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19.
Ein vorwitziger Sonnenstrahl kitzelte Rokko an der Nasenspitze. Seiner erster Blick galt seinem Wecker. „Öhhhhh", entfuhr es ihm müde – war es doch schon wieder Zeit zum Aufstehen. Ein gleichmäßiger Atem zeigte ihm, dass seine Eroberung vom Vorabend noch nicht gegangen war – das hatte ihm zu allem Überfluss noch gefehlt. Schwerfällig hob er sich aus dem Bett und ging zur Balkontür, um die Vorhänge zurückzuziehen.
Seit Sonnenaufgang stand Lisa auf dem Balkon und sah in die Gegend. Churchill erinnerte die Situation an alte Zeiten. Wie seiner Zeit mit Bruno stand er mit den Vorderpfoten an die Brüstung gelehnt und äugte hechelnd darüber. Mittlerweile war er dafür groß genug. Eine Weile betrachtete Rokko die Szenerie. Erst als Lisa sich zu ihm umdrehte und ihm kurz zuwinkte, beschloss er das seltsame Gefühl in seinem Magen zu ignorieren und zu ihr hinauszugehen. „Du bist aber früh auf", bemerkte er. „Ja, es war ein wirklich schöner Sonnenaufgang, den konnte ich mir einfach nicht entgehen lassen", entgegnete Lisa. „Was hältst du von Frühstück?" – „Kaffee ist schon fertig", erklärte Lisa und deutete auf ihre Tasse. Rokko streichelte Churchill über den Kopf, was dieser sichtlich genoss. „Naja, aber von Kaffee alleine wird man nicht satt. Ich gucke mal, was ich zaubern kann", grinste Rokko. „Dafür musst du meine Hand auf Churchills Kopf ersetzen." Lisa lachte auf. „Ist gut. Ich komme dann gleich."
„Hilfe", hallte ein spitzer Schrei durch die Wohnung, als Churchill die Küche betrat und den dort sitzenden Besuch begrüßen wollte. „Ach Soraya, das ist doch nur Churchill, der tut nichts, der will nur…", begann Rokko beruhigend. „… nur spielen, wa?", fragte die junge Frau. „Was für ein Riesentier", bestaunte sie den Bernhardiner. „Guten Morgen", grüßte Lisa, die sich die Enttäuschung darüber, dass eine fremde Frau mit am Frühstückstisch saß, nicht erklären konnte. „Lisa, Lisa Plenske?", begann Soraya aufgeregt. „Sie erinnern sich vielleicht an mich, ich habe war die letzte in dem Schuh-Defilé… bei der Kerima-Präsentation. Sie wissen schon… Bodypainting, Standspagat…" – „Ja, ich weiß", grummelte Lisa. „Aber ich bin militanter Gegner der Kommunikation kurz nach dem Aufstehen." Doch davon ließ sich Sorayas Mitteilungsbedürfnis nicht stoppen. „Das war mal eine wirklich ungewöhnliche Show", wandte sie sich an Rokko. „Erst Klamotten, dann noch mehr Klamotten und am Schluss einen einzigen Schuh… das war vielleicht was…" Lisa stellte die Ohren auf Durchzug, da sie diese Geschichte bereits kannte. Rokko hingegen hörte der jungen Frau zum ersten Mal, seit er sie getroffen hatte, richtig zu.
„Wow, Lisa, wozu brauchst du mich, wenn du selbst doch die kreativsten Ideen hast?", staunte Rokko, als Soraya ihre Geschichte beendet hatte. „Pfff, Idee, das war eine Notlösung", murmelte Lisa. „Sagen Sie mal, arbeitet Ihr Bruder schon an einer neuen Kollektion? Kann man sich vielleicht schon für die Show empfehlen?" Rokko riss die Augen auf und deutete Soraya an, nicht weiter zu sprechen. „Kennst du Lisas Bruder? Das ist ein putziges Kerlchen. Sehr witzig und wirklich, wirklich tolle Schuhe", schwärmte Soraya. „Was ist denn nun? Arbeitet er an einer neuen Kollektion?", drängte sie Lisa ungeduldig zu einer Antwort. „Nein, tut er nicht." – „Warum denn nicht? Sagen Sie nicht, dass die ersten Kollektion kein Erfolg war…" – „Doch sie war ein Erfolg", platzte es aus Lisa heraus. „Aber er wird keine zweite Kollektion entwerfen, weil er nie wieder entwerfen wird. Können Sie lesen? Haben Sie vielleicht in den letzten Monaten einen Blick in die Zeitung geworfen? Er ist tot." – „Tot?", fragte Soraya nach. „Das verstehe ich nicht." – „Was ist denn daran nicht zu verstehen? Er fuhr über eine Straße, von der anderen Seite kam ein Auto, es machte ein Mal laut ‚Peng', dann zwei Mal etwas leiser ‚Peng' und dann lag er auf dem Asphalt, bis der Notarzt kam und nur noch seinen Tod feststellen konnte." Betreten beobachtete Rokko Lisa aus dem Augenwinkel. „Ich muss zur Arbeit. Wenn Sie sich für einen Job bei Kerima interessieren, sollten Sie sich vielleicht auch informieren und nicht nur den PR-Mann bezirzen."
