Kriegsrat hinter der Turnhalle - und wenn du noch unser Freund bist, dann kommst du!
Ich seufze und spiele unterm Tisch ‚Snake 2' mit meinem Handy,
bereits seit einer Viertelstunde das selbe Spiel, die Schlange füllt
fast schon den ganzen Bildschirm aus. Wir haben mal wieder Physik, es
ist die Freitagsstunde und uns unterrichtet wie vorrausgesagt Herr
Kisuhara. Unterrichtet.. was heißt hier unterrichtet? Er redet... die
ganze Zeit nur. Zu allem Übel sind wir heute noch nicht mal im Hörsaal,
sondern in irgendeinem anderen Klassenraum – im Physiksaal schreibt der
Leistungskurs der zwölf heute drei Stunden lang Klausur.
Eigentlich
sollte ich aufpassen.. ich habe Physik ja nicht aus Spaß an der Freude,
sonst hätte ich es schon lange abgewählt. Ich decke damit das dritte
Prüfungsfach ab... Na ja.. genauer gesagt ich wollte es.. Mit einem
Kursleiter, der sich ins Erzählen verstrickt und bei dem wir nicht
wirklich etwas lernen – und auf der anderen Seite der Referendar, bei
dem ich zwar so viel verstehe, wie noch nie bisher - vorrausgesetzt,
ich würde zuhören... und nicht dauernd seine Bewegungen und Gesten
beobachten...
Zehn Minuten vor Schluss, ich beschließe gerade, dass Handy wegzupacken und jeden der vier Stifte einzeln zurück in die Mappe zu legen, um irgendwie diese Zeit umzukriegen, als ich mit einem Ohr mitbekomme, wie Herr Kisuhara das Thema wechselt.
„Bevor ich die Stunde beende..
habe ich noch eine Bitte oder eher Aufforderung an euch. Genaugenommen
kommt diese nicht mal von mir aus, sondern von Herrn Athem"
Ich
zucke zusammen und halte in meiner Bewegung inne. Eine Bitte von Herrn
Athem? Blitzschnell assoziiere ich diese Worte mit dem Gespräch,
welches ich vor zwei Tagen mit ihm hatte. Ich wurde ja angeblich im
Auftrag des Kurses geschickt... nur.. Scheiße, der weiß doch davon noch
nichts!
Ich
habe es nicht für nötig befunden, meine Mitschüler zu informieren, dass
ich mit dem Referendar gesprochen habe.. dass er sich bessern würde,
hätten sie irgendwann schon von selbst bemerkt... Oh verdammt.
Ich spüre bereits einen Kloß im Hals und lege mir
Worte oder eher Entschuldigungen für die Anderen zurecht, dass ich es
ihnen vorenthalten habe. Was schickt uns dieser blöde Ref auch eine
Nachricht? Ich dachte, der hat heute sein Seminar... und trotzdem
verfolgt er mich!
Er soll sich weiterbilden, wie es sich für einen angehenden Lehrer gehört...
„...
Ich weiß nicht, ob es schon bis in die Oberstufe vorgedrungen ist? Die
Sache mit dem Schlüssel?" Ein Kopfschütteln einiger folgt, andere
fangen an dazwischen zu quasseln, da eine Information über einen
Schlüssel sicher nicht die spannendste ist und wieder andere
überschütten unseren Physiklehrer neugierig mit Fragen. Der Raum ist
ein einziges Gemurmel. Verdammt, ich will jetzt endlich wissen, was los
ist! Gibt es für mich Entwarnung?
„Es
betrifft auch eher die Kleinen... aber hört bitte trotzdem zu,
vielleicht kann von euch ja jemand helfen! Herr Athem besitzt genau wie
der andere Referendar an unserer Schule... wie heißt der Mann noch mal,
der der Geschichte unterrichtet..?" „Nakamura!", unterbricht ihn ein
Mädchen direkt.
