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„So, Frau Lange, dann wollen wir mal den Ultraschall machen. Sonst fühlen Sie sich gut?" – „Ja, sehr gut sogar. Keine Übelkeit, kein Heißhunger. Eine Freundin sagte, das ist ein Zeichen, dass es ein Mädchen wird", entgegnete Verena aufgeregt. „Hm, naja, sehr wissenschaftlich ist das nicht. Wenn Sie wollen, können wir mal gucken, ob Ihr Baby uns die entsprechenden Teile präsentiert", lachte der freundliche Gynäkologe. „In der wievielten Woche sind Sie jetzt, Frau Lange?" – „19. Woche", antwortete Verena wahrheitsgemäß. „So, Achtung, das ist jetzt kalt und glitschig", warnte der Arzt und setzte das den Sensor des Ultraschallgerätes auf Verenas Bauch. „So, da hätten wir die Beine", erklärte der Arzt. „Ups, jetzt hat es sich gedreht. Ich schätze, das mit der Geschlechtsbestimmung müssen wir auf einen anderen Termin verschieben. Aber ich kann Ihnen gerne die Rückenansicht Ihres Kindes zeigen. Hier ist der Popo, Rücken… oh." Alarmiert sah Verena den Arzt an. „Was oh? Stimmt etwas nicht mit meinem Baby?" Der Arzt setzte den Sensor neu an, fuhr immer wieder über die gleiche Stelle auf Verenas Bauch. Dann drückte er ein paar Tasten und vergrößerte einen Bereich des Ultraschallbildes. „Frau Lange, ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen das sagen soll. Sehen Sie das hier?", fragte er und deutete auf eine Stelle im Ultraschallbild. „Ja", antwortete Verena zögerlich. „Was ist das?" – „Wir nennen das Spina bifida." Verenas Gedanken überschlugen sich. Wo war bloß dieses blöde Latein hin, wenn man es mal brauchen konnte? Sie hatte doch das kleine und das große Latinum, sie musste das doch übersetzen können. „Offener Rücken", übernahm der Arzt diese Aufgabe. „Aber da kann man heute doch schon etwas machen", klammerte Verena sich an diese Hoffnung. „In meinem Schwangerschaftsratgeber steht, dass man das heutzutage schon im Mutterleib operieren kann." – „Ich denke, dass dieser Fall hier nichts für die pränatale Chirurgie." – „Okay, dann eben sofort nach der Geburt", versuchte Verena ihr Besorgnis zu verdrängen. Der Arzt atmete tief durch. „Frau Lange, das hier ist die Halswirbelsäule", erklärte er der jungen Frau. „Und das hier ist der Schädel", fuhr er fort. „Die Öffnung ist hier." Er zeigte Verena wieder eine Stelle. „So wie es aussieht, ist bereits Rückenmark ausgetreten und das Gehirn… es ist nicht in der Position, in der es sein sollte und bei der Größe der Öffnung wäre es möglich, dass es noch weiter ‚wegrutscht', wenn Sie so wollen." – „Was bedeutet das?", fragte Verena langsam panisch werdend. „Frau Lange, das bedeutet, dass Ihr Baby… es tut mir so leid, aber es wird nicht lebensfähig sein." Verenas Unterlippe begann zu zittern. „Nein, das kann nicht sein", flehte sie den Tränen nahe. „Das muss ein Irrtum sein." – „Selbstverständlich werden wir noch eine Fruchtwasseruntersuchung machen, aber ich bin mir zu 98 sicher. Das Bild ist ziemlich eindeutig." – „Und jetzt?", fragte Verena. „Ich schlage vor, Sie wischen sich Ihren Bauch sauber, ziehen Ihr Oberteil wieder richtig an und wir besprechen dann alles weitere in meinem Sprechzimmer, ja?" Nickend wischte Verena sich erste Tränen weg.

„Was für Möglichkeiten habe ich denn jetzt?", verlangte Verena zu wissen. „Sie könnten die Schwangerschaft normal fortsetzen und darauf warten, dass der Fötus abstirbt – das kann unter Umständen aber auch bedeuten, dass es bis zur 40. Woche durchkommt, normal geboren wird und erst dann stirbt." – „Oder?" – „In Ihrem Fall besteht auch die Möglichkeit, die Schwangerschaft jederzeit abzubrechen. In diesem Fall würden wir die Geburt künstlich herbeiführen – mit Narkose natürlich und dann…" – „Ich muss das Kind zur Welt bringen?!", entfuhr es Verena entsetzt. „Was ist mit einem Kaiserschnitt?" – „Ein Kaiserschnitt wird normalerweise nur gemacht, wenn Gefahr für das Leben von Mutter und/oder Kind besteht", erwiderte der Gynäkologe leise. „Und was ist mit diesen ganzen Wunschkaiserschnitten? Da besteht doch nur Gefahr für den Terminkalender!", schrie Verena ihre Empörung förmlich heraus. „Ich kann Ihr Entsetzen verstehen, aber so ist nun einmal die Regelung – ich kann daran nichts ändern. Wenn es Sie tröstet, dieses Kind wird die Geburt im derzeitigen Stadium der Schwangerschaft nicht überleben. Sie müssen sich auch nicht sofort entscheiden. Überlegen Sie gemeinsam mit dem Vater des Kindes, was das beste für Sie und Ihre Situation ist. Wie gesagt, ein Abbruch ist jederzeit möglich und…" – „Der Vater", stieß Verena verächtlich hervor. „Na der wird sich über diese Nachricht ja freuen." Die Verlagsassistentin erhob sich und streckte dem Arzt die Hand entgegen. „Ich melde mich in den nächsten Tagen", sagte sie tapfer.