„Lisa? Warte doch mal", hielt Rokko seine Mitbewohnerin zurück. Diese fummelte hektisch am Verschluss von Churchills Leine herum. „Was ist denn noch?" – „Ist alles in Ordnung mit dir? Das hat Soraya bestimmt nicht so gemeint", begann Rokko ruhig. „Das glaube ich auch, aber selbst so ein schwanzgesteuerter Typ wie du sollte merken, dass sie keinerlei Interesse an dir hat", zischte Lisa. „Das habe ich gemerkt und zwar mit meiner gesamten Wahrnehmung, außer meinem Schwanz, um es mal mit deinen Worten zu sagen. Glaubst du etwa, ich interessiere mich für sie?" Lisa zögerte einen Moment. „Ähm, ja, irgendwie schon. Jetzt sag bitte nicht, sie ist nur hier, damit ihr…" – „Poppen könnt? Ja, doch. Eigentlich nur dafür, das Frühstück war nicht geplant." – „Dass du so ein Mistkerl bist", platzte es aus Lisa heraus. „Was heißt denn hier Mistkerl? Soraya will doch auch nicht mehr. Würde dir, Miss Moralvorstellung, übrigens auch mal gut tun." Lisa schnaufte. „Du meinst, jeden Morgen mit einem anderen Typen aufwachen? Soraya ist die zweite diese Woche und es ist erst Mittwoch." – „Du kennst das doch: Du sollst den Feiertag heiligen. Von daher…" – „Muss ich mir diese Woche noch drei weitere Namen merken und Sonntag ist Ruhe, na sehr schön." – „Wenn du Probleme mit meiner Lebensart hast, dann zieh eine Nummer und stell dich hinter meiner Familie an", raunte Rokko seinem Gegenüber gereizt zu. „Ich muss zur Arbeit", kündigte diese an.
„Rokko, dieser Mistkerl!", schimpfte Lisa, als sie in Jürgens Kiosk stürmte. „Ich wünsche dir auch einen schönen guten Morgen. Einen Kakao so wie immer?" – „Ja. Weißt du, was er heute gemacht hat?" – „Nein, aber ich brenne darauf, es zu erfahren", erwiderte Jürgen sarkastisch. „Er hatte diesen lebenden Kleiderständer da. Er vögelt wirklich alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist." – „Mit Ausnahme von dir." – „Was soll denn das heißen?" – „Was fragst du mich das? Lisa, sag mal, kann es sein, dass du eifersüchtig bist?" – „Eifersüchtig? Ich? Auf Rokko?" – „Eher auf seine Betthäschen. Könnte es sein, dass du… Naja, Rokko sieht gut aus, er ist nett, ihr verbringt viel Zeit miteinander." – „Ich bin nicht…", empörte Lisa sich. „Was?", nutzte Jürgen ihre Pause, um nachzuhaken. „Ich bin nicht eifersüchtig. Ich habe ja auch keinen Grund. Weißt du, was er gesagt hat? Er hat gemeint, ich sollte es auch mal so machen wie er." – „Womit er nicht ganz Unrecht hat." – „Was?", fragte Lisa entsetzt. „Naja, du sollst ja nicht gleich zur Nymphomanin mutieren, aber… du hockst fast nur noch Zuhause. Deine einzigen Sozialkontakte in den letzten Wochen waren dein Mitbewohner, dein Hund und ich. Geh mal wieder aus! Selbst Helga und Bernd haben sich soweit gefangen, dass sie übers Wochenende verreisen." – „Ich bin aber sehr glücklich so", wandte Lisa ein. Jürgen und Churchill seufzten im Einklang, so als hätten sie den gleichen Gedanken zu dieser Thematik. „Das bestreite ich ja gar nicht, trotzdem könntest du mal wieder unter Menschen." – „Ich muss zur Arbeit", verkündete Lisa trotzig. „Du bist da der Boss, Lisa, du kannst gerne mal ein paar Minuten zu spät kommen. Du kannst nicht ewig in deine Arbeit fliehen", bemerkte Jürgen. „Aber noch funktioniert es. Wir sehen uns später."
„So, wenn dann alles geklärt ist, ist das Meeting beendet", meinte Richard mit einem Blick auf die Uhr. Langsam hatte er genug davon, dass alle um den heißen Brei herumredeten und Hunger hatte er auch, schließlich hatte sich das Meeting weit in die Mittagspause hineingezogen. „Ähm, Frau Plenske", wandte sich Davids Assistent an seine Chefin. „Ja", erwiderte diese schnell. Alle Anwesenden bewunderten Martin Hagemeier gerade für seine Ausdauer und seinen Mut. Schon seit einiger Zeit versuchte er Lisa zu einem gemeinsamen Essen zu überreden. Offensichtlich hatte er sich in sie verguckt. „Würden Sie… also, ich habe mich gefragt, ob Sie… ob Sie vielleicht mit mir zu Mittag essen würden." Nervös spielte der junge Mann an seiner Krawatte. „Und? Haben Sie sich das auch schon beantwortet?", fragte Lisa gereizt. Wehmütig betrachtete Hannah die Szenerie. Sie hätte sofort „Ja!" geschrieen, wenn Martin sie gefragt hätte, stattdessen ließ er sich von Lisa einen Korb nach dem anderen geben. „Ich schätze, das heißt nein", murmelte Martin geknickt. Lisa ließ ihren Blick durch die Runde gleiten und blieb an Rokko hängen. Trotz stieg in ihr auf. „Mittagessen geht gar nicht. Ich habe schon etwas vor, aber was ist mit Abendessen?" Auf Martins Gesicht breitete sich ein Strahlen aus. „Sehr gerne. Wann darf ich Sie abholen?" – „Wie wäre es mit 20 Uhr?", bot Lisa an. „Ich werde da sein." Freudestrahlend sah Martin Lisa nach, als diese den Raum verließ.
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