22.
„Kannst du mir mal sagen, was mit dir los ist?", bestürmte Rokko Lisa, als diese aus dem Badezimmer kam. „Was soll denn mit mir sein?" – „Warum bist du so schlecht drauf?", verlangte Rokko zu wissen. Lisa zog ihr Badehandtuch fester um ihren Körper und funkelte ihn böse an. „Ich war ziemlich gut drauf, bis ihr heute früh um 4 Uhr in die zweite Runde gegangen seid." – „Ach darum geht's", erwiderte Rokko und eilte Lisa hinterher. In ihrem Zimmer angekommen riss Lisa sich das Handtuch vom Kopf und warf es achtlos auf das Bett. „Du bist neidisch", stellte Rokko fest. „Worauf denn neidisch? Darauf, dass sie die gesamte Nachbarschaft zusammengeschrieen hat? Du kannst es dir vielleicht nicht vorstellen, aber ich habe auch schon so geschrieen – allerdings war das, als mir die Weisheitszähne gezogen wurden und das mit der Betäubung nicht richtig geklappt hat." Rokko rang sich ein verächtliches Lachen ab. „Dann hat sie mir eben etwas vorgemacht. Weißt du, wie egal mir das ist? Ich hatte meinen Spaß." Lisa kam hinter der Tür ihres Schrankes hervor und hielt Rokko zwei Kleider hin. „Das türkise", beantwortete er ihren fragenden Blick. „Und dazu deinen cremefarbenen Blaser." Lisa warf beides auf das Bett und ging zu ihrer Kommode herüber, um hektisch nach Unterwäsche und Strümpfen zu suchen. „Mag sein, dass du Spaß hattest, aber…" – „Weißt du was? Ich gehe nachher einkaufen. Soll ich dir Batterien mitbringen?", fragte Rokko angriffslustig. „Batterien?" – „Was kommt in so einen Vibrator rein? AA oder AAA?" Entrüstet schnappte Lisa nach Luft. „Bis eben hätte ich ja gesagt, dass du so eine ordinäre… Person wie diese… diese Jessica nicht nötig hast, aber… jetzt? Ihr habt euch echt verdient." – „Wieso machst du mir deswegen eigentlich so eine Szene? Es geht dich nichts an, mit wem ich die Nächte verbringe." – „Das stimmt, das geht mich nichts an, aber ganz ehrlich, du hast eine verdient, die… die besser ist… naja, mehr so wie… wie…" – „Mehr so wie du?", hakte Rokko nach. „Ich bin es leid, mit deiner Schranktür zu reden", platzte es ungehalten aus ihm heraus. „Ich sehe die Leute gerne, mit denen ich mich streite." Lisa trat hinter ihrer Schranktür hervor. „Ich bin ja schon fertig. Mach mir mal den Reißverschluss zu", verlangte sie von Rokko. Dieser tat, worum sie ihn gebeten hatte. Bis auf den Streit war ja auch alles wie immer. „Du hast mir nicht geantwortet", stellte er fest. „Du willst jemanden an meiner Seite ist, der mehr so ist wie du?" Lisa schnappte sich ein paar Gegenstände, die sie hektisch in ihre Handtasche stopfte. „Ich muss…" – „… zur Arbeit", vervollständigte Rokko. „Und wieder bist du auf der Flucht. Du könntest wenigstens auf meine Frage antworten. Ja oder nein?" – „Churchill, komm!", rief Lisa. „Ich muss wirklich los." – „Du bist so vorhersehbar", meinte Rokko verächtlich. „Und das ist langweilig. Ich will keine langweilige Frau an meiner Seite. Ich will keine, die…" – „Aber eine mit Hirn wäre zur Abwechslung mal ganz nett", zischte Lisa aggressiv, um zu überspielen, wie sehr sie Rokkos Worte verletzt hatten. „Hirn ist aber nicht alles." – „Titten auch nicht", konterte sie gereizt. „Wenn das nächste Mal die Frage steht: ‚Zu dir oder zu mir?', dann verschwende eine Sekunde deiner wertvollen Zeit damit, an deine Mitbewohnerin zu denken, die nicht so auf Passiv-Sex steht." Lisa eilte in den Flur und leinte Churchill an. „Übrigens AA und davon vier." Rokko sah seine Mitbewohnerin perplex an. „Für den Vibrator. Du glaubst doch nicht, dass ich so leicht zu befriedigen bin." – „Oh, an der Retourkutsche hast du aber lange gearbeitet, wa?", funkelte Rokko sie an. „Ja, aber zumindest hatte ich das letzte Wort." – „Wenn du meinst." – „Ja, meine ich." – „Schön." – „Gut." – „Wunderbar." – „Ich muss los. Wir sehen uns in der Firma." Kaum hatte Lisa sich verabschiedet, fiel die Tür auch schon vor Rokkos Nase ins Schloss. „Na aber sicher doch", grinste er vor sich hin.