„Achjaaa.. genau.. Stimmt ja. Jedenfalls besitzen
Herr Nakamura und Herr Athem wie alle anderen Lehrer den
Generalschlüssel zur Schule. Und genau dieses Schlüsselbund hat Herr
Athem verloren. Oder wie er sagt: es ist ihm entwendet worden-"
Natürlich ist es ihm entwendet worden! Wie können sie ihm unterstellen,
er wäre so gedankenlos!
„Das war bereits am Mittwoch... Gestern und
heute ist der junge Herr nicht im Haus. Und er meinte, ihr wart der
letzte Kurs, den er Dienstagmittag unterrichtet hatte... Also, ist da
irgendjemandem etwas an Herrn Athems Schlüsselbund aufgefallen?
Diejenigen, die dabei waren, als er auf- oder abgeschlossen hat,
spreche ich nun besonders an! War der Ring offen oder zerbrochen? Das
Lehrerkollegium ist auf der Suche nach entlastenden Hinweisen... Der
Generalschlüssel ist weg, damit könnte jeder in jeden Raum der Schule
vordringen! Mit Ausnahme der Fachräume, was heißt, dass nur ein
Musiklehrer den Musikraum aufschließen kann und der Generalschlüssel
nicht passt... Für einen Referendaren kann das böse ausgehen, wenn
tatsächlich eingebrochen wird"
Gelächter und negative Antworten.
„Nein, also wirklich.. Wir achten doch bei niemanden auf den Schlüssel!
Ist doch außerdem nicht unser Problem, wenn man den beschuldigt, hier
einzubrechen! Dann soll er halt besser auf seine Sachen aufpassen"
„Genau!",
ruft ein Junge von den vorderen Plätzen dazu, „Aber wieso betrifft es
eher die Unterstufe? Das ist ganz allein die Schuld von diesem
Referendar."
In mir kocht alles, diese selbstsüchtigen Idioten!
Haben die sie nicht mehr alle? Herr Athem kann überhaupt nichts dafür!
Sie können doch nicht so einfach auf ihm herumhacken! Siiiee... sie
handeln lediglich so, weil Athem uns so viel Schreiben und Arbeiten
lässt! Ist das denn ein Weg, um es ihm heimzuzahlen?
Ihr hinterhältigen Schlangen! Er hat sich immer solche Mühe gegeben!
In
mir erwacht dieses Feuer, dieser Zorn. Ich mochte meinen Physikkurs eh
noch nie sonderlich... ich kenne nicht mal wen richtig. Abrupt stehe
ich auf, der Stuhl gibt ein dumpfes, schiebendes Geräusch von sich, als
er nach hinten abgleitet. Alle Augen sind auf mich gerichtet. Alle
starren mich entgeistert an – auch mein Lehrer. Ich muss etwas sagen...
nur... was?
Muss ihn doch verteidigen! Alle
starren mich weiter an, warten auf meine Reaktion. Es vergehen nur
Sekunden, da beiße ich mir selbst auf die Zunge und bücke mich unter
meinen Tisch. „E-entschuldigung... mir ist nur... mein Radiergummi
herunter gefallen...", ich tue so, als würde ich den Boden mit der Hand
absuchen.
SCHEIßE! Scheiße, verdammte! Ich FEIGLING!
Ich
Angsthase! Ich könnte mir selbst an die Gurgel springen! Könnte mich
selbst dafür schlagen... Warum habe ich nicht gesagt, was ich vorhatte?
Warum habe ich nicht für Herrn Athem Partei ergriffen? Warum verkrieche
ich mich unter dem Tisch?
Währenddessen spricht Herr Kisuhara
weiter: „Der Schlüssel fehlt seit Mittwoch, wie gesagt... Laut Herrn
Athems Angaben sogar genau seit der Sportstunde, in der er anwesend
war. Das waren die ersten beiden Stunden, es hatte die 7c Sport mit
Frau Tanaka. Davor hatte er wohl noch die Umkleideräume
aufgeschlossen... In der Pause hing ein Schlüssel weniger an dem Bund.
