4.
„Herr Lehmann, Sie sind jetzt zehn Wochen bei uns", begann David ein Gespräch mit Bruno. Er hatte ihn dafür extra in sein Büro zitiert. Betont lässig saß er auf seinem Bürostuhl und musterte sein Gegenüber. „Gefällt es Ihnen denn bei uns?" – „Oh ja, die Kollegen sind nett, die Arbeit macht Spaß", erwiderte Bruno euphorisch. „Arbeit sollte aber nicht nur Spaß machen, Herr Lehmann", konterte David kühl. „Sie hatten eine sehr lange Einarbeitungsphase. Es überzeugt mich nicht so recht, was Sie hier machen." Betreten sah Bruno auf seine Hände – er hatte eigentlich gedacht, dass er sein Bestes gab und dass man das auch merkte. „Vielleicht brauchen Sie auch nur mal wieder einen Stimmungsaufheller", meinte David und schob Bruno eine kleine Tüte über den Schreibtisch. „Was ist das?", fragte Bruno und zog die Tüte an sich. „Es war nicht leicht, etwas über Ihre Vorlieben herauszufinden, aber… nun ja, wer hätte gedacht, dass ein Plenske… ein halber Plenske auf etwas Illegales steht. Das ist ziemlich guter Stoff, den ich Ihnen da besorgt habe. Nehmen Sie, es ist ihr bevorzugtes Zeug." Geschockt ließ Bruno die Tüte wieder auf den Schreibtisch fallen. Er wusste nur zu gut, was in sich darin befinden musste. „Wenn Sie sich richtig informiert hätten, dann wüssten Sie auch, dass ich clean bin." Selbstgefällig lächelte David sein Gegenüber an. „Ja, aber…" – „David", platzte plötzlich Max in das Büro. „Oh, Verzeihung. Ich wollte… ach, ich komme später noch einmal wieder." Der Personalchef drehte sich auf der Stelle um und wollte das Büro schon verlassen, als Bruno das Wort ergriff. „Das ist nicht nötig, Herr Seidel und ich waren eh gerade fertig." Max zuckte mit den Schultern und kam wieder rein. „Was ist denn das?", fragte er, als er die eindeutige Tüte auf Davids Schreibtisch entdeckte. „Das ist ein Geschenk, das Herr Lehmann gerade abgelehnt hat", antwortete David verächtlich. „Sag mal, David, spinnst du?", konnte Max sich nicht verkneifen. „Was willst du denn nun eigentlich?", ging David nicht weiter auf Max' Frage ein. „Ich wollte dir nur sagen, dass Frau Plenske gerade angerufen hat." – „Woher? Ich meine, wo ist sie?", fragte David hektisch. Dabei war er halb von seinem Stuhl aufgesprungen. „Gesagt hat sie nichts, aber laut Rufnummernanzeige kam der Anruf aus Frankreich." – „Frankreich", überlegte David. „Ich weiß, wo sie ist. Sie macht noch mal diese romantische Loiretour, die wir im letzten Sommer gemacht haben. Das hat ihr so gut gefallen. Sie besinnt sich wieder auf die Anfänge unserer Beziehung." – „Wenn du meinst, David", entgegnete Max genervt. „Sie hat angeordnet, dass ich Herrn Lehmann einen Arbeitsvertrag gebe – in der Position, die er gerade bekleidet. Für mich klang das, als hätte sie gerade erst erfahren, dass ihr Bruder bei uns arbeitet." Fragend sah Max Bruno an, der aber zeigte keine Regung. „Ich mache den Vertrag fertig und Sie können dann nachher vorbeikommen und unterschreiben, Herr Lehmann." Die angespannte Stimmung in Davids Büro gefiel Max gar nicht und er war mehr als froh, dass er wieder gehen konnte. Kaum dass die Tür geschlossen war, wandte Bruno sich an David. „Lisa ist nicht an der Loire, Lisa ist in einer winzigen Ortschaft im Elsass. Nachdem