8.

„Lisa?!", rief Bruno aufgeregt, kaum dass er zur Tür herein getreten war. „Lisa?!", rief er erneut, als seine Schwester nicht sofort ein Lebenszeichen von sich gab. „Was ist denn los?", meldete diese sich ganz ausgeglichen aus der Küche. „Weißt du eigentlich, welches mein absolutes Lieblingsbuch ist?" – „Nee", antwortete Lisa und drehte sich zu Bruno um, der von einem Bein auf das andere tretend in der Küchentür stand. „Ferien auf Saltkrokan", verkündete der junge Mann strahlend. „Schön", reagierte Lisa verhalten, weil sie nicht wusste, worauf Bruno hinaus wollte. „Weißt du, wovon ich schon als Kind geträumt habe?" Lisa schüttelte den Kopf. „Ich habe mir immer gewünscht… also, von meinem ersten richtigen Gehalt wollte ich mir immer… also, es ist ja nicht mein erstes richtiges Gehalt, aber es läuft doch so wahnsinnig gut mit meinen Schuhen und Kerima und B-Style. Ich meine, hast du die Gästeliste für dich Show gesehen? Jedenfalls dachte ich, es wäre ein guter Zeitpunkt, um es zu wagen…" – „Bitte sag mir, dass du dabei bist, mir zu erzählen, dass du nach der Show Urlaub auf Saltkrokan machen willst", unterbrach Lisa ihn – mittlerweile ahnte sie, was Bruno ihr gleich sagen würde. „Nein", strahlte Bruno. „Viel besser." – „Dann ist es eine handsignierte Originalausgabe mit Ledereinband, Goldrand und allen Schikanen, ja?" – „Was sollte ich denn mit meinem Buch auf Schwedisch? Ich kann doch gar kein Schwedisch. Ich habe mir als Kind immer einen Bootsmann gewünscht", verkündete Bruno selig lächelnd. „Bitte lass ihn aus Plüsch sein", flehte Lisa. Bruno deutete seiner Schwester mit dem Zeigefinger an, in den Flur zu treten. Lisa folgte dieser Aufforderung und entdeckte augenblicklich den Bernhardinerwelpen, der vor der Wohnungstür saß und sich genüsslich mit der Hinterpfote am Ohr kratzte. „Um Himmels Willen", entfuhr es Lisa. Der Welpe sah auf und kam Schwanz wedelnd auf sie zu. „Bruno, das ist ein Bernhardiner! Die werden riesig", gab Lisa den Moralapostel, hatte sich aber bereits zu dem putzigen Fellknäuel hinuntergebeugt und kraulte ihm den Kopf. „Aber Lisa, er ist doch sooo süß. Und der arme kleine Kerl hat keine Papiere gekriegt, weil seine Fellzeichnung nicht ganz den Standards genügt. Für seinen Züchter war er ein echter Ladenhüter und ich habe ihn schon richtig lieb gewonnen. Er ist schon 12 Wochen alt und…" – „Hat er einen Namen?", fragte Lisa. „Winston Churchill", antwortete Bruno todernst. „Winston Churchill?", hakte Lisa kritisch nach. „Ja, sieh doch mal." Bruno griff in das Kopffell des Hundes und schob es so, dass es große Falten warf. „Gib zu, es besteht eine Ähnlichkeit." – „Ähm, ja. Da kann er ja nur froh sein, dass er kein Mädchen ist", kicherte Lisa ausgelassen. „Wieso? Dann würde ich ihn Madeleine Albright nennen." – „Sehr charmant. Aber wie willst du das machen? Willst du ihn Winston rufen oder Herrn Churchill?" – „Ich dachte, wir rufen ihn nur Churchill." – „Okay, Churchill, hast du Durst?", wandte Lisa sich an den Hund, der daraufhin nur noch heftiger mit dem Schwanz schlug. „Hast du auch Näpfe besorgt und Futter und ein Körbchen? Naja, für einen ausgewachsenen Bernhardiner wirst du ein Kinderbett brauchen." Bruno sah seiner Schwester hinterher, die in der Küche erstmal eine Müslischüssel mit Wasser füllte. „Nein, noch nicht. Dafür ist es viel zu spät – die Geschäfte haben doch schon zu." Mahnend stemmte Lisa ihre Hände in die Hüften. „Aber das holst du gleich morgen nach. Und jetzt komm, Essen ist fertig." – „Hat uns das Pizza-Taxi beehrt oder der China-Lieferdienst?" – „Letzterer", grinste Lisa verschämt. „Ich habe mal einen anderen rausgesucht und eine ganze Menge bestellt. Dann können wir für diesen Lieferdienst auch ein Zeugnis erstellen – wie für die anderen auch." Brunos Blick wanderte auf die vielen Speisekarten der unterschiedlichsten Lieferdienste, die fein säuberlich benotet nach Preis, Geschmack und Lieferzeit am Kühlschrank hingen. „Alles klar. Ich werde nur schnell die Büroklamotten los. In drei Minuten in der Hängematte?", wollte er von Lisa wissen. „Ist gut, ich zeige Churchill dann gleich mal unseren Lieblingsplatz." Lisa pfiff, um die Aufmerksamkeit des jungen, aber gar nicht so kleinen Hundes auf sich zu ziehen. „Komm, Churchill", forderte sie ihn auf und ging durch ihr Zimmer auf den Balkon. Kopfschüttelnd beobachtete sie, wie Churchill sich vor der Glastür zwischen Brunos Zimmer und dem Balkon aufbaute und leise wimmerte, bis Bruno endlich kam.

