31.

„Ich glaube, er hat Hunger. Sonst stille ich immer um diese Zeit", erklärte Lisa Rokko wie selbstverständlich, als sie gemeinsam das Haus der Plenskes in Göberitz betraten. „Schnattchen?", rief Bernd aus der Küche. „Ja, wir sind's", rief Lisa über das Gebrüll ihres Sohnes hinweg. „Warum hat das denn so lange gedauert? Pascal hat doch bestimmt schon Hunger." – „Nein, er brüllt so, weil Deutschland nicht Fußballweltmeister geworden ist", konterte Lisa mit den Augen rollend. Nur Bernds strenger Blick hielt Rokko davon ab, zu lachen. „Ich gehe hoch und füttere ihn, ja? Wir kommen gleich wieder", wandte Lisa sich an Rokko. „Papa, sei nett zu Rokko", forderte sie dann ihren Vater auf. „Aber immer doch, du kennst mich." – „Ja, eben."

„Geht da eigentlich wieder was zwischen Ihnen und der Lisa?", wollte Bernd in der Küche von Rokko wissen. „Bitte?" – „Nu stell dich doch nicht blöd, du weißt genau, was ich meine." – „Ja, ich denke, ich verstehe…", antwortete Rokko zögerlich. „Na dann, ja oder nein?" – „Das ist irgendwie schwierig zu beantworten…" Was mache ich denn hier? Herr Plenske kann mich doch sonst auch nicht ausstehen und jetzt das? Das ist bestimmt eine Fangfrage – egal, was ich sage, er wird mich dafür zerfleischen. „Hörense mal, kennse das, wenn zwee Rüden sich treffen? Der eene pinkelt und der andere schnuppert dran und pinkelt druff und dann schnuppert der erste widder und hebt's Been und…" – „Pinkelt drauf. Ja, ja, ich hab's verstanden. Bloß… was wollen Sie mir damit sagen?" – „Probier mal? Braucht dis noch Salz?" Bernd hielt Rokko einen Löffel voll Sauce hin. Dieser nippte kurz an der Flüssigkeit und schüttelte den Kopf. „Nee, ist gut so." Bernd schaltete die Herdplatte ab und sah Rokko dann verlegen an. „Was ick damit sajen wollte, is, dis man manchmal sein Revier markiert… markieren muss. Is so'n Urinstinkt – kommt wohl aus de Zeit, als der Mensch noch in Höhlen gelebt hat… Als Pascal jeboren wurde, da hat der Bruno mir was jesacht, da denke ick jetzt noch drübber nach. Er sachte, dis is nüscht Schlimmeres in seinem Leben jejeben hätte als ohne Vater uffzuwachsen… naja ihn nich so kennen. Deshalb hätte er mich och jesucht. Ick hab meinen Enkel sehr lieb und ick will nur, dis er glücklich is und dis Schnattchen och. Ihr seht euch ziemlich oft in letzter Zeit und die Lisa strahlt so, wenn sie zu dir jeht oder von dir kommt und da dachte ick… Mensch, ihr seid doch die Eltern von dem Lütten und…" – „Ähm… ja, naja… was Lisa und mich betrifft, wir… also… nee, da läuft nichts." – „Klingt nach einem Leider", stellte Bernd fest. „Was soll ich denn jetzt sagen?", fragte Rokko verunsichert. „Ja oder nein." – „Und was ist die richtige Antwort? Ich will doch nicht, dass Sie mich unangespitzt in den Boden rammen." – „Tu ick nich, hab ick doch jesacht: Bin wie'n dominantes Hundemännchen: Erst alles vollpinkeln und dann handzahm werden", schmunzelte Bernd. „War so'was wie ne Entschuldijung. Also, was is nu? Ja oder nein?" – „Ja, leider. Ich hab's wohl verbockt." – „Ach was", winkte Bernd ab. „Dis Schnattchen hat schon janz andere Sachen verziehen. Wenn ick was tun kann…" – „Besser nicht. Nachher schleppen Sie noch David Seidel an…" – „Dis is'n janz feiner Kerl, aber nix für unser Schnattchen. Zweemal jetroffen ham'se sich und nüscht passiert – war wohl doch nicht die große Liebe… Och die rosa Wölkchen verziehen sich irjendwann, nich?" Bernd nahm den Topf vom Herd und begann, die Teller zu füllen. „Bier zum Essen?", wollte er von Rokko wissen. „Gerne." – „Is im Kühlschrank. Nimmste dir selbst, ja?" – „Herr Plenske? Könnten Sie sich vielleicht entscheiden, ob Sie mich siezen oder duzen wollen? Irgendwie finde ich das anstrengend." – „Stimmt. Is'ses auch. Gießte mir och'n Bierchen ein? Dann stoßen wir uff's du an", grinste Bernd breit. „Wo bleibt denn dis Schnattchen? Wird doch alles kalt." – „Ihre Frau ist ja auch noch nicht da." – „Dein Frau… deine Frau…", korrigierte Bernd. „Aber Helga stillt och nich und muss druff achten, dass se nich vom Fleisch fällt." – „Außerdem bin ich ja schon da", mischte Helga sich von hinten in das Gespräch. „Warum kommste denn durch de Hintertür, Helgamäuschen?" – „Weil ich noch im Garten war. Herr Kowalski, wollen Sie nicht der Lisa Bescheid sagen, dass es Essen gibt?", wandte sie sich an den jungen Mann. „Ähm… an und für sich schon, aber… ich… ich will sie nicht stören", wich Rokko verlegen aus. „Nein, wie süß. Helgamäuschen, er geniert sich. Jeschwängert hat er se, aber bei dem Jedanken, se beim Stillen zu sehen, da wird er rot." Helga bedachte ihren Mann mit einem mahnenden Blick. „Dann warten wir eben. Wird ja nicht so lange dauern, dass einer von uns vom Fleisch fällt, oder?" Rokko nickte Helga dankbar zu. „Genauso."

