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26.

„Lisa, du hier? Um die Zeit?", wunderte Jürgen sich. „Es ist doch noch gar nicht Mittagspause bei Kerima…" – „Ich war heute noch nicht bei Kerima", gestand Lisa matt. „Das weiß ich schon längst und ich weiß auch, dass du heute Nacht nicht Zuhause warst", erwiderte der Kioskbesitzer. „Ich habe in Göberitz übernachtet – bei meinen Eltern, aber woher weißt du denn das nun schon wieder?" – „Von Rokko, der war nämlich schon dreimal hier und hat nach dir gefragt. Er macht sich wirklich Sorgen um dich." Seufzend ließ Lisa sich auf die Bank fallen. „Hey, Lieselotte, was ist denn los mit dir? So kenne ich dich gar nicht." – „Ich war gerade beim Arzt", erklärte Lisa mit hohlen Blick. „So wie du guckst, war das nichts Gutes. Bist du krank?" – „Ich habe einen Knoten in der Brust." – „Oh", entfuhr es Jürgen. Eilig stürmte er hinter dem Kassiertisch hervor und setzte sich zu Lisa. „Das… das heißt doch aber nicht…" – „Ja… nein… keine Ahnung. Die Mammographie hat kein eindeutiges Ergebnis gebracht." – „Und nun?" – „Die haben gleich eine Gewebeprobe entnommen, aber das Ergebnis… das braucht eine Weile." – „Okay, Lisa, hör zu, als erstes hörst du auf du heulen. Das bringt nämlich gar nichts", gab Jürgen sich kämpferisch. „Als nächstes sprichst du mit Rokko und bringst das in Ordnung. Die Psyche spielt eine wichtige Rolle für die körperliche Gesundheit. Glaub mir, wenn das geklärt ist, dann kriegst du den Rest auch hin." Seufzend erhob Lisa sich. „Ich muss auch mal wieder zu Kerima. Da ist bestimmt eine Menge liegen geblieben." – „Nun vergiss doch mal diese blöde Firma!", forderte Jürgen sie auf. „Die ist doch jetzt völlig unwichtig." – „Dir vielleicht, aber mir nicht. Du weißt doch, dass meine Arbeit einfach brauche." – „Hm, so wie der Vogel Strauß den Sand", murmelte Jürgen. „Dieser Knoten ist bestimmt etwas ganz Harmloses", versuchte Lisa mehr sich als Jürgen zu beruhigen. „Ich werde eh weiterarbeiten müssen. Also, keine Müdigkeit vorschützen", lächelte sie gequält. „Melde ich, wenn du Hilfe brauchst, ja? Egal, ob jetzt freundschaftliche Unterstützung, Kerima-Papierkram oder wenn ich dich bei einem Modelcasting vertreten soll", meinte Jürgen und grinste breit, als er von den Models sprach. „Mache ich. Bis bald."

„Kerima Moda, Apparat von Brahmberg", meldete Richard sich am Nachmittag am Telefon. „Hier ist Schwester Tina von der Ärztepraxis Stöcklein und Stöcklein. Ich würde gerne mit Frau Plenske sprechen", meldete sich eine fröhliche Stimme am anderen Ende der Leitung. „Zahlendreher", knurrte Richard. „Sie haben die letzten zwei Zahlen verdreht, sonst wären Sie bei Frau Plenske im Büro gelandet." – „Oh, das tut mir leid", erwiderte die Frau schüchtern. „Ich probiere es gleich noch mal." – „Nein, Frau Plenske ist in einer Besprechung, aber Sie können ihr eine Nachricht hinterlassen." – „Ich bin mir nicht sicher, ob das in ihrem Sinne ist." – „Ich bin einer von Frau Plenskes engsten Mitarbeitern. Sie hat mir die Geschäftsleitung ihres Unternehmens anvertraut. Glauben Sie wirklich, man könne mir nicht vertrauen?", fragte Richard in einem väterlichen Ton. „Also gut", zögerte die Arzthelferin. „Würden Sie Frau Plenske bitte ausrichten, dass das Ergebnis ihrer Biopsie da ist und Sie sich bitte in den nächsten Tagen bei uns melden soll, damit Frau Doktor die Weiterbehandlung mit ihr besprechen kann?" – „Das richte ich ihr aus, Schwester Tina. Wie war der Name der Praxis doch gleich?" – „Stöcklein und Stöcklein. Sie weiß dann, was gemeint ist, sie war erst heute früh bei uns." – „Vielen Dank für Ihren Anruf", erwiderte Richard freundlich. „Ich habe alles notiert und richte es ihr aus."

