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Unterbrechungen


Erdbeereis. Lupin wusste nicht warum, aber er hatte geahnt, dass Tonks gerade diese Sorte nehmen würde. Vielleicht lag es an der rötlichen Farbe oder aber er kannte sie besser, als er es sich eingestehen wollte.

Sie saßen sich an einem der kleinen sonnenbeschirmten Tischchen gegenüber. Tonks löffelte sich eine Erdbeere in den Mund. Vor Lupin stand ein Becher mit Schokoladeneis, Schokoladensoße und Schokoladenstreuseln. Und Tonks hatte sich bei der Bestellung zu dem Ausruf "Ich wusste, dass du das nehmen würdest!" hinreißen lassen.

Sein Geld hatte beim Bezahlen beträchtlich abgenommen, aber darüber konnte er sich später Gedanken machen.

Beide registrierten sie die Aufregung und die Furcht der Zaubererschaft, die gerade auch in der Winkelgasse zu spüren war. Nur die anerkennenden Blicke einiger junger Zauberer, die Tonks Aussehen galten, nahm Lupin ganz allein mit einem irritierenden Gefühl der Eifersucht wahr.

"Steht mir blond?" fragte Tonks und sah ihn über den Eisbecher hinweg an.

"Ja, dir steht alles," antwortete Lupin und aß von seinem Eis.

Tonks schob kurz die Unterlippe vor, zu sehr hörte es sich wie eine standardisierte Antwort und nicht wie ein ernst gemeintes Kompliment an. Dummer, Eisblock, schalt sie Remus in Gedanken dafür.

"Wie war das im ersten Krieg für dich?" fragte sie ihn nachdenklich. "Im Orden und überall."

"Nicht viel anders als jetzt," antwortete Lupin in seiner ausweichenden Art. "Nur .." Er verstummte und steckte sich noch einen Löffel Eis in den Mund.

"Nur?" hakte Tonks nach und beugte sich ihm über dem Tisch entgegen.

"Meine .. Artgenossen halten sich noch erstaunlich zurück."

Sie winkte ab. "Wir haben heute eine erste Meldung von einer Hexe erhalten, die behauptet, Fenrir Greyback beim Brückeneinsturz gesehen zu haben. Dabei konnten wir ihr nachweisen, dass sie selbst nicht einmal in der Nähe gewesen ist."

Lupin horchte trotzdem auf. "Du weißt von Greyback und mir?"

"Ich arbeite im Ministerium. Ich weiß Sachen über dich .. " Sie kicherte belustigt über Remus entgleiste Gesichtszüge. "Heee, die letzten Wochen waren hart. Da hab ich halt Informationen über dich eingeholt, wenn ich Zeit hatte. Es ist ja nicht so, dass du gesprächig genug bist selbst damit herauszurücken," verteidigte sich Tonks.

"Und was hast du herausgefunden?" fragte er verärgert. "Wie oft ich neue Arbeit suchen musste, weil das Ministerium so frei war, meine Lüge im Bewerbungsbogen oder aus dem Bewerbungsgespräch aufzudecken? Oder wie oft ich die Wohnung wechseln musste? Wie oft sie mich ins Ministerium zitiert haben, um mich zu registrieren - wie sie es so schön nennen?" Er redete sich in Rage und dabei nutzte ihm das Wissen nicht viel, dass Tonks keineswegs mit der Abteilung zur Kontrolle magischer Zauberwesen zu tun hatte. Sie hatte ihn ausspioniert, das allein reichte ihm schon, um zornig zu reagieren.

Tonks blickte schockiert und schuldig drein. "Es .. das tut mir leid," stammelte sie. "Ich hab nur nachgeschaut, wo und wann du geboren bist und .. Deine alte Krankenakte, als du gebissen worden bist von Greyback, da hab ich auch reingeschaut. Ich wollt' .. einfach mehr über dich wissen, Remus. Bitte." Sie wurde immer kleiner in ihrem Stuhl. Wieder hatte sie ein Fettnäpfchen mitgenommen. "Ich hätte das nicht tun sollen. Ich war nur so neugierig, verstehst du?" Lupin starrte düster auf sein Eis und dann in ihr um Entschuldigung heischendes Gesicht. "Bitte verzeih mir, Remus!" Jetzt klang sie wieder so, als würden ihr gleich die Tränen kommen.

Seufzend winkte er ab. "Ich bin es gewohnt, dass andere mehr über mich wissen, als ich selbst," sagte er verbittert. Schnell aß er von dem Schokoladeneis und fühlte sich etwas besänftigter. "Du kannst nichts dafür. Du kannst nichts für die Gesetze."

Seine letzten Worte hielten Tonks davon ab in Tränen auszubrechen. Die Stimmung zwischen ihnen war jedoch fürs erste buchstäblich im Eimer. Stumm aß jeder an seinem Eis.

Bis Tonks versuchte selbiges wieder zu brechen, indem sie etwas von sich preisgab. "Ich hab Angst," gestand sie fast unhörbar und stocherte mit dem Löffel in der unschuldigen Erdbeersoße herum.

