28.

„Kowalle, auch mal wieder hier?", lächelte Sabrina Rokko süffisant an. „Fräulein Hoffmann", grüßte Rokko ebenso falsch lächelnd zurück. „Was kann ich denn für Sie tun?", wollte Sabrina wissen. „Ich möchte zu Herrn Lehmann." – „So, möchten Sie das…" Betont langsam griff Sabrina nach dem Telefonhörer. „Da muss ich erstmal anrufen, ob Herrn Lehmann das auch Recht ist." Die Empfangsdame lauschte einige Zeit in den Apparat. „Nimmt keiner ab. Tja, Kowalle, umsonst gekommen." – „Sabrina? Ich bin dann mal außer Haus, so'ne Stunde… nee, eher zwei. Ich habe das Handy dabei, wenn etwas Dringendes ist, aber das muss dann schon sehr dringend sein." Sabrina nickte emsig, obwohl Bruno sie gar nicht richtig ansah, sondern an ihr vorbei in den Fahrstuhl stürmte. „Kowalle, wenn Sie jetzt schnell sind, dann holen Sie Herrn Lehmann noch ein." Geistesgegenwärtig reagierte Rokko und sprang in den Fahrtstuhl. „Herr Lehmann?", sprach er Bruno an. „Ja." Man konnte sehen wie Brunos Gehirn arbeitete, als er Rokko näher betrachtete. „Ich bin Rokko…" – „… Kowalski. Ich kenne Sie. Sie sind auf dem Foto auf Lisas Schreibtisch – das mit der Ziege und dem Jungen." Bruno biss sich abrupt auf die Zunge. Na bravo, wenn ich eins gut kann, dann zielsicher den einzigen Fettnapf erwischen, der sich vor mir auftut. Deshalb habe ich auch so eine Schuhobsession: Weil an meinen eigenen Füßen Fettnäpfe festgewachsen sind. „Lisa hat ein Foto von mir auf ihren Schreibtisch? Immer noch?" – „Naja, eigentlich ist es mehr ein Familienfoto. Sie haben unseren Film also gesehen?" – „Ja, deshalb bin ich auch hier." – „Wenn Sie Ihren Job wieder wollen: Nichts lieber als das. In meiner Fantasie war dieses Kerima-Boss-Ding viel cooler, aber in Wahrheit ist es viel harte Arbeit." – „Oh, nett. Dann muss ich jetzt wohl zweimal Danke sagen. Dafür und für den Film." – „Ähm, Herr Kowalski, so gerne ich mich noch weiter mit Ihnen unterhalten würde, ich muss dringend zu Ikea. Lisa hat entschieden, dass sie nun doch einen richtigen Wickeltisch braucht und nicht nur eine Wickelauflage für ihren Schreibtisch. Sie hat total geheult am Telefon, weil unser Vater sie keinen Schritt machen lässt. Jedenfalls muss ich jetzt los und diesen Wickeltisch besorgen, nach Göberitz bringen, dann wieder herfahren, weil ein Termin mit dem Stofflieferanten ansteht und Herr Seidel kann oder will oder was auch immer diesen Termin nicht alleine wahrnehmen. Ja, also, Sie sehen, um mal richtig plaudern zu können, müssen wir uns noch mal treffen." Unten angekommen hechtete Bruno aus dem Fahrstuhl, drehte sich dann aber abrupt um. „Ey, kommen Sie doch einfach mit. Sie sind ja schließlich der Vater." – „Na wenn heute Termin ist, wird's höchste Eisenbahn für einen Wickeltisch, oder?"