„Richard, ich bräuchte da mal…", platzte David kurze Zeit später in das Büro seines Halbbruders. „David, was kann ich für dich tun?", fragte Richard, während er versuchte, das Schriftstück auf seinem Bildschirm zu verdecken. „Was machst du da?", fragte David irritiert. „Ein bisschen Recherche." – „Zeig mal", verlangte David und beugte sich über den Schreibtisch, um besser lesen zu können. „Gynäkologische Praxis Stöcklein und Stöcklein?", fragte er verwirrt. „Was hast du denn mit denen abzumachen?" – „Die haben für Frau Plenske angerufen und ich habe vergessen, nach der Telefonnummer zu fragen, damit sie zurückrufen kann", erklärte Richard. „Ich schätze, Lisa weiß, wo sie die Telefonnummer ihrer Frauenärztin herkriegt", meinte David misstrauisch. „Ich wollte ihr einfach die Arbeit abnehmen." – „Darum hast du auch schon einen Briefkopf vorbereitet?", fragte David und maximierte ein zweites Dokument auf Richards Bildschirm. „Macht der Gewohnheit. Du weißt doch, wenn man so viel Post wie ich beantwortet, da kann das schon mal passieren." David hantierte mit der Maus. „Und damit dir das nicht noch einmal passiert, lösche ich das einfach mal, ja? Lisa ist im Haus. Du kannst ihr persönlich von diesem Anruf berichten." – „Was wolltest du denn nun eigentlich von mir?", wechselte Richard das Thema. „Bitte?" – „Du bist doch hier reingeplatzt, weil du etwas wolltest." – „Richtig, ich bräuchte die Umsatzzahlen des letzten Quartals. Inka sagte, du hättest die." – „Habe ich. Hier", erwiderte Richard und drückte David eine Akte in die Hand. „War's das dann?" – „Ja, war es."

„Herein", rief Lisa, als es das erste Mal an diesem Nachmittag an ihrer Bürotür klopfte. „Herr von Brahmberg, was gibt es?" – „Eben ist ein Kurier gekommen – mit diesem Brief hier… für Sie", antwortete Richard und reichte Lisa ein Kuvert. „Danke", meinte diese knapp und sah sich auf ihrem Schreibtisch suchend nach einem Brieföffner um. „Ist noch etwas?", fragte sie, während sie den Brief dann doch mit dem Finger aufriss. „Es ist mir unangenehm danach zu fragen, weil hier ja so viel los ist und… naja, irgendwie ist es auch albern." – „Was ist denn, Herr von Brahmberg?" – „Ich wollte fragen, ob ich vielleicht eher Feierabend machen könnte. In einer Stunde kommt dieser Filmbericht über Julius Hackethal – den Krebsarzt, Sie wissen schon. Es soll dabei auch um Sterbehilfe gehen. Ich finde es einfach wichtig, darüber informiert zu sein, weil… naja, ich möchte nicht irgendwann einmal vor mich hinsiechen müssen und… naja, ich möchte einfach alle Optionen kennen, nur für den Fall. Ich würde diesen Bericht ja einfach aufnehmen, aber mein Videorekorder ist kaputt – schon ziemlich lange, aber ich habe ihn noch nicht reparieren lassen, weil… naja… im Zeitalter von DVDs, da braucht man so etwas nicht, obwohl es heute ja irgendwie praktisch wäre…" Lisa hörte Richard gar nicht mehr richtig zu. „Sehr geehrte Frau Plenske… tut uns leid… mitteilen zu müssen… Biopsie… bösartig… Mammakarzinom… Chemotherapie…" – „Frau Plenske? Alles in Ordnung?", fragte Richard scheinheilig. „Ja", entgegnete Lisa hektisch. „Gehen Sie ruhig Ihren Film gucken, Herr von Hackethal… äh… Brahmberg."

Verstört lief Lisa durch die Straßen Berlins. Diagnose: Brustkrebs, hallte es ihr immer wieder durch den Kopf. Zum wiederholten Male versuchte Churchill an einem Baum das Bein zu heben und zum wiederholten Mal ging Lisa unbeirrt weiter, so dass der Hund nicht dazukam, seine Marke zu hinterlassen. Trotzdem folgte Churchill seinem Frauchen treu, bis sie auf einer Brücke anhielt. Unter ihr rauschte der Berufverkehr, aber das störte Churchill nicht, er hob erst einmal genüsslich sein Bein und erleichterte sich. „Ich bin sehr krank", erklärte Lisa dem Hund leise. „Mammakarzinom. Wie das klingt… als wäre es etwas ganz Harmloses, aber das ist es nicht. Churchill, vielleicht muss ich sterben. Ich bin ganz sicher, dass Mama und Papa sich um dich kümmern werden… oder Rokko. Den magst du doch, oder?" Lisa ging vor Churchill in die Hocke und umarmte ihn. „Ich hab dich lieb, mein Großer, aber ich hätte nie gedacht, dass ich vielleicht mal vor dir gehen könnte. Im Prinzip könnte ich gleich hier runterspringen."

