13.
„Bitte, Verena, iss doch etwas." Die junge Frau hob nur matt den Kopf. „Ich hab keinen Hunger." – „Das kannst du mir nicht erzählen", widersprach Rokko. „Du bist jetzt seit einer Woche aus dem Krankenhaus raus und hast seitdem kaum etwas gegessen. Wenn das so weitergeht, muss ich dich einliefern und künstlich ernähren lassen. Verena, das bringt niemandem etwas und am wenigsten dir. Komm, ich habe dir Tomate-Mozarella gemacht, das isst du doch sonst auch so gerne." Kopfschüttelnd sank Verena wieder in die Kissen auf Rokkos Sofa. „Keinen Hunger." – „Wohl eher keinen Appetit", kritisierte Rokko ungeduldig. „Hör zu, ich muss zu dieser Präsentation. Du weißt, wie das für einen Freiberufler wie mich ist. Ich lasse dir den Teller hier stehen und wenn ich nachher wiederkomme, dann hast du das hier gegessen, ja?" Rokko setzte sich neben Verena und sah sie eindringlich an. „Ich würde so gerne etwas für dich tun", gestand er ihr. Seufzend setzte Verena sich auf und griff nach einem Stück Tomate. „Gut so?", fragte sie darauf herumkauend. „Es ist ein Anfang", grinste Rokko. „Ich wollte mich noch dafür bedanken, dass ich hier bei dir sein kann", fing Verena leise an. „Das mache ich wirklich gerne. Ich möchte doch nur, dass es dir besser geht." Die erschöpft wirkende Frau rutschte näher an Rokko heran. „Danke", murmelte sie, bevor sie ihren Kopf an Rokkos Schulter vergrub. „Verena? Verena, was machst du da?", fragte Rokko verwirrt, als er ihre Lippen auf seinem Hals spürte. Doch statt zu antworten, legte Verena ihre Lippen auf Rokkos und versuchte ihn zu küssen. Sanft, aber bestimmt schob er sie von sich. „Verena, wieso tust du das?" – „Ich… weil… dir danken… ich dachte, du würdest das erwarten", gestand sie stotternd. „Verena, das ist doch Unsinn. Ich habe es dir schon einmal erklärt – ich fühle nicht so für dich." – „Aber du hast auch gesagt, dass sich das ändern könnte und dass du mich hier wohnen lässt." Seufzend stand Rokko auf. „Du hast gerade den Alptraum jeder Frau durchlebt. Da ist es klar, dass ich mich um dich kümmere, zumal ich ja auch Anna-Lenas Vater bin…", sagte er auf sie herabsehend. „War. Du warst ihr Vater und hör auf, sie ständig bei diesem Namen zu nennen", giftete Verena ihn an. „Wie dem auch sei, Verena… Lass uns das besprechen, wenn ich wieder hier bin, okay? Ich muss jetzt wirklich zur Arbeit." Offensichtlich gekränkt nickte Verena, sah Rokko aber nicht an.
Kaum, dass Rokko sein Wohnung verlassen hatte, sprang Verena auf und griff zum Telefon. „Hallo", grüßte sie, als sich jemand am anderen Ende meldete. „Wie es mir geht? Soweit ganz gut. Ich wollte… Ja, vermutlich war es für das Baby besser so, aber… ja, Rokko geht es auch gut. Kathrin, hör doch mal zu, ich wollte fragen, ob ich ein paar Tage bei dir wohnen kann… Ja, das verstehe ich… natürlich, klar. War blöd von mir zu fragen. Ich dachte ja nur, immerhin bist du so etwas wie meine beste Freundin." Enttäuscht legte Verena auf. Noch ein Versuch, redete sie sich gut zu und wählte erneut eine Nummer. „Hallo Steffi, ich bin's Verena. Ja, ich weiß, dass es sich schon rumgesprochen hat. Es geht mir so lala damit. Hör zu, ich habe etwas ziemlich Dummes gemacht und… ich kann einfach nicht bei Rokko bleiben. Könnte ich vielleicht ein paar Tage zu dir… Oh, ja, selbstverständlich. Das geht vor, das verstehe ich natürlich. Ob ich mir Gedanken darüber gemacht habe, warum mein Baby… Nein. Was soll denn das heißen, ich hätte es nicht wirklich gewollt! Natürlich habe ich es gewollt. Ach, vergiss es, ja? Aber glaube nicht, dass du zu mir kommen kannst, wenn du Mist gebaut hast und du es unseren Eltern beichten musst."