Hey Watson! Ich weiß, ich habe gesagt, dass ich heute nicht komme, weil doch heute der errechnete Termin ist, aber noch ist alles ruhig. Ich musste mich förmlich von Zuhause wegschleichen. Wenn ich gewusst hätte, dass ich meinen Vater noch davon überzeugt kriege, dass ich durchaus nach Berlin kann, weil Berlin eine große Stadt mit vielen Krankenhäusern und Taxis und hilfsbereiten Menschen ist… also für den Fall, dass es dann doch losgeht, dann hätte ich Bruno nicht mit dem Wickeltisch belästigt, sondern wäre selbst ins Möbelhaus gefahren. Holmes ist wieder aufgetaucht – gestern Abend. War reichlich spät, als er bei mir auf der Matte stand. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Ich meine, bis er mir plötzlich gegenübersaß, dachte ich, ich wäre über ihn hinweg und nur Pascal würde noch zählen und… ach verdammt, es ist mir so schwer gefallen, ihn wegzuschicken, aber ich habe doch jetzt so viel mehr Verantwortung als noch vor ein paar Monaten. Klar wäre es schöner Holmes, Pascal und ich, wir sind ja schließlich eine Familie bzw. wir werden es sein, wenn dein Brüderchen endlich auf der Welt ist. Aber kann ich mir sicher sein, dass er nicht bei der kleinsten Kleinigkeit wieder das Weite sucht? Ich habe mir selbst bewiesen, dass ich das irgendwie überstehe, aber was ist mit Pascal? Wie mache ich dem das dann klar? Es ja nicht so, als hätte ich mit meiner eigenen Unsicherheit nicht genug zu tun. Ich kriege ein Baby und das ziemlich bald. Ein Baby. Einen kleinen Menschen. Bin ich nicht selbst gerade noch Kind gewesen? Ich als Mutter – das kann ich mir noch gar nicht vorstellen. Ich werde bestimmt alles falsch machen. Ich habe ja noch nicht einmal gemerkt, dass ich schwanger bin. Ohne Jürgen würde ich vermutlich denken, ich hätte nur zugenommen oder so. Wenn ich das noch nicht mal merke, dann merke doch bestimmt nicht, ob dem Baby etwas fehlt, was es braucht und so. Ist wohl zu spät für Panik, aber mir wäre wohler, wenn… naja, wenn Holmes sich auch um Pascal kümmern würde. Er hat doch Erfahrung damit und er ist doch der Vater. Ach Watson, jetzt würde ich gerne einen deiner unnachahmlichen Sprüche hören. Ehrlich gesagt, bin ich auch total neugierig. Ich bin schon so gespannt, wie Pascal aussieht. Ob er mir ähnlich sieht oder Holmes oder vielleicht auch dir… Wenn Pascal dann auf der Welt ist, dann werde ich wohl nicht mehr so oft kommen, aber sowie es irgendwie geht, dann komme ich her und zeige ihn dir, ja? Er wird von dir erfahren, so wie ich es dir versprochen habe. Naja, es werden wohl einige Jahre vergehen, bis er wirklich versteht, dass er einen großen Bruder hat… hatte – einen wahnsinnig tollen großen Bruder. Weißt du, worüber ich in letzter Zeit oft nachgedacht habe? Dass Pascal eine Nacht vor deinem Tod gezeugt wurde. Seltsam, wie nah Tod und Leben beieinander sein können, oder? Ich hätte es dir so gewünscht, dass du dein Brüderchen kennen lernen kannst. Ich schätze, da, wo du gerade bist, siehst du ihn eh, egal, ob ich ihn herbringe oder nicht. Ach Watson, kannst du mir nicht sagen, was jetzt aus Holmes, mir und dem Baby wird? „Frau Plenske? Mit Ihnen hätte ich heute ja nicht gerechnet… also, nachdem dieser nette junge Mann heute früh hier war." – Bitte?", fragte Lisa geistesgegenwärtig. Sie war mittlerweile daran gewöhnt, dass der Friedhofsgärtner sie immer aus ihren Gesprächen mit Watson riss. „Der nette junge Mann, der ganz früh heute Morgen hier war. Hat lange hier gehockt und das Grab betrachtet. Hat geheult wie ein kleines Kind, tat mir sehr leid. Sagte, er sei Adrians Vater und wäre seit der Beerdigung nicht mehr hier gewesen. Dis kenne ich aber schon, gibt viele, die das so machen." – „Unser Fall ist etwas schwieriger", meinte Lisa nachdenklich. „Das glaubt man immer… also, dass es bei den anderen leichter ist. Das ist wie im Supermarkt, wenn man glaubt, dass es an allen Kassen schneller geht als an der eigenen." – „Ich glaube, der Vergleich hinkt", entgegnete Lisa. „Möglich. Wenn sonst immer Mama einkaufen geht…" – „Ja, wenn Mama das immer macht", lachte Lisa verbittert auf. „Ich schätze, diesmal muss ich mich selbst anstellen", murmelte sie zu sich selbst. „Danke!", wandte sie sich dann laut an den Friedhofsgärtner. „Ich muss los. Wenn ich die nächsten Tage nicht komme, dann ist der Nachwuchs auf der Welt." – „Na dann, viel Glück für die Geburt", lachte der alte Mann in den grünen Latzhosen.