„Verena, was machst du denn hier?", fragte Rokko irritiert. „Du wolltest mich anrufen, schon vergessen?" – „Ähm, nein, aber… ja, komm erstmal rein", kommentiere Rokko, als Verena sich an ihm vorbei in seine Wohnung drängelte. „Du hast nicht angerufen", stellte sie vorwurfsvoll fest. „Ich warte jetzt seit über zwei Wochen auf deinen Anruf." Ungehalten schnalzte Rokko mit der Zunge. „Ich sagte ‚in den nächsten Tagen'. Du kennst mich, wenn ich einen Auftrag habe, dann vergesse ich schon mal die Zeit." – „Ich glaube, du bist nur zu feige, um Schluss zu machen." Rokko riss die Augen auf. „Entschuldige mal, ja, wir waren ein paar Mal aus und ja, wir haben sehr schönen Sex miteinander, aber das heißt noch lange nicht, dass wir auch sonst ständig aufeinander hocken müssen", erwiderte er gereizt. Verena schluckte verletzt. „Aha, mehr muss ich nicht hören. Weißt du, ich dachte, ich hätte wirklich gute Nachrichten für dich… für uns, aber anscheinend habe ich nur ein weiteres Problem und das ganz für mich alleine." – „Was soll denn das heißen? Du bist nicht Thomas Pynchon, als hör auf dich so kryptisch auszudrücken", seufzte Rokko immer noch von der plötzlichen Störung durch Verena genervt. „Ich bin schwanger", flüsterte sie. „Oh", entgegnete Rokko. „Wie konnte denn das passieren?!", entfuhr es ihm empörter als beabsichtigt. „Bei dem schönen Sex, den wir von Zeit zu Zeit miteinander haben?", meinte Verena leise. „Ich weiß, dass das nicht in deine Lebensplanung passt – in meine passt es auch nicht, aber hey, dieses Baby ist unterwegs und ich werde es kriegen." Rokko nickte nachdenklich. „Ist gut. Du kannst dich natürlich auf mich verlassen. Wenn du irgendetwas brauchst – egal was…" – „Ich dachte, du würdest dich vielleicht freuen… ich dachte, du würdest mich vielleicht auch… naja, lieben." Rokko seufzte erneut. „Scheiße", murmelte er. „Hör zu, wenn sich der erste Schock gelegt hat, dann freue ich mich bestimmt auf unseren Nachwuchs und ja, du bist eine tolle Frau. Du bist wunderschön, du hast Humor…" – „Aber ich bin nicht die Frau, der du den Verlobungsring deiner Großmutter schenken würdest", vervollständigte Verena den Tränen nahe. „Ich werde für dich und das Baby da sein, das schulde ich euch, aber mehr kannst du im Moment nicht verlangen. Ich will dir auch nichts versprechen – ich weiß nicht, ob sich da noch etwas entwickeln kann oder nicht, das werden wir sehen, okay?" Statt die Träne, die ihr die Wange hinab lief, wegzuwischen, legte Verena ihre Hand auf ihren Bauch und streichelte die Stelle, an der sie den Fötus vermutete. „Ich gehe dann mal", sagte sie tapfer und ging zur Tür.

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