Dienstag
Der Tag des Quidditch
Themis wachte am nächsten Morgen als erste aus ihrem Schlafsaal auf. Sie war noch immer ziemlich fertig von ihrer Strafarbeit am vorherigen Tag. Mit halb geöffneten Augen und verschlafenem Blick schlürfte sie ins Badezimmer, um zu Duschen. Gestern hatte sie keine Lust mehr dazugehabt. Schnell schlüpfte sie in dem kalten Raum aus ihrem warmen Flanellpyjama und unter den warmen Strahl der Dusche. Es war ziemlich frostig geworden. Aus dem nächtlichen Raureif war täglicher Frost geworden. Bald würde es anfangen zu schneien. Nicht mehr lange, und auch der See würde vollständig gefrieren. Ihre neuen Schlittschuhe, das Geschenk von Acyn, fielen ihr wieder ein, und ein betrübter Ausdruck trat auf ihr Gesicht. Plötzlich war die Dusche nicht mehr nicht halb so angenehm wie sie erhofft hatte.
Themis trocknete sich schnell ab und verließ kaum zehn Minuten später fertig angezogen und mit ihrer Tasche um die Schulter den Schlafsaal. Sie öffnete die Tür zum Gemeinschaftraum erst nur einen kleinen Spalt breit, und stellte dann erleichtert fest, dass dieser noch völlig verlassen war, woraufhin sie durch die Tür schlüpfte.
Zugig ging Themis am Kamin und den Sesseln vorbei, an denen sie sonst immer mit Acyn saß. Auf ihrem Weg zur großen halle ließ sie diesmal den Geheimgang vom sechsten in den dritten Stock aus. Sie währe direkt neben dem Raum der Wünsche raus gekommen. Etwas, was sie nur allzu gerne vermied.
Lehfa ist nicht wie wir.
Dieser Satz lag ihr schwer im Magen, als sie die Treppe zur Eingangshalle erreichte.
Das, was im Raum der Wünsche war und geschah existierte nicht wirklich, sagte sie sich selbst.
Andererseits… ich habe mir ja einen Ort gewünscht, an dem ich mit mir selbst ins Reine kommen kann. Wenn mich etwas bedrückt oder etwas Schwieriges geschehen ist, fuhr sie innerlich fort und betrat die Eingangshalle.
Also kann der Raum nichts spiegeln, was nicht auch da ist…
Themis merkte resigniert, wie ihr Kopf anfing zu pochen und ließ sich recht unelegant auf der Bank an ihrem Haustisch ganz am Anfang der Halle fallen. Ein paar Ravenclaws aus ihrem und den Jahrgängen darüber waren schon da, ebenfalls eine Hand voll Huffelpuffs und Gryffindor. Von den Slytherins trudelte der erste kurz nach ihr ein.
„Glaubst du, Slytherin hat Samstag eine reelle Chance?"
Themis drehte sich ziemlich uninteressiert zu dem Sprecher ein paar Meter von ihr entfernt um. Justin Otbugh, Sechstklässler, eine Quidditschzeitschrift in den Händen haltend, beugte sich über den Tisch zu seinem Gesprächspartner. Alex Thomas, seines Zeichens nach Ravenclaw Vertrauensschüler und Fünftklässler, legte die Stirn in Falten und überlegte einen Moment.
„Wenn ich die Fähigkeiten der Sucher gegeneinander aufwiege, nein!"
Justin winkte ab, während Themis, ohne hinzusehen, nach der Milchkanne griff.
„Das weiß ich selber. Ich meine den neuen Jäger der Slyths, diesen Robert Port aus Durmstrang. Mein Cousin dort hat mir bestätigt, dass er hervorragende Leistungen erbracht hat, und wäre sein Vater aufgrund seines Berufs als Auror nicht versetzt worden, wäre er direkt nach der Schule dem Rumänischen Nationalteam beigetreten!"
Alex ließ seinen Löffel ziemlich geräuschvoll fallen und keuchte. Themis sah immer noch in ihre Richtung, und hörte halb dem Gespräch zu, das aber irgendwie immer langweiliger wurde.
„Das ist nicht dein Ernst, oder!"
Im selben Augenblick streiften zufällig Themis leicht unkoordinierten Finger die Kanne- und stießen diese um.
Justin und Alex drehten sich erschrocken zu ihr um.
Themis war selbst ziemlich überrascht, betrachtete erst irritiert lange die weiße Pfütze auf dem Tischtuch, und sah dann Alex vorwurfvoll an.
„Musst du mich so erschrecken?", herrschte sie ihn ungehalten an. Alex schrumpfte ein wenig und entschuldigte sich dann kleinlaut, während er sich wieder seinem Müsli zuwandte.
