35.
„Guten Abend Herr Haas. Ich dachte, Sie wären heute bei Oksana", begrüßte Rokko seinen Mitbewohner. „War ich auch… Was grinsen Sie eigentlich schon wieder so penetrant glücklich?" – „Lisa und ich sind wieder zusammen", verkündete Rokko strahlend. „Freut mich", murmelte Hugo. „Ist sie da? Soll ich wieder gehen?" – „Nein, Lisa ist vor einer Stunde zurück nach Göberitz gefahren – wir wollen nichts überstürzen." Mit verkniffenem Gesicht lief Hugo in die Küche und inspizierte den Kühlschrank. „Kein Bier mehr da?", wollte er wissen. „Ich war nicht dran mit Einkaufen", verteidigte Rokko sich schmunzelnd. „Aber ich habe immer eine Flasche Rotwein für den absoluten Notfall im Schrank. Wie wäre es, wenn wir die öffnen und dann erzählen Sie mir, warum Sie so muffelig drauf sind."
„Sie wollte mit mir schlafen", erklärte Hugo, nachdem er einen großen Schluck Rotwein genommen hatte. „Und trotzdem sind Sie hier?", fragte Rokko. „Hm, ich habe die Flucht ergriffen. Eigentlich habe ich mich benommen, wie der letzte Idiot – ich bin einfach aufgesprungen und abgehauen…" – „Die Erinnerung an Britta? Du wolltest nicht, weil dich deine alte Wohnung an Britta erinnert?" Hugo sah auf, schüttelte dann aber langsam den Kopf. „Nein", sagte er langsam. „Auf den Gedanken bin ich noch gar nicht gekommen", überlegte er weiter. „Es ist wohl mehr Oksanas Vergangenheit", druckste Hugo herum. „Ich dachte nicht, dass mir das etwas ausmachen könnte, aber… naja… eben haben wir noch über ihren Laden gesprochen und im nächsten Moment, da macht sie sich an mich heran." – „Du glaubst doch nicht wirklich, dass das ihre Gegenleistung werden sollte?!", entfuhr es Rokko, der sich auch sofort auf die Zunge biss. „Ich meine…" – „Ich weiß, was Sie meinen, Monsieur Kowalski. Das dachte ich auch nicht… jedenfalls nicht gleich… Ich hätte ja schon gerne… aber naja… mir ist eingefallen, wie viel Erfahrung sie hat. In meinem Leben hat es vor Britta nur eine einzige andere Frau gegeben und keine Männer, bevor Sie fragen." Rokko gluckste kurz amüsiert. „Das hätte ich jetzt nicht gefragt." – „Ich hatte einfach Angst zu versagen…" – „Hör zu, du bist mein Mitbewohner und mein Freund und ich muss das jetzt einfach tun: Das ist gequirlter Stuss." Hugos Gesicht verzog sich angesichts dieser Ansage. „Wie meinen?" – „Naja, ganz einfach: Ja, sie war Prostituierte, aber das war ihr Job. Du und ich, wir machen unsere Jobs gerne, aber Prostitution, das ist etwas Anderes. Du glaubst doch nicht wirklich, dass sie Lust oder Verlangen dabei empfunden hat?" – „Ich weiß es nicht, aber zumindest hat sie sehr viel Erfahrung, wenn du verstehst", erwiderte Hugo, der es nun albern fand, Rokko weiterhin zu siezen. „Hm. Hast du dir schon mal überlegt, was für Typen zu einer Prostituierten gehen? Ich glaube, da gibt es eine Menge Spielarten, die deine Oksana nicht wiederholen möchte." Hugo schluckte schwer. „Meinst du?" – „Sicher. Und ich meine noch etwas: Du solltest schnellst möglich mit Oksana darüber sprechen – sie könnte das missverstehen." Verstehend nippte Hugo an seinem Weinglas. „Ich gehe schlafen", verkündete er. Auf der Hälfte der Treppe blieb Hugo stehen. „Ich finde, wir sollten beim Du bleiben – nach all der Zeit." – „Sehr gerne", grinste Rokko. „Und noch eins", meinte Hugo. „Es freut mich für dich und Lisa. „Das bedeutet wohl das baldige Ende unserer Wohngemeinschaft, oder?" – „Wieso?", fragte Rokko. „Naja, Du, Lisa, das Baby… ihr wollt doch bestimmt zusammenwohnen und da würde ich nur stören." – „So weit sind wir noch nicht. Ich würde mich natürlich freuen, Lisa und Pascal hier zu haben, aber ich will nichts kaputt machen mit vorschnellen Entscheidungen, verstehst du?" – „Tue ich, aber du sagst mir rechtzeitig Bescheid, damit ich nicht das fünfte Rad am Wagen bin, ja?" Rokko nickte. „Ich glaube, du solltest dir darüber keine Gedanken machen, sondern eher darüber wie du das mit Oksana wieder hinbiegst."