Lupin sah sie forschend über seinen Eisbecher hinweg an. Er hatte vergessen, dass Tonks zwar eine starke Aurorin, aber dennoch jung und kriegsunerfahren war. Ganz zaghaft streckte er seine Hand über den Tisch, umfasste Tonks Finger und drückte sie.

"Ich hoffe, Dumbledore hat morgen gute Nachrichten für uns. Er war ein paar Tage nicht da." Lupin hatte noch mehr gehört, aber davon konnten sie sich morgen ja selbst ein Bild machen.

"Sie haben Kingsley zum Muggelpremierminister versetzt," flüsterte Tonks. Ihre Hand schmiegte sich in seine. "Ich mag Scrimgeour nicht, auch wenn er mal mein direkter Vorgesetzter war. Er ist so .." Ihr fiel kein passendes Wort ein.

"Ob Fudge oder Scrimgeour, da ist kein Unterschied. Er wird auch keine Werwolfregelungen ändern." Nachdenklich streichelte er ihre Hand. Und dann fing er langsam an zu erzählen: "Ich bin am 10. März 1960 in London geboren. Meine Mutter war eine Muggel, mein Vater ein Zauberer. Sie starben im ersten Krieg. Greyback biss mich in die Seite, als ich gerade mal drei Jahre alt war. Ich war fast ein halbes Jahr im St. Mungos aufgrund des Bisses. Er war schwer zu heilen, auch wenn sie nichts gegen die Infektion selbst tun konnten."

Tonks lächelte zögerlich. "Tat es sehr weh?" fragte sie. Eine Information, die sicher in keiner staubigen Ministeriumsakte zu finden war.

Lupin nickte. "Alles an was ich mich erinnere ist .. der Schmerz. Als Kind empfindet man ihn noch stärker. Aber es wird nicht besser mit den Jahren. Kein bisschen besser."

Tonks schob ihr geschmolzenes Eis von sich und hielt ihm auffordernd ihre andere Hand über den Tisch hin. Lupin runzelte die Stirn, griff zu und drückte sie. Kurz darauf entzog er Tonks seine Hände aber schon wieder.

"Das wäre nicht gut," meinte er ruhig. "Steigere dich nicht in etwas hinein, was - "

"Ohhhhh, das schöne Eis! Es sind immer die Verliebten, die es nicht schnell genug essen!" Florean Fortescue, der Besitzer des Eisladens, griff nach ihren Eisbechern, die nur noch geschmolzene Reste enthielten, und räumte sie ab.

Tonks kicherte gelöst und warf Remus einen belustigten Blick zu. "Da hörst du's!" Der Moment, in dem sie ihm ihre Verletztheit offenbart hatte, war vorbei. Jetzt forderten ihre dunklen Augen ihn wieder kämpferisch heraus.

Lupin schmunzelte. Er stellte fest, dass ihm Tonks mit einem Lächeln sehr viel besser gefiel. Doch was, zum Teufel, dachte er da? Erneut beugte er sich über den Tisch. "Tonks, bitte, schlag dir das aus dem Kopf!" Zu wem sprach er da, zu ihr oder zu sich selbst?

Ein Mann, der nur wenig älter als Tonks aussah, kam keuchend auf den Eissalon zu gerannt. In seinem Gesicht waren frische, noch nicht ganz verheilte Fluchspuren zu sehen. Offenbar war er, wie die Metamorphin auch, ein Auror. "Tonks .. Dementoren .. Hyde Park."

Die Aurorin murmelte eine Verwünschung und stand auf. "Lass uns morgen darüber reden, Remus!" Und schon schloss sie zu dem anderen auf und sie suchten sich einen Platz zum Apparieren.

"Ist das nicht ein Werwolf?" hörte Lupin ihn sie ungläubig fragen. Was denn, gibt es etwa schon Gesucht-Bilder für Zauberwesen meiner Art im Ministerium, fragte sich Lupin grimmig.

"Und wenn es so wäre?" schnappte Tonks und disapparierte. Nach ihr folgte ein zweiter Knall.

Remus atmete tief ein und aus. Morgen würde er dem Ganzen ein Ende bereiten, bevor es überhaupt einen Anfang geben würde, der Tonks falsche Hoffnungen machte. Es wurde höchste Zeit.


Mrs. Weasley wusste es zwar nicht, aber Lupin liebte sie und speziell ihr Essen. Sie sorgte sich um und für jeden auf ihre ganz spezielle Art und Weise. Er kam zu früh zum Ordenstreffen, aber zum Abendessen genau richtig. Tonks erschien nur unwesentlich nach ihm im Fuchsbau. Im letzten Jahr hatten viele aus dem Orden Mollys Kochkünste zu schätzen gelernt.

