33.
„Herr Seidel!" Quälend langsam drehte sich David zu Bruno um. „Boah, Sie sehen aus, als hätte eine Party auf Ihrem Gesicht stattgefunden", grinste Lisas Halbbruder schadenfroh. „Bitte… nicht so laut", jammerte David mit rauer Stimme. „Was ist passiert? Das ist der schlimmste Kater, den ich in den letzten Monaten gesehen habe…" – „Ich bin mir nicht sicher, was passiert ist… ich war letzte Nacht auf diesem Konzert – dem von Madeleine…" – „Madeleine, so so", schmunzelte Bruno. „Ist das so eine Plenske-Manie? Ich sage ‚Madeleine' und ihr sagt ‚so, so'…" – „Eigentlich bringe ich so zum Ausdruck, dass ich es unfair finde, dass Sie jemanden an der Angel haben, während Lisa und Rokko immer noch umeinander herumschleichen." Betreten schluckte David. „Egal, was wollten Sie denn von mir, Lehmann?" – „Nichts da, egal. Von einem Konzert mit Madeleine kriegt man keinen solchen Kater. Ich will die ganzen schmutzigen Details! In dieser Firma gehört man erst richtig dazu, wenn man auch zur Gerüchtküche beitragen kann. Also, los, spucken Sie es aus." – „Das Konzert war toll, wirklich… und laut, sehr laut." – „Meine Güte, in Ihrem Alter kann man das doch ab. Aber ein lautes Konzert ist kein Grund für einen Kater, wenn ich mich richtig erinnere…", bemerkte Bruno. „Nee, der Kater kommt davon, dass ich etwas mit Madeleine getrunken habe. Naja, ein bisschen mehr wird es schon gewesen sein… ich kann mich einfach nicht erinnern. Wir haben uns nett unterhalten, getanzt, getrunken und das nächste, woran ich mich erinnern kann, ist, dass ich halb an ein altes Sofa gelehnt aufgewacht bin – Madeleines Kopf auf meinem Schoss, den Kopf der Keyboarderin an meiner Schulter. Reicht das, Lehmann? Bei jeder Bewegung meines Kiefers scheint mein Kopf platzen zu wollen." – „Gruppenkuscheln im Vollsuff", freute Bruno sich. „Das hätte ich ja zu gerne gesehen." – „Ich auch, glauben Sie mir. Ich würde einiges dafür geben zu wissen, was nach dem Drink kam." – „Alkohol ist eben keine Lösung, sondern ein Destillat und hat manchmal böse, böse Folgen", lachte Bruno. „Ich würde viel lieber wissen, wie dieses T-Shirt seinen Weg auf Ihren Oberkörper gefunden hat", kicherte er weiter und deutete schadenfroh auf das braun-grüne Kleidungsstück mit dem Bild einer gewöhnungsbedürftig gekleideten Band. „Das kann ich erklären", meinte David sich räuspernd. „Ich habe heute früh so nach Alkohol und Zigaretten gestunken, so konnte ich nicht ins Büro." – „Ähm, Herr Seidel, nehmen Sie es nicht persönlich, aber Sie stinken auch so und zwar nicht nur nach Alkohol und Zigaretten, sondern auch nach Kotze." – „Ich kann mich nicht erinnern, gekotzt zu haben", sinnierte David vor sich hin. „Ist das Madeleine?", fragte Bruno und piekste mit einem Finger auf das Foto, das Davids Bauch zierte. „Aua. Ja", grummelte David. „Nett", entfuhr es Bruno. „Kann es sein, dass Sie diese Stink-Geschichte nur erzählen, weil Sie nicht zugeben wollen, dass Sie dieses T-Shirt haben wollten?" David runzelte die Stirn und dachte über Brunos Worte nach. „Schon gut", winkte dieser ab. „Wenn es für Ihren Kopf keine zu große Zumutung ist, dann würde ich sagen: Unterschreiben Sie mir das hier und dann fahren Sie bitte nach Hause, waschen sich, putzen sich die Zähne und schlafen ein bisschen. Arbeit ist auf morgen verschoben." Der Geschäftsführer nahm das Schriftstück entgegen und setzte seine Unterschrift darunter. „Besser nicht fahren, ich habe noch Restblut in meinem Alkohol, glaube ich." Verwirrt sah Bruno auf. Auch David stutzte einen Moment. „Ich meinte, ich glaube, ich habe noch Restalkohol im Blut. Das wollte ich sagen." – „Es fährt doch sicherlich ein Bus, eine S-Bahn oder ein Taxi zu Ihnen? Mit der Fahne würde ich auch nicht fahren. Wenn Sie hier pusten, schlägt in Potsdam das Gerät aus."