„Guten Morgen!", grüßte Jürgen die Frau, die gerade seinen Kiosk betrat. „Keine neuen Wohnungsangebote", erklärte er ihr gleich und deutete auf das schwarze Brett. Ein enttäuschter Gesichtsausdruck huschte über Oksanas Gesicht. „Sie sind doch die neue Freundin von Hugo Haas, oder?" – „Ähm… ja… sieht so aus", antwortete Oksana zurückhaltend. „Sie wohnen doch zurzeit in seiner Wohnung, oder?" Oksana nickte kurz. „Wieso bleiben Sie nicht einfach da? So wie ich Hugo kenne, hat er bestimmt eine sehr schöne Wohnung." – „Hat er", bestätigte Oksana. „Sie kennen Hugo gut?", hakte sie nach. „Was heißt gut kennen? Ich bin der persönliche Seelenmülleimer seiner Ex-Chefin und seines jetzigen Chefs – sehr häufig sind Hugos Capricen der Grund, warum ich ständig Schokoriegel nachbestellen muss", lachte Jürgen. „Auch einen? Die Psychoberatung gibt's gratis dazu." – „Ich glaube nicht, dass ich Ihnen das erzählen will", gab Oksana sich kühl. „Sie sind eine ganz taffe, oder? Die Sorte, die nur sich selbst und sonst keinem traut. Kenn ich – in so einem Kiosk tun sich menschliche Abgründe auf, das glauben Sie nicht. Ich sage Ihnen, was Sie für ein Problem habe: Sie haben ein Sex-Problem." Überraschung stand in Oksanas Gesicht geschrieben. „Woher… Nein, habe ich nicht", besann sie sich. „Woher ich das weiß? Weil alle immer mit ihren Sex-Problem zu mir kommen: Lisa und ihre Angst vorm ersten Mal, Rokko und die Frage ‚Wieso macht Lisa immer einen Rückzieher?', David und die Frage ‚Was lief da letzte Nacht mit Madeleine?' – gut, das war jetzt kein klassisches Sex-Problem, aber je nachdem, was in der Zeit seines Blackouts passiert ist, könnte es eines werden. Dabei gehört das in die Kategorie ‚Will ich so'was von gar nicht wissen'." Jürgens schelmisches Grinsen wirkte ansteckend auf Oksana. „Na bitte, geht doch. Wenn Sie lächeln, sehen Sie gleich viel schöner aus." Von Jürgens Kompliment beflügelt, schnappte Oksana sich eine Tüte Gummitierchen. „Die mag ich viel lieber als Schokolade", lachte sie. „Sehr schön", freute Jürgen sich. „Sie müssen mir nichts erzählen. Was halten Sie von einer gepflegten Konversation? Über das aktuelle Geschehen in der Welt zum Beispiel. Sehen Sie mal hier, die Tageszeitung. Wir Kerle sind doch panne im Hirn. Wissen Sie, warum sich so viele Regierungschefs sträuben, Truppen nach Afghanistan oder in den Irak zu schicken?" Irritiert schüttelte Oksana den Kopf. „Naja, weil schon andere Truppen da waren und man dann ja Vergleiche anstellen kann – sind wir besser oder schlechter und so." Oksana runzelte nachdenklich die Stirn. „Aber es ist doch etwas Anderes, ob… sagen wir die Barbaren einfallen oder man sehnlichst auf die Blau-Helm-Truppen wartet." Jürgens Grinsen wurde breiter. „Erzählen Sie nicht mir das, sondern ihm", meinte er und deutete auf die sich öffnende Tür. „Hugo, da bist du ja", begrüßte Oksana den Mann, der gerade den Kiosk betrat. Verwirrt sah er auf seine Uhr. „Bin ich zu spät?" – „Nein, aber nachdem du gestern Abend so plötzlich… naja… aufgebrochen bist, dachte ich, ich hätte vielleicht etwas falsch gemacht." – „Ich bin dann mal im Hinterzimmer oder… ähm… ihr schafft das, euch nebenbei um meine Kundschaft zu kümmern?" Hilflos sah Jürgen sich um – gerade war kein Kunde da, aber das konnte sich jede Minute ändern. „Oder ihr vergrault sie mit euren Zahnpasta-Lächeln. Macht doch, was ihr wollt, aber zieht mich da nicht mit rein."
