16.

„Hey Planschi, wen bringst du denn da Leckeres mit?" Lisa rollte angesichts Sabrinas unqualifiziertem Spruch genervt mit den Augen. „Post?", fragte sie, ohne auf die Bemerkung einzugehen. „Meine Arbeit wird hier einfach nicht gewürdigt. Wieso geht das nicht im ganzen Satz? Vielleicht auch mit Bitte und Danke." – „Sabrina, Frau Plenskes Post – sofort", ordnete Richard an. „Herr Kowalski", begrüßte er Rokko. „Sie haben Frau Plenske schon kennen gelernt?" – „Ja, habe ich", erwiderte Rokko und schüttelte die ihm hingehaltene Hand. „Dann fehlt ja nur noch David." Ohne sich um das Gespräch zu kümmern, sah Lisa ihre Post durch. „Oh je, das ist ja schon wieder so viel", murmelte sie. „Tut mir leid, Rokko, dann muss der Firmenrundgang warten. Nach deinem Vorstellungsgespräch nehme ich mir die Zeit, versprochen." – „Schon gut", winkte Rokko ab. „Na dann… viel Glück."

David warf Richard einen fragenden Blick zu. Dieser nickte nur kurz. „Ich würde sagen, Willkommen bei Kerima", gab David sich nach dieser Bestätigung strahlend. „Natürlich muss die Adlermama auch noch ‚ja' sagen, aber das dürfte bei Ihrem Charme ja kein Problem sein." – „Die Adlermama?", fragte Rokko irritiert. „Das ist Herr Seidels Bezeichnung für Kerimas Mehrheitseignerin", erklärte Richard. „Weil sie über die Finanzen wacht wie eine Adlermama über ihre Eier", fuhr er fort. „Aha", sagte Rokko, weil er nicht wusste, wie er darauf reagieren sollte. „Kommen Sie, ich stelle sie Ihnen vor", schlug David vor.

„Herein!", rief Lisa, als es an ihrer Bürotür klopfte. „Hey Du!", begrüßte David sie. „Hast du mal einen Moment? Du wolltest doch den Kandidaten für die PR-Stelle kennen lernen. Richard und ich sind uns einig, dass er der richtige für die Stelle ist." – „Wie unheimlich, dass ihr euch einig seid", schmunzelte Lisa. „Herr Kowalski? Das ist Lisa Plenske, sie spricht das letzte Wort in Bezug auf den Job." Mit großen Augen betrat Rokko das Büro. „Du?", fragte er baff. „Ach du meine Güte." – „Hallo Rokko! Schön, dich so schnell wieder zu sehen." – „Ihr kennt euch?", fragte David verwirrt. „Wir wohnen zusammen", erklärte Lisa knapp. „Wie jetzt? Du hast Lehmanns Zimmer wieder vermietet?" – „Ja, habe ich. Hast du ein Problem damit?" David machte einen Schritt auf Lisa zu und raunte ihr ins Ohr: „Nein, ich finde es nur seltsam, dass die Mehrheitseignerin mit dem PR-Mann zusammenwohnt." – „Die Mehrheitseignerin hat auch mal mit dem Geschäftsführer zusammengewohnt", raunte Lisa zurück. „Das ist doch etwas Anderes." – „Wieso? Weil wir miteinander geschlafen haben?" David zuckte merklich zusammen. „Er wohnt erst zwei Tage bei mir, da kann sich noch das eine oder andere entwickeln", zog Lisa ihren Ex-Verlobten auf. „Naja, ein bisschen mehr als Sex war es ja schon, wir waren immerhin verlobt." – „Genau David, wir waren… Ich kann sehr wohl entscheiden, mit wem ich zusammenwohnen möchte und mit wem nicht. Wenn du mir jetzt die Chance geben würdest, Herrn Kowalskis fachliche Kompetenzen kennen zu lernen", forderte Lisa David lauter auf. Widerwillig verließ dieser das Büro.

