26.

Sonst sitze ich immer am Fenster und schaue einfach raus und denke so'n bisschen darüber nach. Worüber? Über das, was der Tag bringen könnte, über den vorherigen Tag und über Männer. Männer? Es gibt also Männer im Leben von Lisa Plenske? Ja, Herr Kowalski, stellen Sie sich das mal vor.

Lisa umarmt einen Baum.

Rauschen.

Plötzlich ein junger Mann. Herr Lehmann, hören Sie auf Ihre Haare zu richten, es geht nämlich los. Herr Haas, Sie halten die Kamera schief. Sind Sie sich sicher, dass ich der Richtige für diese Aufgabe bin? Ich meine, Sie kennen Herrn Kowalski persönlich und ich... Aber Sie sind Frau Plenskes Bruder. Halbbruder, HALB-Bruder, Herr Haas. Als würde das einen Unterschied machen. Sie sind mit Ihr verwandt und letztlich tun wir das für sie. Okay, und Action. Oksana, das war eine Spitzenidee. Ich weiß, die war ja auch von mir und nun halt drauf. Okay, also, guten Tag, Herr Kowalski… nee, das müssen wir schneiden. Das klingt scheiße. Also, Hallo Rokko. Ich bin Bruno Lehmann, Lisas Halbbruder. Ja, ich bin mit dem neuen Jahr von Kalehne… das ist im finstersten Brandenburg… also von Kalehne nach Berlin gekommen, um meinen Vater hier zu finden. Sie… du siehst, ich war erfolgreich… mit dem Finden. Ich habe meinen Vater gefunden. Herr Lehmann, kommen Sie endlich zum Punkt. Das ist nicht das unendliche Band hier. Auch eine Digitalkamera hat ihr Limit. Denken Sie, es ist wirklich okay, wenn wir Rokkos Kamera nehmen? Ich meine, vielleicht ist ihm das nicht Recht. Dann hätte er sie mitnehmen sollen. Außerdem zerbrechen Sie sich doch sonst auch nie Ihren Strubbelkopf über diese Dinge. Tue ich auch nicht und nun lassen Sie mich endlich meine einführenden Worte sprechen, ich bin nämlich doch die richtige Person für diese Sache hier: Ich bin auch ohne Vater aufgewachsen… also ohne meinen richtigen Vater… Herr Lehmann war ja mehr so wie die böse Stiefmutter aus Schneewittchen, bloß mit tiefer Stimme und Bierbauch. Bevor ich mich hier aber um Kopf und Kragen rede, wir schicken dir diesen kleinen Film, damit du einen Einblick kriegst, wie sehr du hier gebraucht und vermisst wirst. Wir quatschen auch nicht mehr so viel, sondern lassen Bilder sprechen. Lehmann? Ich brauche da eine Unterschrift von Ihnen. Was ist denn das hier für ein Auflauf? Ich hoffe, es ist zum Wohl der Firma, dass Sie hier die halbe Belegschaft von der Arbeit abhalten. David, nun sei doch nicht so zickig. Wir drehen hier nur einen kleinen Film für Herrn Kowalski. Damit er weiß, was hier los ist und dass wir ihn vermissen. Vielleicht hilft ihm das, sich wieder aufzurappeln und zurück nach Berlin zu kommen. Es muss Herr Haas, es muss. Der Termin ist schon nächste Woche und nachdem ich schon bei den Vorbereitungskursen dabei war, hat Lisa mich gebeten, auch bei… beim entscheidenden Ereignis dabei zu sein und so sehr es mich freut, ein Teil der Plenske-Familie zu sein, DAS ist definitiv zu viel. Herr Seidel, Sie kennen Rokko doch auch. Wollen Sie nicht vielleicht etwas Nettes sagen? Nun, mir fehlt er nicht – überhaupt nicht. Lediglich die die Suche nach einem neuen PR-Mann ist lästig, zumal Sie ja auch die Hand drauf haben, als wäre Kowalski irgendein Heiligtum. Es gibt da draußen bestimmt hunderte, die ihm ebenbürtig sind. Hugo, ich glaube, du kannst die Kamera ausmachen. Der gefrustete Snob da ist nicht sehr hilfreich. Der lockt keinen nach Berlin.

