Vielen lieben Dank für die reviews :). Leider bin ich wieder einmal in ein großes kreatives Loch gefallen, deswegen folgt das Kapitel 9 erst jetzt. Hoffentlich seid ihr trotzdem noch dabei ;).
Begegnungen
Das grelle Licht schmerzte in seinen müden Augen. Selbst durch die geschlossenen Augenlider schien es durchzudringen. Der geschäftig tuende Beamte am Schreibtisch grinste gehässig, als Lupin sich mit Daumen und Zeigefinger die Augen rieb und sie kurz zukniff.
Neben ihm saß ein weiterer Mann, den er nur flüchtig kannte, auf einem der harten Holzstühle. Im Gegensatz zu ihm, hatte dieser allerdings Schuhe an. Remus wusste, dass es reine Willkür war, das seine nackten Füße auf dem kalten Steinboden frieren mussten. Immer wieder rieb er sich die Fußsohlen am Hosenbein etwas wärmer.
Er saß vielleicht seit einer halben Stunde so da und wartete. Da brachten zwei Ministeriumsmitarbeiter noch zwei Männer herein, platzierten sie auf den letzten freien Stühlen. Auch sie gähnten verschlafen und sahen sich mit wilden Augen um. Der eine schien das erste Mal hier zu sein, denn schon bald begann er leise zu knurren und den Schreiberling missmutig anzustarren.
Lupin sah zu ihm hinüber und schüttelte warnend den Kopf. "Nicht."
Doch der Werwolf hörte nicht auf ihn, sein Knurren schwoll an und er bellte: "Was soll das hier? Ich war erst vorgestern hier und habe eure verfluchte Registrierung mitgemacht!"
"Mr. Hunt," rief der geschäftige Beamte zu einer angrenzenden Tür. "Wir haben hier einen Freiwilligen."
"Rein mit dem Wolf," kam es knapp und dumpf von nebenan.
Der arrogante Ministeriumsmitarbeiter deutete auf die Tür. "Dann los, Stevens, Sie haben das Freilos gezogen!"
Für einen Moment sah es so aus, als würde der Angesprochene dem Beamten lieber an die Kehle springen wollen, doch dann stand er folgsam auf und verschwand hinter der Tür.
Währenddessen ging eine wutschnaubende Tonks zwei Etagen darüber vor ihrem Büro auf und ab. Sie hatte Shacklebolt benachrichtigt und wartete nun auf ihn. Es musste doch möglich sein, Remus dort heraus zu holen. Sie sah auf die Uhr, es war bereits 4 Uhr morgens, und seufzte.
Kingsley gähnte hinter vorgehaltener Hand und ging den Korridor zu den Büros der Auroren entlang. Tonks kam aufgeregt auf ihn zu. Doch er hob die Hand, als sie etwas sagen wollte.
"Lass uns dafür ins Büro gehen," empfahl er ruhig.
Kaum hatten sie das geräumige Zimmer betreten und die Tür sich hinter ihnen geschlossen, berichtete Tonks Kingsley aufgeregt über das Geschehene.
Er hörte ihr aufmerksam zu und fragte danach: "Denkst du, Remus ist das zum ersten Mal passiert?"
"Nein, aber - "
"Denkst du, es wäre sinnvoll, deine Karriere und deine - für den Orden - günstige Stellung in Gefahr zu bringen, hinauf zu stürmen und einem Mann wie Algernon Hunt die Stirn zu bieten?" stellte Shacklebolts tiefe Stimme die nächste unangenehme Frage.
"Nein, aber - " murmelte Tonks schon etwas kleinlauter.
"Sollte es etwas ernstes sein, können wir uns immer noch etwas überlegen. Aber jetzt sollten wir Remus erst einmal die Sache überlassen, die er gut genug kennt." Kingsleys kluge braune Augen musterten Tonks Gesicht. "Wenigstens hast du mich informiert und bist nicht selbst mit dem Kopf durch die Wand in Hunts Büro gestürmt."
Sie seufzte und fing wieder eine unruhige Wanderung an. "Ich muss um acht zurück in Hogsmeade sein. Wie lange dauert so was?"
Er schien kurz nachzudenken. "Sie nehmen sich meistens vier bis fünf Werwölfe pro Nacht vor und Hunt befragt sie einzeln nicht unter einer Stunde."
Tonks raufte sich verzweifelt die rosanen Haare. "Kann ich wirklich nichts tun, es beschleunigen?"