„Er hat die ganze Nacht gebrüllt." Völlig aufgelöst stand Lisa mit dem weinenden Pascal vor Rokkos Wohnungstür. „Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll. Ich wollte ihn füttern, da hatte er aber keinen Appetit drauf. Ich habe seine Windel gecheckt – trocken wie ein Sandkorn in der Wüste. Ich habe ihn hochgenommen, ein bisschen geschaukelt und bin mit ihm auf und abgegangen. Dabei hat er sich ein bisschen beruhigt. Ich habe also angefangen, ihm vorzusingen – wir sind uns einig, dass das ein herber Rückschlag war." – „Kommt erstmal rein", winkte Rokko den unverhofften Besuch verschlafen hinein. „Gib ihn mir mal", forderte er Lisa auf. Führsorglich nahm er Pascal auf dem Kinderwagen und lächelte ihn an. „Na, erzähl dem Papa doch mal, was mit dir los ist." Plötzlich rümpfte Rokko die Nase. „Du hast die Hose voll, da würde ich auch heulen." Entsetzt sah Lisa den Vater ihres Kindes an. „Als wir losgefahren sind, waren seine Windeln aber noch sauber und da hat er auch schon gebrüllt." – „Das glaube ich dir ja", versicherte Rokko ihr. „Aber das wird jetzt sein Übriges tun. Hast du alles dabei?" – „Windeln und so? Ja, warte." Lisa begann in der Wickeltasche zu suchen, während Rokko Pascal auf das Sofa legte und ihn auszog. „Oi, wenn du die ganze Nacht an dem verdaut hast, was da jetzt in deiner Windel liegt, ist ja klar, dass du weinen musstest. Komm, Papa macht dich erstmal sauber."
„Wie machst du das?", fragte Lisa müde, als sie sah, dass Pascal bei Rokko ganz ruhig war. „Ich schätze, er dachte, es sei Samstag und hat sich beschwert, weil er immer noch in Göberitz war", scherzte Rokko. Eindringlich betrachtete er Lisa. „Du siehst müde aus", bemerkte er. „Ich bin müde", gestand Lisa. „Was hältst du davon, dich ein bisschen hinzulegen? Ich rufe bei Kerima an, dann kann ich mich um Pascal kümmern. Bruno gibt mir bestimmt frei – es geht doch immerhin um seine Lieblingshalbschwester und sein Lieblingsneffe." Langsam schüttelte Lisa den Kopf. „Aber zum Frühstück bleibst du doch, oder? Komm, das kannst du jetzt aber nicht ablehnen."
„Klingt, als hätte unser Sohn auch Lust auf Frühstück", meinte Rokko und stellte das Marmeladenglas wieder auf den Tisch. „Kann ich wieder dein Schlafzimmer benutzen?", fragte Lisa unsicher. „Na klar, so wie immer", lächelte Rokko sie lieb an. „Du musst übrigens das Frühstück meinetwegen nicht unterbrechen. Bis dein Sohn satt ist, dauert eine Weile, das weißt du." Rokko nickte und sah Lisa nach, als diese mit Pascal in seinem Schlafzimmer verschwand.
„Lisa?", fragte Rokko und steckte verschämt seinen Kopf in sein Schlafzimmer. Das letzte, was er wollte, war Lisa beim Stillen zu stören doch mittlerweile war sie so lange weg, dass er sich Sorgen machte. „Lisa?", fragte er erneut und schlich auf Zehenspitzen zu ihr. Er warf einen Blick über ihre Schulter – ein strahlend blaues und ziemlich waches Paar Augen sah ihn an. „Ist deine Mama eingeschlafen?", lächelte Rokko das Baby an. „Dann lassen wir sie mal schlafen. Komm her", flüsterte er und hob Pascal hoch. „Jetzt machst du erstmal ein Bäuerchen… oder einen ganzen Bauern", kommentierte Rokko amüsiert das Geräusch, das seinem Sohn entfuhr und dann lege ich dich in den Kinderwagen." Gesagt, getan. Minuten später ging Rokko wieder in sein Schlafzimmer und deckte Lisa zu. „Schlaf gut, Süße. Pascal und ich, wir gehen ein bisschen spazieren." Vorsichtig drückte Rokko ihr einen Kuss auf die Wange und ging.
