Fred's Lament

5. Nackter Alptraum

Oh Hölle. Warum immer ich? Habe ich in der letzten Zeit nicht schon genug durchmachen müssen?

NEIN. Ich werde NICHT wieder melodramatisch. Versetzt ihr euch doch mal in meine Lage: Zuerst macht eure geliebte Freundin mit euch Schluss, dann werdet ihr zurück in die Schule verfrachtet, OBWOHL ihr mit diesem Ort schon lange abgeschlossen hattet, werdet wenn ihr wieder dort seit, alle fünf Minuten geohrfeigt und dann entscheidet ihr euch trotz allem, den guten Samariter zu spielen und einem armen Trauerkloß zu einer Liebschaft zu verhelfen. Also meiner Meinung nach hätte man für so viel selbstlose Nächstenliebe einen Orden und zehn nackte Jungfrauen verdient.

Und was krieg ich?

Einen nackten Neville in meinem Bett.

Und als ob das nicht schon schlimm genug wär, stehen auch noch mein Zwillingsbruder, David und Seek wie die Ölgötzen da und kriegen alles mit. In solchen Situationen kann ich nicht anders, als im Stillen ein kleines 'Danke' an die Japaner und ihre netten Erfindungen zu schicken; wie ein göttliches Zeichen kann ich plötzlich eine grellrote Leuchtschrift vor meinen Augen sehen und sie liest: Harakiri.

„Wie konnte das passieren, Mr. Weasley!" Keifte McGonagall etwas später im Krankenzimmer, wo Neville gerade behandelt wurde. Genau wie jeder andere Mensch in hundert Kilometern Entfernung hatte sie meinen dezenten Angstschrei gehört, war ins Zimmer gestürzt gekommen und... Na ja, ihr wisst, was sie gesehen hat. Hätte ich mir nur das Gesicht von diesem Erstklässler-Scheißer gemerkt... Groar. Der Plan hätte nicht schief laufen sollen. Er hätte nicht schief laufen können! Er war narrensicher und was macht der Pupser? Packt sich einfach rotzfrech auf die Nase und bringt Neville dazu, mich anzusehen und nicht Lavender. Frechheit so was.

„Ich hab keine Ahnung Professor. Ich hab nichts damit zu tun." Hey, das war nicht gelogen! Der Erstklässler hatte es versaut, nicht ich!

„Und das soll ich Ihnen glauben, wo doch jeder weiss, dass Sie und Ihr Bruder ein Streich auf vier Beinen sind!"

„Professor..." Ich bedeckte mein Gesicht mit einer Hand und seufzte resignierend. „Welches Interesse hätte ich daran, Neville Longbottom nackt in mein Bett zu legen? Wenn das ein Scherz von George und mir gewesen wäre, wär Neville ganz sicher in einem anderen Bett gelandet."

McGonagall sah mich noch einige Sekunden lang verbissen an, doch dann entspannten ihre Gesichtszüge sich fast unmerklich. „Nun. Das leuchtet ein. Sie haben sicher keine Ahnung, wer das verursacht hat?"

„Nein." Doch. Dieser kleine Giftzwerg! Wie sah er noch mal aus, verdammt!

Dann erlöste Madam Pomfrey mich von dieser Unterhaltung, indem sie hinter der Schiebewand vortrat, die Nevilles Bett von uns separierte - es war verdammt schwer, ihn von mir fern zu halten, wenn er mich sah. Aber... wer kann ihm das schon verübeln? Immerhin reden wir hier von mir.

„Mr. Longbottom schläft jetzt," erklärte die Krankenschwester. „Der Liebeszauber war ziemlich stark,"

HA! Ich wusste doch, ich bin ein Genie!

„Aber ich denke, dass ich die Wirkung stoppen konnte. Sein Gedächtnis habe ich auch leicht... verändert. Er wird sich an nichts von dem, was passiert ist, erinnern. Der arme Junge muss sich wirklich schon mit genug rumschlagen."

„Könnten Sie das bei mir bitte auch machen?" Fragte ich hoffnungsvoll. Wenn es eine Erinnerung gab, auf die ich nicht scharf war, dann die von Neville im Adamskostüm.

Madam Pomfrey schüttelte den Kopf. „Es ist sehr gefährlich und kompliziert, nur einen bestimmten Teil der Erinnerungen zu löschen und ich mache es sehr ungern. Bei Mr. Longbottom habe ich eine Ausnahme gemacht, da er es mit dieser Erinnerung nicht gerade leicht haben würde."

„Und was ist mit mir? Ich werd mindestens eine Woche nicht schlafen können! Geschweige denn, mich in mein Bett legen!" Ich sah McGonagall flehentlich an. „Krieg ich wenigstens eine neue Matratze?"

McGonagall schnappte nach Luft. „Jetzt seien Sie nicht albern, Mr. Weasley! Also wirklich, Sie sind 18 Jahre alt, da sollte man meinen, dass sie mit so etwas wie ein Erwachsener umgehen können!"

Hallo! Erwachsen damit umgehen? Das tat ich doch! Ich jammerte und flehte, wie es jeder erwachsener Mann in so einer Situation tun würde!