Justin grinste dämlich, aber nur, bis sich ihre Blicke trafen, dann hielt er sich räuspernd seine Zeitschrift wieder unter die Nase.
Themis seufzte und nahm die nächst beste Kanne Saft. Nach etwa einem Liter Flüssigfrucht und zwei Brötchen fühlte sie sich gewappnet genug, aus der schon halb vollen Halle zu treten.
Ihre Aufmerksamkeit galt dabei Nancy, die am Slytherintisch gerade ihre neue Robe präsentierte.
Ich brache noch nen Wintermantel- und Schuhe…, dachte Themis, als sie sie Flügeltüren hinter sich ließ und sich recht und links umsah. Von beiden Treppen her strömten Schüler in die Eingangshalle Richtung Frühstück. Über beide konnte sie zu ihrem Klassenraum für Verteidigung gegen die dunklen Künste kommen, ihre erste Doppelstunde heute. Wenn sie nach links gehen würde, konnte sie noch ein Buch in der Bibliothek abgeben, das morgen überfällig wäre. Und sie wollte es sich ja mit Madam Pince nicht versauen, schließlich hatte sie noch ein paar Jahre an dieser Schule.
In Gedanken mit der Entscheidung der Farbe der Winterstiefel beschäftigt, drehte sie den Kopf nach links- und erstarrte.
Auf halben Weg die Treppe hinunter war Acyn, der sie noch nicht bemerkt hatte, sondern seine Nase in der Buch in seiner Hand drückte, und schräg dahinter- Potter.
Zwei Gründe, nach rechts zu gehen- dachte sich Themis und wandte ihren Blick von Phil, der einer Schar von Huffelpuffs grade versicherte, dass er die Slyths platt machen würde, auf Acyn zurück, bevor sie sich wendete. In diesem Moment sah Acyn auf. Ihre Blicke trafen sich- nur für den Bruchteil einer Sekunde, bevor Themis die Treppe hinaufeilte.
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Themis seufzte erleichtert, als Professor Lupin die Stunde beendete. Die vierzehn betäubten Hinkepanks, mit denen sie gearbeitet hatten, wurden per Schwebezauber in eine große Kiste mit der seltsamen Aufschrift „Banananen Split" verstaut und die Schüler verließen nach und nach die Klasse.
Themis erhob sich von ihrem Platz in der ersten Reihe, neben Justin Otbugh´s jüngerem Bruder Nick, mit dem sie letztes Jahr in Kräuterkunde zusammen gearbeitet hatte.
„Ich muss los! Ich gebe Darcy Nachhilfe in Zaubertränke. Wir sehen uns dann!", verabschiedete sich Nick, Themis nickte ihm zu. Als sie ihm nachsah erinnerte sie sich an sein verblüfftes Gesicht, als sie ihn fragte, ob sie sich zu ihm setzten könne.
Normalerweise saß sie zwischen Elda und Acyn, und beiden wollte sie inzwischen nicht näher als nötig kommen.
Träge stopfte Themis ihr Buch in ihre Tasche und wandte sich dabei schon zum gehen, als Professor Lupin sie zurückrief.
„Themis! Warte bitte einen Moment, ich muss dir was mitteilen!"
Die Ravenclaw sah sich verwirrt um. Einige Gryffindors waren stehen geblieben und starrten sie mit unverhohlener Neugierde an.
„Was ist denn, Professor?", fragte sie gedämpft, als sie näher an das Lehrerpult getreten war.
„Ganz ruhig, nichts Schlimmes!", winkte Lupin ab und lächelte, „Ich wollte dir nur sagen, dass du heute nicht zum Nachsitzen erscheinen musst. Da ich gestern Phil freigegeben habe, wäre es unfair, wenn du nicht auch einen freien Tag bekommst. Und da ich gerade im Lehrerzimmer erfahren habe, dass ihr morgen in Zaubertränke einen Test schreibt…"
Themis erstarrte und schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn.
„Der Test! Wie konnte ich den nur vergessen? Entschuldigung, Professor Lupin, danke Professor Lupin, aber ich muss los!"
Und damit stürmte sie an einigen amüsierten Gryf´s vorbei aus dem Raum.
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Von bedrückter Stimmung in Aussicht auf einen Test bei dem unsympathischsten Lehrer der Schule war nichts zu sehen, als Themis die Bibliothek in ihrer Freistunde vor dem Mittagessen betrat. Überall saßen kleinere und größere Gruppen, die einen sprachen von Robert Port, die anderen von Potter.
