34.

„Als ich dich damals kennen gelernt habe, da fand ich dich… entschuldige den Ausdruck, aber ich fand dich schrullig – auf eine positive Art, weißt du? Ich dachte: Wow, sie ist einzigartig. Niemand bei Kerima und in der ganzen Modebranche ist wie sie. Ich mochte dich, aber mich in dich verlieben? Das hielt ich für unmöglich… Trotzdem ist es irgendwie passiert. Ich kann gar nicht genau sagen, wann, aber plötzlich wusste ich, ich liebe dich. Als Watson dann plötzlich in der Tür stand und du… du hast dich so rührend um ihn gekümmert. Mehr als ein Mal hatte ich dieses Bild von einer kleinen Familie vor mir: Watson, du, ich… Miss Moneypenny… Aber da war auch noch David. Meine Angst, dich wieder an ihn zu verlieren, war schon schlimm genug, aber ich glaube, das hätte ich verkraftet. Allerdings… euch beide zu verlieren? Watson und dich? Nein, das hätte ich nicht überstanden. Watsons Krankheit… sie… sie hat alles kaputt gemacht. Es hat so wehgetan, Watson gehen zu lassen. Zu sehen, wie du die Kraft aufbringen konntest, dich ich hätte aufbringen müssen, um Watsons letzte Wünsche zu erfüllen… aber ich war nur noch eine Fassade… ich habe dich so beneidet um diese Stärke. Als dann wirklich das schlimmste eingetreten ist, was ich mir als Vater habe vorstellen können, da… da bin ich in ein unendlich tiefes Loch gefallen. Es hat mir einfach so den Boden unter den Füßen weggerissen. Ich wollte nur noch alleine sein, aber du warst ja noch da. Glaubst du, ich weiß, wie das ist, wenn ständig jemand da ist und so lieb zu mir ist? Nein, es war das erste Mal, das jemand so für mich da gewesen ist und damit konnte ich einfach nicht umgehen. Es tut mir leid, dass ich dir nicht so beistehen konnte, wie du verdient hättest – du warst ja schließlich auch immer für mich da. Irgendwie hat sich bei mir die Idee festgesetzt, dass… dass ich dich auch verlieren könnte – sei es an David oder noch schlimmer. An dem Abend, als du mir diese Lasagne gemacht hast, da… da habe ich kapiert, dass David keine Rolle mehr für dich spielt, aber… aber ich dachte, ich könnte dich nicht glücklich machen und das hast du doch verdient, vor allem nach der schweren Zeit mit Watson. Bei meinen Eltern, da war alles soweit weg. Keiner hat Fragen gestellt, ich konnte mich in Ruhe mit meiner Trauer verkriechen und… ich konnte doch nicht ahnen, dass das genau das falsche ist." Rokko atmete durch und sah Lisa erwartungsvoll an. Ihr Gesichtsausdruck ließ keinen Rückschluss auf ihre Gedanken oder Gefühle zu. Langsam streckte sie ihre Hände aus und griff nach seinen. „Dass du Weihnachten nicht feiern wolltest, das habe ich verstanden, aber das du einfach so verschwunden bist, das hat mich schon getroffen. Klar, dass du Zeit zum Trauern brauchtest, aber hier ging alles drunter und drüber: Bruno war plötzlich da, meine Eltern nur noch am Streiten. Das war wie ein Erdbeben in meiner kleinen, harmonischen Welt. Ich hätte dich hier wirklich gebrauchen können. David mit seinen Gefühlen, von denen er jetzt behauptet, es sei missverstandene Dankbarkeit gewesen… vielleicht auch verletzter Stolz, wer weiß… kamen da wie gerufen. Alle haben mir geraten, mal mit ihm auszugehen – ich hätte ihn doch geliebt, wir wären ein Traumpaar, so etwas eben, aber… naja, mal abgesehen von der Brechattacke beim ersten Date, war mir sehr bald klar, dass das nicht ist, was ich wollte. Ich wollte… ich will dich." – „Du willst mich?", fragte Rokko ungläubig. „Ja", hauchte Lisa. „Ich will, dass du der Mann in meinem Leben bist. Naja, solange Pascal so klein ist, wirst du dich wohl mit Platz zwei begnügen müssen, aber…" Rokko legte seine Hand auf Lisas Wange, was diese verstummen ließ. „Ich habe soviel verpasst", gestand er traurig. „Ich