15.

„Guten Morgen Jürgen", begrüßte Lisa ihren Freund überschwänglich, als sie dessen Kiosk betrat. „Guten Morgen Lisa", strahlte er zurück. „Guten Morgen Churchill", wandte er sich etwas gemächlicher an den Hund. „Ach, du hast den Zettel schon abgemacht", plapperte Lisa. „Welchen Zettel?" – „Mein Mitbewohnergesuch. Rokko ist wirklich nett." – „Wer ist Rokko?" – „Rokko Kowalski, der junge Mann, den du mir gestern geschickt hast. Hättest ja ruhig dableiben können. War schon irgendwie doof für ihn, dass er da so verloren stand, als ich nach Hause kam." – „Lisa, wovon zum Teufel sprichst du?" – „Na von Rokko Kowalski, meinem neuen Mitbewohner", entgegnete Lisa selbstverständlich. „Du hast einen neuen Mitbewohner? Wie jetzt? Das kann doch gar nicht sein." – „Wieso nicht? Das war ganz unkompliziert: Rokko hat sich das Zimmer angesehen, wir fanden uns sympathisch, Churchill ist begeistert und nun wohnt er bei uns." Jürgen zog irritiert die Augenbrauen zusammen und schob sie dann überrascht auseinander. „Ich habe gar nichts", meinte er. „Naja, doch. Du warst kaum raus, da habe ich deinen Aushang abgenommen, weil ich dachte… naja, du bräuchtest noch Ruhe. Sieh mal, hier ist er…" Jürgen griff in seine Hosentasche, drehte seine Hand mehrmals und zog sie dann wieder raus. „Ich muss ihn verloren haben." – „Wen hast du verloren?" – „Na deinen Zettel. Ich habe dir wirklich niemanden geschickt, aber Rokko Kowalski… das sagt mir etwas. Der macht in Werbung, oder?" – „Hm", brummte Lisa ihre ganze Aufmerksamkeit den Schokoriegeln widmend. „Er hat sich für die Stelle als PR-Manager beworben", erklärte sie, als sie ihre Wahl für etwas Süßes getroffen hatte. „Na wie praktisch, wohnt bei der Chefin und arbeitet bei Kerima." – „Noch hat er die Stelle nicht." – „Du könntest kaum etwas Dümmeres tun, als ihm die Stelle nicht zu geben. Er hat's echt drauf. Kennst du die Jeans-Kampagne, die überall hängt? Die ist von ihm." – „So eine Kampagne bräuchte Kerima auch mal wieder", erwiderte Lisa gedankenverloren. „Läuft nicht so bombig, oder?" – „Naja, B-Style läuft besser. Bruno fehlt eben an allen Ecken und Enden." – „Ach Lieselotte", seufzte Jürgen und ging auf sie zu, nur um seinen Arm um ihre Schultern zu legen. „Und er ist nett, dein neuer Mitbewohner?", versuchte er sie von ihrem Kummer abzulenken. „Sehr nett. Churchill ist ganz vernarrt in ihn. Er hat vor Rokkos Zimmertür geschlafen. War schon irgendwie ungewohnt für mich, plötzlich so viel Platz in meinem Bett zu haben." – „Habt ihr denn schon WG-Regeln?", wechselte Jürgen abrupt das Thema. „Was für WG-Regeln?" – „Naja, so Dinge, die du mit Bruno nicht gebraucht hast, so 'was wie ‚Kein Sex unter WG-Mitgliedern' oder ‚Wenn du einen Sex-Partner mitbringst, dann bin ich bestimmt nicht für einen Dreier zu haben' oder so." Lisa verpasste Jürgen scherzhaft einen Klaps auf den Hinterkopf. „Was soll denn das heißen, Sex unter WG-Mitgliedern?" – „Na ji-a, ji-a. Meine Güte, ist dein letzte Mal schon so lange her, dass du es nicht mehr weißt?" – „Du bist ein Spinner, wir sind eine WG und kein Swinger-Club." – „Nee, aber unter Umständen tritt sexueller Notstand ein." – „Bitte?", fragte Lisa pikiert. „Es gibt so abgelegene Dörfer in den Anden, in denen gibt es eine Ziege und ein Schaf und weil die keinen anderen Partner finden, treiben die es miteinander…" – „Wie gut, dass wir in Berlin sind, hier gibt es so viele Menschen, dass dein so genannter sexueller Notstand gar nicht eintreten kann." – „Ich gebe diesem Rokko eh noch etwas Zeit, um sich einzugewöhnen." – „Sehr großzügig von dir."

„Rokko? Vorsicht, Churchill kommt", warnte Lisa am Abend ihren Mitbewohner. „Lisa?", fragte dieser entsetzt. „Du bist schon da!" – „Ja, bin ich und nun rate, wen ich vor dem Haus getroffen habe." – „Wen denn?", hakte Rokko nach, der nicht wusste, was Lisa mit dieser Frage bezweckte. „Hongbo." – „Das freut mich", meinte Rokko irritiert. „Wer ist das?" – „Der Fahrer eines Lieferdienstes." Grinsend hielt Lisa eine gut gefüllte Tüte hoch. „Ich dachte, wenn du kochst, dann schmeckt es wie bei Muttern." – „Ja, dachte ich auch, bis mir einfiel, dass Mutter auch schon nicht kochen konnte", lachte Rokko. „Naja, das stimmt so nicht. Sie kocht das mit Abstand beste Nierenragout aller Zeiten, aber ob ich meinen Einstand mit Innereien geben sollte? Zumal mir das total misslungen ist…" – „Ich kann es riechen. Vielleicht kannst du dich ja bei Churchill damit beliebt machen." – „Ich glaube nicht, außer dein Hund mag verkohltes… Weißt du eigentlich, wie schwierig es war, einen Lieferdienst zu finden, der diese Adresse hier nicht kannte? Ich war schon kurz davor, es in einem anderen Bezirk zu probieren…" – „Hm, mit Sushi und Co. hättest du wohl keine Lieferdienst-Finde-Probleme gehabt und mit Hongbo – seit die einen neuen Koch haben, sind die nur noch eine 4 Minus. Am nächsten Tag aufgewärmt schmeckt deren Essen einfach nicht mehr." Lisa drückte dem verdatterten Rokko die Tüte in die Hand. „Was hältst du davon, es aufzutun, während ich die Büroklamotten loswerde? Du darfst dann gerne auch so tun, als hättest du selbst gekocht." – „Das war der ursprüngliche Plan", grinste Rokko verlegen.

