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24.

„Kerle!", drang plötzlich eine erboste Stimme zu Lisa durch. „Bitte?", fragte sie und sah auf. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass jemand sich zu ihr auf die Parkbank gesetzt hatte. „Kerle… der Grund, warum Sie hier sitzen und heulen. Sie bauen nur Mist", plusterte die junge Frau sich auf. Churchill, der eben noch ausgelassen mit einem Terrier getobt hatte, kam auf Lisas Bankbekanntschaft zu gerannt und beschnupperte sie intensiv. „Hallo Churchill, du kannst dich ja noch an mich erinnern. Dein Frauchen ja nicht." Lisa musterte die Frau und da fiel es ihr ein. „Ähm, doch klar. Die Wiese hinter dem Friedhof. Ihre Tochter heißt Anna-Lena und kam viel zu früh zur Welt." – „Genau. Wollen Sie mir verraten, was der Typ gemacht hat, damit Sie sich Ihre schönen blauen Augen ausheulen?" – „Schöne blaue Augen – das hat er auch gesagt." – „Wer?" – „Mein Mitbewohner. Ich habe aber auch ein Talent, mich in Mistkerle zu verlieben. Rokko… also, so heißt mein Mitbewohner… er ist ein wirklich toller Mann. Ich meine, er hat Humor, er sieht gut aus, er ist sensibel, auch wenn er das selten zeigt und er hat mehr wechselnde Geschlechtspartnerinnen als die katholische Kirche Mitglieder." – „Oh. Und? Gehören Sie jetzt auch dazu?" – „Ich bin Protestantin." – „Das meine ich nicht", lachte die Frau. „Irgendetwas ist mit mir durchgegangen. Wie er mich angesehen hat und wie nah er bei mir stand – ich habe einfach die Kontrolle verloren. Ich wollte das so sehr und ich wollte ihn, ihm plötzlich ganz nahe sein, ihn spüren… Sie wissen schon." – „Klingt bis jetzt ganz gut." – „Hm, ich sage nur Küchenschrank." – „Oh." – „Hm. Wieso erzähle ich Ihnen das eigentlich?" – „Weil sonst keiner da ist, um Ihnen zuzuhören", meinte die rotblonde Frau trocken. „Vielleicht hilft es Ihnen, wenn ich Ihnen das Du anbiete. Ich bin Verena." – „Lisa." – „Du bist also in deinen Mitbewohner verliebt und du hast mit ihm geschlafen – okay, der Ort ist jetzt eher so lala gewesen, aber ansonsten… Solltest du jetzt nicht eigentlich glücklich sein?" – „Bin ich aber nicht, weil… weil… ach, Rokko kann doch niemanden lieben. Gestern hat er mich langweilig genannt und heute eine Enttäuschung." – „Ach, Kerle", seufzte Verena. „Ja, Anna-Lena", beruhigte sie das wimmernde Kind im Kinderwagen. „Komm mal zur Mama", säuselte sie. „Tja, was lernen wir daraus?", wandte sie sich dann an Lisa. „Kerle sind nur gut, wenn man eine kleine Anna-Lena will, ansonsten ist man besser ohne dran." Lisas Augen weiteten sich entsetzt. „Scheiße", entfuhr es ihr ungewohnt heftig. „Was denn?" – „Wir… wir haben nicht verhütet", stammelte sie entsetzt. Hilflos zuckte Verena mit den Schultern und versuchte, Anna-Lena dazu zu bewegen, ihren Schnuller im Mund zu behalten. „Und nun?", fragte Lisa mit einem panischen Zittern in der Stimme. „Abwarten, vielleicht ist ja nichts passiert", entgegnete Verena pragmatisch. „Nee, nee, das ist mir zu unsicher. Ich gehe jetzt sofort ins Krankenhaus." – „Und was willst du da?" – „Na die Pille danach, was glaubst du denn? Churchill, komm, wir gehen." – „Ähm, wenn du Hilfe brauchst oder so…" – „Nee, lass mal danke."