„Hugo, ich bin auf meine Vergangenheit wahrlich nicht stolz. Ich habe auf dem Straßenstrich gearbeitet und im Bordell – das war bestimmt nicht schön, aber ich habe meinen Lebensunterhalt verdient. Es hat sich viel verändert seitdem. Gestern Abend… ich habe mir lange überlegt, ob ich… und wie ich… Hugo, ich wollte dich und zwar das Komplettpaket, nicht nur deinen Körper, verstehst du? Ja, es gab viele Männer in meinem Leben, aber die waren alle nur… wie soll ich sagen? Körper und die hatten nur Interesse an mir als Objekt. Für keinen von denen habe ich etwas empfunden, aber mit dir ist das anders. Ich habe so lange darüber nachgedacht… also, ob ich das will, weil… es ist ja auch neu für mich. Es mal zu erleben, wenn man den anderen liebt, das konnte ich mir bisher nicht vorstellen…" Verschämt sah Hugo seine Freundin an. „Ich kann so blöd sein", lächelte er verschmitzt. „Was hast du denn geglaubt? Dass ich dir Noten gebe? Haltung, Betragen, Ordnung und so?", lachte Oksana. Verliebt sah Hugo die junge Frau an, legte seine Arme um ihre Taille und zog sie an sich heran. „Ich liebe dich, ma belle." Oksana legte ihre Hände auf Hugos Wangen. „Ich dich auch. Und ich bin froh, dass du mir erzählt hast, was dich bewegt. Das sollten wir beibehalten." – „Ich habe einen besseren Vorschlag: Nachdem wir einen Laden für dich gefunden haben, gehen wir wieder zu dir und machen da weiter, wo ich uns gestern Abend unterbrochen habe." Oksana beugte sich vor und gab Hugo einen leidenschaftlichen Kuss. „So machen wir das", murmelte sie. „Herr Decker?", rief Hugo. „Sie können Ihren Kiosk jetzt wiederhaben."
„Morgen", grüßte Bruno Rokko. „Helga, kann ich eine Tasse Kaffee bekommen?" Wortlos stellte Helga ihrem Stiefsohn eine Tasse hin und füllte sie. „Bitte schön", lächelte sie freundlich. „Danke." – „Sag mal, Rokko, mir ist zu Ohren gekommen, dass du und Lisa… dass da wieder etwas geht", wandte Bruno sich an den PR-Mann. „Hm, wir haben gestern lange geredet und haben entschieden, es noch einmal miteinander zu probieren." – „Oh, das freut mich aber", mischte Helga sich überschwänglich in das Gespräch. „Danke, Frau Plenske", erwiderte Rokko. „Ist nicht leicht, sich näher zu kommen, wenn ein Windelträger die gesamte Aufmerksamkeit seiner Umwelt braucht, nicht?", tastete Bruno sich weiter vor. Rokko schien nicht zu verstehen. „Ich wollte nur sagen, dass ich ein großartiger Onkel bin und…" – „… die Großeltern den kleinen Pascal über alles lieben…", vervollständigte Helga. „… und zu dritt kriegen wir den Kleinen schon gewuppt", übernahm Bruno wieder. „Wenn ihr also mal einen Abend oder eine Nacht für euch wollt, dann… ein Wort genügt."