Lisa! Das war ganz klar Lisa. Auf dem Friedhof, vor einen Grab. Watsons Grab? Ja, das war Watsons Grab. Bitte Kamera, geh doch näher ran. Herr Haas, wir sind zu weit weg. So ist Lisa in unserem Film höchstens zwei Millimeter groß. Wenn wir dichter rangehen, dann sieht sie uns und wir können uns beide lebhaft vorstellen, was Sie dann mit uns macht. Wenn ich nur daran denke, was los war, als Herr Kowalski mit ihr für das Fernsehporträt geübt hat. Was war denn da los? Pst, wir ruinieren den ganzen Film mit unserer Quatscherei. Herr Kowalski weiß schon, was gemeint ist. Ah ja. Sagen Sie mal, haben Sie eigentlich gelöscht, was auf der Kamera war oder haben Sie einfach hintendran gefilmt? Hintendran gefilmt, warum? Haben Sie Angst, unser Meisterwerk mischt sich Herrn Kowalskis Privatpornos? Haha, so ähnlich. Ich meine ja nur, weil ich keinen Bock auf schneiden habe. Dann würde ja auch nicht viel von unserem Film übrig bleiben. Hm. Was macht Frau Plenske da eigentlich? Sie spricht mit dem Jungen. Watson war der Name, ja? Hm. Sie kommt jeden Tag her und spricht mit ihm. Hey, was machen Sie denn da? Hören Sie sofort auf, die Frau zu filmen! Haben Sie denn keine Achtung vor trauernden Menschen? Ihr Paparazzi-Geschmeiß, lasst sofort Frau Plenske in Ruhe. Verschwindet, los! Herr Haas, Lisa dreht sich um. Halten Sie drauf, los, damit Rokko das wichtigste zu sehen bekommt – schnell! Ich halte ihn hier fest, damit er uns nicht mit seiner Harke piekst. Lisa im Profil. Nein! Nein! Das konnte nicht sein. Der Bauch, der war mehr als verräterisch! Sie muss… nein, sie ist schwanger! Und das nicht erst seit gestern. Ob sie doch ihr Glück mit David gefunden hat? Vermutlich. Gut für… gut für sie… sehr gut. Sie hat es verdient, glücklich zu sein.

„Hi." – „Einen Chai latte Toffee zum Mitnehmen", leierte die kesse Bedienung herunter. „War das Gedankenübertragung oder woher wussten Sie das?" – „Die pure Gewohnheit. Seit wir aufgemacht haben, kommen Sie jeden Tag um die gleiche Uhrzeit her und wollen immer das gleiche. Sie sind so vorhersehbar wie ein Testbild." Die junge Frau mit den kreuz und quer gefärbten Rastazöpfen drehte sich zu ihrer Kaffeemaschine um und machte Davids Bestellung fertig. „Macht 2,80 wie immer. Fangen Sie schon mal an zu suchen und achten Sie darauf, dass Ihre goldenen und platinfarbenen Kreditkarten nicht rausfallen – mich beeindruckt das nämlich gar nicht." – „Sind Sie aber kratzbürstig", meinte David. „Ich dachte daran, meinen Chai heute hier einzunehmen." – „Oh, immer mal was Neues. Dann probieren Sie mal das hier." Provokant stellte die Thekenkraft David eine winzige Tasse hin. „Was ist das?", wollte er wissen. „Espresso. Ne ganz spezielle Sorte. Nichts für Milchbubis." David fühlte sich herausgefordert und schluckte den Inhalt in einem Zug runter. „Buah", schüttelte er sich. „Ich sagte doch, nichts für Milchbubis", grinste die junge Frau. „Ich bin kein Milchbubi", verteidigte David sich. „Nee, Sie sind eher der Typ, der sich für unwiderstehlich hält und glaubt, dass ein Wimpernschlag von Ihnen ausreicht, damit sich die gesamte Damenwelt auf den Rücken legt und die Beine breit macht." – „Ich wünschte, es wäre so", murmelte David. „Ohhh, eine Runde Mitleid. Lassen Sie mich raten, Sie hatten einen richtig schlechten Tag." – „Ja, den hatte ich." – „Was ist denn passiert? Passen Ihre neuen Schuhe nicht zu den Ledersitzen in Ihrem Sportwagen?" – „Was sind Sie denn so zynisch? Sie glauben wohl auch, dass jemand wie ich keine Probleme hat." David sah die Bedienung an. Diese lehnte sich bequem an den Tresen und sah ihn aufmerksam an. „Ich hoffe, das ist ne richtig gute Geschichte und Sie verschwenden meine Zeit nicht." – „Ich bin ein emotionaler Krüppel", gestand David mehr sich selbst als seinem Gegenüber. „Aha, Sie wissen ja, wie das mit der Erkenntnis ist", zog die Bedienung ihn auf. „Frau… Wie heißen Sie eigentlich?" – „Madeleine. Nennen Sie mich Madeleine." – „Gut, Madeleine, hören Sie auf, sich über mich lustig zu machen. Ich bin ein emotionaler Krüppel und ich habe erfolgreich alle meine Freunde vergrault." Madeleine zog ihre gepiercten Augenbrauen hoch. „Aha. Und diese Erkenntnis ist Ihnen ganz schlagartig gekommen?" – „Jep, ist sie. Ich dachte immer, wenn ich Lisa nicht haben kann, dann soll sie niemand haben und jetzt ist sie schwanger von diesem Terrorzwerg, diesem Kowalski." – „Und das ist Ihnen ein Dorn im Auge?" – „Ja, nein… doch irgendwie schon. Ich meine, heute haben Bruno und Hugo einen Film für Kowalski gedreht, damit der weiß, was hier los ist und da ist mir schlagartig bewusst geworden, dass…" David zögerte. „Dass was?", hakte Madeleine nach. „Dass ich aufhören muss, Lisa ihr Glück zu missgönnen." – „Wow, Sie sind eine männliche Mutter Theresa. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Ihnen ein Sari gut stehen würde." – „So wie Ihnen Ihr grüner Punkt", konterte David und deutete auf die Stelle zwischen seinen Augenbrauchen. „Das ist kein grüner Punkt – ich bin ja schließlich keine Konserve. Das ist ein Bindi, Sie Idiot", grummelte Madeleine zurück. Eigentlich war sie viel zu blass und ihre Aufmachung viel zu sehr in Richtung Punk, als dass ihr das Bindi einen Hauch von Indien verliehen hätte. „Auch gut. Dann eben das." – „Also, Sie armer, bedauernswerter, emotionaler Krüppel, ich habe von Ihrer Geschichte nur die Hälfte verstanden, weil Sie sie so schlecht erzählt haben, aber ich finde, nach dieser Erkenntnis sollten Sie nicht so passiv in meiner Coffeebar rumhängen, sondern Sie sollten etwas für diese Lisa tun."

