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„Ich hätte doch Jeans und T-Shirt anziehen sollen", murmelte Bruno sich selbst zu, als er vor dem Haus der Plenskes stand und zum wiederholten Male sein Jackett glatt strich. „Okay", sprach er sich weiter gut zu. Langsam legte Bruno seinen Finger auf die Klingel.

„Bruno!", begrüßte Bernd ihn kurze Zeit später. „Hast du deinen Schlüssel vergessen oder warum klingelst du?" – „Ich… ja… also, ich wollte höflich sein, weil Lisa doch heute da ist und so." – „So, so", grinste Bernd. „Lisa zeigt uns gerade ihre Fotos. Alles di-gi-dingsbums… auf'm Computer. Komm rin, sie freut sich bestimmt schon, dich zu sehen."

„Und das ist Charlize, die Leiterin von dem Bed'n'Breakfast in…" Lisa brach ihre Erklärung ab, als sie merkte, dass jemand den Raum betreten hatte. Sie sah auf und erblickte ihren Halbbruder, der mit der Situation offensichtlich überfordert war. „Hallo", grüßte sie ihn freundlich lächelnd. „Ha… Hallo", grüßte Bruno eingeschüchtert zurück. „Du bist groß geworden", fuhr er fort, verzog aber augenblicklich das Gesicht. „Und ich rede schon wieder nur Blödsinn", grinste er verschämt und legte sich eine Hand in den Nacken. Lisa stand auf und ging auf ihren Bruder zu. „Du bist auch groß geworden… naja, größer, du warst ja damals schon nicht so klein, zumindest aus meiner Perspektive", meinte sie. „Auf jeden Fall freue ich mich, dich endlich wieder zu sehen." Bruno konnte gar nicht so schnell gucken, wie Lisa ihre Arme um ihn legte. „Ich mich auch", meinte er die Umarmung erwidernd. „Also, dich wieder zu sehen, nicht mich. Mich sehe ich ja jeden Tag im Spiegel… also, wenn ich will. Ich muss aber nicht hinsehen, weil… naja, so doll ist der Anblick ja nicht – ganz im Gegensatz zu dir. Wow, du bist eine so hübsche junge Frau geworden." Amüsiert über Brunos hilflosen Redefluss zog Lisa ihn mit sich auf das Sofa. „Komm, wir gucken uns gerade die Fotos von meiner Reise an", erklärte sie ihm übertrieben fröhlich. Bruno ahnte sofort, dass Lisa so das unvermeidliche Gespräch über sich und David hinauszögern wollte. Der Fehltritt seines Ex-Schwagers in Spe war immer noch das Thema Nummer eins bei Kerima und seit Lisa ihre Rückkehr angekündigt hatte, brodelte die Gerüchteküche heftiger denn je.

„Und bei Kerima läuft alles gut?", erkundigte Lisa sich beim Abendessen. Bruno nickte heftig. „Ja, alles ist prima." – „Hast du dich gut eingelebt?", bohrte Lisa weiter. „Ja, das auch. Es helfen mir ja auch alle. Manche ein bisschen mehr, manche ein bisschen weniger." – „Kommst du mit allen Kollegen klar?", Unbehaglich rutschte Bruno auf seinem Stuhl hin und her. In seinem Essen stochernd, setzte er zu einer Antwort an: „Eigentlich schon und die, mit denen es suboptimal läuft, denen gehe ich eben aus dem Weg", lachte er. „Ach Schnattchen, muss das beim Essen sein? Da hast du dich gerade erst ein paar Wochen von diesem Irrenstall erholt und kaum biste wieder hier, haste nüscht Anderes im Kopp." – „Ich wollte doch nur…", begann Lisa, wurde aber sofort von ihrem Vater unterbrochen. „Dich selbst quälen, dis wollteste. Nun gut, dann mach ich mal mit: Was wird nu aus dir und dem… dem… dem Seidelspross?" Hilfe suchend sah Lisa zu Bruno, der ihr nur einen fragenden Blick schenkte. Auch in Helgas Gesicht war reges Interesse zu lesen. „Nichts. Es ist aus und vorbei mit David. Überhaupt ist mein altes Leben vorbei." – „Was soll denn das heißen, Lisa-Mäuschen?", meldete Helga sich zu Wort. „Dass sich einiges ändern wird", erwiderte Lisa entschlossen. „Ähm, wenn ich auch mal etwas dazu sagen dürfte", meinte Bruno dankbar dafür, endlich einen Aufhänger für sein eigenes Anliegen gefunden zu haben. Aufmerksam sah Bernd seinen Sohn an. „Jetzt, wo Lisa wieder da ist, will sie sicher ihr Zimmer wiederhaben und das ist auch total verständlich. Also, ich habe mich mal schlau gemacht und… ich werde ausziehen. Berlin ist riesig, ich habe bestimmt bald etwas gefunden." Bernds Unterkiefer klappte nach unten. „Nein!", platzte aus Helga, was er gerade noch dachte. „Das kannst du doch nicht machen, Bruno. Du bist doch noch gar nicht lange wieder in Berlin und wir hatten doch die letzten Jahre so wenig von dir", versuchte Helga ihrem Stiefsohn den Plan auszuziehen auszureden. „Helga, ich würde doch nicht auf dem Mond ziehen, sondern nur nach Berlin. Ich habe eure Gastfreundschaft schon viel zu lange ausgenutzt." – „Nüscht haste ausjenutzt, jar nüscht. Dis is selbstverständlich", polterte Bernd. „Wir könnten den Dachboden ausbauen, dann kannst du da wohnen", schlug er vor. „Das ist wirklich lieb, aber… ich bin viel zu alt, um noch Zuhause zu wohnen. Ich komme jederzeit gerne vorbei und wir sehen uns doch auch in der Firma", fuhr Bruno sich an Helga wenden fort. „Aber… es wird Zeit auszuziehen." – „Das finde ich auch", ergriff Lisa das Wort. „Ich bin auch viel zu alt, um noch bei euch zu wohnen. Ihr wisst, dass ich euch lieb habe, aber ich muss langsam auf eigenen Beinen stehen." – „Aber nur weil's mit dem Seidel aus ist, heißt das doch lange noch nicht, dass du nicht wieder bei uns wohnen kannst", argumentierte Bernd. „Doch, das heißt es. Ich war nie auf mich selbst gestellt. Erst war ich bei euch, dann bei David und nun erzählt mir nicht, dass ich in der Villa Seidel irgendetwas über den Alltag in den eigenen vier Wänden gelernt habe. Ich habe diesen Entschluss schon vor einiger Zeit getroffen und niemand kann daran rütteln." Seufzend erhob Helga sich und ging wortlos in die Küche. Als sie wiederkam, hatte sie eine große Schüssel mit Schokoladen-Eis und eine Flasche Schokoladen-Sauce dabei. „Auf solche Neuigkeiten brauche ich Zucker, was ist mit euch?", fragte sie in die Runde.