Shacklebolt schüttelte den Kopf. "Am besten schreibst du ein Memo an Arthur, dann kann er nachher nach Remus sehen. Du musst nach Hogsmeade, ich zum Premierminister der Muggel."
Sie hob den Zeigefinger. "Gute Idee! Und ich schreibe ihm, dass sich Remus Sachen hier im Büro befinden."
Sie lächelten sich an, zufrieden, eine Lösung gefunden zu haben.
Auf der zweiten Etage des Ministeriums warte Remus frierend und todmüde bis halb neun Uhr morgens auf seine Befragung. Endlich wurde er als vorletzter in Hunts Büro geschickt. Er wusste, dass er jetzt ganz vorsichtig sein musste. Mit der Kälte, seiner Müdigkeit und der frustrierend langen Wartezeit versuchten sie einen gleich weich zu kochen.
Algernon Hunt war Chef aller Abteilungen, die in irgendeiner Weise mit Werwölfen zu tun hatten. Er war genau so groß wie Lupin, doch um einige Jahrzehnte älter. Seine grauen Haare endeten kurz vor den Schultern und umrahmten das aristokratische Gesicht, welches Remus leider schon viel zu oft gesehen hatte.
Lupin trat vor den großen Schreibtisch und Hunt sah von seiner dicken Akte auf. Seine klugen, wachen, stahlblauen Augen blitzten amüsiert. Er stand auf und bedeutete dem Werwolf, sich auf den Stuhl vor dem Tisch zu setzen.
Lupin setzte sich angespannt hin und versuchte seine langjährigen Erfahrungen mit Hunt in seinem Kopf abzurufen. Das erste war, ruhig zu bleiben und ihn als ersten sprechen zu lassen.
Hunt lächelte boshaft, stand auf und stellte sich lässig vor Lupin, wobei er sich mit dem Rücken an seinen Schreibtisch lehnte. Normalerweise würde er jetzt Remus Personalien überprüfen, quälend langsam und eintönig. Aber Lupin merkte, dass sich sein Gegenüber heute anders verhielt.
"Guten Morgen!" sagte Algernon ungewohnt gut gelaunt. "Ich vermute, Sie wollen nichts trinken oder?"
Lupin hatte Durst, sehr großen sogar, aber es war allgemein bekannt, dass Hunt's Getränke oft mal mit Veritaserum versetzt waren - zumindest lautete so ein unter den Werwölfen bekanntes Gerücht. Er nickte.
Hunt grinst gehässig und verschränkte die Arme vor seiner Brust. "Dann, Lupin, fangen wir bei den interessanten Fragen an. Ihre Vermieterin gab an, dass Sie ein gutes Jahr lang nicht bei ihr gewohnt haben. Die letzte Registrierung Ihres Wohnortes benennt jedoch diese Adresse in der Nokturngasse. Wo waren Sie im letzten Jahr?"
"Ich bin herumgereist, war kurz .. im Norden."
Hunt runzelte die Stirn. "Im Norden? Sehr ungewöhnlich für Sie, Lupin. Welchen Grund gab es dafür?"
"Einen persönlichen."
Nun strahlte Hunts Gesicht wie eine Weihnachtskugel und er nahm noch einmal Remus Akte zur Hand. "Ny- Nymph-adora Tonks," las er vor und hob fragend die Brauen.
Lupin schüttelte den Kopf und antwortete fest: "Sie hatte nichts damit zu tun."
"Ach, kommen Sie. Wir kennen uns schon seit zwanzig Jahren. Und heute, wo Ihr kleines, unbedeutendes Leben mehr als eine Frage aufwirft, belügen Sie mich?"
Lupin schwieg.
Sein Gegenüber seufzte gespielt resignierend. "Haben Sie sie verhext?"
Kopfschütteln.
"Hat sie Sie verhext?"
Erneut schüttelte Remus energisch den Kopf.
"Verstehe, die wahre Liebe nach - " Wieder blätterte er in der Akte. " - immerhin acht Jahren. Sie sind der langweiligste Werwolf, den ich kenne, Lupin. Ständig versuchen Sie unter Zauberern zu leben anstatt unter Ihresgleichen. Erzählen Sie mir von der Nacht, in der Dumbledore getötet wurde!"
Die Überraschung war Lupin ganz kurz anzusehen, er hatte sich nicht vollständig im Griff.
