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„Fritze, du musst mit deinem Junior reden", fiel Bernd gleich mit der Tür ins Haus. Friedrich Seidel sah von seiner Tagespost auf – sehr viel mehr war dem ehemaligen Konzernchef nicht geblieben und er verbrachte seinen Vormittag immer damit, seine privaten Bankpapiere zu studieren und zu verwalten. „Was hat David denn nun schon wieder angestellt?", fragte er aufgebracht durch die unerwartete Störung. „Er will meinem Junior keinen Job geben", kam die verständnislose Antwort von Bernd. „Lisa ist die Mehrheitseignerin. Sie braucht Davids Einverständnis nicht, wenn sie diese oder jene Position in der Firma bekleiden will", erwiderte Friedrich nüchtern. „Ist sie denn wieder da? Geht es ihr gut?" – „Ach was", winkte Bernd ab. „Ich rede doch nicht vom Schnattchen, sondern vom Bruno. Bruno, komm doch mal rein, der Fritze ist zutraulich geworden", polterte Bernd in Richtung Tür. Man konnte Bruno das Unbehagen ansehen, das die Villa Seidel und Friedrichs imposantes Arbeitszimmer auslösten. „Das ist Bruno, mein Sohn", verkündete Bernd sichtlich ergriffen. „Du hast einen Sohn?", fragte Friedrich irritiert nach und holte Bernd damit auf den Boden der Tatsachen zurück. „Das hast du mir nie…" – „Hat nie gepasst, nie gepasst ins Gespräch", unterbrach Bernd sein Gegenüber. „Aber… als das mit Richard…" – „Da hat's auch nicht gepasst. Ich war ja ganz regulär mit der Doris zusammen, als der Bruno auf die Welt kam. Der konnte bereits gehen, als ich mich… naja… in die Helga verliebt habe. Das mit der Doris und mir war da ja schon zum ‚Erliegen' gekommen, wenn du verstehst. Ich war aber trotzdem kein schlechter Vater – jedes Wochenende habe ich den Bruno zu uns geholt und die Doris hatte dann ja auch bald einen neuen. Hast doch keinen Schaden genommen, Bruno, oder?" – „Ähm, nein, auch wenn es mit Herrn Lehmann nicht immer so toll war", erwiderte Bruno zögerlich. „Setzen Sie sich doch, Bruno", schlug Friedrich vor, der jetzt schon ahnte, dass Bernds Erzählung sehr ausführlich werden würde. „Kurz nach der Wende hat die Doris dann entschieden, nach Mallorca auszuwandern und da hat se den Bruno natürlich mitgekommen. Ist klar, ne? Seitdem haben wir uns nicht mehr gesehen – bis gestern, da stand er bei uns vor der Tür. Schön, oder? Ick hab mich so gefreut, das globste nicht, Fritze." – „Und was hat David damit zu tun?", versuchte Friedrich das Gespräch wieder auf sein ursprüngliches Thema zurückzubringen. „Der Bruno, der ist hier, weil er ne Chance braucht und dein missratener Spross will ihm keenen Job geben, dabei hat das Schnattchen da doch das Sagen." – „Was sagt sie dazu?" – „Wissen wir nicht. Hat sich nicht gemeldet. Trotzdem, sie würde dem Bruno einen Job geben." Friedrich nickte bedächtig und wandte sich dann an Bruno. „Was haben Sie denn gelernt, junger Mann?" – „Schuster hat er gelernt, Schuster", mischte Bernd sich ein. „Bernd, ich rede mit deinem Sohn, also bitte. Er will einen Job und nicht du." Trotzig verschränkte Bernd die Arme vor der Brust. „Sag's ihm", forderte er Bruno auf. „Ich habe Schuster gelernt", begann Bruno. „Und dann war ich an einer Schule für Modedesign… Schuhe designen und so." – „Haben Sie Ihre Zeugnisse dabei?", fragte Friedrich interessiert. „Ich habe hier Arbeitsproben", antwortete Bruno und reichte Friedrich eine Mappe mit Zeichnungen und Fotos über den Tisch. „Schön… sehr schön. Klassisch, zeitlos, innovativ… Sie haben alles in Ihrem Programm. Ich würde Ihre Schuhe gerne mal in natura sehen…" Sehr zu Friedrichs Überraschung hob Bruno seine Füße an und legte sie auf den Schreibtisch. „Das ist das letzte Paar, das ich handgefertigt habe", erklärte er. Fachmännisch begutachtete Friedrich die Fußbekleidung. „Sehr gut verarbeitet, ich bin beeindruckt und jetzt runter damit von meinem Schreibtisch", lachte er Bruno an und nahm ihm damit seine Anspannung. „Was ist nun mit Ihren Zeugnissen? Haben Sie die dabei?" Bruno räusperte sich peinlich berührt. „Es ist so… also… ich… ich habe zwar Abitur, aber vom Studium kein Zeugnis… ich bin von der Uni geflogen, weil…" – „Weil…", hakte Friedrich nach. „Drogenmissbrauch", beeilte Bruno sich zu sagen. „Oh", entfuhr es Davids Vater entsetzt. „Wie… also…" – „Wie ich da reingeraten bin? Ganz klassisch würde ich sagen – den ein oder anderen Joint oder mal eine E bei Partys. Im tiefsten Prüfungsstress dann auch mal Härteres. Irgendwann gab es nichts mehr, das man schlucken, schnüffeln