27.
Bruno fuhr wie der Teufel. Ein paar Mal hatte Rokko den Eindruck, sie wären nicht nur haarscharf an den anderen Verkehrsteilnehmern vorbeigerauscht, sondern durch die anderen Fahrzeuge hindurch gefahren. „Bruno, die Ampel ist rot", brüllte Rokko auf dem Sozius, doch Bruno überfuhr die Ampel einfach. Aus Angst vor einer möglichen Kollision schloss Rokko die Augen und merkte so gar nicht, dass der Querverkehr sich keinen Deut um den Motorroller mitten auf der Kreuzung scherte. Das laute Quietschen der Räder und das Querdrehen des Rollers ließen Rokko schon das schlimmste befürchten, als Brunos Stimme erklang: „Nun mach schon, wir sind da." Hektisch sprang Rokko vom Roller, riss sich den Helm vom Kopf und sah sich um. Die Gegend kannte er nicht, aber wenn er kannte, war die junge Frau, die mitten auf der Brücke stand. „Lisa!", rief Rokko und rannte los.
„Lisa!", japste Rokko, als er mit einigen Metern Sicherheitsabstand vor Lisa zum Stehen kam. „Bitte, du darfst das nicht. Du bist doch eine starke Frau und ein wundervoller Mensch. Bitte, du darfst einfach nicht springen." Churchill kam Schwanz wedelnd auf Rokko zu und beschnüffelte aufgeregt dessen Hände. „Bitte, Lisa, lass mich nicht zu spät gekommen sein – nicht schon wieder. Du hast doch noch dein ganzes Leben vor dir. Der Brief… er ist eine Fälschung. Ich habe keine Ahnung, woher dieser Brahmberg von deinem Termin wusste, aber sicher ist, dass er nicht weiß, was bei deiner Untersuchung herausgekommen ist. Und selbst wenn du Brustkrebs hast, du darfst einfach nicht springen… wegen Churchill und deinen Eltern und auch… weil… weil ich dich liebe."
„Du bist das allerletzte", beschimpfte David zum selben Zeitpunkt Richard. „Was hat Lisas Frauenärztin gesagt?", verlangte er zu wissen, während er Richard am Hemdskragen gepackt festhielt. „Das wüsstest du wohl gerne", grinste Richard. „Das wirst du aber nicht erfahren." – „Gut", meinte David und ließ seinen Halbbruder los. „Die Polizei ist schon unterwegs. Ich krieg dich dran wegen Urkundenfälschung, Betrug oder für deine miese Frisur… irgendetwas wird schon dabei sein. Ich werde mir eine einstweilige Verfügung besorgen, damit ich deine dumme Hackfresse hier auf Arbeit nicht mehr sehen muss." – „Sie soll sich in den nächsten Tagen in der Praxis melden", meinte Richard verächtlich. „Kann ich ahnen, dass Miss Drama gleich überreagiert?" – „Ja, kannst du und darauf hast du spekuliert, du mieser… mieser… Mistkerl… du schuftiger Schuft." – „Och wie süß, jetzt klingst du schon wie die Strubbelliese." – „Entschuldigung? Wachtmeister Petermann mein Name. Sie hatten angerufen?"
„Lisa, bitte, egal was es ist, wir schaffen das zusammen. Ich bin immer an deiner Seite, wenn du das möchtest. Ich lasse dich bestimmt nicht alleine", redete Rokko auf seine Mitbewohnerin ein. Mit jedem Wort war er leiser geworden und hatte eine Schritt auf sie zu gemacht. Jetzt war er dicht genug, um die weinende junge Frau berühren zu können. „Wenn du springst", sagte Rokko und legte blitzschnell seinen Arm um ihre Taille. „Dann muss ich wohl oder übel mit dir springen, weil ich dir noch so viel zu sagen habe. Du siehst, du wirst nicht einmal im Jenseits Ruhe vor mir haben." Mit diesen Worten zog er sie von dem Geländer weg. „Ich… ich wollte doch gar nicht springen", murmelte Lisa verwirrt, bevor sie ihr Gesicht an Rokkos Brust vergrub und hemmungslos weinte.
„Ähm", räusperte David sich, als er in den Fahrstuhl bei Kerima stieg. „Herr Hagemeier, ich unterbreche Ihre Mund-zu-Mund-Beatmungsversuche mit Frau Refrath ja nur ungern, aber…" – „Was kann ich für Sie tun?", fragte Martin. „Ich bräuchte die Telefonnummer von Herrn Kowalski." – „Handy oder Festnetz?" – „Egal, Hauptsache, ich erreiche ihn heute Abend noch." Pflichtbewusst öffnete Martin seinen Aktenkoffer und holte seinen Kalender hervor. Er blätterte kurz darin und riss dann eine Seite raus. „Hier", meinte er und reichte David eben diese Seite. „Darf ich jetzt weiterknutschen?" – „Könnten Sie bitte damit warten, bis wir unten sind? Sie wissen doch, dass ich mit Neid nicht umgehen kann", antwortete David grinsend.
„Wo ist die Frau mit dem Kinderwagen?", fragte Lisa, als sie sich einigermaßen beruhigt hatte. „Hier war keine Frau mit einem Kinderwagen", erwiderte Rokko. „Doch", widersprach Lisa vehement. „Sie hat die ganze Zeit mit mir geredet, bevor du kamst." – „Ich sage dir aber, dass hier niemand war, als ich kam. Du warst ganz alleine… naja mit Churchill, aber auf keinen Fall war hier jemand mit einem Kinderwagen." Suchend sah Rokko sich um. „Aber nimm's nicht so schwer. Der Teufelsfahrer, der mich hergebracht hat, ist auch weg. Erst Himmel und Erde in Bewegung setzen, um dir zu helfen und dann nicht mal lange genug bleiben, um zu erfahren wie es dir denn nun gut. Tolle Freunde hast du", schmunzelte Rokko. Fragend sah Lisa ihn an. „Schon gut", meinte Rokko. „Lass uns erstmal nach Hause gehen."