„Ja, mein Süßer, dieser Schlafsack ist total doof, das kann ich verstehen", beruhigte Rokko seinen Sohn. „Watson mochte die auch nicht", wandte er sich dann an Lisa. „Da kann er nicht schön strampeln drin, wenn du verstehst…" Lisa nickte unsicher. „Was schlägst du vor?" – „Also auf der Haben-Seite steht der Schlafsack. Auf der Soll-Seite steht: Pascal kann ihn nicht ausstehen. Nach ausgiebiger Markanalyse würde ich sagen: Versuch's mit einer Decke", zog Rokko sie auf. Lisa errötete augenblicklich und starrte auf ihre Finger. „Du musst dich nicht über mich lustig machen. Ich versuche doch nur, alles richtig zu machen", murmelte sie. „Hey, du machst das großartig, aber das mit Pascal das ist nun mal keine Kurvendiskussion, bei der es richtig und falsch gibt. Du musst das eine oder andere ausprobieren, flexibler werden eben." Rokko nahm den wimmernden Pascal wieder aus seiner Wiege und legte ihn auf den Wickeltisch, wo er ihm auch gleich den Schlafsack auszog. „Hast du nun eine Decke?", wandte er sich an Lisa. „Ich schätze schon. Geht die?", antwortete diese und hielt ihm ein Stück Stoff unter die Nase. „Jep, die ist wunderbar." Rokko hob Pascal wieder in die Wiege und deckte ihn zu. „So, das ist viel besser, oder?", fragte er das Baby. „Kann ich noch bleiben, bis er eingeschlafen ist?", wandte Rokko sich dann an Lisa.

