18.
„Bernd, erwartest du Besuch?", fragte Helga als es am Sonntagmittag an der Tür des Plenskes klingelte. „Nein", murmelte Bernd. „Geh doch einfach aufmachen, dann siehst du, wer etwas von uns will." Helga zuckte mit den Schultern und ging zur Tür. „Lisa", begrüßte sie überrascht die junge Frau, die davor stand. „Du hast doch einen Schlüssel, warum klingelst du denn?" – „Ich wollte nicht so reinplatzen." – „Die Wäsche ist aber noch nicht trocken, die kannst du noch nicht mitnehmen", erklärte Helga distanziert. „Deshalb bin ich nicht da. Mama, ich wollte mich bei dir entschuldigen. Ich war gestern unmöglich zu dir. Ich hätte dich nicht einfach wegschicken dürfen…" Helga machte einen Schritt beiseite. „Komm erstmal rein, Mäuschen", forderte sie ihre Tochter auf. „Hey Churchill", begrüßte sie den Hund, indem sie ihm über den Kopf streichelte. „Bernd ist in der Küche, der gibt dir bestimmt einen Napf mit Wasser", sprach sie mit ihm, als wäre er ein Mensch. „Der hat ja schon wieder die ganze Schnauze voller Schlabber", kritisierte Helga ihre Tochter. „Papa?", lachte diese. „Quatsch, ich rede von Churchill", lachte nun auch Helga.
„Weißt du, Mäuschen, ich weiß nicht, was gestern mit mir los war. Ich bin wach geworden und wusste, es ist Samstag und Samstag hole ich doch immer eure Wäsche. Dein Vater ist zur Arbeit gegangen und es kam mir so vor, als wäre alles wie immer – wie vor dem Unfall, als wäre er einfach nicht passiert", schniefte Helga kurze Zeit später. „Ich gebe mir so viel Mühe, deinen Vater und dich nicht mit meiner Trauer zu belasten, weil… naja, irgendwie habe ich kein Recht zu trauern, oder? Ich meine, Bruno war Papas Sohn und dein Bruder, aber ich… ich war immer nur die Stiefmutter, ich habe kein Recht, um ihn zu trauern." Lisas Mutter tupfte sich mit dem Ärmel ihres Pullovers über die Augen. „Das ist doch Unsinn, Mama. Natürlich darfst du um Bruno trauern – Jürgen tut das auch und er ist auch nicht mit ihm verwandt gewesen. Mama, hast du mal darüber nachgedacht, dir professionelle Hilfe zu suchen? Es muss ja nicht gleich ein Psychologe oder eine Therapie sein, aber du musst das irgendwie verarbeiten. Du kannst nicht einfach samstags bei uns auf der Matte stehen und Wäsche machen wollen, verstehst du mich?" – „Ja", nickte Helga. „Ich habe mir von Inka die Adressen geben lassen, die sie eigentlich für Hugo rausgesucht hatte – damals, als die Frau Haas gestorben ist. Da ist auch eine Selbsthilfegruppe bei, da werde ich nächste Woche mal hingehen, mehr als dass es mir nicht hilft, kann ja nicht passieren." – „Das stimmt, Mama", pflichtete Lisa bei. „Willst du nicht mitkommen?" – „Ich glaube nicht. Ich habe meine Arbeit, die mir den nötigen…" – „… eher die und zwar die nötige Ablenkung bietet, aber keinen Rückhalt, das kannst du mir nicht erzählen." – „Nein, das erzähle ich dir nicht, Mama", seufzte Lisa. „Es geht mir gut, wirklich und dass nicht nur, weil ich bei Kerima alle Hände voll zu tun habe und mich deshalb nicht mit diesem ganzen Mist auseinandersetzen zu müssen. Ich glaube, ich habe dir und Papa gegenüber einen… naja, Vorteil möchte ich fast sagen. Ich war dabei, als Bruno… ich konnte irgendwie Abschied nehmen und ich habe die Verantwortung für Churchill. Das habe ich Bruno versprechen müssen und ich glaube, das hilft mir dabei, nicht an dem Verlust zu zerbrechen." – „Weißt du, Mäuschen, was mir aufgefallen ist? Und du darfst jetzt nicht schimpfen, weil ich den David ja nie so richtig mochte…" – „Was ist dir aufgefallen, Mama?", fragte Lisa, die es leid war, sich die Bedenken ihrer Mutter bezüglich David anzuhören – zumal diese sich ja bestätigt hatten. „Seit du aus England zurück bist… also nicht mehr mit dem David zusammen bist, da bist du ganz anders – nicht im schlechten Sinne, aber anders. Du bist so… wie soll ich sagen?" – „Desillusioniert?", wollte Lisa ihrer Mutter helfen. „Nein!", widersprach Helga heftig. „Erwachsen. Du bist eine starke junge Frau, die mitten im Leben steht. Das gefällt mir, auch wenn du gestern meinetwegen gerne etwas weniger dein neues Ich hättest sein können. Es hat wehgetan, von dir zurechtgewiesen und nach Hause geschickt zu werden." – „Das tut mir leid, Mama, das wollte ich nicht, wirklich. Ich war so hilflos. Ich wusste einfach nicht, was ich hätte tun sollen." – „Schon gut", meinte Helga. „Damit wäre ich wohl auch überfordert gewesen. Sag mal, bleibst du zum Kaffeetrinken oder musst du noch mit Churchill in die Schule?" – „Da waren wir schon. Die ist von 10 bis 12, schon vergessen? Ich würde gerne zum Kaffee bleiben, wenn es dir und Papa nichts ausmacht." – „Du Spinnerin, wir haben unser kleines Mädchen doch gerne bei uns. Vielleicht erzählst du mir noch ein bisschen von deinem Mitbewohner… das ist ja ein sehr netter Mann." – „Ja, Mama, Rokko ist ein netter Mann", stellte Lisa so neutral wie möglich fest. „Und nicht mehr?" – „Mama!", stieß Lisa empört hervor. „Er ist mein Mitbewohner und mein PR-Manager, mehr nicht." – „Zumindest ist er schon mal ‚dein'", zog Helga ihre Tochter auf. „Mama, wirklich, hör auf damit. Ich mag Rokko – als Freund und das wird auch so bleiben. Seit der Sache mit David bin ich mir sicher, dass ich keine Beziehungen mehr will – nie wieder." – „Ach Lisa, das ist jetzt aber unreif." – „Gebranntes Kind scheut das Feuer", erwiderte Lisa. „Man soll auch sofort wieder aufs Pferd aufsteigen, wenn es einen abgeworfen hat." Lisa rollte nur kurz mit den Augen. „Was ist denn jetzt mit Kaffee?", fragte sie ungehalten. „Okay, dann rede nicht mit mir darüber, Mäuschen", grinste Helga. „Was gibt es denn da zu grinsen?" – „Nichts", tat Hegla unschuldig.