„Professor, bitte-"

„Nein, Mr. Weasley. Sie können jetzt gehen."

Herzloses Frauenzimmer. Ich wette Madam Pomfrey hat ihr den Gefallen getan und ihre Erinnerungen an den Zwischenfall gelöscht, nachdem ich das Krankenzimmer verlassen hatte. Sozial unfähige, kleine, dicke Jungs und Frauen werden eben doch immer bevorzugt.

Ich hatte nicht wirklich Lust, gleich wieder in den Gemeinschaftsraum zurückzukehren. Auch, wenn ich keinen Zweifel daran hatte, dass George und die anderen die durch meinen Schrei aufgeschreckten Schüler abgewimmelt hatten, wusste ich doch, dass ich mir von meinen lieben Zimmergenossen später einiges würde anhören müssen. Stattdessen ging ich auf einen kleinen Streifzug durchs Schloss, so wie George und ich es früher immer getan hatten. (Früher, bevor wir wieder in Ketten hier her verfrachtet worden waren.) Dabei achtete ich darauf, Wege zu benutzen, auf denen Filch und Mrs. Norris nicht so häufig umherwanderten. Bis zum Zapfenstreich war zwar noch etwas Zeit, aber Filch hat seit Jahren die fixe Idee, dass ich und George, wo wir gehen und stehen. Unfug verzapfen. Echt keine Ahnung wie er darauf kommt.

Ich ließ mir ebenfalls einiges noch mal durch den Kopf gehen: Ich wusste jetzt zwar, dass der Liebeszaubertrank stark genug sein würde, um Bethany in meine starken, athletischen Arme zu treiben, aber trotzdem sollte das doch eher der Notfallplan sein. Erstmal musste ich es auf die altmodische Art versuchen. Nur... was genau war die altmodische Art, von der immer alle reden? Sie mit Komplimenten überschütten, bis sie nicht mehr wusste, wo vorne und hinten war? Den Rosenkavalier spielen? Mir einen französischen Akzent zulegen und anfangen, Baguettes mit kleinen Liebesbriefen im Teig zu backen? Oh Mann. Es ist doch echt erstaunlich, dass mein Selbstbewusstsein in einigen Bereichen größer ist als ich selbst und in anderen nicht existent. Da sage noch mal jemand, nur Mädchen wären komplexzerfressen. Aber andererseits würde so eine Sache wie die mit Angelina wohl jedem Kerl eine gehörige Portion Selbstachtung und Ego kosten.

„Au! Pass doch auf!"

Ich schrak aus meinen Gedanken und sprang hastig einen Schritt zurück. Zuerst sah ich mich verwirrt um und dachte noch kurz daran, dass ich gar nicht bemerkt hatte, dass ich schon so weit im Schlossinneren war, als die empörte Mädchenstimme sich erneut meldete.

„Wolltest du dich die Treppe runterstürzen, oder mich einfach nur treten?"

Ich richtete meinen Blick nach unten und sah mich wieder mal einer eingeschnappten Hermine Granger gegenüber, die vor mir auf der obersten Stufe einer Wendeltreppe saß.

„Tut mir leid."

Sie nickte und sah mich fragend an.

„Fred... Weasley. Du erinnerst dich?"

Sie verdrehte die Augen und wandte sich wieder dem Buch zu, dass auf ihren Knien lag. „Du solltest ein Namensschild tragen."

„So schwer ist es gar nicht, uns zu unterscheiden." Da ich ohnehin nichts Besseres zu tun hatte, setzte ich mich neben sie.

„Sicher. Wenn man einer von euch beiden ist." Ihr Gesicht war immer noch auf das Buch gerichtet und sie blies sich mit einem ungeduldigen Seufzen eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Ehrlich. Es gibt einen Unterschied zwischen uns." Warum erzählte ich ihr das überhaupt?

Einige Sekunden schwieg sie und schien noch einen Absatz fertig zu lesen. Dann drehte sie ihr Gesicht leicht zur Seite und versuchte sichtlich, nicht allzu neugierig auszusehen. Was sie absolut nicht schaffte.

Ich überlegte kurz, ob ich ihr das große Geheimnis wirklich verraten sollte. Immerhin hatten George und ich uns darauf geeinigt, dass wir es niemandem erzählen würden, da diejenigen, die es nicht von alleine sahen, sowieso nicht verdienten, 'eingeweiht' zu sein. Dann fiel mir aber wieder ein, dass George mir etwas verschwieg und ich wegen ihm heute schon zwei mal geohrfeigt worden war. Da wäre das hier ja wohl das kleinere Vergehen.

Also tippte ich mit meinem Zeigefinger auf eine Stelle seitlich an meinem Hals. Hermine kniff die Augen zusammen.

„Da ist nichts. Willst du mich veralbern?"

Ich grinste schief. „Das würde ich doch niemals wagen. Bei George würdest du was sehen. Er hat da ein Muttermal."

Sie sah mich geschockt an. „DAS ist das große Geheimnis! Wie billig."

