Jetzt kommen die Kapitel auf die ich mich am meisten gefreut habe :). Viel Spaß euch allen!
Gebrochener Widerstand
Bill und Neville wurden schnellstmöglich in den Krankenflügel gebracht. Harry hatte ihnen kurz darauf die schockierende Nachricht von Dumbledores Tod überbracht und irgendwie war - auch nach Tonks irritierendem Ausbruch vor all diesen Leuten - dies das einzige, womit sich Lupin in Gedanken beschäftigte. Er war vollkommen durcheinander.
"Sie werden die Schule wohl schließen," murmelte er vor sich hin, nachdem Hagrid, McGonagall und Harry das Zimmer verlassen hatten.
Nicht einmal Hermine schien sich in diesem Moment darüber aufzuregen. Die anderen sahen sich bedrückt und traurig an.
Mrs. Weasley und Fleur waren noch immer um den schwer verletzten Bill bemüht. Ein wenig später scheuchte Madam Pomfrey alle aus dem Krankenzimmer, nur Bills Eltern und Fleur durften bleiben.
Lupin wusste nicht genau wann er vor das große Schulportal getreten war, um frische Luft zu schnappen und einfach allein zu sein. Alles in ihm zog sich vor Trauer und Unglauben zusammen und raubte ihm den Atem.
Ehemalige Schüler von ihm hielten ihn immer wieder auf. "Ist es wahr? Was geschieht jetzt?" Er beobachtete sich selbst dabei wie er sie mit seinen wenigen Worten zu beruhigen versuchte. Dabei ging er weiter, schob sich durch den Schülerpulk, der nun von Professoren wieder zurück ins Schloss getrieben wurde.
Er ist tot, ist tot, tot. Ein Trance ähnlicher Zustand trieb Lupin zur Peitschenden Weide. Mit einem langen Stock berührte er einen bestimmten Knoten an den Wurzeln und kroch in den Geheimgang hinunter. Sie hatten sich in Snape getäuscht und nun war Dumbledore tot. Fort, nicht mehr da. Der weise alte Mann, der immer freundlich zu ihm, zu allen war. Der Mann, der diese Hütte hat bauen lassen und ihm damit die schönsten Jahre seines Lebens beschert hatte.
Lupin schaffte es gerade noch so sich auf den hölzernen, verstaubten Boden der Heulenden Hütte zu setzen, dann brach er schluchzend zusammen. Wie ein Kind zog er seine Beine an und vergrub das Gesicht in seinen Armen. Heiße Tränen liefen ihm über die Wangen. Es war nicht nur die Trauer um Dumbledore, auch die Anspannung, Tonks, die Müdigkeit, Tonks, seine ständige Beherrschung, Nymphadora, Bills schreckliche Verletzung. Alles was Lupin zu schaffen machte bahnte sich nun seinen Weg nach draußen.
Wenige Minuten später verließ Tonks den Geheimgang und sah sich vorsichtig um. Ihr Gesicht war feucht und schmutzig und doch konnte sie sich eine verschnupfte Bemerkung nicht verkneifen: "Andere gehen zum Weinen in den Keller, Remus Lupin geht in das Spukhaus."
Lupin wischte sich sein Gesicht an den Ärmeln ab und sah auf zu ihr. "Bitte geh," murmelte er leise und senkte den Kopf wieder.
Nymphadora Tonks seufzte und setzte sich neben ihn auf den Boden. "Tue nicht so, als ob du gerne der einsame Werwolf währst."
Lupin streckte die Beine lang aus und sah Tonks an, wieder liefen ihnen beiden die Tränen über die Wangen. Tonks rückte näher und suchte seine Nähe, suchte seinen Schutz.
Sein Widerstand war schon gebrochen, als er in ihre großen, dunklen Augen sah, ihre Zerbrechlichkeit spürte. Er wollte sie schützen, trösten, in den Arm nehmen und ihr sagen, dass alles wieder gut wird. Tonks schob ihre Beine über seinen Schoß und drückte sich weinend an Lupins Brust. Etwas später saß sie schon auf seinem Schoß und zwei sehnsuchtsvolle Lippenpaare trafen immer wieder aufeinander, schmeckten das Salz ihrer Tränen.
Lupin hielt Tonks Kopf zwischen seinen Händen fest und unterbrach ihrer beider Tun. "Das .. nicht richtig. Das ist die falsche Motivation," flüsterte er. "Ich suche Trost."
Tonks lächelte schwach. "Das suche ich auch. Aber ich will von niemand anderem als dir getröstet werden."
Erneut küssten sie sich. Lupins Zweifel schienen endlich ausgeräumt und er gab sich dem intensiven Gefühl hin, dass seinen ganzen Körper durchströmte. Irgendwann versiegten ihre Tränen und sie lächelten sich an. Remus berührte Tonks strahlendes, bonbonrosafarbenes Haar. Sie tat es ihm gleich und strich zärtlich durch seine grau-braunen Haare.
Dann kuschelte sie sich wieder an Lupins Brust und legte die Arme um ihn. "Er wird mir so fehlen," sagte sie leise.
