17.
„Was ist denn das hier wieder für ein Chaos? Wieso kann der Junge nicht einmal Ordnung halten?" Angesichts dieses Gemurmels direkt neben seinem Bett schreckte Rokko aus dem Schlaf. Das musste ein schlechter Traum sein, denn dass Kerimas Cateringkraft durch sein Zimmer wuselte und seine Dreckwäsche zusammensuchte, war völlig unmöglich. „Guten Morgen, Frau Plenske", grüßte Rokko witzelnd seinen vermeintlichen Traum. Er war gespannt darauf, wohin das führen würde und ob er vielleicht bald aufwachen würde. „Frau Plenske? Du bist doch ein Spinner. Seit du sprechen kannst, nennst du mich Helga. Wieso schläfst du eigentlich noch? Du solltest doch mit Churchill unterwegs sein. Und wo ist überhaupt Lisa?" – „Ähm, keine Ahnung, vielleicht ist sie mit Churchill draußen", antwortete Rokko, der mittlerweile mitbekommen hatte, dass er nicht träumte. „Frau Plenske, was machen Sie da?" – „Ich hole eure Dreckwäsche ab, so wie jeden Samstag… damit ich sie waschen kann. Das weißt du doch." – „Ich glaube, Sie verwechseln mich mit Ihrem Stiefsohn", begann Rokko leise. „Ich bin Rokko Kowalski. Sie kennen mich, ich arbeite jetzt auch bei Kerima und ich wohne hier… bei Ihrer Tochter. Wir sind eine Wohngemeinschaft, erinnern Sie sich?" Dankbar, Lisas Schlüssel in der Tür zu hören, sprang Rokko aus seinem Bett. „Lisa, bist du das?" fragte er und trat auf den Flur. „Ja, bin ich. Lust auf Frühstück? Ich habe Brötchen mitgebracht." Lisa stockte, als sie Rokkos besorgtes Gesicht sah. „Ist etwas passiert?" – „Lisa, ich glaube, wir haben da ein Problem. Deine Mutter…" – „Lisa, nu sieh dir die Unterhosen von dem Jungen an", platzte Helga in das Gespräch und hielt Lisa eine von Rokkos Boxershorts unter die Nase. „Ähm, ja", zog Lisa sich aus der Affäre und machte einen Schritt zurück. „Seit wann hat dein Bruder so einen Faible für seltsame Muster?" Peinlich berührt entriss Lisa ihrer Mutter das getragene Kleidungsstück, um es auch sofort Rokko in die Hand zu drücken. „Mama, du kannst diese Wäsche nicht mitnehmen." – „Wieso denn nicht?" fragte Helga. Den Tränen nahe seufzte Lisa. „Weil das Rokkos Wäsche ist. Rokko – der wohnt jetzt nämlich in Brunos Zimmer." – „Aber warum denn?" hakte Helga nach. Es schien, als verstünde sie gar nicht, was um sie herum geschah. „Wo wohnt Bruno denn jetzt?" Lisa legte ihrer Mutter die Hände auf die Schultern. „Bruno hatte diesen Unfall. Er hat ihn nicht überlebt. Verstehst du? Bruno ist tot." – „Tot?" Verstört sah Helga ihre Tochter an. „Aber was wird denn jetzt aus dieser Wäsche? Jemand muss sich doch um diese Wäsche kümmern und in seinem Zimmer liegt doch so viel Wäsche. Jemand muss diese Wäsche waschen." – „Mama, hör doch endlich auf mit der blöden Wäsche. Das ist Rokkos Wäsche, er wird sie waschen. Ende der Diskussion", fuhr Lisa ihre Mutter tränenüberströmt an. „Keine Wäsche… kein… er ist tot?" Helga machte den Eindruck, als würde sie aus ihrer ganz eigenen Welt wieder in die Realität auftauchen. „Was mache ich denn jetzt nur mit dem Samstag? Dein Vater ist doch heute wieder zur Arbeit zu den Seidels gegangen. Da war er doch so lange nicht." – „Geh nach Hause, Mama", schniefte Lisa. „Was soll ich denn da? Ich mache doch samstags immer eure Wäsche." – „Lies ein Buch oder sieh fern", schlug Lisa gereizt vor. Rokkos Blick wanderte zwischen den beiden Frauen hin und her. „Frau Plenske, nehmen Sie meine Wäsche mit, wenn es Ihnen so viel bedeutet." Verkniffen nickte Helga. „Du bist ein guter Junge auch mit diesen seltsamen Unterhosen."
