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„Oh, Yvonne, du bist die allerallergrößte", bestürmte Hannah ihre ehemalige Mitbewohnerin, als diese ihren Kinderwagen in den Kiosk bugsierte. „Ich weiß… ähm, was habe ich gemacht, um so einen Begeisterungssturm zu verdienen?", fragte Yvonne grinsend. „Findest du nicht, dass du mit einem kranken Kind nicht lieber Zuhause sein solltest?" – „Wieso? Bärbelchen ging es selten besser." – „Aber Martin hat doch gesagt… ach so, dann war das Teil deines Plans?", wunderte Hannah sich. „Ich weiß gar nicht, wie ich dir danken dafür danken soll, dass du Martin zu mir geschickt hast." – „Ich habe niemanden zu dir geschickt", erwiderte Yvonne verwirrt. „Wie wäre es denn, wenn du das mal für stilldemente Mütter erklärst?" – „Stilldement?", mischte Jürgen sich in das Gespräch. „Na du weißt schon: Erst Schwangerschaftsdemenz, dann Stilldemenz, aber nun lass Hannah doch mal erzählen. Es scheint ja etwas wirklich Großartiges passiert zu sein, so wie sie grinst." Yvonne drehte sich wieder zu der aufstrebenden Jungdesignerin und sah sie abwartend an. „Martin war gestern Abend bei mir – um DVDs zu gucken. Er sagte, er hätte dich getroffen und du hättest ihn gebeten, dich zu vertreten, weil Bärbel krank sei." – „Alles Vorwände", wiegelte Yvonne ab. „Ich war gestern bei meinem Angetrauten, Bärbel ging es hervorragend… Ich glaube, der Typ wollte zu dir und hatte nicht das Selbstbewusstsein dir zu sagen ‚Ey Puppe, ich bin hier, weil ich dich geil finde und weil ich Zeit mit dir verbringen will'." – „Yvonne!", empörte Hannah sich. „So ist Martin nicht." – „Wie war es denn überhaupt?" – „Sehr schön. Okay, wir haben das Ende von ‚Was vom Tage übrig blieb' nicht mehr gesehen, weil…" – „Weil es da schon zur Sache ging?", ergriff Jürgen grinsend das Wort. „Quatsch, du Spinner, weil es schon so spät war. Wir sind eingeschlafen – auf dem Sofa. Er rechts, ich links." – „Das ist mal eine Alternative zum gute alten ‚Er oben, sie unten'", lachte Yvonne. „Das lasse ich jetzt unkommentiert", schmunzelte Hannah. „Ich frage mich nur, warum er zu mir gekommen ist… du hast ihn nicht geschickt und vorher hatte er doch dieses Date mit Lisa." – „Das hat Lisa dank Rokko aber voll an die Wand gefahren", meinte Jürgen. „Martin hätte eben nicht auf Rokkos Tipps hören sollen, aber das soll dir doch völlig egal sein, Hannah. Er hat hinterher deine Nähe gesucht – das muss doch etwas bedeuten." – „Hm", brummte Hannah nachdenklich. „Meint ihr, ich könnte ihn mal fragen, ob er mit mir zu Mittag isst?" – „Klar, darauf wartet der doch nur", erwiderte Yvonne. „Wenn er sich schon nicht traut, mit der Wahrheit rauszurücken, wenn er mitten in der Nacht bei dir auf der Matte steht."
