4

25.

Heißes Wasser perlte über Lisas Körper. Ich liebe dich. Das waren seine Worte gewesen. Irgendwo zwischen Küche und Bad hatte er ihr das an den Kopf geknallt. Wenn sie nicht schon wieder auf der Flucht gewesen wäre, dann wäre die Liebeserklärung auch nicht so… so… so steril gewesen. „Das sagst du doch jetzt nur, damit ich mich nicht von der nächsten Brücke stürze." In Rokkos Augen hatte sie gelesen, das ihre Worte ihn verletzt hatten. Hatte er wirklich erwartet, dass sie ihm diese unerwartete Liebeserklärung abkaufen würde? Nachdem er den Sex mit ihr enttäuschend genannt hatte? „Pfff", seufzte Lisa. „Wieso verflucht noch mal kann ich nicht einfach meine Hand nach ihm ausstrecken und darauf vertrauen, dass er sie nicht weg schlägt?" Gedankenverloren griff Lisa nach dem Duschgel. Wie gut das doch roch! Genüsslich seifte sie sich ein. Was hatte der Arzt im Krankenhaus doch gleich gesagt? Man sollte sich regelmäßig die Brust abtasten. Ach nee, besser nicht. Obwohl… laut Broschüre war das doch gar nicht so schwer. Lisa stellte das Duschgel wieder an seinen Platz und fuhr dann mit ihrer Hand über ihre linke Brust. Fühlte sich normal an. Dann rechts… alles okay… Halt! Was war das? Immer wieder kreisten Lisas Finger um diese eine Stelle. Fühlte sich an, als wäre da ein winziges Gummibärchen eingeschlossen. War das vielleicht…? Allein bei dem Gedanken lief es Lisa heiß und kalt den Rücken runter. „Lisa? Brauchst du noch lange? Ich lege ja nicht so großen Wert auf warmes Wasser, aber ich habe gleich ein Gespräch mit diesem Moderedakteur und wenigstens Zähne putzen sollte ich", rief Rokko von draußen. Ohne etwas zu erwidern drehte Lisa das Wasser ab, wickelte sich in ein Handtuch und verließ das Bad. „Du siehst blass aus", stellte Rokko besorgt fest. „Dann sieh nicht hin, wenn dich das so stört", fauchte Lisa zurück. „Es stört mich nicht, es macht mir Sorgen. Es ging dir das ganze Wochenende schlecht. Man wird ja wohl noch fragen dürfen…" – „Das sind die Nebenwirkungen der Pille danach. Irgendwer musste ja die Verantwortung für unser Stelldichein übernehmen." – „Oh", meinte Rokko betreten. „Und wann genau wolltest du mir das sagen?" – „Gar nicht. Das geht dich nichts an." – „Ich finde schon. Ich hätte…" – „Was hättest du?" – „Dich aus dem Krankenhaus abholen können, zum Beispiel. Mich geht das immerhin mehr an als David." – „David hat damit nichts zu tun." – „Eben." – „Er hat mich bloß nach Hause gefahren, mehr nicht. Wolltest du nicht Zähne putzen, um zu deinem Termin pünktlich zu sein?" Rokko seufzte. „Ja, wollte ich. Schaffen wir es eigentlich, irgendwann mal vernünftig miteinander zu reden?" – „Vielleicht", erwiderte Lisa leise. „Aber nicht heute, ich muss ganz dringend wo hin. Ich komme auch nicht in die Firma, okay?"

„So, Frau Plenske, bevor ich jetzt Ihre Brust abtaste, würde ich mich noch ganz gerne mit Ihnen über die Pille danach unterhalten", kündigte die Frauenärztin an. „Das war ein Notfall", verteidigte Lisa sich. „Ich schätze, das hat der Kollege im Krankenhaus Ihnen auch schon gesagt. Wie sind Sie denn damit zurecht gekommen?" – „Ging so. Mir war ziemlich schlecht und schwindlig. Durchfall hatte ich auch. Es war eigentlich mehr wie eine Magen-Darm-Grippe." – „Haben Sie sich übergeben?" – „Ja, mehrmals sogar." – „Oh. Wie viel Zeit lag denn zwischen der Einnahme und dem ersten Übergeben?" – „So 45 Minuten, vielleicht eine Stunde. Ich kann es nicht so genau sagen." Unzufrieden verzog die Ärztin das Gesicht. „Das ist ein bisschen knapp", murmelte sie. „Müsste aber gereicht haben. Ähm, sind Sie nüchtern?" – „Ich habe ein bisschen Zwieback zum Frühstück gegessen. Das war so gegen 7 Uhr." – „Okay, dann geht es nicht. Sie kommen dann einfach morgen noch mal, dann nüchtern und wir nehmen Blut, ja?" Lisa nickte verängstigt. „Gut, dann schlage ich vor, Sie machen sich jetzt frei, Frau Plenske und ich taste den Knoten erstmal ab, von dem Sie gesprochen haben."

