27.

„Hey Miss Moneypenny! Du bist aber groß geworden", begrüßte Rokko die Katze, die sofort vor ihm floh. „Ich kann dich ja verstehen. Ich habe dich einfach hier alleine gelassen, aber so wie du gewachsen bist, hat sich Hugo gut um die gekümmert. A propos, wo ist er denn?" Suchend sah Rokko sich um. „Ist er das, der da so lacht?", fragte er sich mit einem kritischen Blick ins obere Stockwerk.

„Meinst du nicht, Frau Plenske braucht ganz andere Dinge als Blumen zur Geburt?", lachte Hugo Oksana ausgelassen an. „Aber das kriegt sie doch von allen. Eine Grundausstattung hat sie doch bestimmt und so entzückend Strampler auch sind, Babys wachsen und etwas auf Zuwachs schenken finde ich doof. Eine Grünpflanze – die sorgt für Sauerstoff und ist hübsch anzusehen", schwärmte Oksana. „Woher kommt deine Begeisterung für Grünzeug?", fragte Hugo. „Das war immer mein Traum. Ich wollte immer einen kleinen Blumenladen haben oder eine Baumschule, aber… naja, mit meiner Vergangenheit ist das schwierig. Ich habe keine richtige Ausbildung und wenn im Lebenslauf steht: Straßenstrich, Bordell, Oben-ohne-Bar, glaubst du, da kriege ich einen Existenzgründerkredit?" – „Träume sind etwas sehr Schönes", bemerkte Hugo und rutschte näher zu Oksana. Er streckte seine Hand aus, um ihre durch ihr schulterlanges Haar zu streichen. „So haben deine Augen noch nie gefunkelt", fuhr er fort. Langsam schob er seinen Kopf vor, suchte mit seinen Lippen ihre. „Herr Haas?", schallte Rokkos Stimme durch die Wohnung. Augenblicklich schreckten Hugo und Oksana auseinander.

„Herr Kowalski?" Freudig überrascht kam Hugo und die Treppe hinunter und begrüßte seinen Mitbewohner. „So schnell hätte ich nicht mit Ihnen gerechnet." – „Offensichtlich", meinte Rokko und deutete auf Oksana. „Ich bin dann mal weg", kündigte diese an und verließ fluchtartig die Wohnung. „Bis morgen, Oksana", rief Hugo ihr noch hinterher. „Ich wollte sie nicht vertreiben", entschuldigte Rokko sich. „Das haben Sie nicht. Das schaffe ich noch immer alleine." Seufzend nahm der Designer auf dem Sofa Platz. „Reist man heute so?", fragte er mit einem Seitenhieb auf Rokkos überdimensionale Plastiktüte. „Wenn man Zuhause rausfliegt schon. Ich musste auf Knien vor meinem Vater rutschen, damit er mir zumindest meine wichtigsten persönlichen Dinge gibt." – „Sie haben also unseren Film gesehen?" – „Ja, habe ich", gestand Rokko kleinlaut. „Und was gedenken Sie nun zu tun, Herr Kowalski?" – „Nach Göberitz fahren und mit Lisa sprechen?", formulierte Rokko unsicher. Hugo griff in seine Hosentasche und zog einen Schlüssel hervor. „Hier, mein Cabrio steht direkt vor dem Haus. Es ist voll getankt, Papiere liegen im Handschuhfach. Morgen früh will ich damit zu Kerima fahren und vorzugsweise beulen- und kratzerfrei." Dankbar griff Rokko nach dem Schlüssel, doch Hugo zog ihn weg. „Sie sollten sich vielleicht etwas frisch machen – Sie sehen aus, als wären Sie Güterzug gefahren."

„Das Teleskop steht ja noch hier", sagte Rokko, als er aus dem Bad zurückkam. „Ich habe Watson doch versprochen, es Lisa zurückzugeben." – „Betrachten Sie es als Zeichen: Sie gehören zusammen und darum dürfen auch Gegenstände, die Frau Plenske gehören, in Ihrer Wohnung stehen." – „Das nehme ich es wohl besser nicht mit, oder?" – „Das kommt darauf an, was Sie bei Frau Plenske wollen…" – „Ich will mich entschuldigen und mein unmögliches Verhalten der letzten Monate ausbügeln." – „Exzellente Antwort! Und jetzt fahren Sie endlich."