„Willst du mir ein Auge ausstechen?", kommentierte Lisa den Umstand, dass ihre Bürotür aufgegangen war und Rokko einen Stock mit einem weißen Tuch an dessen Ende in den Raum hielt. „Nein, ich will nur, dass du mir nicht mehr böse bist." – „Dann komm erstmal rein, damit ich dich richtig sehen kann", meinte Lisa. „Ich weiß ja, dass es daneben war", begann Rokko sofort, nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte. „Irgendetwas ist da mit mir durchgegangen. Natürlich wünsche ich mir, dass du glücklich bist… aber irgendwie… naja, ich hatte den Eindruck, dass dieses Rendezvous mit diesem Hagemeier eher eine Flucht war als wirkliche Zuneigung." Lisa seufzte laut, erwiderte aber nichts. „Wenn du willst, dann rede ich mit ihm und erkläre es ihm auch. Dann könnt ihr euer Date unter fairen Bedingungen wiederholen." – „Lass mal", ergriff Lisa nun doch das Wort. „Ich habe ihn vorhin mit Hannah am Catering gesehen. Die zwei sahen so aus, als hätten sie viel Spaß zusammen. Das freut mich für Hannah und du hast ja Recht, mir lag nichts an Martin… es war eben schmeichelhaft, dass er mich so oft nach einem gemeinsamen Essen gefragt hat. Das war irgendwie gut fürs Ego." – „Hey, tut mir leid, dass ich so ein Trottel war. Ich mische mich nie wieder in deine Dates", entschuldigte Rokko sich zerknirscht. „Heißt das, wir reden jetzt wieder miteinander?", fragte er hoffnungsvoll. „Ja, tun wir. Es geht ja auch nicht anders – immerhin haben wir gleich ein Meeting." – „Ich mache dir einen versöhnlichen Vorschlag: Ich wollte heute Abend mal wieder weggehen. Du könntest mitkommen und ich mache dir den Berater. Berlin ist eine Millionenstadt, da wird es ja wohl auch einen Typen für dich geben." – „Ach, lass man. Bars, Diskotheken, Nachtclubs, das ist einfach nicht meine Welt. Ich gehe lieber mit Churchill in den Park." – „Wenn du meinst…", erwiderte Rokko sichtlich enttäuscht.
„Hey Rokko! Lange nicht gesehen", begrüßte Bruno seinen Freund und setzte sich neben ihn an die Bar. „Na du treulose Tomate. Du meldest dich ja auch nicht mehr." – „Ach, du kennst das – viel zu tun, wenig Zeit…" – „Hm, Stress auf Arbeit, Probleme mit der Mitbewohnerin…", ergänzte Rokko. „Woah, Probleme mit Lisa? Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Was hast du denn angestellt?" – „Ich habe ihr ein Date vermasselt." – „Lisa hat Dates?", lachte Bruno. „Aber sie ist doch der friedlichste Mensch auf Erden, das hat sie dir doch sicher schon verziehen." – „Naja, sie sagt, es sei okay, aber als ich sie hierher eingeladen habe, hat sie abgelehnt", gestand Rokko zerknirscht. „Das ist noch lange kein Grund, die Öhrchen hängen zu lassen. Lisa ist trotz allem eine hoffnungslose Romantikerin und mag es lieber… naja, intim familiär würde ich jetzt mal sagen. Diese Wumm-Wumm-Wumm-Mucke hier und die vielen unbekannten Menschen, das ist einfach nichts für sie." – „Aber für mich ist das genau richtig so wie es ist", entgegnete Rokko trotzig. „Ist eine gute Flucht, oder? Ich meine, dann musst du dich nicht mit den Verlusten der letzten Monate auseinandersetzen", analysierte Bruno. „Hallo, einsamer Fremder, Lust zu tanzen?", wandte eine dunkelhaarige Schönheit sich an Rokko. „Siehst du nicht, dass wir uns unterhalten?", fuhr Rokko sie an. Amüsiert zog die junge Frau die Augenbrauen hoch. „Ich sehe nur einen gut aussehenden Mann, der sich seit einer Ewigkeit an einem Drink festhält." Rokko drehte sich zu Bruno um und musste feststellen, dass dieser nicht mehr an seinem Platz saß. „Alter Schlawiner", grinste er. „Als bräuchte ich wirklich freie Bahn… Okay, lass uns tanzen."
„Boah, das war geil", lachte Rokkos jüngste Eroberung. „Ja, das war es", keuchte Rokko erschöpft. „Gib mir fünf Minuten, um mich zu erholen und dann mache ich uns Frühstück."