Wie
gesagt... Wenn einer von euch einen Schlüssel findet... Oder
zufälligerweise jemanden aus der 7c kennt und Insiderinformationen
bekommt... Bitte meldet euch umgehend im Lehrerzimmer! Das erspart
Herrn Athem weitere Probleme"
„Glauben sie denn, dass dieser Zufall eintritt? Also ich lass meine Tasche nicht mehr in irgendwelchen Räumen stehen"
„Es ist gut! Hackt nicht so auf dem armen Referendar herum, er kann ja auch nicht alles wissen und sehen."
Erstaunt
krabbele ich unterm Tisch hervor. Takeshi, unser Kurssprecher hat sich
tatsächlich für ihn eingesetzt. Es überrascht mich... Letztens war er
noch zu feige, mit Athem über seinen Unterrichtsstil zu reden.
Was das wohl sollte...?
Ich setze mich gedankenversunken zurück auf meinen Platz und räume nun meine restlichen Sachen ein, die Stunde ist beendet.
Ich verdammter Weichling... Warum habe ich nicht Takeshis Satz über die Lippen bekommen können? Warum nicht!
Es macht mich rasend, dass sie Athem zum Sündenbock machen wollen!
Warum hat mich dieser entzündende Elan plötzlich wieder verlassen?
Ich sitze im Bus, fahre nach Hause. Schon wieder Wut. Aber das alles wäre ja auch nie passiert, wenn es diesen Herrn Athem nicht gäbe! Dann wäre ich nie in solche Situationen gekommen.. Dann wäre ich jetzt wohl bereits mit Anzu zusammen... einem Mädchen, wie es sich für das männliche Geschlecht nun mal gehört! Und nicht einen... einen wer weiß wie alten Mann, der dazu auch noch Lehrer werden will! Der kann ja schon dreißig sein! Wer weiß, wie lange der studiert hat!
Okay...
ich erwische mich wieder, wie ich die Wut auf mich selbst wieder auf
ihn abwälze... Missmutig stemme ich meinen rechten Ellenbogen gegen die
Schreibe im Bus und stütze den Kopf auf eben diese Hand. Ich muss es
mir eingestehen... Er kann rein gar nichts dafür... Ich selbst bin es,
der die ganzen Probleme aufwirft. Ich selbst werde mit mir nicht mehr
fertig und könnte mich vor Wut selbst schlagen!
Noch rasender macht mich, dass ich es mir so schwer eingestehen kann!
Scheiße! Ich bin doch nicht ernsthaft in einen Referendar verliebt?
Wie soll ich das jemals ignorieren, wenn ich ihn fast jeden Tag sehe? Und das noch ein Dreivierteljahr lang?
Wie soll ich vernünftige Klausuren.. oder gar ein vernünftiges Abitur unter diesen Bedingungen schreiben?
Wenn
er dauernd unmittelbar vor meiner Nase steht... mit dieser
selbstbewussten Ausstrahlung... Vor dieser Schülermenge steht, die ihm
und generell allen Lehrern negativ gegenüber eingestellt ist.
Wie er
keinerlei Scheu hat, da vorne zu stehen und zu erklären, immer nett
bleibt und sich Mühe gibt. Ich bewundere ihn ja schon, wie er sich das
freiwillig antun kann, mir schaudert es ja schon vor einem bloßen
Referat da vorne.. Da würde ich mich am liebsten schon in ein Mauseloch
verkriechen!
Und
trotzdem... in manchen Augenblicken, wenn er dort so verlassen steht
und keiner seine Erklärungen versteht.. dann habe ich das Gefühl, als
sei seine selbstbewusste Art bloß Fassade. Habe das Gefühl, als träte
ich hinter einen Spiegel und könnte sehen, wie verzweifelt er wirklich
ist, wie einsam und hilflos. Als sähen sich seine Augen nach einer
Stütze um.. Aber ich glaube, das bilde ich mir bloß ein – so ein
Unsinn! Wenn ich irgendjemandem fragen würde, ob er ähnliches
beobachtet hätte, würde er sich doch nur an die Stirn fassen!
Herr Athem ist nun mal ein sehr selbstbewusster junger Mann!
Was ich da wieder sehe...
Er will lediglich unsere Fragen beantworten, weil er uns Schüler wichtig nimmt, das ist alles!