Themis ließ den Kopf hängen und seufzte resigniert (das tut die häufiger). Quidditch! Wie konnte man nur den ganzen Tag über Quidditsch reden! Natürlich, sie würde sich das Spiel auch ansehen, aber jubeln oder anfeuern? Nie!
Themis wandte sich um und marschierte durch die Reihen von Regalen, bis fast ganz am Ende der Bibliothek. Dort standen die Bücher über Zutaten und Zaubertränke, aber auch über Gifte und Flüche.
Aus ihrer Abteilung hörte sie schon von weitem laute, diskutierende und ihr nicht allzu unbekannte Stimmen.
„Und Port wird sie doch fertig machen! Meine große Schwester hat ihn letztes Jahr in einem Quidditschcamp kennen gelernt! Wenn irgendwer schneller als Potter ist, dann er!"
Jaja, Mad und seine sportbegeisterte Familie.
„Das kann schon sein, aber ich weiß aus zuversichtlichen Quellen, dass unser Schulsprecher sich dieses Jahr endlich dazu bereit erklärt hat, wieder als Hüter für Gryffindor zu spielen! Mehr noch! Man munkelt, er soll sogar Kapitän werden!"
Das war Ruth, ein Mädchen aus ihrem Schlafsaal, und das sie gesagt hatte war interessant, selbst für Themis, die ja allgemein eher rumsaß als sich schnell zu bewegen…
Die Ravenclaw ging ein bisschen schneller und erreichte kurz darauf die kleine Sitzgruppe in einer Ecke mit zwei hohen Fenstern, durch die man einen wundervollen Blick auf dicke, fast schwarze Schneewolken hatte. Doch noch wehte nur eine kühle Brise und das Bild der Landschaft wirkte recht erdrückend.
„Themis!", rief Elda erfreut (sie grüßte auch Snape so emotional motiviert, dass hat grade nicht viel zu bedeuten), sprang von ihrem Platz neben Mad auf einer Couch auf und rannte zu ihr herüber, nur um die etwas verdutzte und leicht peinlich berührte Themis unter allgemeinen Begrüßungen zwischen sich und Mad zu ziehen.
Die Ravenclaw schluckte trocken, schaffte es zu lächeln und sagte dann, für ihre Ohren selbst, sehr quiekend: „Hi!"
Schweigen.
„Störe ich?", fragte sie dann vorsichtig.
Mein Gott krächzt meine Stimme heute…
Ruth grinste.
„Weißt du, dass es genau zwei Monate her ist, seit du dich das letzte Mal zu uns gesetzt hast?"
Ähm…
„Naja, ersten, setzten ist übertrieben, ich bin geschleift worden, und zweitens, nein, aber gut dass du das weißt…"
Ruth lachte. Sie hatte eine helle, schöne Stimme und sang auch im Schulchor mit.
„Ich meine nur, ich finde das schade. Ich mag dich nämlich!"
„Ich auch!", rief Elda aus und fiel ihr um den Hals.
„Äh, ja, ich mag euch auch, aber ich hatte viel zu tun…"
„Das ist keine Ausrede!", meldete sich Alex Thomas verschmitzt grinsend zu Wort, „In meiner Position als Vertrauensschüler muss ich dir sagen, dass ich Abkapslung nicht gut heiße…"
„Justin, schweig, du vertreibst sie ja gleich wieder!", rief Ruth, und alle lachten.
Themis lächelte in sich hinein. Sie saß mitten in den bekennenden Ravenclaw-Quidditsch-Fanatikern, weit und breit kein Potter, Acyn, oder Irrwicht. (A.N.: Ähm, ja, das ist jetzt schwer nachzuvollziehen….)
„Jetzt mal zu was ganz anderem: Wer weiß, wie Huffelpuff momentan spielt?", rief Mad in die Runde, wobei Ruth anfing leise zu murren.
„Ja, Ruth? Wolltest du was sagen?"
„Ja!", kam die schnelle und erfreute Antwort, „Ich will weiter über unseren Schulsprecher reden. Ich finde, der hat viel zu wenig Publicity!"
„Ja klar!", rief Elda lachend aus und beugte sich zu Ruth im benachbarten Sessel hinüber, „Du willst doch nur über seine faszinierenden, roten Locken reden!"
„Sie sind rot-braun", kam es beleidigt zurück, „Und genau deswegen faszinieren sie mich ja so. Ach, lass mich in Ruhe! Nein, ich bin auch nicht mehr ansprechbar!", sagte sie gespielt beleidigt und hob, die Nase voran, den Kopf nach oben.
Justin musste aufpassen, dass er nicht vor Lachen von Stuhl fiel. Bei den anderen sah es ähnlich aus. Themis grinste nur schief.