"Uns allen." Lupin fühlte den Verlust fast körperlich, aber gleichzeitig hatte er etwas so Wundervolles dazu gewonnen, dass er sich deswegen sogar schämte.
Der Tag musste schon längst angebrochen sein und die alptraumhafte Nacht vertrieben haben. Aber keiner von beiden rührte sich. Sie saßen einfach nur da, streichelten sich und genossen die Gegenwart des jeweils anderen.
"Hast du das letzte Jahr wenigstens ab und zu an mich gedacht?" fragte Tonks und malte mit dem Zeigefinger Kreise und Herzchen auf Lupins Hemd.
"Jeden Tag," gab er ohne zu zögern zu.
Diese Antwort bescherte ihm einen leichten Schlag auf die Brust. "Jeden Tag? Und dann lässt du uns beide so lange leiden?" Schmollend verzog Tonks den Mund und sah hoch.
Er küsste ihren Schmollmund, der ihn sogleich entzückte. "Du hast mich ja überzeugt. Ich .. bin wirklich nicht gern allein und das letzte Jahr war für niemanden leicht .."
Allmählich begriff Remus, was hier passierte. Bisher hatte er nicht ernsthaft darüber nachgedacht. Bisher war er immer dabei alles abzustreiten und zu verdrängen. Bisher dachte er auch, er brauche nur Trost.
"Du bist wunderschön," murmelte er. Ein Kompliment, das sich endlich echt und ehrlich anhörte. Sein Herz klopfte wie wild und der erfreute Glanz in Tonks Augen ließ es einen Satz machen.
Sie lächelte verliebt und zupfte an den Haaren über seinem Ohr herum. "Danke. Und du bist introvertiert. Also sag mir jetzt mehr solcher Sachen, bevor wir nicht mehr alleine sind!"
"Es könnte Nachteile haben mit einem Werwolf zusammen zu sein. Bist du dir wirklich, wirklich sicher, dass du das willst?" Nein, das war kein Kompliment. Da sprachen die schon bekannten Zweifel aus Lupin.
"Du bist ein wundervoller Mann, Remus Lupin. Ich bin bereit alles in Kauf zu nehmen, so lange du nicht weiter zweifelst und so dumm bist," antwortete Tonks und küsste seinen Hals.
Weitere sanfte Küsse folgten. Tonks Hände zitterten, als sie unter sein Hemd fuhren und Haut und alte Narben streichelten. "Warum gerade die Heulende Hütte?" fragte sie leise. "Ich wusste nicht einmal, dass ein Geheimgang hierher führt."
Lupins Umarmung wurde einen Moment fester, dann begann er die Entstehungsgeschichte des Spukhauses zu erzählen. "Aber du hattest keine Angst, als du wusstest, wo wir sind, oder?" fragte er am Ende.
Sie schüttelte den Kopf. "Ich habe in der fünften Klasse eine Mutprobe bestanden, war schon einmal hier drinnen." Ein kleines Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. "Aber natürlich hab' ich's dann etwas, äh, ausgeschmückt, als ich zu den anderen zurück bin."
Er lachte belustigt. "Wie vermutlich alle Schüler, die sich hier hinein getraut haben und dann enttäuscht wurden."
"Wer hätte gedacht, dass ich mich mal in das Original-Gespenst der Heulenden Hütte verlieben würde?" meinte Tonks und ließ ihre Hände auf Lupins Bauch liegen.
"Wer hätte gedacht, dass du so hartnäckig bist?" sagte er leise. "Wer hätte gedacht, dass ich in meinem Alter noch einmal so fühlen darf? Wer hätte gedacht, dass du meine Gefühle erwiderst?"
"Deine Gefühle?" fragte Tonks etwas entrüstet. "Du warst .. bist ein gefühlsscheuer Trottel!" Entgegen ihren Worten streichelte sie weiterhin seinen Bauch unter dem Hemd, nur ihre dunklen Augen funkelten zu ihm hinauf.
Lupin lachte und platzierte einen Kuss zwischen den rosanen, stachligen Haaren. "Ich habe noch nie übereilt Entscheidungen gefällt. Und .." Sein Zeigefinger legte sich zärtlich auf Tonks geöffnete Lippen. " .. Gefühle zu zulassen ist schwierig für mich. Ich trage die negativen Eigenschaften eines Werwolfs in mir. Ich kann Gefühle zeigen, aber ich habe Angst vor allen tiefer gehenden." Er machte eine Pause, zeichnete währenddessen Tonks weiche Lippen mit dem Finger nach. Sie genoss diese Zärtlichkeit und blieb in der von ihm eingelegten Pause stumm. "Ich habe früh gelernt mich zu beherrschen."
Sie zog die Stirn kraus. "Und das ist notwendig?"
"Ja."
"Warum?"
