7.
„Das ist jetzt die dreißigste Wohnung, die wir uns ansehen, wenn die jetzt nichts für einen von uns beiden ist, dann ziehe ich mit meiner Zahnbürste ins Atelier, da verbringe ich ja eh die meiste Zeit", maulte Bruno. „Nun sei doch nicht so negativ. Da war doch schon viel Schönes bei", gab Lisa sich enthusiastisch. „Das sagt Hugo auch immer und meint: ‚Eigentlich ist das scheiße.' Die Lage ist ja schon mal top." Bruno deutete auf einen mehrstöckigen Altbau. „Hier ist es." – „Wirklich schön", erwiderte Lisa. „Wie lange sind wir jetzt gefahren? Das waren doch nur drei S-Bahn-Stationen von Kerima aus, oder?" Bruno nickte. „Lass uns mal reingehen, Fassaden haben uns ja schon viele gefallen."
„Wow, das ist eine wirklich schöne Wohnung", staunte Lisa, als sie bereits das zweite Mal über den großen Balkon ging, der die beiden Zimmer miteinander verband. „In der Tat, sehr schön. Hast du die riesige Küche gesehen?", wollte Bruno wissen. „Hm, hab ich. Das Parkett ist super. Horch mal, das knarrt so… so… romantisch hätte ich jetzt fast gesagt oder gruselig, je nachdem…", bemerkte Lisa beiläufig. „Eigentlich ein bisschen groß für einen alleine, oder?", wandte sie sich kritisch an Bruno. „Und vor allem zu teuer für einen alleine", meinte dieser geknickt, nachdem er auf die Unterlagen der Maklerfirma gesehen hatte. „Oh", erwiderte Lisa. „Naja, nicht zu teuer für eine Mehrheitseignerin, aber zu teuer für ein kleines Licht wie mich", lachte Bruno. „Weißt du, nur weil ich es mir leisten kann, heißt das noch lange nicht, dass ich das Geld auch ausgeben will. Ich meine, ich bin doch eh kaum Zuhause", schmunzelte Lisa. Während sie noch einmal alle Räume abging, dachte sie angestrengt über die Situation nach. „Bruno?", rief sie plötzlich. „Was ist?", wollte der Angesprochene wissen. „Hast du schon mal in einer WG gelebt?" – „Ähm, nein. Wieso fragst du?" – „Naja, das wär's doch. Uns beiden gefällt diese Wohnung. Wir sind uns einig, sie ist zu groß und zu teuer für einen alleine. Wir sind beide hoffnungslose Workaholics, die kaum Zeit Zuhause verbringen. Papa und Mama würde die Trennung so auch leichter fallen." Bruno runzelte die Stirn und dachte angestrengt nach. „Du meinst, du und ich… wir sollten eine WG gründen?" – „Ja, was spricht den dagegen?" – „Ich weiß nicht… dass wir zuviel Zeit miteinander verbringen?" – „Ach was, wir hätten jeder ein großes Zimmer mit Tür und… hey, wir könnten uns so endlich richtig kennen lernen. Muss ja auch nicht für ewig sein, aber jetzt erstmal. Versteh mich nicht falsch, ich liebe meine Eltern, aber… es wird allerhöchste Eisenbahn, dass ich da rauskomme. Außerdem wäre es für dich vielleicht auch ganz gut, wenn immer jemand da ist… falls… naja, das Verlangen nach bestimmten Stoffen zu groß wird oder irgendwelche Leute etwas anbieten und du dann nicht nein sagen kannst." – „Ich hätte dir nicht davon erzählen sollen, dass David…" – „Doch. Das war gut so. Ich habe ihm deswegen auch schon gehörig den Kopf gewaschen. Der war so klein mit Hut. Trotzdem solltest du aufpassen. Weißt du, ich habe immer geglaubt, ihn zu kennen, aber jetzt offenbart er Seiten…" – „Er liebt dich und er verkraftet eure Trennung nicht so gut wie du." – „Er ist selbst schuld an unserer Trennung. Er beruhigt sich schon wieder… Aber du lenkst ab, was ist nun mit unserer WG?" – „Hm, ich weiß nicht, ob sich mein Möbelgeschmack mit deinem kombinieren lässt." – „Du kennst meinen Möbelgeschmack doch gar nicht", kicherte Lisa. „Ich habe die paar Möbel in Göberitz und das, was bei den Seidels steht, gehört alles David. Von daher ist eh ein Großeinkauf im Möbelhaus angesagt." – „Gut. Das wäre mir auch recht. Ich werde bestimmt nichts aus meinem alten Leben auf Mallorca kommen lassen. Ich mag Ikea, was hältst du davon?" – „Erstmal müssten wir entscheiden, ob wir denn nun zusammenwohnen wollen. Wir müssten den Mietvertrag unterschreiben und dann können wir Ikea rauf und runter kaufen." Überschwänglich umarmte Bruno seine Schwester und wirbelte sie herum. „So machen wir das", lachte er glücklich.
