20.
„Brauchst du Hilfe mit dem Reißverschluss?", fragte Rokko, als er Lisa vor dem großen Spiegel im Flur stehen und an ihrem Kleid herumzupfen sah. „Nein, geht schon. Ich überprüfe nur gerade, ob man sieht, dass ich Unterwäsche trage." – „Ähm, ja", antwortete Rokko. „Also, nein, man sieht es nicht", korrigierte er sich selbst. „Habe ich aber", empörte Lisa sich. „Ohne geht es eh viel schneller", zog Rokko sie auf. „In deiner Welt. Ich hingegen gehe nur essen. Ein Essen unter Kollegen eben." – „Und warum bist du dann so nervös?", fragte Rokko, dem Lisas Aufregung nicht entgangen war. „Weil ich schon ewig nicht mehr aus war und wenn dann nur mit David, verstehst du?" – „Jep, verstehe ich. Trotzdem ist das kein Grund auszuflippen." – „Ich muss noch mal ins Bad", kündigte Lisa an. „Lass dich nicht abhalten, auch wenn ich finde, dass du kein Make-up brauchst." – „Eigentlich wollte ich mir nur die Haare richten, aber Make-up…", sinnierte Lisa, wurde aber von der Türklingel unterbrochen. „Machst du bitte auf?", bat sie Rokko. „Sag Martin, dass ich gleich soweit bin."
Missmutig betrachtete Rokko, wie Martin nervös an dem Blumenstrauß in seinen Händen herumspielte. „Geben Sie schon her, das kann man ja nicht mit ansehen." Rokko stand auf und holte eine Vase. „Die sind aber für Frau Plenske", erwiderte Martin. „Das werden Sie auch in der Vase sein", versicherte Rokko amüsiert. „Und Sie sind nur eine Wohngemeinschaft?", versuchte Martin sich in Smalltalk. „Ja", antwortete Rokko knapp. „Ich stelle mir das großartig vor mit einer Frau wie Frau Plenske zusammenzuwohnen." – „Hm, naja, der Mythos Lisa Plenske verliert an Glanz, wenn man sie näher kennt, aber das werden Sie schon noch merken." – „Wie meinen Sie das? Könnten Sie mir nicht… naja, ein paar Tipps für diese Verabredung geben? Sie kennen Frau Plenkse ja doch ganz gut." – „Wenn Sie wollen, mache ich das gerne", entgegnete Rokko scheinheilig grinsend. „Wussten Sie, dass Frau Plenske sich gerne über Körperfunktionen unterhält?" – „Bitte?", hakte Martin nach. „Na Sie wissen schon – Rülpse, Furze, Stuhlgang, so etwas eben." – „Sie scherzen", entfuhr es Martin. „Nein. Sie wissen doch, wie Frau Plenske für ihre Ehrlichkeit geschätzt wird. Tja, sie ist in jedem Lebensbereich ehrlich." – „Puh, das wusste ich nicht. Was sollte ich sonst noch wissen?" – „Frau Plenske hasst es, wenn ihr Begleiter für sie bezahlt, ihr aus dem Mantel hilft, Türen aufhält und so. Dafür ist sie zu emanzipiert." – „Ähm, okay. So habe ich das noch nie betrachtet. Ich dachte immer, dass wäre höflich." – „Wo gehen Sie denn hin? Also, welches Restaurant, meine ich." – „Ich dachte ans Wolfhardts." – „Bloß nicht", widersprach Rokko froh darüber, Martin endlich keine Lüge auftischen zu müssen. „Das ist ihr viel zu steif und da geht sie ja auch so oft mit Geschäftspartnern hin. Ich sage Ihnen, worauf Frau Plenske wirklich steht: Fernfahrerkneipen." Irritiert sah Martin an sich herab. „Ich glaube, dafür bin ich zu… naja… overdressed, oder?" Rokko musterte den Anzug seines Gegenüber und schüttelte den Kopf. „Ach was, das genau macht doch den Reiz für Lisa aus." Nachdenklich schwieg Martin – so hatte er sich das wahrlich nicht vorgestellt. „Guten Abend, Herr Hagemeier", begrüßte Lisa plötzlich ihren Besuch. „Frau Plenske, wow, Sie… Sie sehen toll aus", erwiderte Martin hektisch und deutete auf Lisas Kleid. „Aus der Kerima-Kollektion?" – „Nein, das ist Hannahs Werk. Es war Teil der letzten Sommerkollektion." – „Wirklich schön", hörte Rokko sich plötzlich sagen. „Danke, Mitbewohner", lachte Lisa. „Mit Churchill war ich draußen und ich versuche, wieder da zu sein, wenn sein Spätgang dran ist. Wenn…" – „Wenn er aber eher raus muss oder du später kommst, dann mache ich das. Zerbrich dir nicht deinen frisch frisierten Kopf, ich mache das schon", wiegelte Rokko ab. „Na dann." Lisa beugte sich zu Churchill und knuddelte ihn zum Abschied. „Sei artig, mach Rokko keine Schwierigkeiten, ja?"