"Sie wurden in Hogwarts gesehen." Hunt lächelte überlegen und gar nicht mehr so überfreundlich. "Und wenn wir schon dabei sind, berichten sie mir von ihrer Zeit .. im Norden! Speziell Ihrem Wissen über Fenrir Greyback und dem Mord an Timothy Montgomery!" Erwartungsvoll musterte er Remus, welcher schluckte. Jetzt brauchte er gute Antworten und zwar schnell.
Schweiß stand Remus auf der Stirn, als er in Hogsmeade ankam und sich durch die Menge kämpfte, die sich wegen Dumbledores Begräbnis in dem kleinen Dorf versammelte. Auf dem Rücken trug er seinen Rucksack und an den vormals nackten Füßen wieder braune Schuhe. Was man ihm nicht ansah war die Wut, die in ihm brodelte. Hunt schaffte es immer ihm schwierige Fallen zu stellen und nur mit Mühe und Not hatte er sich dieses Mal daraus befreien und schließlich mittags das Ministerium verlassen können.
Sein Treffen mit Arthur verlief etwas einsilbig. Er bekam von ihm seine Sachen und die Nachricht von Tonks, dass er sich nach seiner Befragung durch Hunt, unbedingt mit ihr in Hogsmeade im Eberkopf treffen solle.
Der Ziegengeruch war das erste, was ihm beim Betreten der Spelunke in die Nase stieg.
"Mein Beileid," murmelte er dem Barmann hinter der Theke zu.
Aberforth nickte und wischte weiter ein Glas mit einem feuchten, grauen Lappen aus.
Lupin richtete sein Augenmerk nun stärker auf die hellen blauen Augen von Dumbledores Bruder. "Ich sollte mich hier mit Tonks treffen. Sie ist Aurorin, Nymphadora Tonks."
"Zweite Tür rechts," erläuterte Aberforth leise und deutete zur Treppe.
"Danke."
Er fand das Zimmer offen und leer vor. Um seiner Wut auf das Ministerium irgendwie Ausdruck zu verleihen, schleuderte er seinen Rucksack in eine Ecke. Dann sah er sich um. Zwei Betten, zwei Stühle, zwei Taschen und ein Tisch. Tonks musste sich den Raum wohl mit einer anderen Aurorin teilen. Lupin setzte sich an den Tisch und begann unruhig mit den Fingern darauf herum zu klopfen.
Irgendwann legte er sich auf eins der Betten, sonst wäre er nur hin- und hergelaufen. Vielleicht beendete Tonks es nun. Jetzt hatte sie miterlebt wie man mit ihm umsprang und wie machtlos er sich jedes Mal dabei fühlte und wie machtlos er auch tatsächlich war.
Am Nachmittag erwachte Lupin aus seinen Grübeleien und kurzzeitigem Schlaf. Tonks arbeitete sicher noch. Er stand auf, ließ seinen Rucksack im Zimmer und verließ dieses und den Eberkopf.
Ziellos lief er durch Hogsmeade, lauschte Gesprächsfetzen über Dumbledore und den Geschehnissen, denen er hautnah beigewohnt hatte.
Doch in der Menge suchte er nur nach ihrem Gesicht. Wo würden sich hier Auroren aufhalten?
"Welch ein Verlust, nicht wahr? Sie kannten ihn gut, Professor Lupin, habe ich recht?" Die aufdringliche Stimme ließ Remus augenblicklich zusammenzucken. Professor Lupin?
"Rita Kimmkorn, ich schreibe an Dumbledores Biographie," stellte sich die aufgetakelte Frau in dem grünen Kostüm vor und lächelte ihn falsch hinter ihrer Brille hervor an.
Er sah zu der gezückten Schreibfeder und runzelte unwillig die Stirn. Die hatte ihm gerade noch gefehlt! Wenn er jetzt etwas sagen würde, würde er es bereuen. Also setzte er seinen Weg fort ohne die Klatschreporterin auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen.
Doch Rita ließ sich noch nie so schnell ins Bockshorn jagen, eher saugte sie sich wie ein Blutegel noch fester an ihr Opfer heran. "Er hatte sie damals eingestellt, trotzdem sie gefährlich sind, oder? Glauben Sie auch, dass er nicht mehr ganz bei sich war? Verrückt? Ein verrückter, alter Mann mit einem Hang zur schwarzen Magie und Werwölfen?"