sie wahllos durch England gefahren ist, um sich von dem Fehltritt ihres Verlobten zu erholen, hat sie entschieden, dass es Zeit ist, wieder nach Hause zu kommen. Sie kennen Lisa, sie muss sich langsam auf die große Begegnung vorbereiten. Darum fährt sie mit dem Auto zurück und das dauert noch ein paar Tage. Und noch eins: Sie kommt nicht Ihretwegen wieder, sondern meinetwegen. Sie freut sich auf ihre Familie und besonders auf mich, weil wir uns so lange nicht gesehen haben. Sie können also Ihr unverschämtes Grinsen wieder auf Normal-Null zurückschrauben." Bruno erhob sich und genoss Davids belämmerten Gesichtsausdruck. „Ich gehe dann mal meinen Vertrag unterschreiben", kündigte er an. Wütend ballte sich Davids Hand um die Tüte Kokain. „Wähnen Sie sich nicht in Sicherheit, Lehmann. Wenn ich Sie in dieser Firma mit Drogen erwische, dann…" – „Momentan halten nur Sie den… wie nannten Sie es?... den ziemlich guten Stoff in der Hand." David brodelte innerlich, als sich seine Bürotür hinter Bruno schloss. Richard hatte wieder einmal Recht gehabt – er hätte irgendwelche Tabletten besorgen und sie Bruno ins Essen mischen sollen. Dann wäre er im Nullkommanix wieder abhängig und er könnte ihn endlich aus der Firma werfen.
„Hey Bruno", begrüßte Jürgen den mittlerweile lieb gewonnenen Stammkunden. „Hallo", grüßte dieser knapp zurück. „Was ist dir denn für eine Laus über die Leber gelaufen?" – „David Seidel", knurrte Bruno. „Oh, das war bestimmt schmerzhaft." – „Bitte?" – „Na wenn ein ausgewachsener Mann dir über die Leber läuft, dann tut das bestimmt weh." Bruno rang sich ein gequältes Grinsen ab. „Normalerweise spielt Lisa die Hauptrolle in der ‚David ist ein Arsch'-Tragikkomödie. Also, was ist passiert?" – „Er hat mir eine Tüte Koks angeboten." – „Oh", entfuhr es Jürgen entsetzt. „Du hast es doch aber nicht genommen, oder?" – „Nein, natürlich nicht. Schon weil dieser… dieser arrogante Schnösel da saß wie Lord Kacke und fest damit gerechnet hat, dass er mich manipulieren kann wie er will." – „Das Warum ist letztlich egal, Hauptsache, du hast das Zeug nicht angerührt", bestätigte Jürgen seinen Freund in dessen Entscheidung. „Kannst du mir sagen, was Lisa an dem findet? Ich meine, von dem, was du mir über sie erzählt hast, ist sie doch überhaupt nicht wie er und am Telefon kam sie auch so nett rüber." – „Nett ist das Stichwort. Lisa ist eben nett. Eigentlich ein Wunder, dass sie sich eine so lange Auszeit nimmt. Weißt du, das mit David und ihr, das war… naja… also von ihrer Seite aus war es Liebe auf den ersten Blick, tja und beim zweiten Blick hat sie ihn dann mit seiner Assistentin vögeln sehen." Während Jürgen sprach, sondierte Bruno dessen Süßwarenangebot. „Bedien dich ruhig. Das ist das einzige Suchtmittel, von dem die Plenskes definitiv niemals loskommen", forderte Jürgen sein Gegenüber auf. „Dass David eine wilde Vergangenheit hat, das wussten wir alle und dass Lisa eher Typ ruhig und schüchtern ist, ist ja nun auch kein Geheimnis. Umso verwunderlicher, dass sie sich ausgerechnet in einen Mann wie David verlieben musste. Das ging zum Teil soweit, dass sie glaubte, telepathisch mit ihm verbunden zu sein…" – „Glaubst du das?" – „Naja, ich glaube in erster Linie, dass die