„Ist das wirklich okay für dich, dass wir zu zweit in deinem Zimmer übernachten?", fragte Bruno einige Stunden später. „Ich kann nämlich auch auf dem Sofa schlafen", bot er an. „Ich könnte auch auf dem Sofa schlafen, aber so ist es doch viel lustiger. Ist wie eine Pyjama-Party", antwortete Lisa lachend. „Hoffentlich geht es deinem Rücken morgen gut", gab sie zu bedenken. „Ich wusste gar nicht, dass wir das olle Feldbett noch haben." – „Glaub mir, ich hatte es auch bequemer in Erinnerung. Zumindest gibt es beim ersten Weckerlaut keinen Grund, noch länger liegen zu bleiben", witzelte Bruno. Einen Moment lang kam Stille zwischen den Geschwistern auf. „Sag mal", räusperte Bruno sich. „Wie geht's dir denn jetzt? Ich meine, mit der Trennung und so. Du warst den ganzen Abend so fröhlich, aber deine Augen habe etwas ganz Anderes gesagt." Lisa kräuselte die Nase. „David war meine erste ganz große Liebe. Ich habe ihn vom ersten Moment an geliebt und… ich war überzeugt davon, dass wir für immer zusammenbleiben." – „Das heißt, es gibt einen Hauch von Wahrscheinlichkeit, dass du ihm noch eine Chance gibst?" – „Nein, niemals", erwiderte Lisa trotzig. „Es hat wahnsinnig wehgetan, ihn mit dieser anderen Frau zu sehen. Erst da habe ich begriffen, dass David sich nie ändern wird und dass ich auf diese Weise auch auf der Stelle trete und das will ich nicht. Ich will Dinge ausprobieren – mit dem Auto durch England fahren, da anhalten, wo es mir gefällt und weiterfahren, wenn ich Lust habe oder nach Frankreich fahren, wenn ich genug von England habe." Ein Lächeln huschte über Lisas Gesicht. „David und ich, wir hatten eine sehr schöne Zeit und ich möchte diese Beziehung auch bestimmt nicht missen, aber es ist Zeit, weiterzugehen – nur diesmal eben alleine." Bruno nickte verständnisvoll. „Was hältst du davon, wenn du morgen noch nicht in die Firma gehst? Ich habe mir ein paar Wohnungsangebote rausgesucht. Wir könnten die uns gemeinsam ansehen und wer weiß, vielleicht finden wir ja beide sofort etwas." Lisa dachte kurz nach. „Geht nicht, ich habe für um 10 Uhr eine Konferenz anberaumt, da kann ich schlecht fehlen. Aber danach ginge es." – „Konferenz? Davon weiß ich ja noch gar nichts", wunderte Bruno sich. „Ich habe Max gebeten, alles vorzubereiten. Hat er dir nicht Bescheid gesagt? Naja, egal, jetzt weißt du es. Erstmal ist nur wichtig, dass die Geschäftsführer und Hugo kommen. Es wird auch bei Kerima einige Veränderungen geben." Lisas Halbbruder machte große Augen. „Jetzt willst du es aber wissen, oder?" Als Antwort zuckte Lisa nur mit den Schultern. „Gehen wir nun morgen Nachmittag Wohnungen gucken?", wechselte sie das Thema. „Klar, aber dann müssen wir jetzt auch in die Heia, das wird bestimmt anstrengend." Lisa nahm ihre ungewohnt geschmackvolle Brille ab und legte sie auf ihren Nachttisch. „Schlaf gut, Bruno." – „Ja, du auch."

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