14.
„Lisa, was tust du da?" – „Ich hänge einen Zettel an deinem Brett auf, wonach sieht es denn sonst aus?", fragte Lisa verständnislos. „Es sieht genau danach aus. Was steht denn da Schönes aus deinem Zettel?" Jürgen trat hinter seinem Verkaufstisch hervor und betrachtete Lisas Aushang. „Mitbewohner gesucht?", fragte Jürgen zweifelnd. „Ist das dein Ernst?" – „Ja, natürlich. Was glaubst denn du?" – „Ich glaube, du überstürzt da etwas. Bruno ist man gerade zehn Tage unter der Erde. Du solltest dir einfach Zeit nehmen, um zu trauern." – „Ich habe getrauert." – „Ja, zwischen Hahnenkämpfen der Geschäftsleitung und der Umsatzsteuervoranmeldung. Lisa, du weißt, was ich meine." Churchills herzzerreißendes Seufzen unterbrach das Gespräch. „Ein depressiver Bernhardiner, nein, wat isses goldig", machte Jürgen sich über die Tatsache lustig, dass Churchill seine Herrchen offenbar sehr vermisste. „Hör auf, dumme Witze darüber zu machen. Churchill trauert wirklich. Ich war sogar schon beim Tierarzt, aber die können nichts machen – außer den üblichen Tipps: Viel schmusen, viel spielen, viel frische Luft." – „Ist ja fast wie beim Menschen, aber du lenkst ab. Du willst also tatsächlich einen neuen Mitbewohner oder lieber eine Mitbewohnerin?" – „Ist mir egal, Hauptsache, wie kommen klar und er bzw. sie mag Churchill und Churchill mag ihn oder sie auch." – „Das dürfte ja bei diesem Mon… Prachtexemplar von einem Hund nicht so leicht sein." Lisa erwiderte nichts, sondern widmete sich ganz der perfektern Ausrichtung ihres Zettels. „Lisa, mal ganz ehrlich. Du brauchst doch niemanden für die Miete oder das Haushaltsgeld. Du solltest…" – „Aber ich brauche jemanden für mich… also, rein platonisch, meine ich. Es ist sehr einsam ohne Bruno." Jürgen legte den Kopf schief und meinte resignierend. „Ich finde trotzdem, dass du es überstürzt." – „Dann finde mal", konterte Lisa. „Churchill, komm. Ins Büro, Churchill, ins Büro." Schwerfällig erhob sich der halbstarke Bernhardiner. „Tschüs ihr zwei", verabschiedete Jürgen sich. Die Tür war gerade ins Schloss gefallen, als Jürgen nach Lisas Aushang griff und ihn abriss. „Soweit kommt es noch. Wenn du dir nicht nehmen willst, dann sorge ich dafür, dass du sie dir nehmen musst." Sorgsam faltete Jürgen das liebevoll geschriebene Stück Papier und ließ es in seiner Hosentasche verschwinden.
„Ah, Churchill", ermahnte Lisa ihren Hund, der sie gerade mehr als unsanft aus dem Fahrstuhl gezerrt hatte. „Was ist denn da so interessant?", fragte sie ihn, da er wie besessen am Empfangstresen schnüffelte. „Frau Plenske", begrüßte Richard seine Chefin höflich distanziert. „Herr von Brahmberg", grüßte Lisa zurück. „Ihre Post liegt bereits auf Ihrem Schreibtisch", informierte Richard sie. „Ich könnte Ihnen etwas davon abnehmen", bot er weiter an. „Nein danke, ich schaffe das alleine", wehrte Lisa ab. „Wenn Sie meinen. Ich dachte, es interessiert Sie vielleicht, dass sich jemand auf die Stelle als PR-Manager beworben hat." – „Aha", antwortete Lisa sichtlich interessiert. „Sie haben ihn gerade verpasst", fuhr Richard fort. „Aber wir haben das Vorstellungsgespräch eh erst für übermorgen angesetzt", mischte David sich in das Gespräch. „Gut", rang Lisa sich ein Lob ab. „Wenn du dabei sein möchtest…" – „Nein, nicht unbedingt. Verschafft euch einen Eindruck und wenn ihr meint, er kommt in Frage, dann möchte ich ihn kennen lernen." – „Das ist ein guter Vorschlag", ergriff Richard das Wort. Churchill hatte sich direkt vor Lisa gesetzt und ließ ihn nicht aus den Augen. Nicht einmal, als Richard sich umdrehte und ging, ließ die Anspannung des Hundes nach. „David, so sieht es aus, wenn Churchill jemanden fixiert", wandte Lisa sich kichernd an David. Dieser betrachtete den Hund und schüttelte den Kopf. „Naja, so schlecht ist dein Gespür dann doch nicht – ein bisschen Finetuning noch und dann geht das schon."