„Hallo Verena", begrüßte Rokko wenig später seine Affäre. „Hast du geweint?", fragte er. Wortlos betrat Verena Rokkos Wohnung. „Ich war gerade bei der Vorsorgeuntersuchung", sagte sie leise. „Du hast schon wieder die Möglichkeit versäumt, dich um dein Baby zu kümmern", warf sie Rokko verbittert an den Kopf. „Wahrscheinlich die letzte Möglichkeit, dein Kind zu sehen." Rokko zog die Stirn kraus. „Was willst du mir damit sagen?" – „Spina bifida – offener Rücken", sprach Verena die Worte aus, die ihr den ganzen Weg zu Rokko durch den Kopf gehallt waren. „Es wird nicht leben", fuhr sie fort. „Es wird nie ‚Mama' zu mir sagen. Es wird nie laufen lernen. Es wird nie in die Schule gehen. Keinen Führerschein machen", schluchzte Verena. Verstört sah Rokko sie an. „Das ist kein Scherz?", fragte er geschockt. Verena schüttelte kurz den Kopf, bevor sie sich weinend in Rokkos Arme warf.

„Und was machen wir jetzt?", riss Rokko Verena aus ihrer Lethargie. „Wir? Wir?!", schrie sie ihn an. „Seit wann gibt es ein Wir? Seit wann interessierst du dich ernsthaft für dieses Kind?" – „Ich weiß, dass das nicht leicht für dich ist, aber es ist auch mein Baby und es geht mich auch etwas an." – „Nein, das tut es nicht. Es ist mein Uterus, in dem dieses Kind jetzt wohnt. Ich muss es zur Welt bringen. Ich bin seine Mutter. Du kannst dich jederzeit aus dem Staub machen, aber ich werde mit diesem Kind zurückbleiben – tot oder lebendig." Verzweifelt fuhr Rokko sich mit den Händen durch die Haare. „Gut, was hast DU jetzt vor?" – „Ich werde schnellstmöglich einen Termin für einen Abbruch machen", antwortete Verena mit fester Stimme.

„Hey", grüßte Bruno seine Schwester. Lisas Schreibtisch versank wieder einmal in einem riesigen Aktenberg. „Hallo." – „Du wolltest mich sehen?" – „Ja, wollte ich. Nimm Platz." – „Ja, wo denn nur?", scherzte Bruno. „Schieb einfach ein paar Dinge von den Stühlen und dann geht das schon", erwiderte Lisa, die offensichtlich nicht zu Scherzen aufgelegt war. „Also, was ist, Chefin?", fragte Bruno, nachdem er sich ein Plätzchen geschaffen hatte. „Deine Schuhe verkaufen sich wie geschnitten Brot", fiel Lisa sofort mit der Tür ins Haus. „Ich weiß. Ich habe die Verkaufszahlen auch schon gesehen", entgegnete Bruno sichtlich zufrieden mit dem Erfolg seiner Schuhe. „Gut. Hör zu, mit PR ist jetzt Schluss für dich. Du musst dich voll und ganz auf deine Schuhe konzentrieren. Max wird in nächster Zeit jemanden für die PR-Abteilung suchen, mach dir da mal keine Gedanken." – „Darüber mache ich mir keine Gedanken", gab Bruno zu. „Ich mache mir nur Sorgen, was Richard und David betrifft. Das wird den Herrn Geschäftsführern wohl kaum gefallen." – „Nun ja, die Zahlen stimmen und sind mehr als hervorragend – das kann keiner von beiden abstreiten. Sie werden dir eh nichts zu sagen haben." Bruno zog fragend die Augenbrauen hoch. „Wie jetzt? Kannst du das auch so erklären, dass ich es verstehen kann?" – „Kerima hat sofort eine Tochterfirma – unter deiner Leitung. Über den Namen machst du dir bitte selbst Gedanken, ja?" Bruno schnappte fassungslos nach Luft. „Und das verkündest du so zwischen Tür und Angel?" – „Ähm, wie hättest du es denn gerne gehabt?" – „Ich weiß nicht – irgendwie heroischer oder so." – „Okay, gut, heroischer: Ich besorge uns Döner zum Abendessen, aber ich werde ihn auspacken und auf einen Teller legen", grinste Lisa. „Du weißt aber, wie man feiert. Gibt es eigentlich einen Grund für deine Entscheidung für eine Tochterfirma?" – „Ja. Egal, was mit Kerima passiert, der Tochterfirma kann niemand etwas – das ist wie mit B-Style, wenn du verstehst. Es sichert deine Zukunft, aber nicht nur das. Du hast bewiesen, dass du Verantwortung tragen kannst und dass du kreativ bist. Ich finde einfach, du hast dir diesen Erfolg verdient."

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