Oh
Gott.. das darf doch nicht wahr sein... bitte, bitte verschone mich,
wer auch immer da über mich bestimmt! Jetzt versuche ich auch noch
psychologisch tätig zu werden!
So komme ich doch nie von ihm los!
Das Schuljahr wird doch Terror!
Oh Gott.. das darf doch nicht wahr sein... bitte, bitte verschone mich, wer auch immer da über mich bestimmt!
Das
wird doch Terror! Ich steige aus dem Bus, meine schweren Beine
schleppen mich nach Hause und ich rufe meinem Großvater, der noch unten
im Spieleladen arbeitet zu, dass ich wieder da bin. In meinem Zimmer
angekommen feuere ich den Rucksack unter den Schreibtisch und ich
spüre, wie gut es tut, ein wenig der angestauten Aggressionen
freizusetzen!
Ich sehe mich um, erblicke mein Kissen, welches ich aufnehme, um es sofort mit aller Wucht wieder auf die Decke zu schmeißen!
Super Yugi, du bist in deinen Physiklehrer verknallt! Gibt ja nichts Normaleres...
Scheiße, ich könnte über mich lachen und heulen zu gleich!
Und ich glaube genau aus diesem Grund habe ich mich bisher davor geschützt, es mir selbst einzugestehen... Diesmal fliegt das große Kopfkissen mit einem dumpfen Knall an das weiße, freie Stück Tapete zu meiner rechten. Jonouchi hatte zum Teufel noch mal recht!
Es waren gerade mal die ersten beiden Unterrichtstunden vorbei und Yugi fühlte sich so ausgelaugt und durch die Mangel gedreht, als wären es bereits acht gewesen. Und er musste verdammt noch mal einen gewissen Ort mit den gefliesten Wänden aufsuchen. Er wollte zwar zuerst an seinen Spinnt und die beiden schweren Philosophiebücher wegschließen, doch die Natur war stärker. Eilig suchte er also das Herren WC auf.
Und was er da
sah, da hätte er am liebsten seinen Plan geändert und sich in die
Büsche verzogen.. „Ohayo gozaimasu, Yugi-kun!", winkte ihm Honda zu,
der gerade die sanitären Anlagen verlies. „Äh... Morgen!", wiederholte
der Angesprochene hastig. Und gerade als er dachte, Honda würde wortlos
an ihm vorbeigehen, drang die nächste Stimme aus einer der Kabinen
hervor:
„Waaaas? Yugi ist hier! Warte Kumpel, es ist wirklich wichtig"
Gepolter und das Rauschen der Toilettenspülung, dann schwang eine der
mittleren Türen mit einem ,Klack' auf. Wie erwartet verlies niemand
anderes als Jonouchi die Kabine. „Ähm.. ja... Hi Jou"
Der Blonde riss seinem besten Freund förmlich die beiden Bücher aus der
Hand und legte sie neben das Waschbecken, an dem er sich die Hände zu
waschen begann. „Jetzt geh schnell das Nötigste erledigen und dann
halten wir Kriegsrat!" „Bitte was"
Der Größere beugte sich vor.
„Honda und ich warten hinter der Turnhalle auf dich. Und wenn du noch unser Freund bist, dann kommst du"
Yugi stand einfach für einige Sekunden wie festgewachsen am selben
Punkt, lies sich die Worte noch einmal durch den Kopf gehen. Jetzt
wurden solche Waffen eingesetzt – wie abartig! Da stellte sich doch
direkt die Frage, ob er überhaupt noch mit diesen beiden befreundet
sein wollte... Er hatte immerhin noch Anzu!
Erst als Jonouchi den Waschraum verlassen hatte, verfolgte der Schüler die Tätigkeit, weswegen er eigentlich gekommen war. Yugi biss sich auf die Unterlippe, als auch er sich die Hände wusch und das WC verlies. Die Pause betrug noch satte 13 Minuten.. und wenn solch ein Gespräch bevorstand.. eine Menge Zeit.