Seufzend ging Rokko durch die Straßen Berlins. Es schien unmöglich hier eine annehmbare Wohnung zu finden. Irgendetwas war aber auch immer: In der ersten Wohnung, die er besichtigt hatte, war zu seinem und zum Entsetzen des Maklers plötzlich Putz von der Decke gekommen. Die zweite Wohnung wäre es fast gewesen – Einbauschränke waren wirklich super, aber mit Schimmel drin? Besser nicht. In der vierten war in der Nacht ein Wasserrohr geplatzt und die Wohnung erstmal nicht bewohnbar. Und auf die fünfte Wohnung hatte Rokko keine Lust. „Das ist einfach nicht mein Tag", murmelte er vor sich hin, als plötzlich etwas haarscharf an ihm vorbeiknatterte. „Die ganze Stadt ist voller Irrer", rief der dem Rollerfahrer hinterher. Dieser hielt und nahm den Helm ab. „Ich glaube, ich habe ein Déjà-vu", lachte Bruno. „Wieso bist du heute so mies drauf?" – „Wieso bist du in Berlin? Du hättest dich ja mal melden können…" – „Ich bin da, wo ich gebraucht werde und du siehst aus, als bräuchtest du dringend Hilfe. Komm, da drüben ist eine Bank, dann kannst du mir dein Herz ausschütten", lachte Bruno auf die Sitzgelegenheit deutend. „Ich bin auf Wohnungssuche", seufzte Rokko sich auf die Bank fallen lassend. „Läuft nicht so gut, oder?" – „Eine Katastrophe nach der anderen, aber zumindest habe ich ein Vorstellungsgespräch bei Kerima." – „Oh, das klappt ja prima. Wann denn?" – „Übermorgen." – „Aha. Und bis dahin willst du aus dem Hotel raus sein?" – „Genau." – „Ich glaube, ich habe die Lösung für dich – also, wenn WG kein Problem für dich ist." – „Nö, WG klingt lustig, aber ein paar Details mehr dürften es schon sein." – „Eine wirklich liebe Freundin sucht quasi händeringend einen Mitbewohner. Eine wirklich schöne Wohnung – zwei Zimmer, Küche… Aber hier, lies die Anzeige selbst." Rokko nahm den Zettel entgegen und warf einen Blick darauf. „Klingt gut. Wo ist das?" – „Nicht weit von Kerima, aber ne ganze Ecke von hier. Los, spring auf meinen Roller, ich bringe dich hin." Verdutzt griff Rokko nach dem Helm, den Bruno ihm hinhielt. „Sicher ist sicher", erklärte dieser. „Ähm ja, aber wo hast du den denn so plötzlich her?" – „Betriebsgeheimnis", grinste Bruno.