„Lisa! Churchill!", rief Rokko durch den Park laufend. Wo konnten die beiden denn nur sein? „Aua", empörte er sich, als er mit jemanden zusammengestoßen war. „Mich umrennen und dann Aua brüllen – so habe ich das gerne", lachte eine ihm gekannte Stimme. „Bruno, hey, was machst du denn hier?" – „Das habe ich dir schon mal gesagt: Ich bin immer da, wo ich gebraucht werde. Und du? Was machst du hier?" – „Ich suche Lisa. Ich muss unbedingt mit ihr reden. Sie hat da etwas total missverstanden und… ach Scheiße. Mein Leben muss sich für verdammt witzig halten." – „Wieso? Was ist passiert? Komm, hier ist eine Bank, setz dich und schütte mir dein Herz aus." Seufzend ließ Rokko sich auf die Sitzgelegenheit fallen. „Verdammt, ich habe mit Lisa geschlafen", presste er resigniert heraus. „Und das war so mies, dass sie weggelaufen ist?" – „Nein, es war sogar sehr schön… ein bisschen stürmisch vielleicht, aber… naja, aufschlussreich." – „Aufschlussreich?", hakte Bruno nach. „Naja, ich habe vorher mit Lisa gefrühstückt und mich richtig nett mit ihr unterhalten. Weißt du, wie süß sie ist, wenn sie sich diskret zur Seite dreht und ihre Zahnspange rausnimmt und so tut, als wäre nichts gewesen?" – „Wenn du meinst…", erwiderte Bruno irritiert. „Ja, meine ich. Überhaupt habe ich beim Frühstück gemerkt, dass sie etwas ganz Besonderes ist. Sie lächelt so süß und sie lacht so herzlich und überhaupt ist sie ganz wundervoll. Eigentlich wollte ich wissen, ob sie in mich verliebt ist und dabei habe ich ihr in die Augen gesehen. Da hat es ‚Wummmm!' gemacht. In dem Moment habe ich gewusst, dass meine Frage eigentlich eine Feststellung gewesen ist – nicht: Bist du in mich verliebt?, sondern: Ich bin in dich verliebt." – „Und dann?" – „Dann habe ich ihr die Klamotten vom Leib gerissen und sie auf der Küchenzeile genommen. Das war so ziemlich das falscheste, was ich machen konnte." – „Falsch ist nicht steigerbar – so wie tot, krank, einzig. Falsch ist quasi ein Endzustand und deshalb kannst du nicht ‚falscher' oder ‚falschest' sagen." – „Danke für die Grammatiklektion. Vorwürfe könnte ich jetzt eh nicht gebrauchen", schmunzelte Rokko. „Ich werde dir keine Vorwürfe machen. Warum auch? Du bist mir in dieser Angelegenheit ziemlich egal", zuckte Bruno mit den Schultern. „Aber Lisa nicht. Sie ist mir wichtig und ich finde, du könntest jetzt den Hintern hochkriegen und sie endlich finden." Rokko sprang auf. „Richtig, deswegen bin ich ja in den Park gekommen. Hilfst du mir beim Suchen?" – „Nein", lehnte Bruno kategorisch ab. „Ich habe etwas vor." Rokko zuckte mit den Achseln und ging los.

„Hallo, einsamer Fremder. Auch noch etwas zu erledigen, bevor du gehen darfst?", drang Verenas Stimme zu Bruno durch. Dieser schenkte ihr ein breites Lächeln. „Ja, habe ich und du?" – „Na klar und so wie es aussieht, dauert das noch eine Weile." „Was ist dein Auftrag?" – „Ich muss einem aufgeblühten Mauerblümchen dabei helfen, wieder zu vertrauen. Und du?" – „Ich muss dafür sorgen, dass ein Westentaschencasanova die wahre Liebe erlebt." – „Und? Wie läuft's?", fragte Verena. „Zähflüssig. Die entscheidende Erkenntnis hatte er schon, aber die alleine ist nicht ausreichend." – „Pfüüüü", seufzte Verena. „Wem sagst du das. Wenn so ein Dickschädel sich erst einmal in einer fixen Idee verrannt hat…" – „Darf ich mir dein Baby mal ansehen?" – „Ja klar, aber mach leise, sie schläft gerade." – „Wow, sie sieht aus wie ein Engel", lachte Bruno. „Dann hast du sie noch nicht schreien gehört", kicherte Verena zurück.

„Frau Plenske, ich gebe die Pille danach nur sehr ungern. Das sollte wirklich die Ausnahme bleiben, verstehen Sie mich?" – „Ja, Herr Doktor", antwortete Lisa. „Wann waren Sie denn das letzte Mal zur Vorsorgeuntersuchung?" – „Ö… pfüüü… ähm", druckte Lisa herum. „Es ist also lange her", schlussfolgerte der Arzt. „Gut, also, als erstes bekommen Sie von mir das Medikament. Einen Vortrag über Verhütungsmethoden verkneife ich mir jetzt – Sie sind ja erwachsen und kennen die Risiken von ungeschütztem Geschlechtsverkehr. Ich rate Ihnen allerdings dringend, wieder einmal zur Krebsvorsorge zu gehen. Dort können Sie dann auch gleich mit Ihrem Gynäkologen über eine reguläre Empfängnisverhütung zu sprechen." – „Ja, ist gut." – „Tasten Sie regelmäßig Ihre Brust ab?" – „Ähm, nein, wieso?" – „Um Veränderungen festzustellen. Ich geben Ihnen dieser Broschüre hier. Das ist wirklich wichtig – egal, ob Sie Stress im Job haben oder Liebeskummer… Ihre Gesundheit ist wichtig." Lisa nahm entgegen, was der Arzt ihr hinhielt. „Ich wünsche Ihnen alles Gute, Frau Plenske." – „Danke."