Da Jonouchi ohnehin mit seinen Philobüchern abgehauen zusein schien, hatte er einen weiteren Grund, den Ort ihres letzten Treffens wieder aufzusuchen. Honda und Jou lehnten an der Rückwand der Sporthalle und verspeisten ihre Brote. Yugis Magen war wie zugeschnürt – mehr noch als das, die unterwegs hochgeschäumte Wut und zugleich Angst sorgten beinahe dafür, dass sein Müsli von vorhin wieder hoch kam, so wehrte sich sein inneres gegen dieses Gespräch. Und immer wieder hämmerte es in seinem Kopf: Beide kennen diese gottverfluchten Notizen!
Honda hatte das linke Bein an die orangefarbenen Ziegelsteine der Wand angewinkelt und winkte Yugi ermutigend heran.
„Schön, dass du kommst. Wir wussten, dir sei es wichtig"
„Was auch immer es ist", murrte der Kleinste der Runde, „ich komme eher
um euch klarzumachen, dass ihr euch aus meinem Leben heraushalten sollt"
„Yugi...", wieder Honda – anscheinend hatte Jou beschlossen, zunächst
ihn vorzuschicken. Immerhin hatte Jonouchi sein Glück schon oft genug
versucht. „Sieh mal her.. Du siehst die ganze Zeit nur das Böse in uns!
Du fühlst dich bedrängt und das verstehen wir ja! Aber wir wissen, dass
es der richtige Weg ist, dir zu helfen! Wir beide kennen es, wie
schmerzhaft das mit der ersten Liebe ist! Wir sind auch schon kläglich
gescheitert! Und wir wissen, dass, wenn man unglücklich verliebt ist,
man diese Person nicht einfach vergessen und ignorieren kann!
Yugi, lass dir helfen, oder es zerfrisst dich!"
Der
Angesprochene taumelte, seine Hände wurden kalt, eiskalt. Er konnte sie
kaum noch spüren, so durchwühlten ihn diese Worte. Erste Liebe – zum
Teufel ja, es war das erste Mal! Und genau dieses Unbekannte machte ihn
so verletzlich! Es gab keinerlei Erfahrung, auf die er zurückgreifen
konnte. Wusste nicht, ob er dieses verdammte Gefühl der Hitze und der
Schmetterlinge je einmal loswerden würde, wenn er in die nähe des
Referendars kam. Konnte nicht vergleichen, in wie weit es ihn bereits
erwischt hatte... Konnte nicht abschätzen, ob sein Verhalten noch unter
,Normal' einzustufen wäre oder ob er sich in eines der Extrema
hineingesteigert hatte. Es gab keinerlei Vergleiche!
Die Liste in Sachen Liebe, die sein Kopf in eben diesem Moment abrief, war vollkommen unbeschrieben.
Okay, da gab es noch seinen Großvater.. Sicher liebte er ihn... aber das war etwas völlig anderes..
Die Wärme, die in seinen Fingern fehlte, verschlug in seine Wangen, die sich hitzig, rot färbten.
Oh jaaa... es zerfraß ihn.. Er spürte deutlich dieses Raubtier, das an ihm und seinen Kräften zehrte.
Und genau aus diesem Grund durfte er nicht noch mehr Schwäche zeigen!
„Ich- ich... mir kann man nicht helfen! Das geht schon von alleine vorbei!"
„Eben
nicht", Jonouchi schien wohl auch noch zu leben und stieß sich gerade
jetzt von der Wand ab. „Warum gibst du nach außen hin vor, dich mit der
einseitigen Liebe abzufinden? Wir alle drei wissen, was in dir
vorgeht... Du hast Hoffnung, ertränke sie doch nicht einfach so"
„Nur weil ihr diese scheiß Kritzeleien gesehen habt!", platze es aus
Yugi heraus und er stürmte auf Jonouchi zu, um ihn an der Jacke zu
packen. Doch der Blonde entfernte den Klammergriff mit Leichtigkeit, so
fest hatte Yugi auch nicht zugepackt. „Tu nicht so, als wären wir
Schuld. Du hast das Buch im Foyer liegen lassen – jeder hätte es lesen
können. Sei lieber froh, dass Jonouchi es eingesteckt hat"
Honda beschützte seinen Kumpel ruhig.