Ruth setzte sich wieder normal hin und blickte ernst in die Runde. Sie sah fast aus wie ein Adler, mit ihren goldbraunen, langen Haaren und den hellbraunen Augen.
„Haben wir eigentlich ne Chance?"
Alle schwiegen. Huffelpuff war natürlich für die anderen Häuser, Gryffindor und Slytherin, kein wirkliches Problem, aber das Ravenclawteam hatte sich vorgenommen, dieses Jahr wenigstens Zweiter zu werden.
„Natürlich!", brach es dann aus Mad heraus, „Schließlich haben wir unsere klasse Sucherin, nicht wahr Elda? Diese Huffelpuff Helen Stockley schlägst du doch alle mal!"
Aller Augen richteten sich auf Elda, die in ihrem Sessel zusammengesunken war und mit trübem Blick langsam durch die Runde sah. Dann räusperte sie sich leise und ihre Augen schimmerten verdächtig.
„Ich… werde nicht spielen."
„WAAAAAAAAAAS!"
„Aber warum? Ist wer gestorben?"
„Bist du krank?"
„Ist es ernst?"
„Warum hast du denn nichts gesagt?"
Themis wurde in ihrem Sessel immer kleiner. Zum ersten, weil alle aufgestanden und an Elda herangedrängt waren, und zum zweiten plagte sie ein ungutes Gefühl. Ein bestimmtes, kleines Fach in ihrer Tasche schien schwer gefüllt zu sein, und sie hinunter zu ziehen…
„Nein, es ist nichts, ich bin nicht krank", sagte Elda leise, als der Schwall von Fragen abgeklungen war, „Es ist nur so… Ich weiß, das hört sich lächerlich an, und ihr werdet das bestimmt nicht verstehen…", sie machte eine Pause und sprach dan traurig lächelnd weiter,
„Mein Talisman ist immer noch verschwunden."
„Oh", kam der einzige, gehauchte Kommentar von Ruth.
Keiner der anderen sagte etwas, nachdem sich alle langsam wieder auf ihre Plätze begeben hatten.
Warum?
Tja, das lag daran, dass dieser Talisman wohl funktionierte. Seit Elda mit Phil zusammen gewesen war, spielte sie tatsächlich besser. Natürlich war sie schon vorher klasse gewesen, aber eben nur die Beste aus Ravenclaw. Jetzt konnte sie sich auch mit den Suchern anderer Häuser messen, zumindest mit Huffelpuff und Slytherin.
Themis saß steif auf ihrem Platz zwischen Elda, die abwesend aus dem Fenster starrte, und Mad, der bedrückt den Fußboden musterte.
Ihre Finger fingen an, unkontrolliert zu zucken.
„Ich hab Hunger", sagte sie schlicht in die Runde. Ein paar Leute sahen auf.
„Ich auch", sagte Elda leise, und ohne sich weiter abzusprechen verließen sie schweigend die Bibliothek.
Nach einer Weile sah Themis sich um.
„Du Elda, ich muss nochmal auf Toilette. Gehst du schon mal vor?"
Die Sucherin nickte trocken und verschwand um eine Ecke. Themis wartete, bis sie ihre Schritte nicht mehr hören konnte, verkroch sich in eine Ecke hinter einer Statue und kramte nervös in ihrer Tasche. Endlich, nach Sekunden des Bangens, hielt sie ihn in der Hand.
Der silberne Schmetterling schimmerte schwach in der dunklen Ecke, die kalte Kette hing schlaff an ihrer Hand herab.
Beruhigt ausatmend steckte sie den Talisman wieder in das Innenfach ihrer Umhängetasche, hängte sich diese vorsichtig um und lief den Gang entlang Richtung Große Halle…
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Ihr, die lest
Jedoch nicht schreibt
Seit verdammt in Ewigkeit.
Denn dieses junge Mädchenherz
Quält sich Stund um Stund im Schmerz.
Tag um Tag wird es getrieben,
Von den wenig treuen Lieben
Zu schreiben und zu fantasieren.
Diesen Lieben zu verdanken
Brechen auch die geistig Schranken
Und der Fluss der Wörter viele
Gewidmet meiner großen Liebe
Die Fantasie, der Spaß, das Lachen
wird dies zum Kapitel machen.
Doch die, die wagen, ohne Namen
Oder Kommentar zu gehen
Werden nach dem Tod mein Antlitz sehen.
Auf das der Fluch, der auf mir lastet
Auch in euren Seelen rastet.
Doch auch jenen werde ich erscheinen,
dies stets gut mit min Herz meinten.
Doch jene werden dann gelobt
Da min Herz vor Glück stets tobt
Wenn da steht: „War alles gut!
„Vor dem Cap ziehe ich den Hut!"
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