Kannst du das nicht nach Göberitz bringen? Wir haben viel zu viel Zeit verquatscht – ich komme schon jetzt nicht mehr pünktlich zu meinem Termin. Wie konnte ich mich bloß darauf einlassen? Bruno ist aber auch ein toller Typ, dem konnte ich diese Bitte einfach nicht abschlagen. Und was habe ich jetzt davon? Jetzt sitze ich unter Bernd Plenskes strengem Blick auf dem Sofa und fühle mich wie damals mit 16, als ich meinem Eltern sagen musste, dass Julia schwanger ist und selbst da hatte ich weniger Angst. „Und warum war'nse den Wickeltisch nicht mit dem Schnattchen kaufen?" – „Weil ich mit Bruno war… also der wollte das für Lisa machen und da habe ich ihn zufällig getroffen und so kam das eben." – „Ist schon n guter Junge, der Bruno, nich? Ick kenn'en zwar noch nich lange, aber ick mag mir jar nich vorstellen, wie es ist, wenn er… widder weg wäre. Naja, du hast mein Verständnis für die Trauer um den Watson, aber keens für dis Fluchtverhalten. Das Schnattchen einfach so alleene lassen, nee, dis ist unverzeihlich." Was soll ich denn jetzt dazu sagen? Das weiß ich doch alles selbst. Das verzeihe ich mir selbst nie – nee, wenn ich das sage, zerreißt mich Herr Plenske in der Luft. Ich habe die Auszeit einfach gebraucht – das wäre wohl die Wahrheit, aber das kriegt er nur in den falschen Hals, da bin ich sicher. „Nach Berlin fahren und das heute!", motzte Bernd weiter. „Und keenen mitnehmen wollen! Kannste mir das mal erklären?" – „Wenn sie es wollte und sich gut gefühlt hat." Oh je, böser Blick von Bernd… „Naja, zur Entbindung müsste sie ja eh nach Berlin und…" Der Blick wird immer finsterer. Sehr viel tiefer kann ich mich in diesen Fettnapf wohl nicht hineinmanövrieren. „Aber jetzt bin ich wieder hier", erklang Lisas Stimme. Danke! Vielleicht entspannt sich die Stimmung jetzt. „Hallo", grüßte Lisa Rokko unsicher. „Ähm, ich habe nur den Wickeltisch gebracht, weil Bruno dafür keine Zeit mehr hatte." Das ergibt für sie doch jetzt nie und nimmer einen Sinn. Sie kann doch gar nicht ahnen, wie es dazugekommen ist, dass ich mit Bruno bei Ikea war. „Ja, hat er, aber uffjebaut hat er'n nich. Kannste nich alleene, wa?" – „Doch, ich denke schon, dass ich das hinkriege. Ist ja auch eine Aufbauanleitung bei, oder?" – „Aufbauanleitung. Haste jehört Schnattchen, er baut's mit ner Anleitung auf", machte Bernd sich über Rokko lustig. „Solange der Wickeltisch überhaupt irgendwann steht", murmelte Lisa genervt zurück. Das letzte, worauf ich jetzt Lust habe, ist eine Diskussion mit meinem Vater. Seine Sticheleien Rokko gegenüber sind nämlich nicht hilfreich, wenn es darum geht, eine Lösung für die ganze Situation zu finden. „In deinem Zimmer?", fragte Rokko Lisa. „Bitte?" – „Der Wickeltisch, kommt er in dein Zimmer?" – „Ja, kommt er." – „Dann lass mich mal zur Tat schreiten."