„Lisa, hier, ich habe dir eine Tasse Tee gekocht", verkündete David, als er in Lisas Büro kam. „Wie geht es dir?" – „Geht so. Ist alles viel Papierkram", murmelte Lisa seufzend. „Ich kann das doch für dich übernehmen", bot David an. „Du willst die Papiere für Bruno Beerdigung ordnen?", fragte Lisa kritisch. „Ähm, eigentlich meinte ich Kerima-Papierkram." – „Ich komme schon klar." David stellte die Tasse auf den Tisch und ging zu Lisa. Er legte seinen Arm um sie und drückte sie an sich. „Ich weiß, dass ich mich in letzter Zeit nicht so benommen habe, um immer noch dein Vertrauen genießen zu dürfen, aber ich kenne dich. Du bist zwar stark, aber das ist auch für dich zu viel. Ich weiß von meinem Vater, wie sehr Brunos Tod deine Eltern mitnimmt und du kannst mir nicht erzählen…" – „David, lass gut sein, ja? Wenn ich zusammenbreche, dann will ich auf gar keinen Fall, dass du in der Nähe bist. Du hast es einfach vergeigt. Danke für den Tee, aber jetzt geh endlich. Ich wäre wirklich lieber alleine." David seufze. „Ich finde, du solltest dich hier nicht quälen. Die Beerdigung ist doch schon heute Nachmittag. Kerima kommt auch mal ohne dich aus. Richard und ich… ich könnte deine Termine wahrnehmen, bis es dir besser geht." Lisa schwieg, aber Churchill, der neben Lisas Schreibtisch lag, hob den Kopf. „Dieser Hund fixiert schon wieder", wies David Lisa auf die Situation hin. „Bernhardiner sind eine ausgesprochen gutmütige Rasse. Er fixiert dich nicht. Er wird von deinem Auftritt genauso gelangweilt sein wie ich." – „Ich glaube, er kann mich nicht leiden." – „Hunde sollen ja ein Gespür dafür haben." Davids Gesicht verzog sich gereizt. „Gut, ich bin in meinem Büro, falls du deine Meinung ändern solltest."
Tränenüberströmt knallte Verena das Telefon auf den Tisch. Sie hatte ihr ganzes Telefonbuch abtelefoniert, war aber von allen nur vertröstet worden. Sie kam sich einsam und alleine vor. „Ich bin doch auch immer für alle da. Wo sind alle, wenn ich mal jemanden brauche?", jammerte sie. Das Klingeln des Telefons ließ sie herumfahren. Das musste einfach jemand sein, der es sich anders überlegt hatte. „Bei Kowalski", meldete sie sich euphorisch. „Nein, der ist nicht da. Kann ich etwas ausrichten? Moment, ich hole etwas zu schreiben." Verena ging in Rokkos Schlafzimmer und suchte auf seinem Schreibtisch nach einem Zettel, aber alles, was ihr in die Hand viel, war ein Foto. „Das Baby", murmelte sie. Das Foto zeigte tatsächlich die kleine Anna-Lena. Wie so oft in den letzten Tagen überrollte sie ein Weinkrampf. Das musste alles ein Alptraum sein. Das passierte gar nicht wirklich und besonders nicht ihr. Ohne weiter nachzudenken rannte Verena aus Rokkos Wohnung.