„Hättest du mir das nicht sagen können?", wandte Rokko sich sofort an Lisa. „Was?" – „Dass du hier das Sagen hast. Was glaubst du, wie blöd ich mir vorkomme mit meinem ‚Ich bin so gut, ich krieg den Job auf jeden Fall'-Gerede?" Lisa umrundete ihren Schreibtisch und ließ sich auf ihren Stuhl fallen. „Solange es nicht nur hohles Gerede war, geht's doch. Nimm Platz." Rokko kam dieser Aufforderung nach und sah Lisa aufmerksam an. „Trotzdem", murmelte er beleidigt. „Ich habe dir doch gesagt, dass ich bei Kerima arbeite." – „Ja, und dass du nicht im Kreativbereich tätig bist, aber dass das gleich ‚Ich bin der Boss' heißt…" – „… konntest du ja nicht ahnen", vervollständigte Lisa. „Aber du hättest es mir sagen können." – „Vergiss es, ja? Das ist doch jetzt völlig egal… David zu beeindrucken, ist ja nun nicht so schwierig – das wusste ich auch, bevor du mir das immer wieder erzählt hast. Um mich zu beeindrucken, da bedarf es allerdings einiges. Du meinst also, du bist gut, ja? Schön, die Stelle muss dringend besetzt werden und vertraue mal darauf, dass David und Richard die richtige Vorauswahl getroffen haben. Aber glaub nicht, dass du hier mit ein bisschen Kaffeeschlürfen und Anzeigenschalten weit kommst – ich erwarte von allen meinen Mitarbeitern 100 und von dir auch." Rokko schluckte und wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als Lisa fortfuhr: „Da draußen wartet ein ganzes Haifischbecken darauf, dass ich den Karren an die Wand fahre und so wie es momentan aussieht, habe ich alle Bremsen betätigt und wir rollen trotzdem noch. Ich brauche also jemanden, der den Aufprall durch eine gut aufgezogene Kampagne für unsere Produkte abmildert." – „Jawoll, da bin ich dabei. Ich brauche nur einen Stift und Papier… Kaffee wäre aber auch nicht schlecht." – „Du kriegst dein eigenes Büro. Lass dir eins von David zuweisen. Wenn er versucht, dir das neben dem Heizungsraum aufs Auge zu drücken, dann hast du ein Veto, ansonsten musst du das neben, das er dir gibt." Rokko erhob sich. „Alles klar. Gibt es noch etwas, was ich wissen sollte? Ich meine, außer dass du mein Boss bist und ich den Fettnapf des Jahrzehnts erwischt habe?" – „Ach was, Fettnapf des Jahrzehnts, der ist doch schon für mich reserviert und das jede Woche neu", lachte Lisa. Sich streckend kam Churchill hinter ihrem Schreibtisch hervor und ging auf Rokko zu. „Hey, du auch hier?", fragte er den Hund, während er ihn hinter dem Ohr kraulte. „Und so ruhig, dass ich dich fast nicht bemerkt hätte. Lass mich raten, er macht die Security?" Lachend schüttelte Lisa den Kopf. „Ich will bloß nicht, dass er Zuhause vor Langeweile die Möbel anknabbert." – „Was ist jetzt eigentlich mit der Firmenführung? Krieg ich die trotzdem, auch wenn du dafür wahrscheinlich viel zu wichtig bist." – „Spinner. Richte dich erstmal in deinem neuen Büro ein, dann dürfte ich mit der Post soweit sein."

Die Sonne ging langsam unter über Berlin, als Rokko auf den Balkon seiner WG trat. „Hey Lisa", sprach er die junge Frau in der Hängematte an. „Ich habe eine Falsche Rotwein aufgemacht. Möchtest du vielleicht auch ein Glas?" Lisa setzte sich auf, um Rokko die Möglichkeit zu geben, auch in der Hängematte Platz zu nehmen. „Gerne", beantwortete sie seine Frage und musste auch gleich ein Glas entgegennehmen. „Ich weiß, du hast gesagt, dass du Zuhause so wenig wie möglich über die Firma reden willst, aber ich würde dich doch ganz gerne etwas fragen." Lisa nippte kurz an ihrem Wein und seufzte dann: „Was denn?" – „Wieso herrscht da so eine angespannte Stimmung zwischen dir und David Seidel?" – „Das ist eine lange Geschichte", wehrte Lisa die Frage ab. „Ich will ja auch gar keine Details, ich habe mich nur gewundert." – „Naja, wir waren mal zusammen und jetzt sind wir auseinander", erklärte Lisa. „Dann vielleicht doch ein paar Details, ich meine zusammen sein und sich dann trennen ist wohl das Schicksal so ziemlich jeder Beziehung, wenn es nicht läuft, oder?" Lisa nahm erneut einen großen Schluck Wein. „Was war ich verknallt in David Seidel", fing sie an. „Der ganze Liebe-auf-den-ersten-Blick-Schmus. Ausgerechnet ich, das Landei, das Mauerblümchen, die Zahnspange verliebt in einen Mann von Welt wie David Seidel, der zu dem Zeitpunkt auch noch verlobt war – mit dieser unheimlich schönen, stilsicheren Frau… Es ist dann jede Menge passiert – die Verlobte ist mit dem Architekten in die USA gegangen und David Seidel hat sich in seine ehemalige Assistentin… also in mich verliebt. Was war ich glücklich! David hat mir eine ganz neue Welt gezeigt. Wir waren im Urlaub – auf Sylt, in Frankreich. Ich kannte bis dahin ja nur die Mecklenburger Seenplatte. Das hat mich schon beeindruckt… nein, verblendet. Und dann kam der Heiratsantrag mit großem Tamtam – weißes Pferd, Riesenklunker. Ich dachte, mein Glück ließe sich nicht mehr steigern." Wieder führte Lisa das Weinglas zu ihren Lippen. „Den ersten Stress hatten wir noch bevor wir unsere Verlobung offiziell bekannt gegeben haben. Ich wollte nur unsere Eltern einladen, schön essen und es ihnen dann sagen. David wollte ein großes Fest – die ganze Belegschaft war eingeladen, Leute, die mit uns und unserer zukünftigen Ehe nichts abzumachen hatten… und er hat seinen Willen bekommen, so wie er immer seinen Willen bekommen hat." Lisa machte wieder eine Pause. Es kam ihr vor wie einer dieser Abende, die sie mit Bruno verbracht hatte. Sie hatten oft so beieinander gesessen und sich Geschichten aus ihrem Leben erzählt. „Auseinander gegangen ist das Ganze dann, weil David seine Libido nicht unter Kontrolle hatte. Ich habe ihn bei der letzten Fashion Week mit seiner Assistentin erwischt. Das war zuviel für mich." – „Das tut mir leid", nutzte Rokko eine neuerliche Pause. „Muss es nicht. Es geht mir gut damit – naja, zumindest seit ich das Bild von David und Elvira beim Nachstellen der Reitszenen aus ‚Black Beauty' losgeworden bin."