habe die ganze Schwangerschaft verpasst…" – „Mach dir nichts draus, ich habe die ersten fünf Monate auch verpasst. Pascal kann sich nicht daran erinnern und wird dir bestimmt nie einen Strick daraus drehen", scherzte Lisa. „Du weißt, wie ich das meine." – „Hm, weiß ich. Als ich von der Schwangerschaft erfahren habe, da war ich so euphorisch. Ich dachte, ich erzähle dir davon, du kommst zurück und… naja, wenn sie nicht gestorben sind, eben. Du hast nie zurückgerufen. Ich war drauf und dran, in den Zug nach Flensburg zu steigen, aber… ich glaube, ich war trotzig. Ich dachte mir, es wäre mal an dir einen Schritt zu machen." – „Ja, das wäre es wohl. Ich glaube, ich würde immer noch in Flensburg sitzen und vor mich hintrauern, wenn ich diesen Film nicht gekriegt hätte." – „Welchen Film?", fragte Lisa irritiert nach. „Den von Bruno und Hugo. Eigentlich war hauptsächlich das Gezanke zwischen den beiden zu hören – darüber, wie die Kamera gehalten werden muss und so. War irgendwie witzig, aber… als du zu sehen warst, da hat mein Vater mich sofort vor die Tür gesetzt und das war wohl das beste, was mir passieren konnte… ich bin noch am gleichen Abend zu dir gefahren – das weißt du ja. Ich habe dich gesehen mit dem dicken Bauch und ich wusste, hier gehöre ich her, verstehst du? Es ist, als würde ich eine zweite Chance kriegen, zu zeigen, dass ich als Vater kein Versager bin." – „Du bist als Vater kein Versager", beeilte Lisa sich zu sagen. „Du bist ein ganz großartiger Vater. Pascal hat aufgehört zu heulen, oder? Für Watsons Krankheit konnte niemand etwas." Nachdenklich biss Lisa sich auf die Unterlippe. „Er hat dich wahnsinnig geliebt. Du warst sein Holmes und er fand das cool." – „Er fehlt mir", gestand Rokko mit brüchiger Stimme. „Mir auch", lächelte Lisa traurig. „Aber… ich denke öfter an die Zeiten, die ich mit ihm hatte, als an die, die die uns jetzt entgehen." Lisa rutschte unsicher etwas näher an Rokko heran. „Weißt du, Bruno sagt immer: Ich bedauere nichts, außer den Dingen, die ich nicht getan habe. Ich bin mir ganz sicher, dass ich es bedauern werde, wenn ich jetzt nicht endlich den Mund aufmache: Ich habe dich um Zeit gebeten und die habe ich bekommen. Ich habe nachgedacht und meine Umwelt beobachtet und… Rokko, ich… ich liebe dich und… und ich will wieder mit dir zusammen sein. Es ist nur… ich habe einfach Angst, dass du plötzlich wieder weg sein könntest… deshalb war ich vorhin auch so hysterisch. Ich meine, ich hatte so Angst, dass du wieder weg bist und dass du Pascal vielleicht mitgenommen haben könntest. Ich hätte nicht gewusst, was ich in dem Fall gemacht hätte…" – „Pst", beruhigte Rokko sein Gegenüber. „Ich bin normalerweise kein Fluchtmensch. Ich verspreche dir hoch und heilig, dass du mich nicht wieder loswirst. Glaub mir, das ist eher ein Fluch als etwas Positives", grinste Rokko. „Ich bin immer für dich und Pascal da, hörst du? Ich liebe unseren kleinen Schreihals und… ich liebe dich", fuhr er ernst fort. „Lass es uns noch mal versuchen. Wir müssen ja auch nichts überstürzen, ich meine…" Lisa beugte sich vor und legte ihre Lippen auf Rokkos. Ganz vorsichtig begann sie Rokko zu küssen. Gerade, als dieser sie näher an sich zog, kam ein herzzerreißendes Wimmern aus dem Kinderwagen. „Das mit dem Timing müssen wir aber noch üben, Sohn", lachte Rokko und erhob sich, um einen Kontrollblick in den Kinderwagen zu werfen. „Hey, hast du gehört? Mama und Papa sind wieder zusammen. Kannst du dich daran erinnern, worum ich dich im Krankenhaus gebeten habe? Hast du gut gemacht, Pascal", lächelte Rokko das Baby an und hob ihn hoch. „Du hast mit unserem Sohn konspiriert?" – „Jep, aber das bleibt ein Geheimnis unter Männern", lachte Rokko zurück.