„Churchill, komm endlich", animierte Lisa den großen Hund. Er hatte sich auf Brunos Grab gelegt und winselte jämmerlich. „Er kommt nicht wieder, Churchill", erklärte Lisa ihm weinend. „Du bist einfach viel zu schwer, um dich von mir ziehen zu lassen", wies sie verzweifelt den Hund zurecht. „Komm doch bitte, Mama und Papa warten nicht ewig auf uns." – „Schnattchen, kommste endlich?", wandte Bernd sich schniefend an seine Tochter. „Ich kriege Churchill einfach nicht dazu bewegt, mir zu folgen. Papa, ich glaube, wir bleiben noch ein bisschen und gehen dann nach Hause." – „Dann sehen wir uns nachher in Göberitz." – „Nein, Papa, ich wäre jetzt lieber alleine. Churchill und ich, wir gehen zu uns nach Hause." Bernd wollte etwas erwidern, doch Helgas Hand auf seiner Schulter zeigte ihm, dass sie es auch für das beste hielt. „Ist gut, aber melde ich bald, ja? Wir haben doch jetzt nur noch dich."
Auch hier war niemand. Nicht einmal ein Bahnhofsmitarbeiter oder ein paar Schaulustige. Ob es wohl wehtat? Das war schon ziemlich tief, aber Schienen und Beton… Zögerlich schlug Verena ihr Bein über die Brüstung. Als sie auf der anderen Seite stand, begann sie zu lachen. „Niemand hier, um mich davon abzuhalten. Nichts, was mich zurückhält. Ein totes Kind, unglücklich verliebt, ein verlogener Freundeskreis, eine Familie, die sich einen Scheißdreck um mich kümmert. Schlimmer kann es echt nicht kommen." – „Ich würde das nicht tun", drang eine Männerstimme zu ihr. Verena drehte ihren Kopf, konnte aber niemanden erkennen. „Ich würde das nicht tun", wiederholte die Stimme. „Was wissen Sie schon?" – „Ich weiß, dass das Leben lebenswert ist." – „So ein Unsinn. Es ist nicht lebenswert – nicht, wenn man ich ist." – „Kommen Sie, erzählen Sie mir davon." – „Wer sind Sie denn überhaupt?" – „Bruno, einfach nur Bruno. An Ihrer Stelle würde ich nicht springen. Sie werden bestimmt schmerzlich vermisst werden, wenn…" Weiter kam die Stimme nicht. Verena hatte die Arme ausgebreitet und ließ sich quälend langsam nach vorne fallen.
„Ach Churchill, sonst bist du doch auch so gerne im Park. Mach es mir doch nicht so schwer. Wenn du nicht spielen willst, ist das okay, aber dann komm wenigstens, damit wir nach Hause gehen können", bettelte Lisa ihren Hund an. Auf einmal rannte Churchill los. „Um Himmels Willen, Churchill, halt. Bleib stehen", schrie Lisa dem Bernhardiner hinterher und rannte ebenfalls los. „Das ist mir schrecklich unangenehm", entschuldigte sie sich bei der jungen Frau, auf die Churchill zu gerannt war. Überschwänglich mit dem Schwanz wedelnd schnupperte der Hund erst an ihr, dann an dem Baby, das sie auf dem Arm hielt, aber besonders an dem Kinderwagen. „Ist nicht so schlimm", lächelte die junge Frau. „Ein wirklich schönes Tier. Meine Anna-Lena soll auch später auch einen Hund haben. Ich glaube, dass ist gut für ihre sozialen Kompetenzen." Lisa lachte kurz auf, während sie Churchill anleinte. „So kann man es auch nennen. Anna-Lena ist aber sehr klein", bemerkte sie mit einem Blick auf das Baby, biss sich aber sofort auf die Lippe. „Entschuldigung, das sollte nicht so klingen." – „Ach was, Sie haben ja Recht, Anna-Lena kam viel zu früh auf die Welt. Ähm, darf ich Sie etwas fragen?" Lisa nickte. „Wo sind wir hier?" – „Mitte." – „Mitte?" – „Berlin-Mitte. Haben Sie sich verlaufen? Ich kenne mich ganz gut mit den Verkehrsmitteln aus. Ich könnte Ihnen helfen." – „Berlin-Mitte", wiederholte die Frau. „Aha. Nein, ich denke, ich komme zurecht." Sie stand auf und legte ihr Baby in den Kinderwagen. „Mach's gut, Churchill. Vielleicht sieht man sich mal wieder", lachte sie und streichelte dem mittlerweile riesigen Hund über den Kopf. „Tschüs, Churchills Frauchen", lachte sie befreit und lief los.