„Lisa, ich dachte, wir frühstücken zusammen?" fragte Rokko den Kopf durch die Tür zu Lisas Zimmer steckend. „Ich habe keinen Hunger mehr", erwiderte sie, ohne Rokko anzusehen. „Nun zieh doch nicht so ein Gesicht. Es geht eben jeder anders mit Trauer um." – „Das war doch komplett irre, was meine Mutter da abgezogen hat." – „Das war nicht irre. Sie weiß einfach nicht wohin mit ihrer Trauer. Ich kann ihre Reaktion irgendwie verstehen: Sie will die Wäsche holen und da liegt plötzlich jemand in dem Zimmer ihre Stiefsohnes." Lisa erwiderte nichts, sie zog es vor trotzig zu schweigen. „Wahrscheinlich war das für sie der Weckruf, um sich endlich mit den Geschehnissen auseinander zu setzen. Das solltest du vielleicht auch tun." Rokkos Ansage ließ Lisa aufhorchen. „Wie meinst du das?" – „Wie ich es gesagt habe. Was ist nun mit Frühstück? Soweit ich weiß, werden Brötchen vom Rumliegen nicht besser." – „Na gut, lass uns frühstücken", meinte Lisa und erhob sich.
„Hast du Pläne für heute?" fragte Rokko, während er versuchte, den Honig davon abzuhalten, über seine Finger zu laufen. „Nicht wirklich, warum?" – „Hast du nicht Lust, mir die Stadt zu zeigen? Ich meine so ganz klassisch – Sehenswürdigkeiten und so. Lenkt dich vielleicht auch ein bisschen ab", betonte Rokko, um Lisa von seinen Plänen zu überzeugen. „Okay, gut, aber ich entscheide, was wir uns ansehen und in welcher Reihenfolge", grinste Lisa triumphierend. „Okay, und du nimmst Churchill an der Leine. Jedes Mal, wenn ich mit ihm gehe, habe ich den Eindruck, er will mir den Arm ausrenken", lachte Rokko. „Du kannst ja morgen mit uns in die Schule kommen", schlug Lisa vor. „Die Schule?" – „Die Hundschule. Da lernt ein Bernhardiner, was er braucht, um am zivilisierten Leben teilnehmen zu können." – „Und wann ist das?" – „Na morgen." – „Ich meinte eher die Uhrzeit." – „10 Uhr." – „Oh, nö. Das kollidiert mit meinen Schlafzeiten." – „Tja, dann lass dir lieber ausgeschlafen den Arm auskugeln", grinste Lisa. „Churchill, komm mal her", wandte sie sich an den Hund zu ihren Füßen. „Räum auf", befahl sie und hielt ihm einen leeren Joghurtbecher hin. Churchill nahm diesen gutmütig in den Mund und trug ihn zum Mülleimer unter dem Fenster. „Darum hat der keinen Deckel", staunte Rokko, als Churchill den Becher dort hineinfallen ließ. „Nee, der hatte noch nie einen Deckel, aber es ist ganz praktisch, dass Churchill jetzt aufräumen kann, dann denken alle, es sei Teil des Tricks." Rokko löffelte den Rest seines Joghurts aus. „Churchill, aufräumen", befahl er, erntete aber nur einen treuen Blick. „Du musst ‚Räum auf' sagen. Hunde brauchen immer die gleichen Befehle. Das lernt man in der Hundeschule", korrigierte Lisa. „Na horch mal einer guck, dein Frauchen ist eine Klugscheißerin, Churchill. Na komm, räum auf", animierte Rokko den Hund, der prompt kam und ihm den Joghurtbecher abnahm. „Siehst du, ich brauche die Hundeschule nicht, ich bin ein Naturtalent. Was ist nun mit unserem Stadtrundgang? Geht's bald los?" – „Jawohl, du Naturtalent."
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