„Reichst du mir mal meine Bluse?" Lisa staunte nicht schlecht, als sie am späten Abend ihre Wohnung betrat und sogleich über die verschiedensten Kleidungsstücke stolperte. „Rokko?", fragte sie. „Ist alles in Ordnung?" – „Ja", kam es knapp und atemlos aus der Küche. „Hier, zieh an, das ist meine Mitbewohnerin", hörte Lisa ihn raunen. Sie steckte kurz den Kopf in die Küche und erstarrte. Da war diese Frau, die an ihrer Bluse herumfummelte und Rokko nur in der Sorte Unterhose, die sie ja schon kannte. „Ähm, Entschuldigung, ich wollte nicht stören", stotterte Lisa und zog die Tür wieder zu. „Oh je", murmelte sie mehr zu sich selbst, als zu Churchill, der sie abwartend ansah. Beinahe panisch schnappte sie sich die Tasche mit ihrer Wäsche und floh in die Zimmer, nicht ohne noch über die zweite Tasche mit Rokkos Wäsche zu stolpern. „Ein Fettnapf kommt eben selten allein", schimpfte sie mit sich selbst, bevor sie sich in ihrem Zimmer verkroch.
„Mach's gut, Bianca", verabschiedete Rokko sich von der mittlerweile wieder sittlich gekleideten Frau. „Ich rufe dich die nächsten Tage an", versprach er, obwohl er jetzt schon wusste, dass er es nicht tun würde. „Hoffentlich kriegst du jetzt keinen Ärger mit deiner Mitbewohnerin", meinte Bianca. „Ach was", winkte Rokko ab. „Man sieht es ihr nicht an, aber sie ist ziemlich locker drauf. Ich erkläre es ihr. Sie versteht das schon." – „Na dann ist ja gut", meinte Rokkos Gegenüber und strich ihm noch einmal durch die Locken. „Naja, bei den Augen kann dir ja eh keiner widerstehen."
„Lisa?", fragte Rokko und steckte seinen Kopf durch ihre Zimmertür. „Du hast ja immer noch so eine gesunde Gesichtsfarbe", zog er sie amüsiert auf. Lisa legte die Bürste beiseite, mit der sie Churchill bearbeitet hatte, weil sie nicht wusste, was sie sonst hätte tun sollen. „Du hast ein perfektes Timing", fuhr Rokko fort. „Ein paar Minuten eher und…" – „Das will ich so 'was von gar nicht wissen", unterbrach Lisa ihn. „Wer war das eigentlich? Ich hoffe, ich habe sie nicht vergrault." – „Nein, hast du nicht. Das war Bianca und sie wollte sowieso gerade gehen. Ich war vorhin noch mal in dieser Bar, die du mir gezeigt hast – zum Leute kennen lernen und so. Da habe ich sie eben kennen gelernt." – „Ja, ja, du musst dich ja vor mir nicht rechtfertigen. Es wäre nur schön, wenn… also, das nächste Mal… also die Küche ist ja irgendwie unser Gemeinschaftsraum und…" – „Schon klar. Wir haben es eben einfach nicht mehr in mein Zimmer geschafft", erklärte Rokko, woraufhin Lisa ihr Gesicht verzog. „Ich glaube, ich mache mich dann mal bettfertig", meinte sie knapp. „Ich habe mich ganz schön bei meinen Eltern fest gequatscht. Ist schon ziemlich spät."
„Churchill, du Kalb, raus aus meinem Bett", ächzte Lisa, als sie merkte, wie der Bernhardiner in ihr Bett sprang und sich neben ihr fallen ließ. Er legte seinen massiven Kopf auf Lisas Bauch und wartete darauf, dass sie ihm die Ohren kraulen würde, was sie auch tat. „Ich habe wohl ein spezielles Talent, Leute in flagranti zu erwischen", gestand Lisa dem Hund. „Aber weißt du, was ich seltsam finde? Bei David hat es mich wütend gemacht, aber bei Rokko enttäuscht es mich irgendwie. Keine Ahnung warum, aber es hat mich irgendwie traurig gemacht, dass Rokko nur den schnellen Spaß sucht." Churchills monotones Schnarchen zeigte Lisa, dass sich der Hund nicht darum scherte, was sie gerade beschäftigte. „Hund müsste man sein", schmunzelte sie. „Nur essen, schlafen und Stöckchen spielen – das wäre doch mal ein Leben."
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