„Hallo Oksana! Sieh mal, was ich dir mitgebracht habe." Freudestrahlend betrat Hugo seine Wohnung und hielt einen Aktenordner hoch. „Das sind die Angebote des Maklers für deinen Blumenladen." Oksana sprang sofort vom Sofa auf. Irgendwie fand sie es unpassend, nicht aufzustehen, immerhin war das Hugos Wohnung… „Die haben alle eine phantastische Lage – mitten in der Stadt, gute Anlieferungsmöglichkeiten und nicht weit von Kerima." Hugo legte seine Arme um Oksana und küsste sie zärtlich. „Gleich morgen hast du Besichtigungstermine. Ich könnte mitkommen, wenn du willst", bot der Designer an. „Gerne", nahm Oksana das Angebot an. „Ich habe etwas Leckeres gekocht. Hast du Hunger?" Hugo nickte. „Fühlst du dich wohl hier? In meiner Wohnung, meine ich. Der Makler wird sich freuen, wenn ich ihn auch damit beauftrage." – „Nein… also, ja, ich fühle mich wohl und nein, du musst ihn nicht beauftragen. Ich suche selbst nach einer eigenen Bleibe. In dem Kiosk bei Kerima um die Ecke hängen Angebote. Da werde ich anfangen."

„Das war sehr lecker, Oksana", lobte Hugo das Essen. „Wie wäre es, wenn wir es uns mit dem Wein auf dem Sofa gemütlich machen würden?", schlug er vor. „Klingt gut", lächelte Oksana ihn verführerisch an und ging voraus. „Ich kann es noch gar nicht fassen, dass ich morgen schon potentielle Läden besichtigen gehe. Ich habe die letzten Jahre viel Zeit damit verschwendet, davon zu träumen und jetzt?" – „Es ist nie vergeudete Zeit zu träumen", warf Hugo ein. „Ich weiß, aber es ist so. Ich würde so viel dafür geben, Marian davon erzählen zu können." – „Dein Bruder fehlt dir sicher sehr, oder?" – „Naja, er war in schwierigen Zeiten der wichtigste Mensch in meinem Leben – ich werde ihn wohl nicht vergessen. Weißt du, es sind vor allem die Umstände seines Todes, die die Erinnerung an ihn so präsent machen, aber lass uns nicht davon reden", blockte Oksana das Gespräch ab. „Ich lebe hier und jetzt. Marian hat der Zukunft auch immer weit die Arme geöffnet, wenn auch ein Mal zu weit…" Oksana stellte ihr Weinglas weg und kuschelte sich an Hugo. „Ich bin sehr froh, dass ich dich getroffen habe." Kleine, zarte Küsse hauchte sie auf Hugos Hals. „Sehr, sehr froh." Ihre Hand glitt über sein Hemd. „Ich glaube, ich sollte nach Hause gehen", meinte Hugo panisch und sprang auf. „Du bist Zuhause", erwiderte Oksana halb verwirrt, halb amüsiert. „Ich meine, zu Herrn Kowalski nach Hause, weil… weil… es ist schon dunkel draußen und… gute Nacht." Verdattert starrte Oksana auf die Wohnungstür, die ins Schloss fiel.