Ich lachte. Ich konnte nicht anders. Ihr Gesichtsausdruck war einfach zu köstlich. Ich... Moment mal. Ich lachte. Ich LACHTE! Ich hatte seit diesem schicksalhaften Tag im Fuchsbau nicht mehr gelacht! Ich fühlte plötzlich den Drang, aufzuspringen, zu juchzen und zu rufen: 'Herr Doktor, ich kann laufen! Es ist ein Wunder!'

„Uhm... Fred... so lustig war das dann doch nicht." Warf Hermine unsicher ein, was mich nur dazu veranlasste, noch mehr zu lachen.

Mit Mühe beruhigte ich mich wieder und wischte mir die Tränen aus den Augenwinkeln. „Was machst du überhaupt hier?" Fragte ich schließlich, um das Thema zu wechseln, bevor sie noch dachte, dass ich jetzt vollends den Verstand verloren hatte. Ich bereute es sofort. Ihr Gesicht verfinsterte sich wieder.

„Na, ich bin bestimmt nicht hier, um in Ruhe zu lesen."

Ich stutzte, doch dann ging mir ein Licht auf. Natürlich. „Ron."

Hermine nickte und sah gedankenverloren die Treppe runter. „Ich hätte natürlich auch auf mein Zimmer gehen können, nachdem wir uns gestritten haben, aber wenn ich im wütenden Zustand auch nur eine Minute mit Lavender Brown verbringe, reißen mir sämtliche Geduldsfäden."

„Was hat mein Bruder jetzt schon wieder gemacht?" Fragte ich, ohne wirklich damit zu rechnen, dass sie antworten würde. So weit ich wusste, hatte sie nicht mal Ginny erzählt, was genau los war, warum sollte sie es also ausgerechnet mir erzählen? Aber irgendwie schien sich sie auf einem 'guten Fuß' erwischt zu haben.

„Er dreht durch, weil das mit uns nicht klappt."

Das hätte ich ihm schon vor drei Monaten sagen können. Aber mein Bruder war schon immer etwas schwer von Begriff gewesen, seit George und ich ihm damals als er vier gewesen war, ehm, aus Versehen in den Schweinetrog hatten fallen lassen und die Viecher sich auf ihn gestürzt hatten wie wild. Ich glaub eins von ihnen hat etwas zu hart auf seinem Kopf herumgekaut.

„Irgendwie hat er wohl immer gedacht, wir würden irgendwann zusammen kommen. Ich hab gleich nach unserer ersten 'Verabredung' gemerkt, dass es nicht klappt. Er hat etwas länger gebraucht, aber seit er es weiss... ist er von der Idee besessen, dass es klappt. Seiner Meinung nach sabotier ich nur all seine gut gemeinten Versuche und-"

Und vorbei war der Moment, in dem sie mal ausnahmsweise nicht gereizt auf alles und jeden reagierte und freiwillig etwas erzählte. Anscheinend hatte sie gerade bemerkt, was sie hier eigentlich tat und ich konnte förmlich dabei zusehen, wie sich die Schotten schlossen. Sie schüttelte den Kopf und besann sich wieder ihres Buches. Mädchen in dem gewissen Alter können wirklich zum Haareausreißen sein.

„Das geht dich nichts an."

„Natürlich." Gab ich zurück und konnte selbst den genervten Unterton in meiner Stimme nicht unterdrücken.

„Hast du ein Problem!"

Jeder halbwegs schlaue Mensch der Hermine kannte, hätte jetzt den Kopf eingezogen. Aber in mir selbst hatte sich so viel Frust und Wut angestaut, dass ein kleiner Streit jetzt doch sehr verlockend klang.

„Das sollte ich dich mal fragen. Hab ich dir irgendwas getan, oder warum pisst du mich dauernd so an!"

„Anpissen? Anpissen!" Wenn ich gedacht hatte, der Gesichtsausdruck von den Hufflepuff-Mädchen früher am Tag wäre schon unheimlich gewesen, so wurde ich jetzt eines Besseren belehrt. Hermine sah aus wie ein Tollwütiger Hippogreif im Sturzflug. „Ich zeig dir gleich mal, was anpissen wirklich ist!"

Bevor ich überhaupt wusste, was los war, hatte sie das Buch - nicht gerade leichte Literatur - zugeschlagen, damit ausgeholt und-

„Ehm... George Weasley?"

Das war ja so klar! Super, dann konnte Hermine ja mit dem Buch auf mich einschlagen, und das Mädchen, das mich von hinten ansprach, die andere Wange bearbeiten. Hermine hielt stattdessen aber inne und ich nutzte die Chance und sprang auf.

„Hör zu! Ich bin Fred, FRED, Weasley und ich habe Dinah nie was getan, ich kenn sie nicht mal richtig! Nicht schlagen, bitte!" Ratterte ich schnell runter und hob schon abwehrend die Arme, als mein Blick zum ersten Mal auf das Mädchen fiel, das Hermine bei ihrem Mordversuch unterbrochen hatte.

Sie lächelte. „Oh gut. Dich habe ich auch gesucht."

Kneif mich mal wer.


Danke für die Reviews, bald gehts weiter )