Yugis Atmung ging dafür umso heftiger, sein Gesicht färbte sich kalkweiß und ihm wurde unheimlich schwindelig.
Das war doch einfach alles nur ein Alptraum..
„Ja,
ich habe es gesehen, Yugi. Du hast wirklich jede Physikstunde mit rosa
eingekringelt.. auf den Seiten der vergangenen Stunden stehen die
Beweise! Du hast es als eine Art Tagebuch benutzt... fast überall
stehen Kommentare und Notizen über ihn! Du begehrst seine Augen, fast
bei jeder Physikstunde steht etwas über Athems Augen! Yugi, du führst
Selbstgespräche mit diesem Kalender und schreibst Sachen hinein...
die.. ach, ich finde keine Worte! Einmal steht da sogar, wie sehr es
dir gefällt, dass er sich dezent schminkt! Dann benutzt er halt
Wimperntusche, na und? Ich"
„SEI RUHIG!", Yugis rote Gesichtsfarbe wurde um einiges dunkler, jedoch
weniger vor Scharm, als eher vor blanker Wut. Honda packte ihn am
Oberarm: „Nein Yugi, du hörst dir das zu Ende an! So geht es ja nicht
weiter! Diese tagebuchähnlichen Notizen sind-" „Privat!" „Ja, das
schon. Aber sie sind... Sagen wir's so, sie drücken aus, dass du
jemanden zum Reden brauchst verdammt! Und zwar dringend! Deine Psyche
möchte es doch loswerden... du schaffst es nicht länger, diese Gefühle
in dir zu verschließen"
Jonouchi nickte zustimmen – und Yugi schwieg. Er wusste weder ein noch aus.
„Wir haben auch die letzten Seiten aufgeschlagen...", begann Jonouchi nach einer kleinen Pause wieder. Yugi zuckte zusammen... die Schreibgespräche mit sich selbst. Hinten in jedem Kalender gab es diese gewissen weißen Seiten für sonstige Notizen. Diese hatte er dazu genutzt um mit sich selbst, oftmals während anderer Unterrichtsstunden, zu diskutieren wie seine Chancen bei dem jungen Mann stehen würden. Ob ihre Beziehung legal wäre, wenn sie denn jemals zustande käme und ob sie sie wenn es sie denn gäbe, wohl geheim halten müssten.
In aller Deutlichkeit wurde Yugi bewusst, wie naiv und wirklich ein sicheres Ziel für Fremde er sein würde, wenn er all diese Gedanken niederschrieb. Und dann auch noch in seinen Kalender, den er dauernd in der Schule mit sich herumtrug. Aber er hatte sich jedes Mal hundert Mal versichert, ihn nirgendwo liegen gelassen zu haben... Bis auf dieses eine Mal, als Jonouchi ihn so sehr mit seinen Aussagen aufgeregt hatte.
Er
hasste sich selbst, hasste sich, für diese Dummheit, diese abgrundtiefe
Dummheit, seine so intimsten Gedankengänge beinahe öffentlich in seinen
Kalender geschrieben zu haben!
Und nicht nur, dass Jonouchi und Honda nun wussten, dass er sich sehr
wohl in gewisser Weise Hoffnung machte... und schriftlich alle
Möglichkeiten durchgespielt hatte... Und aus einem Impuls heraus in
einer blöden Englischstunde einmal aufgeschrieben hatte, wie es sich
wohl anfühlen würde, seinen Lehrer zu küssen.
Nein, sie würden ihn noch für geistig krank halten, weil er mit sich selbst diskutierte!
Denn als nächstes unter dem Kuss folgten die Zeilen, die einer anderen
Gehirnregion entsprungen sein mussten und diesen Wunschtraum für
absolut unrealisierbar hielten und eine ganze Reihe an Argumenten,
warum Herr Athem auf einen Schüler, einen unter vielen, aufmerksam
werden sollte.