„So, da wären wir", verkündete Bruno einige Zeit später. „Schönes Gebäude. Nette Gegend – viel besser als das meiste, was ich bisher gesehen habe." – „Na komm, wir gehen rein." Rokko folgte Bruno die Stufen hinauf zu dessen alter Wohnung. Oben angekommen griff Bruno nach dem Türknauf und öffnete die Tür. „Du hast einen Schlüssel?" – „Naja, manchmal. Wie gesagt, eine liebe Freundin." Rokko ließ seinen Blick durch den Flur wandern, als plötzlich die Wohnungstür erneut aufging. Rokko konnte gar nicht so schnell gucken, wie ein Bernhardiner auf ihn zustürzte. „Winston Churchill!", erklang eine entsetzte Frauenstimme. „Er tut nichts, wirklich. Er ist ein ganz lieber Hund. Churchill, aus!", rief die Frauenstimme. „Er macht ja auch gar nichts, außer mit über das Gesicht zu lecken. Igitt", lachte Rokko. „Churchill, mach Sitz", befahl er dem Hund. Lisa staunte nicht schlecht, als Churchill dieser Aufforderung nachkam. „Hallo, ich bin Rokko Kowalski. Ich bin wegen des WG-Zimmers hier." Hilflos hielt Rokko mit der linken Hand Lisas Aushang hoch und streckte ihr die rechte entgegen. „Oh, das ging aber schnell. Jürgen hat dich… ich darf doch du sagen, oder?" – „Ja, gerne." – „Er hat dich reingelassen? Er muss den Schlüssel von meinen Eltern haben." – „Ähm, also eigentlich hat mich…" Rokko sah sich suchend um. „Er ist weg", stellte er verdattert fest. „Na nicht gerade die feine Englische, mich mit der Bernhardiner-Attacke alleine zu lassen." – „Churchill ist normalerweise nicht so aufgedreht. Willst du ein Taschentuch, um seinen Sabber abzuwischen?" – „Ich glaube, dafür brauche ich eher ein Handtuch", grinste Rokko. „Alles klar", lachte Lisa. „Entschuldigung, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Ich bin Lisa Plenske." – „Freut mich, Lisa Plenske." Irritiert beobachtete Rokko wie Churchill einen Fleck direkt neben ihm äußerst ausgiebig mit der Nase erkundete. Seine erste Reaktion war, unter seine Schuhe zu sehen. „Nein, ich habe in nichts getreten, das ihn so faszinieren kann", meinte Rokko. „Wer weiß, was ihn so interessiert. Was hältst du davon, wenn ich dir alles zeige? Ich meine, du bist ja wegen des Zimmers da."
„Ach Churchill, mein Großer, du fehlst mir wahnsinnig", meinte Bruno dem Hund den Kopf graulend. Churchill genoss diese Zuwendung sichtlich. „Aber ich muss wieder gehen. Rokko kannst du wirklich mögen – so wie Jürgen. Nur vor David und Richard musst du dich in Acht nehmen."
„Wow, hier sieht es aus wie in den Ausstellungsräumen von Ikea", lachte Rokko, als er Brunos altes Zimmer betrat. „Ja, ich weiß. Es war auch ziemlich viel Arbeit, alles so aufzubauen, dass es auch stehen bleibt." – „Das glaube ich. Nimmt der Vormieter die Möbel mit oder gehören die zum Zimmer?" – „Da, wo der Vormieter hingegangen ist, braucht er seine Möbel nicht." – „Ah, Übersee?" – „So ungefähr. Aber die Möbel müssen trotzdem nicht drin bleiben, wenn du deine eigenen mitbringen willst." – „Nee, ich bringe keine Möbel mit." – „Sind die etwa in Übersee?", grinste Lisa. „So ungefähr. Ich brauche einfach einen Neuanfang und dafür brauche ich meine Möbel nicht." – „Aha." – „Was ist denn das hier?", fragte Rokko und deutete auf Brunos Nähmaschine. „Damit näht man Schuhe. Das haben meine Eltern meinem Bruder zum Geburtstag geschenkt." – „Aber die bleibt nicht hier, oder?" – „Mein Vater wird sie abholen, wenn es ihm besser geht." Rokko sah Lisa fragend an. „Der Vormieter war mein Bruder und er ist vor ein paar Wochen bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen." – „Oh, das tut