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„Seidel, was hast du mit meiner Tochter gemacht?", rief Bernd schon von Weitem. Er hatte Davids noblen Jeep vor der Villa vorfahren sehen und sofort die Heckenschere fallen lassen. „Was hast du mit ihr angestellt, du… du…" Bernd suchte noch nach dem passenden Kraftausdruck, um seiner Wut Luft zu machen, als Friedrich aus der Tür trat. „Beruhige dich, Bernd, ich bin sicher, dass David uns eine Erklärung geben wird, wenn er erst einmal richtig angekommen ist, nicht wahr, David?" Der strenge Blick des ehemaligen Konzernchefs traf den seines Sohnes für nur einen kurzen Augenblick und dennoch konnte er Schuld darin lesen.
„Ich zerlege dich in deine Einzelteile!", drohte Bernd und war kaum davon abzuhalten, sich auf David zu stürzen. „Es war alles ein Missverständnis", verteidigte dieser sich. „Lisa hat die Situation völlig falsch interpretiert und… Ich habe Lisa nicht betrogen… nicht richtig jedenfalls." Friedrichs Blick verfinsterte sich. „Hast du mit einer anderen Frau Sex gehabt als mit Lisa?" – „Ja", gestand David zerknirscht. „Aber nur mit einer!" Bernds Nasenflügel blähten sich bedrohlich. Nur Friedrichs ruhige Art, die Wahrheit aus David herauszukitzeln, hielten ihn davon ab, völlig auszurasten. „Hattest du Lisas Einverständnis?" – „Vater, bitte." – „Es gibt Menschen, die stehen auf solche Praktiken. Also, hattest du?" – „Nein." – „Hast du dich vorher von Lisa getrennt?" – „Nein, warum auch? Ich liebe sie und…" – „Dann, mein Sohn, hast du deine Verlobte betrogen. Das kann man sich nicht schön reden und niemand kann es Lisa verübeln, dass sie sich zurückgezogen hat." – „Ich habe sie nicht betrogen – ich liebe meine Assistentin nicht einmal", widersprach David. „Das macht es nicht besser." – „Zumindest habe ich ihr kein Kind gemacht", zischte David seinen Vater an. Friedrich schürzte die Lippen und fuhr dann leise fort: „Ich habe Fehler gemacht in meinem Leben, das ist richtig und es ehrt dich, dass ich als dein Vorbild diene, aber das ist eine der Sachen, die du besser nicht nachahmen solltest. Du solltest deine überschüssige Energie lieber in die Firma stecken." Mit vorwurfsvollem Blick erhob Friedrich sich. „Solange Lisa sich von diesem Schock erholt, ist es deine Aufgabe, Kerima am Laufen zu halten." Er drehte sich um und ging die Treppen hinauf. „Bernd… Herr Plenske?", wandte David sich an seinen Schwiegervater. „Ja", knurrte dieser. „Wo… wo ist Lisa denn jetzt?" – „Vorgestern hat se anjerufen. Da war se in Manchester. Wollte aber noch weiter. Mehr hat se nich jesacht." – „Sagen Sie mir Bescheid, wenn sie sich meldet?", fragte David vorsichtig. „Nach allem, was war? Nein! Du hast mein Schnattchen nicht verdient. Wie einen Sohn haben die Helga und ich dich aufgenommen! Du brichst Lisa einfach so das Herz. Kennste den: Brichst du mir das Herz, brech' ich dir die Beine? Das würde ich jetzt jerne mit dir machen." Bernd erhob sich vom Sofa und baute sich bedrohlich vor David auf. Dieser schluckte verängstigt. „Sach deinem Vadder, dass ich die Hecke später mache. Im Moment ist mir mehr nach Holzhacken – Frust abbauen und so."
