisa. „Ja, aber Sie sind och die einzige, die ne gute Ausrede hätte." Wieder deutete der Friedhofsgärtner auf seinen Bauch. „Sie sollten jetzt langsam gehen, sieht nach Regen aus. Nicht, dass Sie sich noch erkälten."

„Hallo", grüßte Bruno im gleichen Moment eine dunkelhaarige Frau. Oksana war gerade aus dem Fahrstuhl gestiegen und sah sich unsicher um. „Kann ich etwas für Sie tun?", wollte Bruno freundlich wissen. „Ähm, ja… also vielleicht. Ich möchte zu Herrn Haas." – „Wenn Sie sich in die Hölle des Löwen trauen. Soweit ich weiß, sind die Fittings seit einer Stunde vorbei und ich schätze, Herr Haas springt im Dreieck, wenn Sie jetzt erst hier auftauchen." – „Ich bin nicht wegen des Fittings hier." – „Nicht?", fragte Bruno erstaunt. „Sagen Sie nicht, Sie sind die sagenumwobene Oksana? Ich hätte ja nicht gedacht, dass es Sie wirklich gibt. Hugos Schilderungen waren zu großartig, um wahr zu sein", lachte Lisas Halbbruder. Oksana begann, sich sichtlich zu entspannen. „Doch, ich schätze, es gibt mich – ich hoffe, Hugo hat nicht zu sehr übertrieben." – „Doch, maßlos, Sie kennen ihn doch", kicherte Bruno. „Soll ich Sie ins Atelier bringen?" – „Ja, bitte."

„Herr Haas?" – „Was ist denn schon wieder, Herr Lehmann?", moserte Hugo. „Wenn Sie so patzig sind, nehme ich Ihren charmanten Besuch gleich wieder mit", konterte Bruno gelassen. „Oksana!", freute Hugo sich sichtlich. „Waren wir verabredet?" – „Jep, waren wir. Vor ungefähr einer Stunde in dem kleinen italienischen Restaurant hier um die Ecke. Du hast mich versetzt, Hugo Haas." Oksanas dunkle Augen funkelten böse, aber ihr Lächelnd war so hinreißend, dass Hugo nicht wusste, was jetzt auf ihn zukam. „Niemand versetzt mich völlig grundlos. Also, was ist los?" – „Ein schönes Kleid trägst du da", bemerkte Hugo lächelnd. „Das hast du mir geschenkt, als du das erste Mal bei uns im Laden warst", entgegnete Oksana verwirrt. „Ja, aber nur den Körper zu haben, um das Kleid zu füllen oder auch die notwendige Ausstrahlung zu haben, um dieses Kleid zur Geltung zu bringen, sind zwei verschiedene Dinge." – „Lenk nicht ab", fand Oksana ihre Fassung wieder. „Wieso hast du mich versetzt?" – „Ich habe einfach die Zeit vergessen." – „Hast du wieder Entwürfe gemacht? Darf ich sie sehen?" Hugo spürte, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg. „Ähm, nein… also, nein, ich hatte keinen Kreativschub. Ich habe über Herrn Kowalski nachgedacht." – „Das tust du oft in letzter Zeit. Habe ich Grund zur Eifersucht?" Oksana schenkte Hugo ein Lächeln, das ihn mit einer Umarmung reagieren ließ. „So ein Quatsch. Es ist nur… ich mache mir einfach Sorgen, weil er sich nicht meldet. Er ignoriert die Nachrichten, die ich ihm auf die Mailbox gesprochen habe, er beantwortet keine Mails. Ich meine, das geht doch einfach nicht – jetzt, wo Frau Plenske schwanger ist." – „Hast du ihm das etwa geschrieben oder auf Band gesprochen?", fragte Oksana entsetzt. „Nein, wo denkst du hin? Es ist wohl eher an Frau Plenske, ihm das mitzuteilen. Aber ich habe immer wieder betont, wie wichtig es ist, dass er sich endlich meldet." – „Das kann ich mir lebhaft vorstellen, du Dramaqueen. Und nun?" – „Naja, Herr Kowalski ist immer noch in Flensburg und Frau Plenske immer noch schwanger, was willst du denn jetzt hören?", fragte Hugo hilflos. „Wenn man der Klatschpresse glauben darf, dann ist sie das aber nicht mehr lange", schmunzelte Oksana. „Richtig, nur noch ein paar Wochen und es schlüpft", gab Hugo zu bedenken. „Es schlüpft – deine Chefin ist doch kein Legehuhn", empörte Oksana sich gespielt. „Frau Plenske ist nicht mehr meine Chefin – also offiziell. Herr Lehmann ist jetzt mein Boss." – „Der charmante junge Mann von eben. Der ist doch Frau Plenskes Halbbruder." – „Du liest definitiv zu viele Klatschblätter", lachte Hugo. „Lass mich doch, ich habe meine Freude daran." – „Bis die blutrünstige Meute mal etwas über dich schreibt." Oksana rollte mit den Augen. „Wenn das so weitergeht, dann schreiben die höchstens: Hugo Haas' zarte amouröse Anbandelung verhungert." – „Soll ich dir etwas vom Catering kommen lassen?", fragte Hugo besorgt. „Nein, du musst hier mal raus", entschied Oksana kurzerhand und hakte sich bei ihm unter. „Wenn ich eine Thunfischpizza kriege, verrate ich dir auch, wie wir Herrn Kowalski wiederherlocken."