Yugi waren die Argumente ausgegangen. Er fühlte sich erschlagen – und das mit voller Wucht. „Hör zu...", setzte Jonouchi endlich wieder ein. „Wir sind deine Freunde... solange du uns vertraust und uns nicht vollständig von dir ausschließt. Wir haben Angst um dich, verstehst du das nicht? Wie würdest du reagieren, wenn du in meinem Terminplaner solche... Gedankengänge finden würdest? Würdest du dir nicht auch verdammte Sorgen um meinen Gesundheitszustand machen? Wir wissen, dass du verliebt bist.. Was hält dich ab, dich uns anzuvertrauen? Wieso blockst du jeden unserer Versuche, dir zu helfen? Was hast du zu verlieren? Ihn? Er kennt dich sowieso nicht... Bis auf deinen Namen."
Tief atmete Yugi durch, er wusste selbst am allerwenigsten, was ihn abhielt. Ehrlich gesagt hatte er nicht mal einen Grund... außer diesen ganzen wirren Gefühlen.. von denen er nicht wusste, wie er sie nennen sollte und wo sie herkamen. Nur eins spürte er ganz deutlich: Angst.
„Wir könnten dir helfen, das zu ändern. Herr Athem ist wirklich umgänglich, ich könnte zumindest seine Aufmerksamkeit auf dich lenken. Wir sprechen das ein oder andere Mal miteinander... bei 5 Stunden Physik die Woche. Ich denke, er kann mich ganz gut leiden, Yugi. Es gibt Chancen, verdammt! Damit du für ihn mal aus der Menge heraus stichst! Und wenn er halt nichts von dir wissen will... Bitte, dann musst du das halt akzeptieren und fertig. Wenn ich ehrlich bin..", Jonouchi stoppt kurz und sieht auf seine Uhr. Die Pause ist in zwei Minuten zuende. „Ich selbst glaube auch nicht daran, dass du tatsächlich irgendwann mal mit Athem zusammenkommst... die Chancen stehen einfach zu gering! Uns geht es nur darum, dass du nicht alle Möglichkeiten von vorn herein wegwirfst und die Hände in den Schoß legst! Wir wollen, dass du lernst, bis zum Schluss nicht aufzugeben!"
Das saß. „Lasst mich... bitte lasst mich einfach...", flüsterte Yugi verloren und starrte zu Boden. Honda nickte: „Wir gehen jetzt Yugi, die Pause ist sowieso in einer Minute vorbei. Denk über unsere Worte nach, wir erwarten Morgen eine Antwort. Ich hoffe, du wirst dich uns gegenüber öffnen. Keine Panik, Anzu gegenüber haben wir nichts gesagt. Die weiß absolut von nichts, das ist wirklich Männersache. Ob du dich ihr anvertraust oder nicht, ist deine Sache." Jonouchi drückte ihm noch schnell seine zwei Bücher in die Hand.
Damit ließen sie einen Yugi zurück, der sich wie in ein bodenloses Loch gestürzt fühlte. Ein endloser Fall und der erwünschte Aufprall wollte und wollte nicht einsetzten. Erst das Klingeln der Schulglocke lies ihn wieder ein wenig aus seiner Starre aufschrecken.
Verdammte Scheiße! Er musste noch das ganze Stück bis zum Schulgebäude zurücklegen!
Dann noch runter in den Keller zu den Spinten und diese vermaledeiten
Bücher wegschließen! Oder eher gesagt gegen sein Physikbuch austauchen!
Schließlich war Dienstag, das hieß, er hatte jetzt nach noch bei ihm
Unterricht!
So schnell ihn seine kurzen Beinchen trugen hastete er die Strecke über den gesamten Hof bis hinunter in den Keller.
Zum allem Überfluss klemmte dort zunächst sein Zahlenschloss.
Blind vor Zorn, der vor allem sich gerade durchrang, besaß er nicht das nötige Feingefühl, sorgsam dieses Schloss zu öffnen!
Beinahe hätte es eine Delle im Schrank nebenan gegeben, als die
Metalltür mit einer Wucht und einem saftigen Knall endlich aufsprang
und dagegen donnerte.