„Und wo soll er jetzt genau hin?", fragte Rokko, nachdem er lange genug mit den Einzelteilen des Wickeltisches gekämpft hatte. Wenigstens hat sie das ein paar Mal zum Lachen gebracht. Überhaupt ist es erstaunlich, wie locker sie mit mir umgeht. Ja, sie ist kühl und distanziert, aber nicht so distanziert, wie ich es erwartet hätte. Vielleicht kriegen wir das ja alles wieder auf die Reihe. Ich muss ihr nur beweisen, dass sie mir vertrauen kann. „Da in die Ecke. Also, das da muss alles weg – der kleine Tisch und die Stühle. Der Schaukelstuhl bleibt, aber der Rest muss raus – hier in den Vorraum zur Treppe." Lisa ächzte, als sie sich von ihrer Fensterbank erhob. „Du trägst mir bestimmt keinen Stuhl. Denk nicht einmal daran. Ich mache das", entschied Rokko und nahm auch schon das erste Möbelstück.

„So, alles draußen", erklärte Rokko Minuten später und machte sich daran, den Wickeltisch an seinen Platz zu schieben. „Du warst heute bei Watson", sprach Lisa ihn an. „Ja", erwiderte Rokko knapp. „Woher weißt du das?" – „Vom Friedhofsgärtner. Wir verstehen uns gut, weißt du. Er ist irgendwie… keine Ahnung, er hat so etwas Großväterliches." – „Ich habe nur kurz mit ihm gesprochen. Ich wäre ehrlich gesagt, lieber alleine gewesen." – „Hm, er merkt nicht wirklich, wenn er eigentlich stört. Aber darum geht's nicht. Sag mal, wie geht es dir denn jetzt mit Watsons Tod?" Rokko ließ seufzend von dem Wickeltisch ab. „Er fehlt mir. Er fehlt mir sehr sogar, aber… aber ich kann nicht ewig in der Vergangenheit leben und den verpassten Chancen hinterhertrauern. Das hätte er nicht gewollt und das bringt ihn mir nicht zurück. Ich schätze, das habe ich erst heute früh auf dem Friedhof kapiert." Nein, ich gehe jetzt nicht zu ihm rüber und umarme ihn. Nein, das macht alles nur unnötig schwer für euch beide – außerdem ist er noch nicht fertig. „Ich will unbedingt für Pascal da sein", machte Rokko dem Luft, was ihm auf der Seele brannte. „Also, wenn er dann auf der Welt ist." – „Ich habe dir gesagt, dass ich dir deinen Sohn bestimmt nicht vorenthalten werde. Es wäre mir sogar ganz lieb, weil… naja, ich habe ja keine Erfahrung mit Babys und…" – „Du machst dir Sorgen? Das musst du nicht. Ich bin mir ganz sicher, dass du das großartig machen wirst." Lisa lächelte scheu. Das hatte ja noch gefehlt – dieser liebe Blick. Jetzt könnte er mir glatt erzählen, dass ich die Weltherrschaft erlangen könnte – mit einem Wimperschlag natürlich und ich würde ihm das auch noch glauben. Lisa ging zu ihrem Kleiderschrank und holte zwei prall gefüllte Tüten hervor. „So, Wickelunterlage, Tücher, Windeln, Puder, Creme… alles, was den wunden Baby-Po erfreut", lachte sie. „Komm, lass uns den Wickeltisch einrichten." Lisa machte einen Schritt vorwärts und ließ reflexartig die Tüten fallen. „Au", jammerte sie und fasste sich an den Bauch. „Geht's los?", fragte Rokko alarmiert. „Ich glaube schon, ja." Sofort riss Rokko die Zimmertür. „Herr Plenske! Herr Plenske! Es geht los!" Es polterte kurz im unteren Stockwerk, gefolgt von schnellen Schritten auf der Treppe. „Wie viel Abstand?" – „Was?" – „Wie viel Abstand zwischen den Wehen?", fragte Bernd erneut. „Das war die erste Papa, kein Grund zur Sorge." – „Trotzdem. Kowalski, Lisas Tasche steht da drüben. Das Auto ist in der Einfahrt – Tasche ins Auto", befahl Bernd. „Ich rufe bei Kerima an… wegen Helga und Bruno… und dann geht's ab ins Krankenhaus."