„Ach nee", grüßte Bernd den späten Besuch. „Erbarmen wir uns doch mal, die Lisa zu besuchen?" Bedrohlich lehnte er im Türrahmen und versperrte Rokko den Weg. „Ich weiß, es ist schon spät, Herr Plenske, aber… ich bin so schnell hergekommen wie ich konnte… also hergekommen worden… von allen Seiten genötigt, wenn Sie so wollen, aber… ich habe schon kapiert, dass ich hier gebraucht werde und… also, ich muss ganz dringend mit Lisa sprechen, bitte." Wo ist nur deine verdammte Selbstsicherheit hin? Er ist Lisas Vater und nicht Mephisto persönlich. Okay, ihr hattet eure Startschwierigkeiten – ist ja auch verständlich, er hat nur diese eine Tochter und du bist nun mal nicht der Wunschschwiegersohn, aber Himmel noch mal, du wirst Vater und es gibt so viel zu klären. „Erst'n Kind zeugen und dann das Weite suchen. Dis ham mer nich so jerne." – „Bernd, sein Kind ist wenigstens noch nicht auf der Welt. Dein Sohn war schon 27, als du endlich Verantwortung übernommen hast", meldete sich Helga hinter ihrem Mann zu Wort. „Nun lass den Herrn Kowalski doch endlich rein." Notgedrungen, aber mit bösen Blick ließ Bernd den Werbefachmann in sein Haus. „Sie möchten bestimmt zur Lisa, nicht, Herr Kowalski?" Rokko bestätigte Helgas Vermutung durch ein Nicken. „Ist ja schon ziemlich spät. Ich glaube, sie ist ins Bett gegangen nachdem Bruno… also das ist Ihr Halbbruder, das wissen Sie ja auch noch nicht…" – „Doch, Frau Plenske, ich hätte schon das Vergnügen. Virtuell sozusagen, aber ich habe ihn schon mal gesehen. Ich würde ihn gerne persönlich kennen lernen." – „Wie gesagt, er ist vorhin nach Hause gefahren. Kann sein, dass Lisa schon schläft. Ähm, gehen Sie ruhig erstmal hoch – Sie wissen ja, wo Lisas Zimmer ist. Wenn Sie schon schläft, dann… dann müssen Sie morgen noch mal wiederkommen. Obwohl, das ist vielleicht keine gute Idee, morgen ist ja der errechnete Termin." – „Morgen schon?", fragte Rokko entsetzt. „Erst hat er seine Körperflüssigkeiten nicht unter Kontrolle und jetzt hört er och noch schlecht", motzte Bernd. „Nu jeh schon endlich hoch, bevor ick's mir anders überleje. Und wehe, du rejst se so uff, dass se Wehen kricht!"