„Tut mir leid, junger Mann, ich brauche keinen Staubsauger." Verdattert sah Bruno an sich herab. Er sah aus wie ein Vertreter? Dabei trug er doch einen besten Anzug! Er wollte doch immerhin einen guten Eindruck machen. Gerade noch rechtzeitig stellte er seinen Fuß in die Tür. „Aua", maulte er angesichts des Schmerzes. „Erkennst du mich nicht, Helga? Ich bin's Bruno." Helgas Augen wurden groß. „Ach du meine Güte! Bruno!", freute sie sich. „Als ich dich das letzte Mal gesehen habe, da warst du… ach du meine Güte, das ist ewig her, du warst noch klein." Überschwänglich fiel Helga ihm um den Hals. „Komm rein, bitte, komm rein." Hektisch winkte sie den jungen Mann in ihr Haus. „Bernd ist auf Arbeit und die Lisa… die ist leider auch nicht da", plapperte sie weiter. „Aber du kannst ja erstmal der bösen Stiefmutter erzählen, wie es dir in den letzten Jahren ergangen ist." Lächelnd nahm Bruno auf dem Sofa im Plenskeschen Wohnzimmer Platz. „Wow, hier hat sich nichts verändert." Helga zog die Stirn kraus. „Ist doch gar nicht war. Wir sind alle gealtert, wir haben ein neues Auto, eine neue Küche, aber egal. Das zeige ich dir nachher. Was ist mit dir? Wie waren die Jahre auf Mallorca? Bist wohl schon seit einer ganzen Weile in Berlin, du bist ziemlich blass", bemerkte Helga. Bruno lächelte – eigentlich war er erst ein paar Stunden wieder auf dem Festland, aber es stimmte, dass er blass war. Wie lange war er jetzt nicht mehr in Berlin gewesen? Seit seine Mutter entschieden hatte, nach Mallorca auszuwandern und ihn mitzunehmen. Wann war das doch gleich? 1991 oder 1992? Eigentlich auch egal, denn jetzt war er endlich wieder hier. Nicht ohne einen Hintergedanken natürlich. Er wollte sein altes Leben endlich hinter sich lassen, endlich Zeit mit seinem Vater verbringen. Die Frau kennen lernen, die seine Schwester war und seinen zukünftigen Schwager. Durch alle Zeitschriften war die Verlobung gegangen und so hatte auch er auf der Mittelmeerinsel von Lisas Glück erfahren.
„Dieser Mistkerl, dieses Sackgesicht, dieser… dieser…", schimpfte Bernd vor sich hin, als er am späten Nachmittag von der Arbeit kam. „Bernd", rief Helga. „Rate, wer wieder hier ist!" – „Das Schnattchen?", freute Bernd sich und stürmte ins Wohnzimmer. Abrupt blieb er vor einem jungen Mann stehen. „Das ist Bruno", erklärte Helga, als Bernd keine Reaktion zeigte. „Bruno? Nee, jetz, oder? Boah, bist du groß geworden", freute Bernd sich nun doch und umarmte seinen Sohn. „Führt dich etwa die Sehnsucht zurück zu deinem alten Herrn?" Bruno schüttelte den Kopf. „So ähnlich. Ich habe wirklich schlimme Zeiten hinter mir und seit dem Entzug…" – „Entzug?", fragte Bernd entsetzt. „Ich bin wirklich abgerutscht, Vati. Einmal durch die Hölle und zurück. Auf jeden Fall ist die Insel zu klein für mich und meine ehemaligen ‚Freunde', wenn du verstehst. Vati, alles, was ich brauche, ist eine zweite Chance. Ich will allen, aber besonders mir beweisen, dass ich noch da bin, dass ich etwas kann und mein Leben im Griff habe." Ernst sah Bernd seinen Sohn an. „Offenbar sind alle meine Kinder auf der Suche nach sich selbst. Wenn das Schnattchen sich schon nicht helfen lässt, dann kommst du eben in den Genuss des patentierten plenskeschen Familienzusammenhaltes."
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