6.
Kerima Moda, Berlin. Alles war noch dunkel. Niemand war dort – außer Lisa. Nachdenklich ging sie von Raum zu Raum, schaltete das Licht ein und erinnerte sich daran, was sie dort erlebt hatte. Das Catering, das kleine fensterlose Büro neben dem Heizungsraum, Davids Vorzimmer, das Atelier, der Konferenzraum… Lisa seufzte. Das brachte doch alles nicht, sie war doch nicht so früh hierher gekommen, um sentimentalen Gedanken nachzuhängen, sondern um zu arbeiten. Entschlossen betrat Lisa ihr Büro. Es roch muffig, als wäre lange niemand dort gewesen. So einfach war das also, sie war ein paar Wochen weg und schon vergessen, niemand scherte sich um den Raum, in dem sie Tage und Nächte damit verbracht hatte, Kerima vor dem Untergang zu bewahren. Mit ihren Fingerspitzen fuhr Lisa ehrfürchtig über die Kante ihres Schreibtisches. „Willkommen zurück, kleine Lisa", sprach sie zu sich selbst. „Dann machst du eben wieder nur, was du am besten kannst: Zahlen schieben."
Es wurde langsam hell draußen, als die Tür zu Lisas Büro aufging. Einen Moment lang sah es so aus, als würde ein riesiger Blumenstrauß den Raum betreten. „David", begrüßte Lisa den jungen Mann hinter der Blumenpracht. „Lisa", entfuhr es ihm aufgeregt. „Du bist schon hier? Ich wollte doch…" – „Mein Büro mit Blumen und Süßkram ausstaffieren, dann den Dackelblick aufsetzen und… und wenn ich dann in mein Büro komme, wolltest du den Reumütigen geben und…" – „Nein!", widersprach David heftig. „Wie geht es dir denn? Hattest du eine schöne Reise?", lenkte er sanft ein. „Ja, hatte ich und vor allem eine erkenntnisreiche Reise." – „Erkenntnisreich?", fragte David ängstlich nach. „Ja, erkenntnisreich. David, ich hatte viel Zeit nachzudenken – über dich und mich, über das, was ich gesehen habe, über die Firma, die Zukunft. Das mit uns, das hat keinen Zweck mehr, das musst du doch auch sehen. Ich kann dir einfach nicht mehr vertrauen." – „Ich habe meine Assistentin aber entlassen", argumentierte David. „Ich habe einen Mann eingestellt – 100 hetero. Lisa, es gibt keinen Grund, Angst zu haben." – „Dann ist es das nächste Mal eben keine Assistentin, sondern irgendein Model, eine Journalistin, irgendeine x-Beliebige aus der Tiki-Bar. Ich habe in der ersten Reihe gestanden, als du das mit Mariella gemacht hast. Ich will das nicht. Ich will mich weiterentwickeln und das kann ich nur ohne dich." David legte den Blumenstrauß auf Lisas Schreibtisch und schnaubte. „Das entscheidest du mal eben so. Werde ich vielleicht auch gefragt? Ich will das nämlich nicht, ich will…" – „Das hättest du dir überlegen sollen, bevor du deine Assistentin ge… ge… bevor du mit ihr geschlafen hast." – „Lisa, das hat doch nichts zu bedeuten. Es war bedeutungslos", redete David beschwörend auf Lisa ein. „Dir bedeutet es vielleicht nichts, aber mir. Für mich bedeutet deine Untreue das Ende unserer Beziehung. Du hast bisher alle Entscheidungen getroffen, jetzt bin ich dran", zischte Lisa zurück. „Ich hoffe, wir arbeiten weiterhin so professionell zusammen wie bisher", fuhr sie flüsternd fort. „Vielleicht… vielleicht schaffen wir es ja auch, irgendwann wieder Freunde zu sein." Schwer atmend wagte Lisa es nicht einmal, aufzusehen. Dieses Gespräch hatte sie hunderte Male in ihrem Kopf durchgespielt und jedes Mal war sie souveräner gewesen. „Das finde ich inakzeptabel", knurrte David ungehalten. „Wir gehören zusammen, das sind deine Worte gewesen." – „Gewesen, genau, es sind meine Worte gewesen. Für den Zeitraum unserer Beziehung haben wir auch zusammengehört, aber du hast das kaputt gemacht. Damit musst du jetzt leben." Lisas blaue Augen funkelten böse. „Ich erwarte dich zur Sitzung nachher", erklärte sie David und hielt entschieden ihre Bürotür auf. „In dieser Angelegenheit ist noch nicht das letzte Wort gesprochen", erwiderte David, verließ den Raum aber dennoch.