„Langsam glaube ich, es wäre besser gewesen, ich wäre ausgezogen. Deine Großeltern sind wahre Glucken. Fehlt nur noch, dass deine Oma mich ans Bett fesselt, damit mir nichts passieren kann, bis die Wehen einsetzen. Lass dir gar nicht erst einfallen, noch ein paar Tage auf dich warten zu lassen, sonst wird's für Mama echt ungemütlich hier draußen." Fasziniert beobachtete Rokko, wie Lisa auf ihrer Fensterbank saß, über ihren dicken Bauch strich und mit dem Baby sprach. Er räusperte sich, was Lisa erschrocken herumfahren ließ. „Rokko!" – „Bleib sitzen", hielt er sie sofort davon ab, aufzuspringen. Stattdessen ging er zu ihr hinüber und setzte sich auf die Fensterbank. „Ich bin wieder da." – „Schön", entgegnete Lisa kühl. Insgeheim wünschte sie sich, sie würde etwas Anderes als einen Schlafanzug tragen. So ein Quatsch, er hat mich nackt gesehen. Ich kriege bald ein Kind von ihm, wen interessiert da schon dieses Ein-Mann-Zelt, das ich seit Tagen trage, weil es so schön bequem ist? „Steht dir gut", meinte Rokko unsicher auf Lisa deutend. „Der ist von meinem Papa", erklärte sie ihm. „Es gibt kaum noch etwas, das mir passt. Erst hat sich der Bauch gar nicht abgezeichnet, so dass ich erst im fünften Monat etwas gemerkt habe, aber das hat sich in den letzten Wochen geändert – als ob das Baby den Rückstand aufholen wollte." – „Ich meinte eher den Babybauch", lächelte Rokko. „Ach so", errötete Lisa. „Ähm, danke." – „Morgen ist Termin?" Lisa sah Rokko fragend an. „Deine Mutter", brachte er als Erklärung hervor. „Hm, morgen ist Termin. Hat dir meine Mutter auch von meiner Schwangerschaft erzählt?" – „Nein, das war David… oder viel mehr dein Bruder in einer unfreiwilligen Koproduktion mit David…" – „Es wird ein Junge", unterbrach Lisa Rokkos unsicheren Erklärungsversuch. „Ich werde ihn Pascal nennen." – „Pascal? Der Österliche… hat Ostern nicht etwas mit Wiederauferstehung zu tun?" – „Ich fand den Namen einfach nur schön. Er soll auch in keiner Weise ein Ersatz für Watson sein – die Fußstapfen wird er erstmal sowieso nicht füllen können." Was erwartest du, Rokko? Dass ich dir begeistert um den Hals falle? Ich habe mich in den letzten Wochen ohne dich arrangiert und jetzt brauche ich dich auch nicht mehr – da kannst du noch so unwiderstehlich aussehen und riechen. Diesen treuen Dackelblick, nein, vergiss ihn ganz schnell wieder, dagegen bin ich immun. „Lisa, lass uns reden. Ich habe diese Auszeit wirklich gebraucht. Es ging mir so schlecht nach Watsons Tod und… ich brauchte einfach Abstand, ein bisschen Zeit, um nachzudenken. Das hatte nichts, aber auch gar nichts mit dir zu tun." Lisa lachte verbittert auf. „Wunderbar, jetzt fühle ich mich gleich viel besser. Was erwartest du denn jetzt von mir?" Betreten sah Rokko auf seine Hände. „Ich… ich weiß es nicht. Was kann ich denn schon erwarten? Nicht viel, nach meinem Abgang und nachdem ich so eklig zu dir war… Lisa, ich liebe dich. Ich habe nie aufgehört, so für dich zu fühlen, aber Watsons Tod… der hat mich einfach aus der Bahn geworfen. Heute weiß ich, dass meine Reaktion vielleicht übertrieben war, aber ich bin nun mal nicht perfekt – ich mache Fehler und… es tut mir leid, dass ich mich nicht gemeldet habe, okay?" – „Ja, das ist okay, total okay", erhob Lisa ihre Stimme. „Du wirst entschuldigen, dass ich mich auch weiterentwickelt habe und damit meine ich nicht nur meinen Bauchumfang. Ich habe mir, seit ich von der Schwangerschaft weiß, immer wieder vorgestellt, wie es wohl sein würde, wenn du wieder hier bist, aber ganz ehrlich: Ich kann die Arme nicht einfach aufreißen, dich küssen und alles ist wieder gut. Nee, das ist zu leicht und unüberlegt – ich habe jetzt Verantwortung für zwei und wenn Pascal auf der Welt ist, dann ist das eine noch viel größere Verantwortung." Lisa zögerte kurz, sprach dann aber mit fester Stimme sachlich und neutral weiter: „Du wirst ganz offiziell als Vater eingetragen sein. Du wirst deinen Sohn jederzeit sehen dürfen, wenn das dein Wunsch ist. Mehr kannst du im Moment nicht erwarten. Das kann ich nicht so zwischen Tür und Angel entscheiden. Jetzt brauche ich Zeit." Schwerfällig erhob Lisa sich von ihrer Bank. „Jetzt wäre ich dir dankbar, wenn du gehen würdest. Ich bin müde." – „Ähm, ja natürlich." Rokko sprang auf und wollte Lisa ins Bett helfen. „Das schaffe ich alleine", grummelte sie. „Gut, dann bin ich weg." An der Tür angekommen, drehte Rokko sich noch einmal um. „Du meldest dich doch, wenn… wenn es soweit ist, ja?", fragte er unsicher. „Natürlich, es ist auch dein Kind."