Seufzend blickte Martin aus dem Fenster und sah der Stadt dabei zu, wie sie an ihm vorbeizog oder viel mehr, wie die S-Bahn an den Gebäuden vorbeirauschte. „Das ist mächtig in die Hose gegangen, Hagemeier", murmelte er vor sich hin. „Ist vielleicht auch besser so. Jetzt kannst du mit deiner pubertären Schwärmerei für sie aufhören." Erschrocken stellte er fest, dass gerade seine Haltestellte angesagt worden war. Hektisch sprang er auf und rannte förmlich aus der Tür. Endlich frische Luft. Diese miefige Fernfahrerkneipe, in der er den Abend mit Lisa verbracht hatte, war ja kaum auszuhalten gewesen. „Könnten Sie mir mal helfen?", hörte er eine verzweifelte Frauenstimme hinter sich. Er drehte sich um und sah diese rotblonde Frau, die sich mit einem Kinderwagen abmühte. „Natürlich", erwiderte er und ging auf sie zu. „So, das hätten wir", kommentierte er seinen Handgriff am Kinderwagen. „Jetzt bin ich schon so lange Mutter und kann das immer noch nicht richtig", lachte die junge Frau. „Freut mich, wenn ich helfen konnte." – „So, das freut Sie also. Sie könnten mir noch mehr helfen." – „Wie denn?", fragte Martin. „Kennen Sie Hannah Refrath?" – „Ja, sogar persönlich. Brauchen Sie etwa eine neue Handtasche?", scherzte er. „Nein, nein, ich kenne sie ja auch. Sie ist eine Freundin von mir. Naja, sie wollte einen DVD-Abend machen, aber irgendwie hat keiner ihrer Freund Zeit und Lust darauf. Also wollte ich einspringen, aber mein kleines Mädchen hat Fieber und ich will eigentlich lieber ins Krankenhaus, um sie untersuchen zu lassen. Das verstehen Sie doch, oder?" – „Ja." – „Aber ich will Hannah auch nicht hängen lassen. Hier", meinte die junge Frau und drückte Martin eine Tüte mit DVDs in die Hand. „Ich wäre Ihnen ewig dankbar, wenn Sie sich die mit Hannah ansehen würden." – „Ich weiß nicht…" – „Schlimmer kann der Abend für Sie doch nicht mehr kommen, oder?" – „Das stimmt, aber was soll Frau Refrath denn von mir denken, wenn ich so überraschend vor ihrer Tür stehe und das um die Zeit." – „Ich bin mir sicher, dass sie sich freut. Ihre Enttäuschung, wenn niemand auftaucht, wäre sicher größer." – „Wo wohnt Frau Refrath denn eigentlich?", fragte Martin nach. „Direkt hier", meinte sein Gegenüber und deutete auf den Seiteneingang neben Jürgens Kiosk. Verwundert sah Martin sich um. Waren sie wirklich so weit gelaufen? Das kam ihm gar nicht so vor. „Na gut. Ich probiere es mal. Noch mehr blamieren kann ich mich heute Abend nicht", meinte Martin achselzuckend. „Ich benutze Sie und Ihre kranke Tochter aber als Vorwand", lachte er die junge Frau an. „Naja, so ein schlechter Vorwand sind wir ja nicht", schmunzelte sie. „Und wir müssen jetzt wirklich ins Krankenhaus." – „Na dann, gute Besserung junge Dame. Soll ich Frau Refrath von Ihnen grüßen?" – „Tun Sie, was Sie nicht lassen können", lachte die Frau mit dem Kinderwagen und verschwand in der spärlich beleuchteten Seitengasse. „Puh, wenn Lisa so weitermacht, kommen wir nie hier weg, Anna-Lena", wandte sie sich an ihr Baby, als sie außer Sicht- und Hörweite war.