„Morgen Jürgen! Einen Kaffee bitte", verlangte Rokko kurze Zeit später. „Oh, die persona non grata des Morgens", grinste der Angesprochene. „Lisa war schon hier?" – „Das könnte man so sagen. Sie ist hier durchgerauscht wie Hurrikan Katrina", lachte Jürgen. „Dann weißt du schon, was passiert ist?" – „Ja. Und jetzt willst du von mir wissen, wie du Lisa wieder besänftigen kannst", schlussfolgerte Jürgen. „Nee, das weiß ich selbst. Ich meine, wozu bin ich denn so kreativ? Sag mir lieber, was mit Lisa los ist." – „Das weißt du nicht?", fragte Jürgen kopfschüttelnd. „Nein, keine Ahnung. Wirklich." – „Hm, überleg doch mal. Du bist ein Mann, sie ist eine Frau, ihr lebt auf engem Raum zusammen, sie reagiert eifersüchtig auf deine Übernachtungsgäste…" – „Sie ist in mich verliebt? Hat sie das gesagt?" – „Gesagt hat sie gar nichts, aber ich kenne das Spiel schon: ‚David ist ein Arsch, David ist ein Mistkerl… David hat gefragt, ob ich ihn heirate und ich habe ja gesagt.' Tja, heute früh hieß es dann ‚Rokko hat mich vorhersehbar genannt und langweilig und unbefriedigt." – „Ich habe sie nicht unbefriedigt genannt." – „Ihr anzubieten, Batterien für ihren Vibrator mitzubringen, kommt dem aber sehr nahe. Und Lisa ist alles Mögliche, aber bestimmt nicht langweilig. Das zeigt doch nur, dass du dir noch nicht die Mühe gemacht hast, sie richtig kennen zu lernen." Rokko stellte seine Kaffeetasse auf den Tresen und sah Jürgen verzweifelt an. „Scheiße, was mache ich denn jetzt?" – „Hm, du könntest dir Gedanken darüber machen, was du für Lisa fühlst." – „Da muss ich nicht lange drüber nachdenken. Gar nichts, ich fühle gar nichts für sie. Ja, sie ist eine tolle Mitbewohnerin und eine tolle Chefin und…, aber wir passen doch so gar nicht zusammen… also, Lisa und ich, meine ich." – „Für mich klingt das nicht nach gar nichts, aber tu mir, dir und vor allem Lisa einen Gefallen: Sei ehrlich zu ihr. Lisa zusammen zu puzzeln, wenn ihr mal wieder jemand eine reingewürgt hat, gehört nicht gerade zu meinen Lieblingsaufgaben." Rokko atmete tief durch. Gedankenverloren wanderte sein Blick durch den Raum und blieb an einem jungen Mann hängen, der gerade vor dem Kiosk entlangging. „Da ist ein Freund von mir. Ich gehe kurz raus und sage ‚Hallo'." – „Ist gut", meinte Jürgen verwundert, denn er sah niemanden.
„Hey Bruno! Hast du vielleicht mal eine Minute vor mich?", sprach Rokko den jungen Mann vor dem Kiosk an. „Ja, klar. Was gibt es denn?" – „Kommst du mit rein? Drinnen gibt es Kaffee und…" – „Nee, mir ist nicht nach Kaffee. Mir ist eher nach frischer Luft. Ich bin noch ein bisschen verkatert von letzter Nacht." – „Okay, ist gut. Lass uns ein Stück spazieren gehen." Auf der anderen Seite des Kioskfensters stand Jürgen und betrachtete verwirrt, wie Rokko auf der Straße Selbstgespräche führte. „Und da sage doch einer, er würde nicht zu Lisa passen", schmunzelte er.