oder spritzen konnte, mit dem ich noch keinen Kontakt hatte. Der Entzug war furchtbar. Die wollten, dass ich es mit Metadon probiere, aber das verschiebt das Problem doch nur, oder? Dachte ich zumindest – von einer Substanz zur nächsten. Von jetzt auf gleich musste es ohne etwas gehen. Das war hart, sehr hart, aber jetzt bin ich clean. Seit zehn Wochen", verkündete Bruno mit einem gewissen Stolz auf den Ausgang des Entzugs. „Das heißt ein Job bei Kerima wäre Ihre zweite Chance?", fragte Friedrich. „Ich schätze, er wäre meine letzte Chance", gestand Bruno Friedrichs Blick haltend. „Sie zeichnet die gleiche Ehrlichkeit aus, die ich auch an Ihrer Schwester zu schätzen weiß. Kennen Sie sich mit Buchhaltung aus? Oder PR?", wollte Davids Vater wissen. „Buchhaltung eher weniger – Zahlen sind nicht meine Welt, aber mit PR. An der Modeschule habe ich einen zusätzlichen Kurs darüber belegt und…" – „Gut, gut. Haben Sie jetzt Zeit? Wir fahren gleich zu Kerima und ich mache mich für einen Job stark. Ich mag Sie und ich bin bereit, Ihnen diese Chance zu geben, auch wegen Lisa und Bernd, aber wehe Sie enttäuschen mich." – „Das mache ich nicht, versprochen." – „Noch eins: Kerima ist ein Haifischbecken. Ihre Ehrlichkeit zeichnet Sie aus, aber es gibt auch Momente, da sollte man sich damit zurückhalten, damit niemand dieses Wissen ausnutzen kann."
„Vater, das ist nicht dein Ernst. Ich habe Bernd… Herrn Plenske doch schon gesagt, dass es nicht geht. Jemand wie dieser Bruno passt doch gar nicht zu Kerima." Friedrich baute sich vor dem Tisch, an dem David saß, auf und sah seinen Sohn ernst an. „Deine Verlobte… deine Ex-Verlobte hat hier auch nicht hergepasst. Und nun gehört ihr der Laden. Du bist doch nur gnatzig, weil du nichts von Lisas Bruder wusstest. Du kannst eben nicht alles kontrollieren. Bruno bleibt. Er wird die PR machen und Hugo im Kreativbereich unterstützen. Er hat ganz wundervolle Schuhideen und ich sage, er bleibt. Du kannst auch die harte Tour haben. Wir setzen gleich morgen eine Vorstandssitzung an, in der darüber entschieden wird." David schluckte – so aufgebracht hatte er seinen Vater selten erlebt. „Friedrich", ergriff nun Richard das Wort. „Wenn das dein Wunsch ist, werden wir dem entsprechen. Du wirst verstehen, dass wir nicht einfach jemanden einstellen können, nur weil du ein gutes Gefühl hast. Wir behalten uns eine Probezeit von… sagen wir… drei Monaten vor. Wenn er uns beweist, dass er es drauf hat, dass er etwas kann, dann bleibt er, wenn nicht, fliegt er. Ich bin mir sicher, dass wäre auch in Frau Plenskes Sinn." – „Das ist ein fairer Vorschlag", räumte Friedrich ein. „Ich werde Frau Plenske über diese Veränderungen gleich in Kenntnis setzen, denn mir schreibt sie ja noch E-Mails", erklärte Richard triumphierend. Die beiden Seidel-Männer sahen ihn überrascht an. „Ja, tut sie. Sie muss doch wissen, was hier läuft. Sie gibt mir so ihre Anweisungen", fuhr Richard diabolisch grinsend fort. „Diese Mails will ich sehen", forderte David aufbrausend. „Später, Bruderherz, später", vertröstete Richard ihn, was David nur noch wütender machte. „Friedrich, würdest du Herrn Lehmann bitte alle Räumlichkeiten zeigen? Du kannst dir vorstellen, dass David und ich in unserer Funktion als Geschäftsführer keine Zeit dafür haben. Außerdem kennt niemand die Firma so wie du." Friedrich wusste genau, dass Richard mit seinen Schmeicheleien ein Ziel verfolgte, aber noch wusste er nicht, welches. „Das werde ich tun. Grüß Lisa von mir, wenn du ihr schreibst."
„Und du hast wirklich nicht gewusst, dass die Plenske einen Bruder hat?", wandte Richard sich an David, als Friedrich das Büro verlassen hatte. „Nein, wusste ich nicht", knurrte David. „Was das wohl soll… erst sie, jetzt er… Sollte ich vielleicht mal meine Kontakte spielen lassen, um etwas herauszufinden? Die Plenske ist doch sonst so ein Familienmensch und jetzt verschweigt sie einen Bruder." – „Halbbruder", korrigierte David gereizt. „Ist wie bei uns, wir sind auch in der gleichen Firma gelandet", lachte Richard höhnisch. „Du hättest die Finger von deiner Vorzimmerbesetzung lassen sollen, dann könnten wir deiner… ähm… Ex-Verlobten jetzt auf den Zahn fühlen…" – „Wenn du etwas über diesen Lehmann herausfinden willst, dann tu das", knurrte David erneut. „Soll ich dir dann auch das Ergebnis mitteilen?" – „Ich bitte darum." Trotzig stapfend verließ David den Konferenzraum.
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