„Was ist denn hier passiert?", murmelte Rokko, als er seine Wohnungstür offen vorfand. „Verena? Verena, bist du da? Was ist hier los gewesen?", rief er in seine Wohnung hinein, bekam aber keine Antwort. „Rokko Kowalski?", fragte jemand hinter ihm. „Ja. Oh, die Polizei. Vielleicht können Sie mir erzählen, was passiert ist." – „Das können wir", erwiderte der Uniformierte. „Das ist Pastor Just, er ist Polizeiseelsorger." Rokko zog die Stirn kraus. „Ein Seelsorger bei einem Einbruch?" – „Herr Kowalski, Sie kennen Verena Lange?" – „Ja, sie müsste eigentlich hier sein", antwortete Rokko verwirrt. „Das ist sie aber nicht", begann der Seelsorger. „Frau Lange hat sich am späten Nachmittag von einer Eisenbahnbrücke unweit von hier gestürzt." – „Oh Gott, wie geht es ihr? Ist sie schwer verletzt?" – „Sie hat den Sturz nicht überlebt." – „Selbstmord?", fragte Rokko schockiert. „Sieht ganz so aus. Vielleicht könnten Sie Angaben über die Gründe machen…" – „Anna-Lena… unser Baby, es ist gestorben und ich… ich habe Verenas Annäherungsversuch vorhin abgewiesen. Ich hätte das gleich mit ihr klären sollen. Ich hätte nicht einfach zur Arbeit gehen sollen. Ich…", stotterte Rokko. „Depressionen, da haben Sie Ihren Grund, Wachtmeister", murmelte der Seelsorger. „Herr Kowalski, beruhigen Sie sich", sprach er dann Rokko an. „Sollen wir einen Arzt verständigen? Wollen Sie vielleicht ein Beruhigungsmittel?" – „Nein", lehnte Rokko vehement ab. „Freunde oder Familie? Sollen wir da jemanden verständigen?" – „Verenas Familie." – „Haben wir schon. Ich meinte auch eher für Sie." – „Nein. Es geht schon... Es geht schon irgendwie..." Der Seelsorger und der Polizist tauschten fragende Blicke. „Hier ist meine Karte, wenn Sie reden wollen oder doch noch Hilfe benötigen, dann rufen Sie an, ja?"
„Was ist hier bloß passiert?", fragte Rokko sich selbst. Er betrat sein Schlafzimmer und sah sich um. „Hier ist sie bestimmt nicht gewesen", murmelte er. Rokko wollte sich gerade wieder umdrehen, als sein Blick auf seinen Schreibtisch fiel. Das Bild von Anna-Lena lag nicht dort, wo er es in Erinnerung hatte. „Oh nein. Ich bin schuld", schluchzte er. „Das bist du nicht", drang eine Stimme zu ihm durch. Er drehte sich um und erspähte Bruno. „Wie kommst du denn hierher?" – „Durch die Tür", konterte dieser. „Hat die Polizei dich informiert? Glauben die, ich komme nicht alleine klar?" – „Kein Grund, patzig zu werden. Ich bin hier, um dir zu helfen." Ohne sich weiter um Bruno zu kümmern, öffnete Rokko seinen Schrank und holte zwei Koffer hervor. Einen nach dem anderen warf er auf das Bett und begann dann, wahllos Klamotten hineinzuwerfen. „Was machst du da?", fragte Bruno ruhig. „Ich packe, wonach sieht es denn aus?" – „Wo willst du hin?" – „Keine Ahnung. Hauptsache weg." – „Haupt ist schon gut. Was hältst du von Hauptstadt? Kerima Moda soll einen neuen PR-Manager suchen. Du könntest nach Berlin gehen." Wie verrückt riss Rokko an dem Reißverschluss seines Koffers herum. „Auch gut, dann eben Berlin. Völlig egal, solange ich nur hier wegkomme. Ich brauche einfach Abstand." – „Dann organisier dir ein Zugticket, ich kümmere mich um deine Koffer."
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