Lupin seufzte. Es war verwirrend und merkwürdig für ihn. Natürlich wollte er Tonks mehr über sich erzählen und dennoch kostete es ihn Überwindung. "Bist du schon mal einem anderen Werwolf begegnet? Einem Gestrandeten, der schon lange nur in der Gesellschaft von seinesgleichen gelebt hat?" Tonks nickte. "Hast du einmal in seine Augen geschaut? Irgendwann geben sie sich auf, leben auch in Menschengestalt wie Tiere und verlieren jedwede Moral und jedes Gewissen. Ein Diebstahl mag notwendig sein, aber Mord? Greyback gibt sich seinen Gefühlen hin, den Urgefühlen des Werwolfs, seiner unbändigen Mordlust. Und er impft dies auch den Kindern ein, die er aufzieht. Ich bin nicht so und ich möchte auch nicht so werden." Das was er suchte, fand Remus in Tonks Augen: Verständnis.
"Ich verstehe," flüsterte sie und reckte sich höher, um das zu finden, was sie suchte: seine Lippen.
Sie naschten liebevoll von einander und der salzige Geschmack wandelte sich in anderes um. Lupin war nicht überrascht, als er eine Art Erdbeerkaugummi heraus zu schmecken glaubte und Tonks lächelte nach dem langen Kuss mit Schokoladengeschmack im Mund.
Sie seufzte zum wiederholten Male glücklich und drückte sich fest an ihn.
"Fühlst du dich auch .. schuldig, glücklich zu sein, in diesem Moment der Trauer?" fragte Lupin sie nachdenklich.
Tonks schüttelte den Kopf etwas. "Ich trenne das. Das Glück mit dir hat nichts mit der Trauer um Professor Dumbledore zu tun." Sie nahm ihre Hände von seinem Bauch. "Ich sehe das wie Minerva. Sie hat recht, weißt du? Außerdem hat er es wohl geahnt. Das mit uns. Nun, es war ein bisschen offensichtlich."
"Wieso hat er dann nicht seinen Tod geahnt? Wieso hat er Severus vertraut? Das will nicht in meinen Kopf," flüsterte Remus. Tatsächlich beschäftigte ihn diese Frage noch immer.
Aber Tonks testete ihren Einfluss aus und stellte schnell fest, dass sie ihn durchaus auf angenehmere Gedanken bringen konnte. Sie lachten und kicherten wie Teenager, als sie sich gegenseitig kitzelten, auf den staubigen Boden fielen und miteinander balgten. Plötzlich hörten sie auf, die Gesichter gerötet. Lupin fand sich über Tonks wieder, ihre Handgelenke auf den Boden gedrückt. Sie grinsten und er beugte sich vor, um wieder in einen endlos scheinenden Kuss mit ihr zu versinken.
Grelles weißes Licht durchflutete kurz darauf die dunkle Hütte und das Paar trennte sich abrupt. Überrascht betrachteten sie Mad-Eye Moodys Patronus. Die tiefe Stimme Alastors erklang "Treffen des Ordens bei Tatze".
Lupin stand auf und begann sich den Staub aus seiner alten Kleidung zu klopfen. "Damit war zu rechnen. Wie spät es wohl inzwischen ist?"
Tonks erhob sich ebenfalls und warf sich an Remus Hals. "Nur noch fünf Minuten, ja?" fragte sie mit dem geübten Augenaufschlag einer jungen Frau, die seit Kindesbeinen gewohnt war, ihren Vater und andere Männer damit um den kleinen Finger zu wickeln.
Tatsächlich schaffte sie es auch beim sonst so konsequenten Remus und sie blieben noch eine Weile.
"Shhh." Lupin legte kurz seinen Finger auf Tonks Lippen, aber es nützte nichts. Er öffnete die Tür und sie gelangten in den langen Flur des Grimmauld Platzes Nummer zwölf. Aus der Küche war nichts zu hören, vielleicht waren sie die ersten.
Während er die Tür wieder leise schloss, kicherte Tonks erneut. "Komm, ich stell dich Großtante Walburga vor! Mal sehen, wie oft sie Blutsverräterin und Werwolf in zehn Sekunden schreien kann."
Lupin schmunzelte still. "Shhh, beruhige dich. Wir sind den Weg hierher appariert und trotzdem hast du geplappert wie ein Wasserfall." Erstaunlich wie viele Worte Tonks in einer so kurzen Zeit reden konnte.
"Lass mich doch! Schließlich muss ich ein Jahr Depressionen aufholen," flüsterte sie zurück.
"Das wirst du mir jetzt immer vorhalten, oder?"
"Dein ganzes Leben, wenn es sein muss. So einen Trumpf gibt frau nicht so einfach her." Tonks stieß die Tür zur Küche auf.
Mehrere Augenpaare, rotgeweinte und dunkelumrandete, starrten sie erwartungsvoll an. Die Küche war voll von so ziemlich jedem gesunden Ordensmitglied. Stumm blickten sie ihnen entgegen. Bei der bedächtigen Stille, die hier herrschte, mussten sie sie reden gehört haben.
Lupins Wangen nahmen annähernd die Haarfarbe seiner neuen Freundin an. Verlegen ging er allen Augen aus dem Weg und sah auf den Boden.
Tonks hingegen kommentierte das Fettnäpfchen mit einem für sie typischen "Ups".
Fortsetzung folgt ...
Achtung: Ich möchte auf Sicherheit gehen und weise darauf hin, dass die folgenden Kapitel Deathly-Hallows-Spoiler enthalten können.