Beiden viel Zeit miteinander verbracht haben und dass man sich dabei kennen lernt und dann erahnen kann, was der andere denkt – das hat mit Telepathie nicht viel zu tun. Lisa war so glücklich, als David ihr seine Liebe gestanden hat. Die Zwei sind… waren ein wirklich schönes Paar und ich hatte schon den Eindruck, dass David sich zu seinem Vorteil verändern würde – unter anderem auch von wegen Monogamie und so. Er hat sie ja auch positiv beeinflusst. Ich meine, ich weiß, Äußerlichkeiten sollten nicht so wichtig sein, aber die Klamotten, die Lisa immer trug und diese Brille… das passte halt nicht zu einer Mehrheitseignerin. David hat sie mehr als einmal darin bestärkt, sich neue Kleidung zuzulegen, auch mal was aus der Kerima-Kollektion zu tragen. Mittlerweile trägt sie Kontaktlinsen und die Brille, die sie für Zuhause hat, ist wirklich… vorteilhaft." – „Aber das ist doch nicht alles", warf Bruno ein. „Richtig, das ist nicht alles. Wie gesagt, sie waren ein schönes Paar, haben viel zusammen unternommen, waren gemeinsam im Urlaub… Das erste Mal, dass ich wirklich Bedenken hatte, war bei der Verlobungsfeier der Beiden. Lisa wollte bloß die Eltern und ein paar enge Freunde dabei haben, aber David… naja, er wollte eine große, pompöse Feier und die hat er gekriegt. Da waren noch so ein paar Sachen. Lisa hat die immer als ‚nicht schlimm' abgetan und war so bedacht darauf, Kompromisse zu finden…" – „Kompromisse, die David gepasst haben?", fragte Bruno. „So sieht es aus. Ich hätte ja nicht gedacht, dass Lisa David in den Wind schießt, wenn sie ihn in flagranti erwischt. Ich hätte ja eher gedacht, er blinkert sie mit seinen Dackelaugen an und sie wird wieder schwach." – „Nein, gestern am Telefon klang sie fest entschlossen, ihr Leben in den Griff zu kriegen und in Zukunft ohne Kronprinz David zu führen." – „Den Eindruck hatte ich in ihren Mails auch. Ich weiß, dass klingt jetzt hart, aber sie muss durch diese ganze Scheiße gehen. Ich hatte immer den Eindruck, sie wäre nie frei für eine Beziehung mit einem anderen Mann, wenn sie ihre Liebe zu David nicht hätte ausleben dürfen." Jürgen zuckte hilflos mit den Schultern. Er wusste einfach nicht, wie er noch in Worte fassen sollte, wie er Davids und Lisas Beziehung empfand. „Ich glaube, ich weiß, was du meinst. Sie wird uns brauchen, wenn sie wieder hier ist." – „Ja, das denke ich auch. Ich habe schon einen Vorrat mit ihren Lieblingssüßigkeiten angelegt. Sie hat Chuzpe, wieder bei Kerima einzusteigen." – „Hm. Sag mal, Jürgen, hast du Zeitungen mit Wohnungsanzeigen?" – „Ja, wieso?" – „Wenn Lisa hier übermorgen oder am Samstag eintrudelt, dann will sie bestimmt nicht wieder in die Villa Seidel ziehen, sondern ihr Zimmer wiederhaben." – „Ach was, Platz ist auch in der kleinsten Hütte. Ihr überlegt euch einfach zu viert, wie die Zimmeraufteilung im Hause Plenske in Zukunft gestalten soll." Bruno legte den Kopf schief und sah Jürgen an. „Ja, schon, aber ich glaube kaum, dass das eine dauerhafte Lösung ist. Ich werde mir eine Wohnung suchen. Ich kann nicht erwarten, ewig bemuttert zu werden." Jürgen ging auf das Zeitungsregal zu und zog einzelne Zeitungen heraus. „Wenn du meinst. Hier, das sind die neuesten. Wünsche gute Suche."
3