„Frau Plenske, gut erholt sehen Sie aus", begrüßte Richard seine Vorgesetzte besonders höflich. Lisa schüttelte die ihr hingehaltene Hand. „Vielen Dank, Herr von Brahmberg – nicht nur für diesen warmherzigen Empfang." Richard nickte verstehend. „Sie wissen, dass Kerima mir genauso viel bedeutet wie Ihnen und es war eine Selbstverständlichkeit für mich, das von Ihnen in mich gesetzte Vertrauen nicht zu enttäuschen." Auch wenn Lisa innerlich dachte, dass Richard ein wenig dick auftrug, nickte sie freundlich lächelnd. „Wenn wir dann mit der Sitzung anfangen könnten", wandte sie sich an die wartenden Kerima-Mitarbeiter.
„Als erstes möchte ich mich noch einmal ganz offiziell bei Herrn Richard von Brahmberg und Herrn Max Petersen für die Zusammenarbeit während meiner Abwesenheit bedanken. Ich hoffe, ich kann mich auch in Zukunft auf diesen firmeninternen Zusammenhalt verlassen, denn es wird Veränderungen bei Kerima geben", eröffnete Lisa die Sitzung. Unter beunruhigtem Getuschel fuhr sie fort: „Dass die Leisure-Line sich nicht verkauft, dafür aber Unmengen an Finanzen verschlingt, haben wir alle schon gemerkt…" Triumphierend grinsend lehnte Richard sich zurück, während David sich alarmiert vorbeugte. „Und dass die Silverline sich sowohl negativ auf das Firmenimage als auch auf Herrn Haas' Kreativität auswirkt, ist auch keine Neuigkeit." Jetzt war es David der triumphierend grinste. Lisa würde sich bestimmt nicht für Richards Ideen entscheiden, da war er sich sicher. „Kerima ist ein Familienunternehmen, aber bisher sieht das Unternehmen nur auf die Ära diverser von Brahmbergs und Seidels zurück. Mehrheitseignerin bin aber nun seit einiger Zeit ich und auch ich möchte meine Spuren in der Firmenchronik hinterlassen." Davids Finger krallten sich wütend um den Stift, der vor ihm lag. „Was soll das heißen? Willst du jetzt provinziellen Versandhausschick einführen?", fragte er bitter. „Nein", erwiderte Lisa. „Ich möchte, dass die Unternehmen B-Style und Kerima Moda die größtmögliche Zahl an Kunden erreichen. Verbindung zwischen beiden Unternehmen wird eine Schuhkollektion sein, die Bruno Lehmann entwerfen wird. Ich möchte dafür sowohl Herrn Haas als auch Bruno alle kreativen Freiheiten lassen…" Hugos Blick verklärte sich – vor seinem inneren Auge tauchten Bilder von Kleidern auf, schick, sportlich, ausgefallen… „Das ist großartig", murmelte er und griff nach einem Zettel. Hugo bekam gar nicht mehr richtig mit, was Lisa noch zu sagen hatte, so sehr war er in seine Zeichnungen versunken. „Aber dein Bruder hat keinerlei Erfahrung", gab David zu bedenken. „Jeder fängt einmal an", murmelte Hugo, ohne sich bewusst zu sein, dass er laut sprach. „Kerima ist nicht die richtige Plattform, um seine handwerklichen Geschicke auszutesten. Was, wenn er versagt?", echauffierte David sich immer noch. „Bei B-Style ist das ja nicht so tragisch, aber Kerima?" – „Also ich finde die Idee gut", fiel Richard seinem Halbbruder in den Rücken. Entsetzt sah David ihn an – damit hatte er nun wahrlich nicht gerechnet. „Sie werden verzeihen, Frau Plenske, dass ich natürlich um mein ‚Baby' die Silverline, trauere, aber ich denke, Sie sind mit diesen Neuerungen auf einem guten Weg." Zufrieden über diesen Rückenhalt erhob Lisa sich. „Dann ist ja gut. Die Sitzung ist hiermit beendet." – „Sie ist auf dem richtigen Weg in den Abgrund", meinte Richard, als Lisa den Raum verlassen hatte. „Das glauben aber nur Sie", fand Bruno nun seine Sprache wieder, bevor er seiner Schwester hinterher eilte. „Ich werde alles daran setzen, Lisa nicht zu enttäuschen." Brunos kindlicher Eifer rangen Richard nur ein schwaches Lächeln ab. „Wieso fällst du mir eigentlich in den Rücken?", griff David den gegelten Geschäftsführer an. „Ganz einfach, je eher sie mit dieser Schnapsidee anfängt, desto eher fällt sie damit auf die Nase und dann…" – „… können wir uns Kerima wieder unter den Nagel reißen", vervollständigte David. „… von da an kämpft dann wieder jeder für sich. Wir…", betonte Richard. „… sind nur so lange eine Zweckgemeinschaft, wie wir den gleichen Feind bekämpfen." – „Ich würde Lisa nicht als Feind betrachten." – „Du bist naiv und ein Weichling", zischte Richard und verließ dann auch den Konferenzraum.
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