Verschämt trat Lisa aus dem Badezimmer. „Ich wusste gar nicht, dass du auch einen Morgenmantel hast", zog Rokko sie auf. „Doch habe ich. Ich ziehe ihn bloß nicht so oft an." – „Aha. Aber das machst du doch jetzt nicht meinetwegen, oder?" Lisa wurde puterrot und zog den Bademantel noch enger um sich. „Ich habe dich schon im Handtuch gesehen und mit noch viel weniger an", stellte Rokko fest. „Du wirst doch jetzt nicht prüde werden?" – „Das war aber etwas Anderes", erwiderte Lisa. „Wenn du meinst. Ach ja, David hat gerade angerufen. Also, der Brief war wirklich eine Fälschung, er hat Richard angezeigt und die Geltolle wird die nächsten Tage erstmal nicht arbeiten. Und er hat auch aus ihm herausgekriegt, wie er auf die Idee gekommen ist, dir diesen Brief zu schreiben: Deine Frauenärztin hat angerufen. Du sollst dich in den nächsten Tagen bei ihr melden. Das ist bestimmt ein gutes Zeichen. Wenn es etwas Schlimmes wäre, dann hättest du bestimmt sofort kommen müssen." – „Oder es ist so schlimm, dass ein Tag mehr oder weniger keinen Unterschied macht", meinte Lisa und ging in die Küche. Rokko folgte ihr und nahm schmunzelnd war, dass Lisa sich auf dem Weg ihres Morgenmantels entledigte. „Hier", sprach er sie in der Küche an und drückte ihr einen Stift in die Hand. „Was soll ich damit?" – „Den Teufel an die Wand malen, du alte Schwarzseherin." Achtlos warf Lisa den Stift auf das Sofa. „Hey, nun zieh doch nicht so ein Gesicht", versuchte Rokko sie aufzumuntern. „Wir gehen einfach morgen zu deiner Ärztin und dann wirst du erfahren, was mit dir ist, ja?" Er legte seinen Arm um Lisas Schultern und drückte sie an sich. „Komm, ich habe etwas zu essen bestellt. Das Wetter ist noch so schön, ich dachte, wir könnten in der Hängematte essen und in Ruhe reden." – „Wieso musstest du etwas bestellen? Es war doch noch jede Menge da", fragte Lisa irritiert. „Jep, das sprang mir entgegen, als ich den Kühlschrank geöffnet habe und fragte: ‚Darf ich Papa zu dir sagen?'", lachte Rokko. „Kann gar nicht sein, ich habe doch Freitag erst davon gegessen", widersprach Lisa. „Wer von uns beiden hat denn das ganze Wochenende gekotzt? Glaub mir, das Zeug hatte schon Haare." – „Ist ja gut", wehrte Lisa ab. „Das glaube ich dir ja. Und wehe du erzählst mir, da wären Tierchen drin gewesen. Das ekelt mich dann doch ein bisschen."
„Ich habe mit keinem Wort gesagt, dass mir der Sex mit dir nicht gefallen hätte", unterbrach Rokko Lisa aufgebracht. „Du hast gesagt, es wäre nicht so gewesen, wie du dir das vorgestellt hast." – „Und das war es auch. Es hätte einfach nicht so eine schnelle Nummer zwischendurch sein dürfen. Weißt du, ich habe dich gefragt, ob du in mich verliebt bist, um es nicht als Erster zugeben zu müssen. Ich habe dich geküsst und das war so ein grandioses Gefühl… ich habe einfach die Kontrolle verloren. Das schlimmste war aber, als du meintest, du hättest lieber Kerzen und Musik gehabt. Diesen Wunsch hätte ich dir zu gerne erfüllt, aber da war es schon zu spät… es wäre der ganzen Situation viel angemessener gewesen und… ich kann dir sogar nachempfinden, dass du dich ausgenutzt gefühlt hast." Rokko sah Lisa direkt in die Augen, um sie von der Ehrlichkeit seiner Aussage zu überzeugen. „Ist dir kalt?", fragte er als er sah, dass Lisa zitterte. „Ein bisschen, aber eigentlich schäme ich mich gerade wahnsinnig." – „Aber warum denn?", fragte Rokko und legte seinen Arm um Lisa. Als er merkte, dass sie die Berührung nicht abwehrte, lehnte er sich zurück und zog sie mit sich in die Hängematte. „Weil ich einfach alles komplett missverstanden habe." – „Jep, das war schon irgendwie blöd vor allem weil du mir auch nicht den Hauch einer Chance gegeben hast, es dir zu erklären, aber jetzt ist die Situation anders. Jetzt weißt du, was ich wie gemeint habe… ich wüsste einfach gerne, ob du uns eine Chance gibst." Lisa kuschelte sich enger an Rokko und flüsterte dann: „Besser nicht." – „Wieso nicht?", fragte Rokko schockiert. „Wenn es um meinen bisherigen Lebensstil geht… die Zeiten sind vorbei… wirklich. Ich war noch nie untreu. Ich wildere nur gerne, wenn ich gerade nichts Festes habe, verstehst du?" – „Darum geht es nicht", murmelte Lisa. „Ich glaube, es ist einfach keine gute Idee… ich meine, was, wenn ich wirklich ernsthaft krank bin?" – „Dann schaffen wir das gemeinsam", versicherte Rokko ihr. „Also, gibst du uns eine Chance?"
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