„Also für mich klingt das, als wäre das so eine reziproke Geschichte", schlussfolgerte Bruno, als Rokko sich alles von der Seele geredet hatte. „Hast du mir überhaupt zugehört?", echauffierte Rokko sich. „Ich sagte, dass sie eine nette Frau ist, aber… ich bin nicht verliebt, außerdem will ich nichts Festes." – „Das hast du gesagt – mit deinem Mund, aber deine Augen sagen etwas ganz Anderes." Rokko sah seinen Freund fragend an. „Naja, wenn du ‚Lisa' sagst, dann glänzen deine Augen. Das tun sie bei Jessica, Soraya und wer auch immer Nebenrollen in deiner persönlichen Soap Opera spielt nicht." – „Danke, Doktor Freud, Sie sind wie immer eine große Hilfe", lachte Rokko. „Du wolltest meine Meinung hören und ich denke, du liebst sie. Ehrlich gesagt, das freut mich für sie. Nachdem das mit David… Naja, sie hat es einfach verdient, wieder glücklich zu sein." – „Aber es geht nicht nur um sie. Ich meine, irgendwie muss ich mich dabei doch auch gut fühlen, oder?" – „Ja, das solltest du. Du musst eh langsam mal zur Ruhe kommen. Ja, klar, der Tod deines Babys und der Selbstmord dieser Verena, das hat dich alles mitgenommen, aber sehnst du dich manchmal nicht danach… naja, nach Wärme und Nähe und Liebe und nicht nur nach…" – „Ficken?" – „Das hast du gesagt, aber ja, nach Sex." – „Vielleicht hat Jürgen Recht und ich sollte mir die Mühe machen, Lisa richtig kennen zu lernen. Dann kann ich herausfinden, wie ich wirklich für Lisa empfinde." – „Das ist ein guter Plan", grinste Bruno. „Musst du heute gar nicht arbeiten?" – „Oh doch, Mist. Heute kommen doch diese Finnen für eine Vorabpräsentation." Rokko schlug Bruno freundschaftlich auf die Schulter, bevor er eilig davon sprintete.
„Lisa?", fragte David den Kopf in Lisas Büro steckend. „Die Finnen sind da und sie wollen nur mit dir sprechen." Seufzend erhob Lisa sich. „Na dann, hoffentlich sind sie nicht enttäuscht, weil ich heute nicht aussehe wie eine Presswurst." – „Du siehst toll aus. Jeder, der da enttäuscht ist, wäre ein Banause." – „Sehr nett, David", lachte Lisa. „Den Wodka habe ich übrigens schon kalt stellen lassen", scherzte er. „Dann ist ja alles perfekt vorbereitet. Wo sind sie denn? In deinem Büro?" – „Nein, die sitzen schon im Foyer und warten darauf, dass es anfängt."
„Frau Plenske", begrüßte einer der finnischen Geschäftmänner Kerimas Chefin. „Es ist meine Freude, Sie wieder zu sehen", fuhr er in einem breiten Akzent fort. „Mir auch. Es freut mich, Sie hier begrüßen zu dürfen. Wir können auch gleich anfangen." – „Sehr gerne. Aber wir haben kleines Gastgeschenk für Sie", lachte der Geschäftsmann und hielt Lisa eine Geschenktüte hin. „Hineinsehen, bitte." Lisa machte sich sofort daran, den Inhalt zu Tage zu fördern. „Wodka?", lachte sie. „Das wird mir wohl ewig nachhängen." In diesem Moment stieg Rokko aus dem Fahrstuhl und erblickte Lisa sofort. Wie hübsch sie aussah, wenn sie lachte. „Ist Rokko gar nicht im Haus?", wandte Lisa sich an David. „Ich habe ihn heute noch nicht gesehen. Solltest du nicht wissen, wo er ist?" – „Ich bin hier", erklang Rokkos Stimme. Nach wenigen Schritten stand er neben seinen Kollegen. „Darf ich vorstellen: Rokko Kowalski, der neue PR-Mann", wandte Lisa sich an ihre Geschäftspartner. „Freut, freut", lachte einer der Finnen. „Ebenso", meinte Rokko und schüttelte die ihm hingehaltenen Hände. „Können wir dann?", fragte er Lisa distanziert. „Ja, lass uns anfangen."
„Sieht nach Wolken im Paradies aus", raunte Richard David zu, als die Präsentation zu Ende war. „Bitte?", hakte dieser irritiert nach. „Na Kowalski und die Plenske. Selbst ich habe gemerkt, dass da Eiszeit herrscht. Das könnte unsere Chance sein." – „Chance? Wofür?" – „Bist du heute besonders schwer von Begriff? Für die Kerima-Übernahme. Du weißt selbst am besten, wie persönliche Probleme einen aus der Bahn werfen können." – „Ich bin mir gar nicht so sicher, ob ich das noch will", gestand David. „Ich rede von Kerima, nicht von deiner Rache. Naja, wer nicht will, da hat schon. Ich behalte das auf jeden Fall im Auge. Diese Chance geht nicht ungenutzt an mir vorbei."
3