Das Essen verlief ruhig, manchmal auch übermütig, wenn Tonks wieder einmal fast oder tatsächlich etwas umgerissen hatte. Die spürbaren Spannungen zwischen Fleur und Mrs. Weasley waren ein guter Schutzmantel für Lupin und Tonks. Auch wenn Remus sich besser als Tonks beherrschen konnte und nur sie ihm manchmal verstohlen einen sehnsüchtigen Blick zuwarf. Dann wurden die Weasleykinder, also Ron und Ginny, in ihre Zimmer geschickt. Dies verlief - wie immer - nicht ohne Proteste. In dieser Zeit konnte Lupin sich kurz Tonks schnappen und ging mit ihr in den Garten hinaus.

"Jetzt hör mir bitte zu, Tonks," begann er ernst unter dem nächtlichen Sternenhimmel.

Aber sie sah ihn nur von unten her an und nahm eine seiner Hände in die ihren ohne das er sich dagegen wehrte. "Das ist mir egal."

Lupin starrte sie verwirrt an. "Was ist dir egal?"

"All die Ausreden, die du jetzt aufzählen wirst." Ihre Haare strahlten in einem wunderschönen Pink und selbst in der Dunkelheit konnte man ihr weißes Gesicht dunkler und röter werden sehen. "Ich mag dich wirklich, Remus. Du bist kein Eisklotz, auch wenn ich das manchmal von dir denke." Sie verstummte abrupt, lächelte kurz entschuldigend. "Und .. und ich weiß auch, dass du mich magst, auch wenn ich so ungeschickt wie ein Trampeltier bin." Trotzig blickte sie in sein Gesicht und brachte Lupin damit zum lächeln. Doch er durfte nicht lächeln, er durfte nicht fühlen!

Langsam löste er seine Hand aus ihren Händen, hob sie und berührte mit dem Daumen Tonks Kinn. Womöglich dachte er, es wirke wie eine freundschaftliche Geste, aber dazu war er zu sanft, zu zärtlich und viel zu lange verharrte der Finger auf ihrer Haut.

"Es geht nicht. Ich bin ein Werwolf, ich bin so viel älter und .. arm wie eine Kirchenmaus. Sieh es ein, Tonks, es würde schief gehen."

"Guten Abend, Nymphadora, Remus" grüßte Dumbledore sie, als er wie aus dem Nichts neben ihnen auftauchte und sie über seine halbmondförmige Brille anlächelte.

Hastig wandten sich Lupin und Tonks von einander ab. Für einige Sekunden vermieden sie es selbst den Professor anzusehen und Lupin verfluchte sich innerlich für diese allzu offensichtliche Reaktion.

In diesem Augenblick kam ein silbriger Luchs angeflogen und Shacklebolts tiefe Stimme wisperte "Sie werden in wenigen Stunden beim Muggel sein."

Dumbledore nickte dem Luchs zu, der sich langsam auflöste und sah zum Fuchsbau. „Sind schon andere vom Orden da, Remus?"

Lupin schüttelte den Kopf. „Nur die Weasleys, Tonks und ich." Als Dumbledore näher trat, wurde der Blick des Werwolfs von dessen schwärzlicher Hand gefangen gehalten.

Tonks keuchte erschrocken und hielt sich eine Hand vor den Mund. „Um Himmels Willen, was .."

Dumbledore lächelte milde und hob beruhigend seine gesunde Hand. „Es ist nichts, keine Sorge." Doch Lupin glaubte ihm diese Worte wohl genau so wenig wie Tonks. „Ich muss euch beide bitten zur Downing Street in London zu apparieren und sicher zu stellen, dass Fudge und Scrimgeour den Muggelpremier ohne Störungen unterrichten können. Sicherlich werden auch Auroren und Muggelpolizisten anwesend sein, aber sicher ist sicher."

Tonks Augen begannen abenteuerlustig zu leuchten. „Undercover?" fragte sie und vergaß sogleich ihren Schock über Dumbledores Hand.

„Es wäre von Vorteil, wenn euch keiner bemerkt und hoffen wir, dass alles ruhig bleibt," antwortete der Schulleiter von Hogwarts und durchbohrte Tonks mit seinen blauen Augen.

Diese nahm wieder Lupins Hand. „Lass uns gehen! Wir hatten noch nie einen gemeinsamen Auftrag, Remus."

„Wir verpassen das Treffen," widersprach Lupin und sah Dumbledore fragend an.

„Ich bin sicher, Molly und Arthur werden euch später über das Notwendigste unterrichten. Zudem möchte ich den Orden morgen noch einmal zusammen rufen. Also seid morgen bitte wieder hier." Ein Lächeln zierte die Lippen zwischen dem grauhaarigen Bart Albus Dumbledores. Danach setzte er seinen Weg ins Häuschen der Weasleys fort.

Lupin sah von Dumbledores Rücken zurück zu Tonks und hinunter zu seiner Hand, die sie immer noch hielt. Die Begeisterung in Tonks Gesicht gefiel ihm nicht. Der Auftrag mochte zudem leicht sein, aber es war allen im Orden im letzten Jahr klar geworden, dass Tonks Hang zum Chaos immer gefährlich war.


Fortsetzung folgt ...