„Ich schätze, dann müssen wir die Bewertung der Lieferdienste und Pizzataxen ganz neu machen", sagte Lisa zwischen zwei Bissen. „Wie meinst du das?", fragte Rokko, der sich nur langsam daran gewöhnen konnte, dass Lisa ihren Schlafanzug trug, als sie zum Essen erschien. Gemeinsam lümmelten sie auf dem Sofa und unterhielten sich über alles Mögliche. „Naja, als mein Bruder und ich hier eingezogen sind, da haben wir einfach von allen Lieferdiensten etwas kommen lassen und dann bewertet – Lieferzeit, Preis, Geschmack und so." – „Am gleichen Tag?" – „Quatsch, an mehreren Tagen. Das sollten wir zwei auch machen." – „Klingt du. Lass uns gleich morgen damit anfangen." Lisa wollte etwas erwidern, wurde aber von einem Gähnen daran gehindert. „Entschuldige, ich bin echt müde. Ich hatte einen echt stressigen Tag." – „Lass dich von mir nicht abhalten, wenn du schlafen gehen willst." – „Nee, ist doch noch viel zu früh… Hast du dich denn gut auf den Vorstellungsgespräch vorbereitet?" – „Ach was", winkte Rokko ab. „Was gibt es da denn vorzubereiten? Das dürfte ja nicht so schwierig werden. Ich dürfte Kerima ganz gelegen kommen – immerhin habe ich ja schon einen Ruf oder denkst du, dieser David Seidel könnte Schwierigkeiten machen?" – „Nö, glaube ich eigentlich nicht, auch wenn du nicht wirklich sein Typ bist." Rokko machte ein fragendes Gesicht. „Naja, du bist nicht blond, hast keine langen Beine und noch viel wichtiger: Du hast kein 75D. Aber David trifft diese Entscheidung ja nicht alleine…" – „Steht dieser Brahmberg vielleicht auf dunkel gelockt mit 75… hm, Minus A würde ich mal sagen", lachte Rokko und tat so, als würde er seine Brüste abtasten. „Ich will gar nicht so genau wissen, worauf Richard wirklich steht. Ich glaube, der findet sich so toll, der würde es mit sich selbst treiben, wenn es ihn zweimal gäbe", kicherte Lisa ausgelassen. „Da wären wir ja auch schon beim Thema. Wir haben über alle WG-Belange gesprochen, außer über Sex." Lisas Augen wurden groß. „Wie bitte?", fragte sie hustend. „Naja, hast du einen Partner?" – „Nee und ehrlich gesagt, ist das auch ganz gut so – naja, so wie meine letzte Beziehung auseinander gegangen ist, bin ich nicht so versessen darauf, bald wieder eine Beziehung zu führen. Was ist mit dir? Hast du eine Partnerin oder einen Partner?" – „Nein, weder noch, aber wenn dann wird's wohl eine Partnerin sein. Ich meine auch eher so allgemein, was ist mit One-Night-Stands?" – „Uff, ich weiß nicht, solange sie nicht direkt unter meiner Nase passieren… außer ich bin dabei, also ich meine, nicht dass ich der Typ für One-Night-Stands bin, aber… ähm, wie gesagt, nicht unter meiner Nase, dann geht das in Ordnung." – „Die Nase ist ja auch nicht der richtige Ort dafür", zog Rokko Lisa sichtlich amüsiert über deren rote Gesichtsfarbe auf. „Ähm, ja. Ich glaube, ich gehe dann doch schlafen. Wann ist denn dein Vorstellungsgespräch? Vielleicht können wir zusammen zu Kerima fahren." – „Gerne, dann kannst du mir gleich den Weg zeigen, das wäre sehr lieb." – „Gut. Ähm, wenn die Churchill vor deiner Zimmertür stört, dann kannst du ihn jederzeit zu mir bringen – einfach Tür auf, Hund rein, Tür zu." – „Als wäre das so einfach bei einem Bernhardiner." – „Er mag dich halt. Ich glaube, du erinnerst ihn an sein Herrchen. Er versteht das eben nicht – erst ist er weg, dann ist plötzlich wieder jemand da…" Hilflos zuckte Lisa mit den Schultern. „Ist Churchill eigentlich schon ausgewachsen oder kommt da noch was?" – „Da kommt noch was. Sein Vater hatte 95cm Widerristhöhe – Churchill wird also noch ein ganzes Stück wachsen." – „Ach herrje. Wie kam dein Bruder denn darauf, so ein großes Tier… also so mitten in der Stadt?" – „Kennst du ‚Ferien auf Saltkrokan'? Das war sein Lieblingsbuch. Churchill ist so etwas wie sein Kindheitstraum, wenn du so willst." – „Irgendwie ungerecht, dass er ihn nie ausgewachsen gesehen hat." – „Stimmt", meinte Lisa traurig und stand auf. „Ich gehe dann mal schlafen. Gute Nacht."

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