„Ja, das ist eindeutig eine Veränderung. Das muss jetzt aber noch nicht das schlimmste bedeuten. Es könnte sich um eine verdickte Milchdrüse handeln oder einen Lymphknoten." Lisa sah an sich herab. „Lymphknoten? Da? Sind die nicht eher hier?" Lisas Hand fuhr über die Stelle, an der sie ihre Lymphknoten vermutete. „Das ist schon richtig, aber Sie sind auch keine Blaupause der Idealanatomie aus Ihrem Biobuch. Ich schlage Ihnen vor, dass Sie sich für morgen frei nehmen. Wir machen die Blutabnahme, die Mammographie und je nachdem, was man da sieht, auch gleich eine Biopsie." – „Biopsie?", fragte Lisa den Tränen nahe. „Solange mir das Knötchen nicht verrät, was es ist, müssen wir alle Untersuchungen machen", gab die Ärztin sich fröhlich. „Sie müssen aber keine Angst haben, das ist nicht so schlimm. Überhaupt sollten Sie sich jetzt nicht verrückt haben. Ein Knoten heißt nicht automatisch Brustkrebs und Brustkrebs ist in vielen Fällen auch kein Todesurteil. Sie haben doch selbst gesagt, dass Sie genetisch nicht vorbelastet sind." Lisa nickte schnell, aber ihr Blick war hohl. „Frau Plenske, wir machen das jetzt wie besprochen: Sie kommen morgen vor um 10 Uhr zur Blutabnahme, wir organisieren den Fahrdienst in Krankenhaus für die Mammographie. Ich kann Ihnen ein Infoblatt dazu mitgeben, wenn Sie sich irgendwie darauf vorbereiten wollen."

„Sabrina, Frau Plenskes Post", forderte Richard. „Was willst du denn mit den Briefen für die Planschkuh?" – „Lesen, was sonst?" – „Mal ehrlich, das ist nicht sehr geschickt, wenn du ihr ein Bein stellen willst." – „Du musst schon mir überlassen, was ich wie mache, liebe Sabrina. Frau Plenske kommt heute nicht zur Arbeit und für morgen hat sie sich auch krank gemeldet. Wir wollen doch nicht, dass etwas liegen bleibt. Wenn ich also bitten dürfte." Widerwillig händigte Sabrina einen Stapel Briefe aus. „Tja, bei der Hackfresse ist klar, warum die Leute der Plansche lieber schreiben als persönlich vorbeizukommen", kommentierte sie Richards erstaunten Blick. Wortlos drehte Richard sich um und wollte in sein Büro. Aufregt trippelte Sabrina hinter ihm her. „Was hast du denn jetzt vor, Richi?", säuselte sie. „Etwas, bei dem ich dich nicht gebrauchen kann", erwiderte Richard cool und knallte ihr seine Bürotür vor der Nase zu.

„Herein!", schnauzte er eine Stunde später. „Dir auch einen schönen guten Tag." – „David, was kann ich für dich tun?" – „Ich muss mit dir reden." Richard schnaufte – wie er solche Ankündigungen hasste. „Dann rede – immer frei heraus." – „Ich will, dass du Lisa in Ruhe lässt." – „Bitte?", fragte Richard perplex. „Ich will, dass du sie in Ruhe lässt." – „Und woher kommt dieser plötzliche Sinneswandel?" – „Ich hatte kürzlich ein gutes Gespräch mit Lisa. Sie hat es einfach nicht verdient, dass wir ihr alles nehmen." – „Ihr alles nehmen?", hakte Richard nach. „Ihr bleibt doch nach Brunos Tod nur noch Kerima." – „Du bist so ein rückgradloser Wurm", meinte Richard verächtlich. „Nein, ich habe mein Rückgrat gerade wieder gefunden", erwiderte David. „Wenn die Plenske dich hätte, dann könnten ich ihr Kerima nehmen und du hättest auch etwas davon." David schüttelte unmerklich den Kopf. „Darum geht es nicht und das ist jetzt auch bei mir angekommen. Lisa war eben einfach schneller über mich hinweg als ich über sie. Sie hat sich neu verliebt und dafür wünsche ich ihr nur das Beste." – „Schmalz", kommentierte Richard Davids Ansprache. Dieser dachte an das Gespräch mit seiner ehemaligen Verlobten und auch an Rokkos besorgten Blick, als er ihn im Hausflur getroffen hatte. Alleine bei dem Gedanken daran verkrampfte sich Davids Magen. Auf dem Nachhauseweg hatte er wieder und wieder darüber nachgedacht und ihm war langsam klar geworden, dass er versucht hatte, um Lisa zu kämpfen, obwohl der Kampf schon lange aus war. Jetzt galt seine einzige Sorge Richard – er musste ihn und seinen Kriegpfad stoppen. „Gib mir Lisas Post", verlangte David resolut. „Bitte?" – „Sabrina sagte, du hast Lisas Post und ich will sie haben", wiederholte David. „Es steht eh nichts Interessantes drin", erwiderte Richard und schob mehrere Bögen Papier über seinen Tisch. „Dann ist ja gut." David nahm die Papiere an sich und ging.

2