„Seidel", meldete David sich abgehetzt am Telefon. Er war gerade auf der Treppe, als er das Telefon in seiner Wohnung hatte klingeln hören. „Hallo David, hier ist Lisa. Ich habe da mal eine Bitte an dich." – „Was ist?" – „Ich bin in der Notaufnahme und es geht mir nicht so gut. Könntest du Churchill und mich bitte abholen und nach Hause bringen?" – „Klar mache ich das. In welchem Krankenhaus bist du denn?"

„David, darf ich dich mal etwas fragen?", wandte Lisa sich schwach an ihren Fahrer. „Was denn?" – „Wie war ich? Also im Vergleich zu deinen anderen Frauen?" David schnaufte erstaunt. „Ähm, ja… also." – „Im Bett, ich meine, wie war ich im Bett im Vergleich zu anderen Frauen?" – „Lisa, das mit Elvira hatte nichts mit dir und deinen… ähm… Fähigkeiten zu tun." – „David, es geht ausnahmsweise mal nicht um dich – du glaubst doch nicht, dass ich noch darüber nachdenke, warum das mit uns nicht geklappt hat…" – „Warum hat es denn dann nicht geklappt?" – „Vermutlich hat es einfach nicht sollen sein. Vielleicht sind wir doch zu verschieden. Öahh, könntest du mal kurz anhalten? Mir ist irgendwie schlecht." Sofort lenkte David an den Straßenrand und sah ähnlich irritiert wie Churchill aus der offenen Tür dabei zu, wie Lisa sich in einen Blumenkübel übergab. „So, jetzt geht es mir besser", verkündete Lisa, als sie wieder ins Auto stieg. Sie strich Churchill über den Kopf, der zwischen den beiden Vordersitzen hindurchguckte. „Sag mal, David, wie lange muss man eigentlich auseinander sein, bis man sich wieder verlieben darf?" – „Ich glaube, da gibt es keine Begrenzung. Manche verlieben sich, während sie noch in einer Beziehung stecken. Denk doch nur mal an Mariella." – „Hmm." – „Hast du dich denn wieder verliebt?", fragte David vorsichtig, während er gebannt die Ampel vor sich beobachtete. „Hmm." – „Darf man auch erfahren, wer?", hakte er. „Ach eigentlich auch nicht weiter wichtig, das habe ich eh vermasselt, so wie ich immer alles vermassle." – „Kowalski?" – „Bitte?" – „Du hast dich in Kowalski verliebt", sagte David Lisa auf den Kopf zu. „Hmm." – „Und er?" – „Hält mich für ungenügend." – „Was für ein Ignorant. Vergiss ihn, dann hat er dich nicht verdient." Seufzend rutsche Lisa tiefer in den Sitz.

„Herr Seidel", grüßte Rokko überrascht, als er die Stufen zu seiner Wohnung hinaufstieg. „Kowalski", grüßte David knapp zurück. „Ist Lisa wieder da? Ich habe sie überall gesucht." – „Und offensichtlich nicht gefunden", stellte David gereizt fest. „Sie hat mich angerufen, um sie abzuholen. Was sagt uns das?" Rokko zuckte mit den Achseln. „Dass ich immer noch Ansprechpartner Nummer 1 bin. An Ihrer Stelle würde ich mich ins Zeug legen. Wenn mich diese Frau so lieben würde, dann…" – „Das hat sie und Sie haben es ihr damit gedankt, indem Sie Ihre Assistentin flachgelegt haben." – „Zumindest habe ich Lisa nicht gesagt, dass sie eine Null im Bett ist." – „Das habe ich auch nicht", wunderte Rokko sich. „Ich gehe jetzt rein und rede mit ihr. Guten Abend, Herr Seidel."

„Lisa?", fragte Rokko, als er die Wohnung betrat. „Ich habe dich überall gesucht. David hat mir gerade auf der Treppe etwas gesagt – Lisa, ich glaube, wir müssen ganz dringend reden. Lisa?" Rokko verstummte, als er in die Küche kam und Lisa auf dem Sofa schlafend fand. Churchill lag auf ihren Beinen und hatte seinen gewaltigen Kopf auf ihre Taille gelegt. Einen Moment lang betrachtete Rokko die Szene und machte dann einen Schritt auf die Schlafende zu. Alarmiert hob Churchill den Kopf und knurrte bedrohlich. „Woah, Churchill, alter Freund, was ist denn los?" Der Bernhardiner fletschte die Zähne. „Ey, du machst mir richtig Angst. Ich weiß ja, dass ich Mist gebaut habe, aber ich liebe dein Frauchen wirklich und wenn sie wieder wach ist, dann kläre ich das gleich mir ihr." Rokko streckte Churchill die Hand entgegen, um den Hund zu besänftigen. Er schnüffelte kurz daran und legte seinen Kopf wieder auf Lisas Taille. Rokko ging vor dem Sofa in die Knie. Sanft strich er Lisa die Haare aus dem Gesicht. „Ich liebe dich", flüsterte er.

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