mir leid." – „Hm. Es war seine eigene Schuld – was trägt er auch keinen Helm." – „Wut ist auch eine Art, damit umzugehen, oder?" – „Wem sagst du das… So, hier geht's raus auf den Balkon. Die Hängematte ist zentraler Treffpunkt, wenn du so willst. Und die Tür hier führt zu meinem Zimmer, aber da sieht es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Ich bringe mir manchmal Arbeit mit nach Hause." – „Wo arbeitest du?" – „Kerima Moda." Rokko musterte Lisa. „Nimm es nicht persönlich, aber du siehst nicht gerade aus wie jemand, der in einem Modeunternehmen arbeitet." – „Naja, es gibt noch andere Aufgaben in so einem Unternehmen als kreatives Zeichnen und Klamotten vorführen." – „Stimmt auch wieder. Ich habe mich da beworben." – „Aha. Und wofür?" – „Die PR-Stelle. Übermorgen habe ich da ein Vorstellungsgespräch, aber ich glaube, das wird ein Klacks. Dieser David Seidel war ja leicht zu beeindrucken." Lisa lächelte wissend. „Selbstbewusstsein ist wohl alles." – „Meine Rede. Sag mal, wäre das Zimmer ab sofort frei?" – „Wie gesagt, wenn die Möbel kein Problem für dich sind, kannst du jederzeit einziehen. Ich zeige dir aber erst noch die Küche und das Bad, okay?" Rokko folgte Lisa durch sein potentielles Zimmer auf den Flur, als Churchill wieder auf ihn zustürmte. „Churchill, sei ein feiner Hund", mahnte Lisa ihn, doch Churchill hatte nicht vor, Rokko irgendetwas zu tun. Viel mehr drängte er sich dicht an Rokko und ging neben ihm her in die Küche. „Wir haben die Küche immer als Gemeinschaftszimmer benutzt – sie ist ja groß genug dafür. Darum stehen auch das Sofa und der Fernseher hier." – „Ungewöhnlich, aber gemütlich." Eher unbewusst graulte Rokko Churchills Ohr, was dieser offensichtlich genoss. „Gibt es noch andere Bewerber auf das Zimmer?", fragte Rokko. „Bisher nicht. Ich habe den Aushang ja erst heute gemacht und bisher auch nur einen – bei Jürgen im Kiosk, aber ich schätze, daher wusstest du von dem Zimmer." – „Ohne lange um den heißen Brei herumzureden: Ich würde das Zimmer gerne nehmen und wenn es geht, so schnell wie möglich." – „Okay, das Kriterium für einen Mitbewohner war, dass er mir sympathisch sein muss und das er Churchill mag bzw. Churchill ihn mag. Das Riesenbaby macht gerade eine schwierige Phase durch und mag nicht jeden. Ich schätze, die Kriterien sind erfüllt. Also, meinetwegen kannst du sofort einziehen. Die Nähmaschine… ich schätze, am Wochenende holt mein Vater sie ab." – „Das eilt nicht, wirklich nicht, solange ich aus meinem Hotel rauskomme." Lisa ging wieder auf den Flur und griff nach einem Schlüsselbund, das neben der Tür auf einem Nagel hing. „So, dann ist das jetzt offiziell dein Schlüssel." Glücklich griff Rokko nach danach. „Gut, dann hole ich jetzt meine Koffer. Was hältst du davon, wenn ich uns etwas zum Abendessen koche – als Einstand sozusagen? Wenn ich koche, schmeckt es wie bei Muttern." – „Klingt gut", lachte Lisa. „Könnten wir das auf morgen verschieben? Ich habe ein großes Fresspaket in der Firma aufgedrängelt bekommen…" – „Okay, gut. Dann koche ich morgen. Soll ich Churchill mitnehmen, wenn ich meine Koffer hole? Dann kommt er noch mal raus." Kritisch betrachtete Lisa, wie der Bernhardiner um den neuen Mitbewohner herumscharwenzelte. „Wenn du dir zutraust, mit der treulosen Tomate Gassi zu gehen, dann mach das. Das ist aber nicht verpflichtend, nur weil wir jetzt zusammenwohnen." – „Schon gut. Vielleicht kann dieser Riese mit beim Tragen helfen. Wo ist denn seine Leine?"
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