„Ein Gutes hatte die ganze Geschichte mit David aber auch", meinte Lisa einige Zeit später leicht angesäuselt. „Ich bin diese schreckliche Brille und die Vollverdrahtung meiner Zähne los. Ich habe etwas an Stil gewonnen – klamottentechnisch meine ich. Uuund, ich werde nicht als alte Jungfer sterben", kicherte sie. „Aber so betrunken kann ich gar nicht sein, um dir die genauen Details davon zu erzählen." – „Ich habe dir bestimmt nichts zu trinken gegeben, damit du mir die schmutzigen Details aus deinem Leben erzählst", lachte Rokko. „Gut, dann erzähl doch mal von dir. Wieso hat es dich nach Berlin verschlagen?" – „Ich musste einfach raus aus Hamburg." – „Und warum?", bohrte Lisa weiter. „Ich hatte… naja, was war das? Eine Affäre? Eine Romanze? Naja, ich hatte etwas mit Verena. Mit ihr hatte ich vorher an einem Projekt für einen Verlag gearbeitet. Wir hatten jedenfalls etwas am Laufen und dann war sie schwanger." – „Oh", entfuhr es Lisa. „Na das ist ja noch nicht das Ende. In Hamburg sitzt jetzt keine Frau, die schwanger von mir ist. Das Kind hatte eine schwere Fehlbildung, es wäre nicht lebensfähig gewesen." Lisa schossen die Tränen in die Augen. „Oh, das tut mir so leid." – „Verena hat sich zur Abtreibung entschieden und das war die richtige Entscheidung, glaube ich… nein, ich weiß es. Ich habe mir unsere tote Tochter genau angesehen… Das Bild von ihr hat sich in meinem Gedächtnis fest gebrannt – sie war ein wunderschönes kleines Mädchen, aber sie war schwerkrank, das war ganz offensichtlich – das wäre kein schönes Leben für sie gewesen, selbst wenn sie einen Hauch von Chance auf ein Leben gehabt hätte. Verena kam damit nicht klar… und sie kam damit nicht klar, dass ich nicht so für sie empfunden habe wie sie für mich. Ein paar Tage nach der Geburt hat sie sich von einer Brücke gestürzt – einfach so, ohne Abschiedsbrief, gar nichts." Rokko beugte sich vor und fuhr sich verzweifelt durch die Locken. Mit einem Mal kam Lisa sich wieder sehr nüchtern vor. „Es ist meine Schuld gewesen", flüsterte Rokko. „Ich hätte ihr einfach keine Hoffnung machen dürfen, in dem ich sie bei mir habe wohnen lassen – ich habe diese Hoffnung dann zerstört, als ich ihr gesagt habe, dass ich nichts für sie empfinde." – „Glaubst du, sie wäre glücklich damit gewesen, wenn du sie belogen hättest?" – „Zumindest würde sie dann noch leben." Rokko sah auf, als er Lisas Hand auf seinem Rücken spürte. „Man steckt da in so einem Moment nicht drin. Du wirst nie erfahren, was sie sich dabei gedacht hat, aber du darfst dir keine Vorwürfe machen. Du hast doch versucht, ihr zu helfen und sie wollte deine Hilfe nicht annehmen." Wieder seufzte der junge Mann schwer, so dass selbst Churchill sich gemüßigt fühlte, sich zu erheben und nach dem Rechten zu sehen. „Weißt du, was komisch ist?", gluckste Lisa plötzlich. „Was?", fragte Rokko irritiert. „Ich wollte einen neuen Mitbewohner als Ablenkung von meiner Trauer…" – „Und stattdessen kriegst du einen Trauerkloß wie du einer bist", stimmte Rokko in ihr Kichern mit ein. „Betrachte es so: Party-WGs gibt es viel, aber wir sind die einzig wahre Trauer-WG", brach er in Lachen aus.

4

\/p>