Okay, Kowalski, ich habe nicht viel Zeit. Lehmann ist gleich zurück und will Ihnen das hier zuschicken. Also, sperren Sie die Lauscher auf: Ich kann Sie nicht leiden. Ich mochte Sie nie. Am Anfang war ich froh, dass Sie sich in Lisa verguckt haben, ihre Gefühle für mich waren mir einfach zu viel. Das ist wohl klassisch nach hinten losgegangen. Ich weiß nicht, was Sie alles mit Lisa angestellt haben, um Sie so umzukrempeln, aber Sie haben es geschafft: Sie liebt sie und es geht ihr dreckig, weil Sie sich einfach nicht mehr blicken lassen. Sie hat sogar aufgehört, allen penetrant fröhlich zu erzählen, dass alles wieder gut wird. Darüber sollte ich mich wohl freuen, weil endlich Ruhe ist, aber eigentlich ist es nur ein schlechtes Zeichen – sie braucht doch ihren Optimismus, jetzt, wo sie ein Kind kriegt. Muss bald soweit sein. Sie hat schon vor Wochen ihrem Halbbruder das Kerima-Kommando übergeben. Ich habe keine Ahnung, was Lehmann und Hugo hier gefilmt haben, aber ich schätze, sie haben Ihnen mehr oder weniger diskret mitgeteilt, dass Sie Vater werden. Ja genau, Sie werden Vater. Das Baby ist nicht von mir oder sonst wem, sondern ganz allein von Ihnen… naja und von Lisa. Ich glaube, ich habe es Ihnen nie gesagt, aber… der Tod Ihres Sohnes… Ihr Verlust tut mir sehr leid. Trotzdem, Sie werden hier gebraucht. Sie wollen doch nicht, dass Ihr erster Sohn ohne Mutter und Ihr zweites Kind ohne Vater aufwächst… … … Ach ja, nur weil ich das hier jetzt getan habe, heißt das noch lange nicht, dass wir jetzt dicke Kumpels sind. Ich hätte es trotz allem vorgezogen, dass Lisa mich an ihrer Seite will, aber das will sie nicht. Also, bewegen Sie Ihren Arsch her.

„So, Robert-Konrad, ich werde jetzt etwas tun, wofür du mir dein Leben lang dankbar sein wirst", polterte Siegfried. Erschrocken fuhr Rokko von seinem Laptop herum. „Ich schmeiße dich raus! Raus, verschwinde aus meinem Haus. Draußen wartet ein Taxi, das dich zum Bahnhof bringt. Geh mir aus den Augen und zwar hurtig." Ehe Rokko sich versah, hatte Siegfried ihn am Arm gepackt und dirigierte ihn unsanft zur Tür. „Und was ist mit Packen?", fragte er verwirrt. „Berlin ist eine große Stadt, kauf dir etwas Neues." Wumms, zu war die Tür.