„Das war ein sehr netter Abend", verabschiedete Lisa sich von Rokko. Er stand in der Haustür und lächelte. „Das fand ich auch. Sehen wir uns trotzdem am Wochenende?" – „Wenn… wenn du das möchtest… Ich… also… wir… also Pascal und ich, wir kommen gerne." Himmel, Lisa, fang dich wieder! Wann habe ich denn das letzte Mal so hilflos rumgestottert? Jedes Mal, wenn ich mit Rokko spreche. Das muss ein Ende haben, sonst wird das nie etwas mit uns. „Ich freue mich schon", gestand Rokko. „Ich wollte noch Danke sagen, dafür dass… also dass ich bei der Geburt dabei sein durfte… und dafür dass du heute mit mir auf dem Friedhof warst. Es ist nicht mehr so beängstigend, wenn man nicht alleine ist." – „Das habe ich gerne gemacht… also das mit dem Friedhof. Die Geburt… naja, was bei rausgekommen ist, ist toll, aber die Geburt an sich war nur aua", erwiderte Lisa. „Du musst los, die Bahn ist sonst weg", fuhr sie fort und beugte sich vor, um Rokko einen scheuen Kuss auf die Wange zu geben. „Komm gut nach Hause."

„Das letzte Mal, das ich jemanden so debil habe grinsen sehen, war damals, als dieser 17-Jährige bei mir war. Der, der Angst vorm ersten Mal hatte und bei mir… naja… Erfahrungen sammeln wollte", erinnerte sich Oksana schmunzelnd, als Rokko die Wohnung betrat. „Du hast doch nicht…?", fragte Hugo entsetzt. „… dem jungen Mann das Taschengeld für Monate abgenommen und ihn mit einer Handvoll Kondome und ein paar guten Tipps wieder weggeschickt? Doch, habe ich", erwiderte Oksana belustigt. „Lisa hat mich geküsst", meinte Rokko nur leise. „Siehst du, Hugo, wie damals. Der junge Mann hier ist verliebt." Kritisch betrachtete Hugo seinen Mitbewohner. „Na wurde ja auch Zeit – das mit dem Kuss meine ich." – „Auf die Wange", erklärte Rokko. „Naja, wer drauf steht", kicherte Oksana. „Ich geh dann mal", wandte sie sich an Hugo. „Sehen wir uns in den nächsten Tagen?" – „Am liebsten würde ich dich gar nicht gehen lassen", antwortete der Designer. „Aber ich muss heute Nacht arbeiten." – „Ist gut. Was hältst du von Mittagessen? Morgen, ich hole dich ab." – „Gut, dann bis morgen."

„So, Monsieur Kowalski und jetzt zu Ihnen: Wie war Ihr Abend?", verlangte Hugo recht deutlich zu wissen, nachdem Oksana gegangen war. „Schön, sehr schön. Pascal wird so schnell groß und er hat manchmal erschreckend viel Ähnlichkeit mit Watson." – „Eigentlich meinte ich eher, wie Ihr Abend mit Frau Plenske war." Rokko begann sichtlich herumzudrucksen. „Ja, also… das war auch schön…" – „Aber?" – „Aber… ich weiß nicht, wie lange ich diese Distanz noch ertrage." – „Sie lieben sie?" Rokko nickte. „Haben Sie ihr das schon gesagt?" – „Ich habe ihr versprochen, ihren Wunsch nach Abstand zu respektieren und… ich will sie einfach nicht überfahren und dabei vielleicht etwas kaputtmachen, wenn Sie verstehen." – „Sie warten also ab, bis Frau Plenske den ersten Schritt macht?" – „Genau." – „Ihre Geduld hätte ich gerne. Wissen Sie, manchmal muss ein Mann tun, was ein Mann tun muss." – „Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss und das ausgerechnet von Ihnen?", lachte Rokko. „Jep, ausgerechnet von mir. Kommt Frau Plenske am Samstag wieder her? Ich könnte… naja… dafür sorgen, dass Sie sturmfrei haben, wenn Sie wollen." – „Herr Haas, ja, Lisa kommt am Wochenende und nein, Sie müssen mir kein Sturmfrei geben." – „Aber ich sollte oder könnte?", analysierte Hugo grinsend. „Mach ich doch gerne." Freundschaftlich schlug der Designer seinem Mitbewohner auf die Schulter. „Schlafen Sie gut und träumen Sie etwas Schönes, aber da muss ich mir ja wohl keine Sorgen machen…"