„Du bist schon wieder da?", fragte Rokko verwundert, als Lisa die Wohnung betrat. „Und du bist so alleine?", zog sie ihn auf. „Ja, Churchill und ich, wir haben uns einen gepflegten Herrenabend gemacht." – „Schön, schön", murmelte Lisa. „Nun erzähl schon, wieso bist du schon wieder hier?" – „Weil mir das Geld ausgegangen ist und ich mir beim Abfangen der letzten Tür an der Hand wehgetan habe. Ist dir je aufgefallen, dass der Hagemeier so… so… naja, unhöflich ist." – „Nein, ich fand immer, er macht einen sehr wohl erzogenen Eindruck." – „Ist er aber nicht. Und die Krönung war dann, als er mir von seinem letzten Durchfall erzählt hat. Okay, Durchfall kann ein Problem sein, aber will ich das wirklich wissen? Zumindest nicht beim ersten Date. Nach 20 Ehejahren ist das etwas Anderes, aber so…", rief Lisa auf dem Bad, wo sie erst einmal umzog. „Boah, und die Kneipe, in der wir waren. Ich werde bis zur nächsten Hauterneuerung warten müssen, bis der Gestank weg ist", beklagte sie sich. „Das klingt, als wäre gründlich in die Hose gegangen", stellte Rokko möglichst wenig schadenfroh fest. „Wem sagst du das", seufzte Lisa. „Ich war dabei. Ich frage mich nur, wie er auf die Idee gekommen ist, dass ich diese Art von Date mögen könnte." – „Vielleicht hatte er ja einen Ratgeber", meinte Rokko und biss sich auf die Zunge. „Was hast du ihm eigentlich erzählt, als ich im Bad war?", fraget Lisa und ließ sich auf das Sofa in der Küche fallen. „Och, dies und das." – „Dies und das? So etwas wie… naja, ich würde Fäkalgeschichten mögen und verräucherte Kneipen…" – „Möglich", gestand Rokko leise. „Möglich?", erboste Lisa sich. „Wieso denn? Heute früh sagst du mir noch, ich solle mich mal wieder für das andere Geschlecht interessieren und wenn es dann soweit ist, machst du mir diese Gelegenheit kaputt?!" – „Ach naja, ihr passt doch sowieso nicht zusammen und da…" – „Hast du ein bisschen nachgeholfen?", hakte Lisa sauer nach. „Das kann es echt nicht geben. Ich wollte ihn ja nicht gleich heiraten, ich wollte nur nett mit ihm essen und einen schönen Abend verbringen, nicht mehr." – „Aber dann wäre er jetzt noch verliebter in dich. So hast du jetzt Ruhe." – „Wer sagt denn, dass ich Ruhe will? Wer in mich verliebt ist oder nicht, ist ganz alleine meine Sache. Ich verbitte mir eine derartige Einmischung in mein Leben. Was hast du dir denn nur dabei gedacht?" – „Keine Ahnung", erwiderte Rokko zerknirscht. „Es sprudelte einfach so aus mir raus. „Aha. Dann halt dein Sprudeln das nächste Mal zurück", fuhr Lisa ihn an und sprang auf, um wutentbrannt in ihrem Zimmer zu verschwinden.
„Guten Abend Frau Refrath. Ich habe gerade Ihre Freundin getroffen. Das Baby ist krank und sie muss mit ihr ins Krankenhaus, aber sie wollte Sie auch nicht hängen lassen, darum bin ich hier", erklärte Martin sein plötzliches Auftauchen bei Hannah unsicher. Um sein Anliegen zu unterstreichen, hielt er die Tüte mit den DVDs hoch. „Och, die arme kleine Bärbel, hoffentlich wird sie bald wieder gesund", meinte Hannah. „Ist ja irgendwie nett, dass Yvonne eine Vertretung für ihre Überraschung schickt. Wenn sie erst morgen gekommen wäre, hätte ich nicht einmal gemerkt, dass sie ihre Überraschung verschieben musste", meinte Hannah und trat beiseite. „Kommen Sie herein, Herr Hagemeier. Dann sehen wir uns eben Filme an. Was haben Sie denn Schönes mitgebracht?" Martin zuckte mit den Schultern und sah in die Tüte. „,Die Brücken am Fluss', ‚Magnolien aus Stahl', ‚Was vom Tage übrig blieb'", zählte er auf. „Klingt nach Taschentuchalarm", lachte Hannah. „Ich mache schnell Popcorn und dann kann es losgehen. Nehmen Sie doch schon mal Platz."
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