„Pascal?" Lisa schlug die Augen auf und sah sich verwirrt um. Wo bin ich? Bei Rokko, ich bin bei Rokko. Ich bin hergekommen, weil Pascals Geschrei keine Ende nehmen wollte, aber er hat dafür gesorgt, dass Pascal sich beruhigt. Wir haben gefrühstückt. Ich habe Pascal gestillt und… bin eingeschlafen – nur für einen Augenblick, mehr kann das wirklich nicht gewesen sein. Doch wo ist das Baby? Er muss das noch hier sein. „Pascal?", fragte Lisa erneut und setzte sich auf. Blöde Decke – sie hat sich komplett um meine Beine gewickelt. „Rokko?", fragte Lisa der Panik nahe und lief ins Wohnzimmer. Aufgeregt sah sie sich um – keine Spur von Rokko und auch nicht von Pascal. Der Kinderwagen war auch weg. Hysterisch rannte Lisa auf die Straße und sah sich um – auch hier, nichts von Rokko und Pascal zu sehen. Nein, beruhigte Lisa sich selbst. Rokko würde nie mit Pascal einfach abhauen. Er sieht ihn doch so oft. Er ist extra hergekommen, als er von der Schwangerschaft erfahren hat, er würde nie… „Rokko!", rief Lisa verzweifelt die Straße hinunter. Ein seltsamer Blick der Passanten war ihr sicher.
Der von Ihnen gewünschte Teilnehmer ist zurzeit nicht erreichbar. Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht nach dem Piepton. Rokko? Hier ist Lisa, wo bist du? Ich bin aufgewacht und du bist weg und Pascal auch und die beim Notruf meinten… die wollten mir nicht helfen. Ich mache mir Sorgen, also bitte melde dich. Wir können doch auch über alles reden. Wenn du deinen Sohn öfter sehen willst, dann finden wir eine Möglichkeit, aber… aber bitte… komm zurück. „Wenn du groß bist und alleine laufen kannst, dann gehen wir wieder auf den Spielplatz, dann brauchst du nicht mehr nur zugucken. Bei Oma und Opa in Flensburg gibt es noch eine Schippe und Förmchen. Die haben mal Watson gehört, aber es macht ihm bestimmt nichts aus, wenn du irgendwann mal damit spielst." – „Rokko!", kreischte Lisa und sprang auf. „Wo warst du? Ich habe mir solche Sorgen gemacht." Aufgebracht stürmte sie auf den Kinderwagen zu. Zahnlos grinste Pascal sie an. „Wir waren nur spazieren", verteidigte Rokko sich verwirrt, erschrak aber, als Lisa in Tränen überströmt ansah. „Was ist denn los?" – „Was los ist?", schrie Lisa ihn an. „Was los ist? Ich habe gerade mal einen Augenblick die Augen zugemacht und schon haust du mit meinem Kind ab!" – „Es ist unser Kind, außerdem war er nicht bei irgendwem, sondern bei mir und ich bin nicht einfach abgehauen. Du hast übrigens nicht nur einen Moment lang geschlummert, du hast tief und fest geschlafen. Wir waren immerhin zwei Stunden unterwegs und auch nur um den Block, wenn dich das beruhigt." – „Von diesen zwei Stunden habe ich jetzt bestimmt eine damit verbracht, Panik zu schieben und rumzutelefonieren. Konnte ich denn ahnen, dass du diesmal nicht einfach so wegrennst, sondern wiederkommst?", schluchzte Lisa. „Komm mal her", forderte Rokko sie auf und nahm sie in den Arm. „Wir müssen ganz dringend reden, oder?" – „Ja, am besten sofort", schniefte Lisa verzweifelt und ließ sich bereitwillig von Rokko zum Sofa dirigieren.