„Der ist zu einem echten Kotzbrocken mutiert seit der Buchmesse. Ich glaube, der weiß gar nicht, dass er einen Großteil seines Erfolgs deinem Konzept zu verdanken hat, Rokko." Der Angesprochene sah fasziniert dabei zu, wie seine ehemalige Chefin sich ein weiteres Stück Tomate mit Mozzarella in den Mund steckte. Ein beneidenswertes Stück Käse, dachte Rokko bei sich. Es steckte jetzt wohl irgendwo zwischen Verenas Zunge und ihrem Gaumen – so wie seine eigene Zunge bei ihrem ersten Kuss. Rokko grinste vor sich hin. Er hätte nie gedacht, dass er mal als Womanizer enden würde. Er sollte der Verlagsassistentin doch nur dabei helfen, diesen Riesenwälzer von diesem äußerst kapriziösen Autor zu vermarkten. „Hörst du mir überhaupt zu?", empörte Verena sich. „Ja, dein Starautor ist auf Höhenflug." – „Mensch, das hätte ich bei deinem verklärten Blick jetzt nicht gedacht. Wo warst du mit deinen Gedanken, sehr weit weg kann's ja nicht gewesen sein", zog sie Rokko auf. „Ich dachte daran, wie das mit uns angefangen hat." – „Hast du das etwa schon vergessen?! Du hast dich vor diesem aufdringlichen Ekelpaket von der Konkurrenz als mein Freund ausgegeben und zum Dank habe ich dich zum Essen eingeladen." – „Jep, und dann sind wir in dieser Kneipe versackt. Wie lange ist das jetzt her?" – „Zweieinhalb Monate", erwiderte Verena traurig. „Hast du das schon vergessen?" – „Nein, es ist nur… es fühlt sich so viel länger an." Verena zog ihre feinsäuberlich gezupften Augenbrauen hoch. „Ich lasse das mal als Kompliment durchgehen." – „Ich müsste langsam los. Hoffe mal für mich, dass es im Elbtunnel keinen Stau gibt", wechselte Rokko das Thema. „Aber ich dachte…", sagte Verena vergeblich. „Wir wollten doch in Ruhe reden. Kann ich heute Abend bei dir vorbeikommen? Es wäre wichtig." Rokko schüttelte unmerklich mit dem Kopf. „Nimm es nicht persönlich, aber ich würde gerne mal wieder schlafen – alleine." – „Oh", entfuhr es Verena gekränkt. „Naja, nicht weiter schlimm, ich hätte da eh noch etwas zu klären. Das kann ich auch ohne dich", lächelte sie und klopfte auf ihre Handtasche. „Ein neues Manuskript? Das kannst du mir auch in den nächsten Tagen zeigen", entgegnete Rokko. „Ich rufe dich die Tage an, okay?" Hektisch drückte er der Frau mit den rotblonden Haaren einen Kuss auf den Mund. „Tschüs", murmelte Verena noch. Erst als Rokko außer Sichtweite war, griff sie in ihre Tasche. „Schwangerschaftstest" stand auf der kleinen Packung, die sie dort herauszog. „Ich sollte ihn nicht beunruhigen, bis ich Klarheit habe. Wenn's Fehlalarm ist, braucht er ja nichts davon erfahren."
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