Auf der anderen Seite der Wand lag Lisa seit Stunden wach und ärgerte sich über die Lärmbelästigung. „Das ist doch wirklich die Höhe", grummelte sie vor sich hin. Churchill legte seine Schnauze beruhigend auf ihren Bauch. „Du bist der einzig treue Mann in meinem Leben", seufzte Lisa und strich dem Bernhardiner über den Kopf.
„Joghurt, lecker", freute sich Jessica. „Den kannst du nicht haben, das ist Lisas Lieblingssorte", meinte Rokko und nahm der jungen Frau den Becher ab. „Lisa, so so", schmunzelte sie. „Du hättest wirklich mehr Kaffeepulver in diese Plürre tun können", kritisierte Jessica ihren Morgentrunk. „Lisa trinkt ihn gerne so. Mit zwei Stück Zucker und etwas Milch." – „Ja, Lisa mag ihren Kaffee so, ich mag meinen Kaffee gerne stark und schwarz." – „Guten Morgen", meldete sich Lisa schlecht gelaunt zu Wort. „Stehst du schon lange da?", fragte Rokko. „Nein, ich bin gerade erst aufgestanden. Wach bin ich allerdings schon länger", fügte sie spitz hinzu. „Ups, da waren wir wohl etwas zu laut", kicherte Jessica ausgelassen. „Hier, so wie du deinen Kaffee gerne hast", kündigte Rokko an und hielt Lisa eine Tasse hin. „Danke", quittierte Lisa diese Geste. „Und ein belegtes Brötchen – mit der Erdbeermarmelade deine Mutter…" – „… wie du es gerne hast", vervollständigte Jessica gereizt. „Ihr habt einen Hund?", fragte sie mit einem Blick auf Churchills Näpfe. „Ja, habe ich", knurrte Lisa und betonte den Umstand, dass Churchill ihr gehörte. „Meine Schwester hat auch einen, der trägt bei diesem Wetter dieses entzückende kleine Mäntelchen…", plapperte Jessica gut gelaunt. „Churchill würde diesen Mantel vermutlich zum Frühstück verputzen – samt Inhalt und immer noch Hunger haben", brummte Lisa, ohne von ihrer Tasse aufzusehen. „Churchill ist ein Bernhardiner", griff Rokko erklärend in das Gespräch ein. „Und meine Mitbewohnerin ist normalerweise nicht so schlecht drauf. Schlafmangel würde ich mal tippen, da ist sie schon mal grummelig." – „Du musst ja wissen, wie ich drauf bin, wenn ich schlecht geschlafen habe – immerhin bist du ja immer der Grund dafür", funkelte Lisa ihn böse an. „Sagt mal, führt ihr so etwas wie eine offene Beziehung? Oder wolltest du nur mal für einen Dreier vortesten?" – „Gibt es Sie auch in intelligent?", zischte Lisa und erhob sich. „Ich gehe duschen", verkündete sie. „Ui, ein schwerer Fall von PMS, so bin ich auch immer drauf kurz vor dem monatlichen Besuch." Lisa atmete tief durch, um nicht komplett auszurasten und verließ wortlos den Raum. „Was sollte denn das, Jessica?", fragte Rokko die junge Frau vorwurfsvoll. „Glaub mir, eine Frau ist in den Tagen vor den Tagen nicht sie selbst." – „Das meine ich nicht. Was sollte diese Bemerkung über den Dreier?" – „Zwischen euch, da gibt es so eine… wie soll ich sagen? Anziehung. Das kann ich genau spüren. Du mit deinem ‚Lisa hier, Lisa da'-Gefasel und sie mit dieser Eifersucht in den Augen. Glaub mir, wenn Blicke töten könnten, wäre ich jetzt eine tote Frau." Jessica goss ihren Kaffee in die Spüle. „Du bist wirklich schnuckelig und ein wirklich guter Liebhaber, aber das ist mir zu strange. Du kannst dich ja gerne bei mir melden, wenn du dich gegen Lisa entschieden hast, aber ich bin für keine Spielart zu dritt zu haben." Fassungslos sah Rokko dabei zu, wie Jessica ihre Sachen nahm und ging.
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