„Joah, mein Okay haben Sie, Kowalski. Lassen Sie das von Lisa abnicken und dann geht das so in den Druck", wies David den PR-Manager an. „Gut. Ist Lisa noch da oder ist sie schon gegangen?" – „Nee, nee, sie ist noch da. Clever, die Kurz-vor-Feierabend-Stimmung auszunutzen", schmunzelte David. „Ich nutze nichts aus, ich will nur, dass die Anzeigen möglichst schnell in die Druck gehen."

„Lisa?", fragte Rokko, nachdem er mehrmals vergeblich an ihrer Bürotür geklopft hatte. Lisas Büro sah aus, als wäre sie überstürzt verschwunden. Ihre Tasche lag halb gepackt auf ihrem Stuhl, die Akten lagen noch aufgeschlagen herum, weder Schreibtischlampe noch Computer waren ausgeschaltet. Kopfschüttelnd ging Rokko zum Schreibtisch und wollte gerade die Geräte abschalten, als sein Blick auf einen Brief fiel. Nein, mahnte er sich selbst. Das ist Lisas Post, die kannst du nicht lesen. Wieso sah der Brief aus, als wäre er nass geworden? Hatte Lisa vielleicht darauf geweint? Sehr geehrte Frau Plenske… tut uns leid… mitteilen zu müssen… Biopsie… bösartig… Mammakarzinom… Chemotherapie… „Oh nein", murmelte Rokko schockiert. „Das ist eine Fälschung", drang eine Stimme zu ihm durch. Abrupt drehte Rokko sich um. „Bruno? Was machst du denn hier?" – „Ich bin immer da, wo ich gebraucht werde. Dieser Brief ist nicht echt. Du musst mit mir kommen und Lisa helfen." – „Bruno, was soll denn das?" – „Du musst Lisa retten", drängte Bruno erneut. „Ich bin kein Arzt", erwiderte Rokko. „Dafür musst du kein Arzt sein. Der Brief ist eine Fälschung." – „Das ist mir zu abgedreht", murmelte Rokko und wollte Lisas Büro verlassen, als er auch schon mit David zusammenstieß. „Und, was hat sie gesagt?", wollte der Geschäftsführer wissen. „Gar nichts hat sie gesagt, sie ist nicht da", antwortete Rokko. „Dafür war das hier da", meinte er und hielt David den Brief hin. Der Geschäftsführer überflog das Schreiben. „Richard, dieses Schwein", raunte er. „Bitte?" – „Er hat heute Nachmittag an diesem Brief geschrieben. Ich hatte ihn eigentlich gelöscht… ich dachte ja nicht, dass er soweit geht." Wütend zerknüllte David das Papier. „Den kaufe ich mir!" – „Und ich suche Lisa. Wer weiß, wie sie das aufgenommen hat." – „Ist gut." Aufgebracht stampfte David davon. „Komm Rokko, ich bringe dich zu Lisa", ergriff Bruno das Wort. „Komm, wir müssen schnell machen."

„Ich weiß, was du denkst", hörte Lisa eine Stimme hinter sich. Sie musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass sie Verena gehörte. „Weißt du nicht." – „Doch, weiß ich. Du denkst darüber nach, wie es wäre, zu springen. Du fragst dich, ob es tief genug ist, um dir gleich ein Ende zu setzen. Du fragst dich, ob es wehtut." – „Ich denke darüber nach, ob ich nicht doch hätte nach Hause gehen und mir den Bericht über Hackethal hätte ansehen sollen." – „Oh, ich sehe schon, du bist eine Kämpferin", meinte Verena zynisch. „Trotzdem sage ich dir, wie sich das anfühlen würde, zu springen: Erst denkst du, du wärst schwerelos. So, als würdest du fliegen. Einen Moment lang bist du frei von allen Sorgen und dann… dann knallst du auf. Dein ganzer Körper wird ein einziger Schmerz sein… du wirst dort liegen und darauf warten, dass dich jemand findet und dir hilft. Doch nichts wird passieren. Du wirst ganz alleine sein, wenn deine Atmung flacher, deine Lider schwerer und das Licht immer heller wird." – „Das ist da unten die die Fernstraße. Ich würde aufknallen und irgendetwas würde mich überfahren", erwiderte Lisa. „Das ist natürlich viel besser. Das ist so schön einfach und schnell. Du bist doch viel zu feige, um dich dem allem zu stellen. Du gehst der Konfrontation gerne aus dem Weg und…" – „Das ist gar nicht wahr!", widersprach Lisa. „Und warum stehst du dann schon so lange hier und siehst nach unten?" – „Du hast Recht, ich muss etwas tun."

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