„Rokko?", polterte Siegfried. „Bist du das?" – „Ja", rief Rokko zurück. Die Akustik in dem restaurierten Bauernhaus, das seinen Eltern gehörte, war schon seltsam: In manchen Ecken konnte man die Flöhe husten hören und in anderen konnte man sein Gegenüber kaum verstehen. „Kommst du mal bitte her? Ich bin in der Küche." Siegfrieds Tonfall ließ keine Rückschlüsse darauf zu, was er von seinem Sohn wollte. „Was gibt's denn?", fragte Rokko, als er endlich in der Küche angekommen war. „Hast du schon mit deinen Freunden in Berlin telefoniert?" – „Wieso?" – „Keine Gegenfragen! Hast du oder hast du nicht? Dein Mitbewohner hat sich schon wieder auf dem Anrufbeantworter verewigt. Ich war nicht schnell genug, um ranzugehen, aber er klang, als würde er sich um deine Freundin sorgen. Kannst es dir ja selbst mal anhören." Rokko wurde hellhörig. „Was ist denn mit Lisa?" – „Hat er nicht gesagt. Du könntest anrufen und es herausfinden oder noch besser: Hinfahren." Seufzend ließ sich Rokko auf den durchgesessenen Ohrensessel, der in einer Ecke der Küche stand, fallen. „Treffer versenkt", analysierte Siegfried die Reaktion seines Sohnes. „Liebst du dieses Mädchen denn nicht mehr?" Rokko vergrub sein Gesicht in seinen Händen. „Doch natürlich liebe ich sie noch." – „Und warum bist du dann hier und nicht bei ihr? Und das seit Monaten?" – „Es kommt mir nicht vor, als wären Monate vergangen… Es ist, als wäre Watson gerade erst gestern gestorben. Als hätten wir ihn heute Morgen erst zu Grabe getragen." Siegfried sah seinen Sohn mitleidig an. „Es ist aber Monate her. Rokko, wieso bist du immer noch hier? Man könnte meinen, du versteckst dich hier." – „Weil es mir hier besser geht." – „Blödsinn. Mach dir doch nichts vor. Das steckt doch mehr hinter als nur deine Sehnsucht nach Mama und Papa", verwarf Siegfried Rokkos Antwort. „Watson ist tot." – „Ähm ja, ich schätze, das wusste ich und was hat das mit Lisa zu tun?" – „Stell dir mal vor, sie wird auch krank und stirbt… Papa, das würde ich nicht ertragen." – „Und darum machst du das gleiche wie mit Watson, nur umgekehrt: Statt Lisa bei uns abzuladen, lädst du dich bei uns ab. Watson hast du wenigstens erklärt, warum er bei uns ist, aber sie hat keine Ahnung. Außerdem ist es taktisch unklug sich bei Mutti und mir zu verkriechen, wenn man Angst vor dem Tod eines geliebten Menschen hat." – „Wieso?", fragte Rokko irritiert. „Weil ich über 70 bin und Mama auch bald 70 wird? Wenn einer demnächst abtritt, dann bin ich das. Horch zu, Junge, pack deinen Koffer und fahr zurück nach Berlin. Ihr müsste einfach zusammenhalten. Das mit Watsons Tod, das ist nicht leicht für dich und bestimmt auch nicht für Lisa, also bitte klär das mit ihr, bevor es zu spät ist", flehte Siegfried sein Gegenüber an. „Ich kann Yves doch jetzt nicht hängen lassen – mit der Agentur und allem", seufzte Rokko. „Der Yves ist doch ein vernünftiger Junge, der versteht das schon, wenn du ihm das erklärst." Wortlos erhob Rokko sich. „Ich bin dann mal in meinem Zimmer."