Abrupt blieb Lupin stehen. Das war zu viel! Dumbledore war noch nicht einmal beerdigt und diese .. Person begann schon damit Schmutz über die Erinnerungen an ihn auszuschütten! Rita grinste diabolisch, nachdem sie fast gegen seinen Rücken gestolpert wäre. Der Fisch war am Haken.
Die sonst so sanften Augen von Lupin blitzten zornig, als er sich zur Reporterin umdrehte, gewillt alle Vorsicht über Bord zu werfen. Schon öffnete er den Mund für eine saftige Antwort oder Beleidigung, da ertönte eine andere Stimme aus der Menge.
"Remus!" Tonks stieß zu ihnen und sie erfasste die Situation mit einem Blick. Drängend fasste sie ihn beim Arm. "Ich glaube nicht, dass er mit Ihnen sprechen möchte," fauchte sie Rita an. "Und wenn Sie ihm oder mir auch nur ein Wort in den Mund legen, hetze ich Ihnen alle meine Aurorenkollegen auf den Hals!"
Lupin's Wut verrauchte sofort, als er Tonks erblickte. Verliebt registrierte er ihren Kampfeswillen, einer Löwenmutter nicht unähnlich.
"Jagen Auroren jetzt Reporter anstatt Todesser?" griff Rita das neue Thema dankbar auf. "Sind Werwölfe jetzt plötzlich wertvoller als normale Zauberer?" Köpfe drehten sich in ihre Richtung, denn ihre Stimme wurde lauter.
Tonks zerrte an Lupin's Robe. "Komm mit!" Fluchtartig erreichten sie bald wieder den Eberkopf.
Kaum waren sie im Zimmer, schlang sie ihre Arme um Remus Hals und küsste ihn. Eine Minute lang genoss er es, dann unterbrach er den Kuss. Er öffnete den Mund und schloss ihn wieder.
"Das ist nicht dein Tag," stellte Tonks fest und strich ihm zärtlich über die Wange.
"Ich verstehe dich nicht," murmelte er. "Nach all dem willst du immer noch mit mir zusammen sein? Jetzt, wo du miterlebt hast, wie wir behandelt werden .. dürfen?"
"Wie kam Dumbledore dazu, einen solchen Dummkopf wie dich ein Jahr lang zu einem Professor zu machen?" erwiderte sie seufzend. "Ich will mit dir zusammen sein, wirklich, ich schwöre es, bei Helga Hufflepuff, bei meinen Eltern." Sie hob zwei Finger einer Hand und sah ihn gespielt treuherzig an.
Remus starrte sie an, dann lächelte er und küsste sie erneut. Endlich schien dieser Tag erfreulicher zu werden.
Es klopfte und sie trennten sich. "Das wird Savage sein. Ich werfe ihn raus und dann haben wir das Zimmer für uns alleine," flüsterte Tonks und öffnete die Tür.
Ein Mann und eine Frau standen davor. "Dora!" riefen sie einstimmig.
"Mum, Dad!" Aus Tonks sprach die Verwunderung. Trotzdem lag sich die kleine Familie sogleich in den Armen.
Remus wartete mit einem flauen Gefühl im Magen ab. Der Tag wurde also nicht erfreulicher, er hatte nur anders schlimme Überraschungen für ihn parat. Und die schlimmste Erkenntnis traf ihn, als Andromeda Tonks ihre Tochter herzte und Lupin ihre Ähnlichkeit mit Bellatrix auffiel. Seine Gedanken schlugen einen weiteren Bogen: Bellatrix war Sirius Cousine und kaum älter als dieser und folglich auch als er selbst. Das bedeutete, Tonks Eltern waren ebenfalls kaum älter als er!
Der Schock musste Lupin noch anzusehen gewesen sein, denn nun wurde er von den Tonks misstrauisch gemustert.
"Wer ist das?" fragte Ted.
Nymphadora drehte sich von ihren Eltern weg. "Das ist Remus," erklärte sie und sah den Geschockten fragend an.
Ted Tonks runzelte die Stirn und sein Blick wurde noch eine Spur böser, als er auf Lupin zutrat. "Der Remus?"
"Ja, der!" Tonks grinste ihrer skeptischen Mutter zu.
Ted jedoch bemerkte nichts davon. Lupin blinzelte sich gerade aus seiner Starre, als ihn etwas kräftig am Kinn traf und alles um ihn herum schwarz wurde.
Fortsetzung folgt ...
